Frage von Sephina, 43

Therapeuten aufsuchen?

Ich weiß gar nicht, wie ich beginnen soll...

Ich bin 15 und spiele seit ein paar Jahren sogar sehr gerne Schlagzeug. Bis jetzt habe ich immer nur genau nach Noten gespielt, also nichts improvisiert und nie "einfach drauf los gespielt".

So weit so gut.

Seit einigen Wochen will mir mein Lehrer jetzt genau das beibringen - einziges Problem: Ich

Aus irgendeinem Grund bekomme ich sobald ich "Irgendetwas" spielen soll richtig Panik, mein Kopf ist wie leer gefegt, mir steigen Tränen in die Augen und ich höre abrupt auf zu spielen. Es ist als würde mir mein Gehirn sagen: "Lass es doch lieber gleich, du schaffst das sowieso nicht".

Wenn mich mein Lehrer dann darauf anspricht, mir gut zu redet und versucht mir zu helfen kann ich dir Tränen meistens nicht mehr zurückhalten. Und das ohne irgendeinen ersichtlichen Grund. Seit dem das fast jedes mal vorkommt, fragt mich mein Lehrer oft, ob ich schonmal über ein Gespräch mit einem Therapeuten nachgedacht habe.

Und hier zu meiner Frage: sollte ich mir das wirklich überlegen? Ich meine, es könnte ja auch sein, dass ich einfach nur untalentiert bin und es nicht wahrhaben will...  Ich will niemandes Zeit verschwenden.

Sonst habe ich nicht solche Probleme. Okay mein Selbstbewusstsein ist kaum vorhanden und ich habe durchgehend Angst, Fehler zu machen (traue mich deshalb nichtmal in der schule aufzuzeigen, weil ich mich, wenn ich etwas falsches sage, richtig fertig mache) und Angst, anderen zu langweilig zu sein (stehe deshalb auch nicht gerne im Mittelpunkt und bleibe lieber unscheinbar, bevor Leute ihre Meinung von mir ins Negative ändern und ordne mich anderen oft grundsätzlich unter - unlogisch, is aber so). Dazu muss ich aber sagen, dass meine Eltern oder andere Verwandte/Bekannte keinerlei Druck wegen Noten oder so machen. Das mache ich von ganz alleine. Ich erwarte immer Perfektes von mir... Und wenn ich das nicht erfüllen kann bin ich enttäuscht wenn nicht gar verzweifelt.

Bin ich einfach nur schüchtern und muss ein bisschen mehr an meinem Selbstbewusstsein arbeiten, oder sollte ich mit einem Therapeuten reden? Bis jetzt habe ich mich immer als einfach perfektionistischen, schüchternen und unsicheren Menschen hingenommen.

Sry für den langen Text, aber danke dass ihr bis hierher durchgehalten habt :D

Antwort
von Tasha, 42

Hm, es gibt zwei Möglichkeiten: Die Aufgabe löst Erinnerungen oder vage Erinnerungen/ Gefühle an vergangene problematische Situationen in Dir aus. Dann wäre ein Therapeut/ eine Hypnosesitzung (?) nicht schlecht.

Es kann aber auch sein, dass Dein geringes Selbstvertrauen und Dein Perfektionismus die Tränen auslösen: Du kannst hier nämlich keine schnellen bzw. gar keine Erfolge erzielen. Ich würde den Lehrer bitten, Dir das Improvisieren in ganz, ganz kleinen Schritten beizubringen. Nimm erst mal eine Phrase, spiele sie, bist Du sie gut kannst, und ändere dann eine einzige Sache, meinetwegen die Anzahl der Wiederholungen eines Schlages (ich spiele nicht Schlagzeug, kenne also die Terminologie nicht). Wenn das gut klappt, wiederholtst Du es bei verschiedenen Phrasen/ Stücken. Wenn das gut klappt, nimmst Du  Dir einen anderen Aspekt vor.

Ich habe zwar nicht geweint, habe aber auch völlig blockiert, wenn ich auf der Geige etwas nicht sofort schnell/ gut spielen konnte. Daher konnte ich lange gar nichts spielen. Meine Lehrerin hat dann sehr langsam mit mir Stücke erarbeitet und Übungstechniken eingeführt, und ich habe parallel über das richtige Üben gelesen, so dass ich mich irgendwann entspannen und aufs Üben konzentrieren konnte. Vorher war ich immer wie gelähmt, habe mich geschämt und einfach nur gedacht "ich muss das schneller/ besser können, ich muss das schneller/ besser können...!"

