Frage von emma116, 99

Suizid, egoistisch?

Hallo:) ich habe jetzt schon öfters gelesen, dass Leute Suizid gefährdete Menschen oder Menschen die sich umgebracht haben als egoistisch "beschimpft" haben. Findet ihr das gerechtfertigt, ich meine diesen Menschen sollte man helfen und nicht sowas zu Ihnen sagen oder ?

Antwort
von pingu72, 56

Wer seinen Suizid plant und dabei andere bewusst mit in den Tod reißt (zB Elternteile die ihre Kinder "mitnehmen", oder gar fremde Personen durch Explosion, Verkehrsunfall etc) ist in meinen Augen egoistisch.

Wer aber so verzweifelt ist und sich spontan dazu entschliesst ist wohl nicht in der Lage über mögliche Folgen bzw Opfer nachzudenken.

Antwort
von XxAngerFreak2xX, 32

Ja, auch ich meine "diesen Menschen sollte man helfen und nicht sowas zu Ihnen sagen".

Erstens ist das absolut kontraproduktiv und treibt Betroffene noch eher in die Abwärtsspirale von Schuldgefühlen und Scham und zweitens ist es einfach falsch.

Wenn überhaupt etwas egoistisch ist, dann unsere Gesellschaft. Und Hilfe gibt es auch viel zu wenig. Alle 40 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben, alle 4 Minuten versucht es einer (daran sieht man auch dass man sich mal nicht so einfach aus Egoismus mal umbringt, der Mensch hat einen enormen Selbsterhaltungstrieb und es muss einem schon enorm schlecht gehen bevor man sich umbringt und das so konsequent macht dass es auch funktioniert). Es sterben mehr Menschen durch Suizid als im Verkehr und In Kriegen. Mit der Hilfe gerade vom Staat und vom Gesundheitssystem sieht es dagegen ziemlich mau aus, auf einen Termin bei einem Therapeuten/Facharzt muss ein Kassenpatient schon mal 4-6 Monate warten. Bei allem Verständnis für die Trauernden bei jedem Todesfall, ich kriege nicht auf die Reihe wie für die Suche nach "toten" Flugzeugabsturzopfern im indischen Ozean über 100 Millionen ausgegeben werden während unsere Krankenkassen an einem Problem wie Suizidgefährdung oder psychischen Probleme von "Lebenden" rumknausert und Beratungsstellen aus Finanznot dicht machen müssen.

Tja und die Gesellschaft, die ignoriert das Problem eher und macht es den Betroffenen mit Tabuisierung, Stigmatisierung oder eben solchen dämlichen Sprüchen wie "Suizid ist egoistisch" noch schwieriger. Und die, die sowas sagen sind die wahren Feiglinge, weil sie mit Verdrängen und dem Abschieben der Schuld ihre eigene Schwäche kaschieren.

Antwort
von Laleu, 61

Klar sollte man Ihnen helfen, das steht außer Frage. Aber meistens lassen gerade solche Menschen sich nicht helfen oder zeigen überhaupt gar keine Anzeichen eines eventuellen Suizids. 

Das Problem dabei ist einfach, dass viele Angehörige, Freunde und Bekannte mit dem möglichen Tod umgehen müssten. 

Kommentar von XxAngerFreak2xX ,

Sry, aber "solche Menschen lassen sich gerade nicht helfen" zeigt erstens, dass Du von Depressionen (man geht davon aus dass das bei ca. 70% der Suizide der Fall ist) keine Ahnung hast und zweitens auch unser Gesundheitssystem und die Offentheit der Gesellschaft vollkommen falsch einschätzt. Zur Gesellschaft, Suizidgedanken werden obwohl nicht gerade unnormal immer noch tabuisiert, die Menschen schämen sich zu unrecht und werden in eine Ecke getrieben. Zum Gesundheitssystem: Ein Termin bei einem Therapeuten dauert für einen Kassenpatienten in der Regel 5 Monate, Jugendliche haben oft gar keinen Zugang zu weil sie nicht frei entscheiden können und befürchten müssen dass sie stigmatisiert werden. Alle 40 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben, alle 4 Minuten versucht es einer, es gibt wohl kein quantitativ so große Gefährdung für Menschen bei denen durch das Gesundheitssystem und die Gesellschaft so wenig getan wind.

