Frage von Kattarina, 62

Tonartencharakter: Wieso hört sich ein Akkord auf dem Klavier in höherer Lage völlig anders an?

Hallo, ich bekomme gerade Klavierstunden. Dabei ist mir aufgefallen, dass ein F-Moll-Akkord einen anderen Klangcharakter hat, als ein C-Moll-Akkord.

Eigentlich ungewöhnlich, denn ich bin davon ausgegangen, dass bei einer Transponierung die Klangart gleichbleibt. Also ein Dur-Akkord ist immer ein Dur-Akkord, unabhängig von der Lage. Und ein Moll-Akkord hat immer diesen melancholischen Charakter.

Doch anscheinend ist es nicht so einfach. Bei meiner Recherche bin ich auf diesen Artikel gestoßen: https://de.wikipedia.org/wiki/Tonartencharakter (Der Abschnitt "Hörphysiologische Aspekte" verunsichert mich allerdings").

Woher kommen diese Klangänderungen? Ist dieser Artikel in der Wikipedia fachlich eigentlich richtig?

(Siehe dazu bitte auch die Diskussion beim Wikipedia-Eintrag unter: de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Tonartencharakter#Grundton

Liebe Grüße, M.

Antwort
von Bluemilk, 33

Ich muss vorausschicken, dass das, was ich jetzt schreibe sicher nicht der Weisheit letzter Schluss ist, ich mich beruflich damit aber zwangsläufig ganz gut auskennen muss.

Dass ein Dur-Akkord einen anderen Klangcharakter hat als ein Moll-Akkord ist unbestreitbar. Weiters hängt der Klangcharakter eines Akkordes natürlich auch davon ab, in welcher Lage (Quint-, Terz- oder Oktavlage) er steht.

Soferne ein Klavier (wie es heute üblich ist) gleichschwebend bzw. gleichstufig temperiert gestimmt ist (also die Abstände von einem Ton zum nächsten Halbton gleich sind), sollte es keinen Tonartencharakter mehr geben. Etwas anderes ist es natürlich bei einer ungleichstufig temperierten Stimmung (deren es unzählige gibt). Hier sind die einzelnen Intervalle unterschiedlich "richtig" bzw. "falsch", und innerhalb einer solchen ungleichstufig temperierten Stimmung sollten daher unterschiedliche Tonartencharaktere erkennbar sein.

Die Stimmsysteme wie auch die Stimmhöhen (Frequenz des Kammertones) haben sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder geändert und waren auch lokal unterschiedlich. Also wenn z.B. in Wien im Jahre x zum Beispiel d-Moll als "tragisch" galt, so heisst das nicht, dass 100 Jahre früher in Sachsen-Anhalt d-Moll auch als "tragisch" empfunden wurde.

Wie ein Akkord jetzt genau empfunden wird (auch in einem gleichstufigen System), hängt aber auch immer ganz wesentlich davon ab, auf welchen Grundton er sich bezieht. Der Grundton ist quasi der Ton (bei C-Dur wäre es natürlich C) auf den sich alles aufbaut. Das hängt ganz wesentlich mit der Teiltonreihe (Naturtonreihe) zusammen.

Das ganze Gebiet ist ungeheuer spannend. Wenn es Dich interessiert, dann würde ich mich an Deiner Stelle etwas mit Harmonielehre beschäftigen. Ein sehr gutes Buch dazu wäre: F. Sikora, Neue Jazz Harmonielehre.

Mit dem von Dir genannten Artikel kann ich nicht viel anfangen.

Weiters hoffe ich, dass Dein Klavier ordentlich gestimmt ist, sonst würde es mich nicht wundern, wenn Du die Klangcharakteristik von C-Moll und F-Moll eventuell unterschiedlich empfinden würdest.

Kommentar von Grobbeldopp ,

Hi Bluemilk

Also wenn z.B. in Wien im Jahre x zum Beispiel d-Moll als "tragisch" galt, so heisst das nicht, dass 100 Jahre früher in Sachsen-Anhalt d-Moll auch als "tragisch" empfunden wurde.

Von Schasen-Anhalt einmal abgesehen, trifft das vollständig zu.