Improvisation ist eine schwierige Sache und nach meinem Laienverständnis sollte man mit sehr bekannten Stücken anfangen, die einem sehr gut vertraut sind und erst mal nur eine Kleinigkeit ändern. Für gut vertraute Stücke hat man ja schon ein bisschen Gespür. Außerdem hilft es (mir jedenfalls), sehr viele Improvisationen bekannter Stücke, die man also selbst spielt, von anderen zu hören, um ein Gespür dafür zu bekommen, wie man improvisiert.

Versuche aber mal selbst in Deiner Unglückssituation zu bleiben: Wenn die Tränen kommen, höre auf zu spielen, lasse sie zu, überlege, was Du fühlst und an was Du evtl. denkst und schreibe das dann kurz auf. Evtl. kommst Du so der Ursache auf die Spur!

PS

Ich habe mal eine super Schlagzeug-Impro von einem Behinderten gesehen, der zum ersten Mal am Schlagzeug saß. 10 min "Übungen nach Vorgabe", dann durfte er alleine und hat eine richtige Jam-Session hingelegt (der junge Mann hatte das Downsyndrom und spielte keine Instrumente, hatte aber jahrelang mit allem Möglichen "Rhythmus geschlagen"). Er war entspannt, hatte keine Erwartungen, wollte niemanden beeindrucken, war ganz bei sich und hatte Spaß an der Möglichkeit, mal am Schlagzeug zu sitzen. Die meisten anderen wären überfordert von ihren eigenen Erwartungen an sich selbst, dem Lehrer, der zuschaut, in unserem Fall noch anderen, die zuschauten etc. - und das hätte sie total blockiert. Dieser Schüler konnte ganz entspannt loslegen, weil er von all dem nichts wusste!

Kommentar von Tasha ,

Übrigens: Es ist normal, dass eine Improvisation überfordert, weil man sehr viel sehr schnelle entscheiden muss: Welche Noten kombiniere ich in welchem Tempo und welcher Lautstärke, was betone ich etc. 

Die meisten Menschen können auch  nicht spontan eine Rede über ein unbekanntes Thema halten - aus den gleichen Gründen - wenn sie allerdings viele Reden gehalten (oder sich damit beschäftigt haben) und ein Thema sehr gut kennen, können sie spontan eine Rede halten. Das aber nur, weil unbewusst sehr viel Vorarbeit geleistet wurde: Man kennt den Inhalt sehr gut, kennt evtl. die Praxis, hat viel Redeerfahrung oder hat sich sehr viel mit dem Gedanken an mögliche Reden befasst - die Reden im Kopf gehalten.

Das alles trifft auch auf Improvisation zu: Man muss das Instrument kennen, gängige Phrasen, am besten wohl schon mal selbst komponiert haben, sich mal Ideen ausgedacht haben für mögliche Improvisation/ neue Stücke, viel selbst geübt haben (auch Abweichungen von den Noten) - und dann kann man improvisieren. Weil Vorarbeit geleistet wurde. Sonst dürfte es schwer fallen. In der Praxis werden die meisten "Genies", die das "einfach so" können, sich vorher schon viele Gedanken darüber gemacht haben, allerdings freiwillig, als Hobby, evtl. unbewusst.

Es gibt von Laura Ingalls Wilder einen Aufsatz über ihren ersten Aufsatz in der Schule, der großes Lob erntete. Sie hatte mit 16 Jahren noch nie einen Aufsatz geschrieben, hatte die vorherigen Stunden verpasst und in der Pause ein kleines Meisterwerk verfasst. In diesem Bericht steht, dass es ihr erster Aufsatz wäre und sie nervös war, weil sie nicht wusste, was sie machen musste. Tatsächlich gibt es aber einen Strom von Schriften von ihr seit ihrer ersten Schreibübungen: Tagebucheinträge, Gedichte, kleine "Essays". Ihr war nicht bewusst, dass sie seit Jahren "Aufsätze" geschrieben hatte und daher sehr gut auf die Aufgabe vorbereitet worden war. (Zu finden in "The Little House Reader").

Dies gilt eben auch für alle Improvisationen: Je länger die Vorarbeitet dauerte, desto schneller kann man vom bekannten Pfad abweichen und Eigenes schaffen.

Antwort
von CoreBest, 40

Hi

Danke erstmal an Rockige, fürs Erwähnen...

Ich selber spiele seit 1996 Schlagzeug und habe mit 16 angefangen. Das Selbstbewusstsein kommt automatisch.

Was das Improvisieren angeht, kann ich Dir nur aufzeigen, wie ich es mir selbst beigebracht habe (ich hatte nie einen Schlagzeuglehrer).

Nimm Dir Musik von Bands die du gut findest. Bei mir waren es am Anfang die Hosen, Ärzte, Metallica, manches von BAP und sehr viel NDW. Kopfhörer auf und beginnen mitzuspielen. Klingt jetzt vielleicht total blöd, hilft aber ungemein ein Gefühl für die Songs zu entwickeln. Ich habe auf diese Art und Weise das Trommeln erlernt und mache das heute noch. Nur das ich heute leider keine Band mehr habe (wenig Zeit) und nicht im Proberaum an einem Akustik Set spiele, sondern im Wohnzimmer an einem E-Drum Set.

Du sagst, dass Du nur nach Noten spielst....hmm, die kann ich zwar lesen, aber nicht danach spielen.

Ein anderer kleiner Tip: Fang mit einem stinknormalen bumm-tschak beat an. Achtel auf der Hi-Hat, Bassdrum auf 1 und 3, Snare auf 2 und 4....den spielst Du bis er wie ein Uhrwerk läuft. Dann fang einfach an den Beat zu variieren. Spiel auf die "2 und" eine Bassdrum und danach aud die "3und"....dur wirst merken, dass der Beat dadurch viel interessanter wird. Wenn das einmal drin ist, kommt nach meiner Erfahrung der Rest von alleine. Ich hatte jahrelang Probleme mit 2 Bassdrums oder einer Doppelfußmaschine...bis mich da jemand an die Hand genommen hat. Und nach Jahren der Übung klappts....

Wie lässt sich das jetzt  auf die Schule übertragen? Ich sehe das wie folgt. Hast Du die ersten positiven Erlebnisse an Deinem Instrument, schüttet Dein Körper Endorphine aus und erlebst ein Glücksgefühl....durch die Erfolge wächst ganz automatisch, ohne Dein Zutun auch Dein Selbstbewusstsein. Und wenn Du dann nach einer gewissen Zeit des Übens Deinem Drumlehrer noch zeigen kannst, wie Du Dich entwickelt hast, dann kann es nur noch Bergauf gehen...

Ich wünsche Dir viel Erfolg. Und denke immer an eines: Glaub an Dich!!!

Gruß

Antwort
von jepi02, 9

Hi! Ich spiele auch schon länger Schlagzeug und habe anfangs auch nie improvisiert. Dann habe ich aber begonnen in der Schulband zu spielen wo man improvisieren muss. Anfangs war ich auch immer total aufgeregt aber jetzt ist es nicht mehr so schlimm. Das Wichtigste ist, dass du auf die 1 wieder da bist und dass du mitzählst. Wenn du dich mal verspielst ist das auch nicht schlimm. Du musst einfach lockerer werden. Das kommt aber mit der Zeit. Du kannst ja Zuhause ein bisschen üben, z.B. ein paar Tackte auswendig Wissen die du zwischendurch auf der hihat spielst oder so. Man muss auch nicht nur auf den Toms spielen ;) Zu einem Therapeuten musst du meiner Meinung nach nicht, du brauchst nur mehr Selbstbewusstsein und vor allem Selbstvertrauen.
Ich hoffe ich konnte dir weiterhelfen,
LG  jepi

Kommentar von Sephina ,

Danke für dein Antwort, die kommt mir gerade sehr gelegen! Hast du vielleicht ein paar Tipps für mich, wie das so in einer Schulband läuft und wie ich das besser hinbekommen könnte? Ich habe am Montag das erste Treffen mit meiner neu gegründeten Schulband, und habe ziemlich Angst alle zu enttäuschen... Und ich will dort einfach nicht auch so Panik haben dass ich weinen muss... Gibt es da irgendwas, worauf ich besonders achten sollte?

Kommentar von jepi02 ,

Also bei mir wird die Band von einem Lehrer geleitet und am Anfang jeder Probe haben wir kleine Lieder und Übungen aus so einem Jazz-Übungsbuch gespielt. Jeder musste da mal ein kleines Solo improvisieren. Ich habe es immer so gemacht, dass ich die Takte die ich davor als Begleitung bei den anderen Solos gespielt habe einfach "aufgepäppt" habe; also mehr Saredrum dazu gespielt habe oder ich habe auf 3 und 4 auf den Toms eine Überleitung gemacht ect. Ich weis jetzt nicht wie das bei dir so läuft, also ob ein Lehrer die Band leitet oder was ihr so spielt, aber du kriegst das schon hin :) Wie schon gesagt zähl einfachach mit und sei auf die 1 des darauffolgenden Taktes wieder da.
LG jepi

Hier habe ich dir noch das Übungsheft verlinkt. Da ist eine CD dabei mit der man das Improvisieren auch alleine üben kann:

http://www.amazon.com/Essential-Elements-online-Instrumental-Ensemble/dp/0793596...