Eine wichtige Quelle für barocke Tonartencharakteristika ist Matthesons "Neu eröffnetes Orchester":

https://archive.org/details/bub_gb_kCJDAAAAcAAJ

Da ließt man zu d-Moll, die Tonart habe etwas "ruhiges, großes, angenehmes und zufriedenes, ergetzliches und fließendes"

Also komplett antithetisch zu der tragischen Tonart :-) (wenngleich der Hinweis auf die "Tonart der Helden" schon auf die spätere Deutung verweist).

Überhaupt gab es bis weit ins 18. Jahrhundert hinein keineswegs eine allgemeine Empfindung dafür, dass Moll traurig und tragisch ist, Dur aber freudig und positiv- mit fällt da immer direkt die Arie der Königin der Nacht oder das "Tuba mirum spargens sonum" aus dem Requiem von Mozart ein- das Dur entspricht in beiden Fällen nicht heutigen Hörgewohnheiten. Im Barock hat man das oft noch viel krasser- da werden wüste Szenen der Rache und Vernichtung und Schmerzen in strahlendem Dur vorgetragen- für unsere heutigen Ohren seltsam.

Ähnlich auch die Assoziation der Trompeten mit Krieg (Naturtrompeten können Dur besser als Moll).

Kommentar von Grobbeldopp ,

PS Seite 236 in der Quelle.

Kommentar von Bluemilk ,

Da nennst Du gute Beispiele, die diese Problematik deutlich beschreiben. Das ist aber auch das Spannende und Interessante an der Musik. Die Musik, ein unergründlicher Kosmos...

Antwort
von Grobbeldopp, 8

Deine Empfindungen haben mit den Tonartcharakteristiken nicht gleichstufiger Stimmungen wahrscheinlich wenig zu tun, es sei denn das Klavier ist verstimmt :-)

Natürlich kann ein Stück in einer um eine Quarte verschiedenen Tonart allein durch die andere Tonhöhe einen anderen empfundenen Charakter annehmen.

Antwort
von Phoenixx120788, 28

Es hängt auch sehr davon ab, ob nun ein Moll-Akkord auf einen Moll-Akkord folgt, oder auf einen Dur Akkord. Noch dazu ist ausschlaggebend, welche zwei Moll-Akkorde du nacheinander spielst. Spiele mal z.B. a-Moll und d-Moll im Wechsel. Diese klingen recht harmonisch. Dann spiel mal a-Moll und c#-Moll. Das klingt eher, als wenn sie sich ankeifen würden.

Und wegen f-Moll und c-Moll: Wenn du immer nur diese beiden spielst, klingen sie natürlich anders. Aber nun spiele mal erst immer f-Moll und G#-Dur, und dann mal c-Moll und D#-Dur. Dann merkst du kaum einen Unterschied, außer dass es transponiert ist.

Kommentar von Dirndlschneider ,

Also Dis -  Dur ist mir noch nie über den Weg gelaufen........

Kommentar von Phoenixx120788 ,

Aber es gibt sie, wie es auch jede andere Dur-Tonart gibt. Im modernen Raum werden auch oft Tonarten mit möglichst wenigen Kreuzen oder B´s gewählt. In der Klassik ist es aber eher üblich, dass mal ein Stück mit mehreren Kreuzen gespielt wird (z.B. die Mondscheinsonate steht in c#-Moll und hat somit 4 #)

Antwort
von Dirndlschneider, 17

Die ganze Theorie zu diesem Thema ist für mich recht ermüdend . 

Wenn die Tonarten nicht unterschiedlich klängen könnte man ja alles in C-Dur oder a- moll schreiben......was für eine unerträgliche Langeweile !

Für mich ist E-Dur die schönste , die göttliche , die jubelnde......

Sorry für meinen nicht ganz seriösen Beitrag , mir war grad so ..

Kommentar von Kattarina ,

Es steht ohne Zweifel, dass sie unterschiedlich klingen. Die Frage ist doch auch, ob der Wikipedia-Artikel fachlich richtig ist?

Kommentar von Dirndlschneider ,

Mit dem Artikel komme ich auch nicht klar - stellenweise liest sich das wie eine Satire .......;o).......

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community