Antwort
von balvenie, 23

"Okay mein Selbstbewusstsein ist kaum vorhanden und ich habe durchgehend Angst, Fehler zu machen"

Das könnte der Grund sein, weshalb dein Kopf beim Improvisieren blockiert. Du machst dir offenbar selbst viel Druck dabei, willst gleich was tolles auf die Drums zaubern oder hast Angst davor, dass dein Lehrer (oder auch du selbst) nicht zufrieden mit dem "Ergebnis" ist. Improvisation klappt am besten, wenn der Kopf frei von Druck ist. Zudem brauchst du natürlich auch ein gewisses Repertoire an Grooves und Fills, aus dem du dann "einfach so" mal Dinge abrufen, kombinieren und neu entwickeln kannst. Ich schätze, dass es an diesem Repertoire nicht scheitern wird, du spielst ja schon eine Weile. Fang beim Improvisieren am besten mit einem Groove an, den du gerne und locker spielst und der dich koordinativ nicht an deine Grenze bringt, und ändere vielleicht in kleinen Schritten einfach mal kleine Sachen ab. Mal nen Schlag aussetzen, mal ne Sechzehntel einfügen, mal eine kleine Veränderung der Instrumentierung bei gleichem Beat etc. So entwickelst du auch musikalisches Gefühl und erkennst, was dir selbst gefällt - und auch, was vielleicht nicht so gut klingt. Auch das gehört zur Entwicklung dazu ;)

Ob eine Therapie angegangen werden sollte, kann hier aus der Ferne niemand beurteilen. Falls du aber auch in anderen Lebenssituationen öfter das Gefühl haben solltest, dass dir dein geringes Selbstbewusstsein im Weg steht, kann es zumindest Sinn machen, mal einen ersten Gesprächstermin zu vereinbaren, um die Lage von einem Experten beurteilen zu lassen. "Nur" um das Improvisieren zu lernen, wird ein Therapeut vermutlich nicht zwingend notwendig sein. Du solltest dir dann nur sehr deutlich klar machen, dass gute Improvisation hohe musikalische Kunst ist, die lange Übung und Sicherheit am Instrument erfordert und auch ganz natürlich gefühlte "Misserfolge" mit sich bringt. Akzeptierst du das, wird der Druck im Kopf vielleicht schon bald nachlassen. Viel Erfolg!

Antwort
von Rockige, 43

Auweia, dabei bewirkt Schlagzeugspielen doch grade das man sich "befreit" und auspowert.

Aktuell scheinst du dir selbst ein wenig im Weg zu stehen. ...

Mal schauen was CoreBest dazu schreiben kann (er spielt seit Jahren Schlagzeug)

Antwort
von PirateInside, 8

Ich denke auch, das du einfach klein anfangen solltest, und dich nicht selber runtermachen darfst. Spiele einfach etwas ganz einfaches, selbst wenn es nach Noten ist, und spiel das, bis du es gut kannst und dich sicher fühlst. Dann ändere den ein wenig ab. Wieder bis du dich sicher fühlst, usw.
Ich habe festgestellt, das als ich angefangen habe, auch das Gefühl hatte etwas ganz tolles spielen zu müssen. Das stimmt aber nicht, die meisten Leute finden einen Standard Groove schon wahnsinnig toll, aus dem Grund, das sie es selber nicht können.

Antwort
von GandalfAwA, 31

Ein Therapeut kann Dir bestimmt helfen, denke ich. Gerade wenn Du noch jung bist, bist Du noch offen, umzulernen. Vielleicht eine Methode lernen, entspannter durch den Alltag zu gehen, Loslassen können.

Du bist gut, Sephina, auch wenn Du nichts leistest! Wirf all die Stimmen aus Deinem Kopf heraus, und sei DU SELBST. :-)

Antwort
von fremdgebinde, 31

Du musst nicht zu einem Therapeuten gehen... Ich habe auch immer diesen Perfektionsdrang, auch in der Schule. Du spielst eben nichts, weil du Angst hast Fehler zu machen. Geh nicht zu einem Therapeuten, das verunsichert dich noch mehr. Spiele nach Noten, du musst nicht improvisieren. Das Spielen soll dir Freude machen, nicht dich zur Verzweiflung bringen. Viel Glück!

Kommentar von Sephina ,

Ich würde es nur so gerne können... Zuhause klappts ja auch manchmal wenn ich mich seeeehr lange mit takten und eventuellen Abwandlungen beschäftige - aber das braucht Stunden in denen niemand anderer im Haus sein darf... Geht also eindeutig nicht in wenigen Sekunden während dem spielen

Kommentar von fremdgebinde ,

Wenn du es kannst, musst du üben. Übe jeden Tag, versuche es zu schaffen. Was sollte ein Therapeut da schon tun? Üb für dich, tu es nur für dich. Vielleicht solltest du dich zeitweise vom Schlagzeugunterricht abmelden und für dich allein zuhause üben. Ich wünsche dir viel Erfolg!

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