Antwort
von howelljenkins, 40

selbstmord ist dann egoistisch, wenn er gravierende folgen fuer andere menschen hat.

das koennen ganz simple materialistische folgen sein, die eine familie betreffen, das koennen seelische folgen sein, die ein hinterbliebener partner erleidet oder noch schlimmer die kinder des betreffenden suizidanten.

wer alleinstehend ist und sich das leben nimmt, handelt dabei nicht egoistisch.

Kommentar von XxAngerFreak2xX ,

wohl auch ein wenig kurz gedacht: Suizid ist in den meisten Fällen eine Folge von Depressionen (man geht von über 70% aus), eine Krankheit, kein Egoismus.

Und unabhängig davon sollte man sich mal vor Augen führen welche Angst man selbst vor dem Tod hat. Otto Normalverbraucher würde da noch seine eigene Großmutter ans Messer liefern bevor ihm ein Haar gekrümmt wird. D.h. jemand der den Tod wählt, der muss wohl solche Qualen erdulden, dass der Tod für ihn weniger Schrecken hat. D.h. die Aussage dass das egoistisch ist, würde ich vllt. von jemandem akzeptieren der schon schlimmere Qualen als "echte Todesangst" erlebt hat, ich befürchte wir beiden Sesselphilosophen gehören nicht dazu.

Suizid kann viele Gründe haben, er ist definitiv auch grausam für die Angehörigen und Freunde, aber er ist nicht egoistisch. Unsere Gesellschaft ist egoistisch und das treibt leider einige in den Suizid.

PS: der richtige und neutrale Begriff ist Suizid und Suizid ist kein Mord, deswegen benutzt auch kein Fachmann den Begriff Selbstmord.

Kommentar von howelljenkins ,

fachmann ... fuer was?

ich habe mit 18 einen selbstmordversuch unternommen und das war kein wischiwaschi-hilferuf. ich hab's auch nur so-so ueberlebt und seitdem einige koerperliche einschraenkungen.

das ist jetzt 20 jahre her. ich kann mich aber noch sehr gut daran erinnern. selbstmordgedanken sind mir auch heute nicht fremd, ich gehe bloss anders damit um. letztendlich ist es eine option, die bleibt. und allein dadurch, dass ich das weiss, kann ich immer erst noch was anderes versuchen. 

fuer mich ist selbstmord egoistisch in den zusaemmenhaengen, die ich oben geschildert habe.

ich weiss nicht, was fuer eine art sesselphilosoph du bist, ich habe hier aus eigener erfahrung so wie erfahrung mit anderen suizidalen gesprochen und darunter sind einige, die erst seit dem selbstmord eines angehoerigen ernsthaft gefaehrdet sind.

Kommentar von XxAngerFreak2xX ,

Zum ersten Absatz Deines Kommentars:

mit Fachleuten meine ich Leute, die sich mit Suizidalität beruflich oder wissenschaftlich befassen, z.B. Ärzte, Psychologen, Trauerhelfer, Seelsorger und Psychiater und die würden den (auch juristisch vollkommen abwegigen) Begriff Selbstmord nicht verwenden.

Zum zweiten Absatz Deines Kommentars:

das tut mir leid. Da habe ich mich wohl geirrt, für mich klang Dein Kommentar nach dem eines Sesselphilosophen. sry.

Zum dritten Absatz Deines Kommentars:

kann ich gut nachvollziehen und das höre ich oft. Allein die Option, also so eine Art Fluchtmöglichkeit, kann schon helfen mit Situationen besser umzugehen oder eben doch was zu probieren.

Zum vierten Absatz Deines Kommentars:

da bin ich nach wie vor vollkommen anderer Meinung. Jeder sollte selbst entscheiden dürfen über sich und dazu gehört auch diese endgültige Entscheidung. Egoismus heißt ja dass man ohne Rücksicht auf andere Vorteile für sich sucht. Wenn ein aussenstehender Suizid als Vorteil sieht, dann könnte er ja einfach auch machen. So einfach ist die Problematik nicht. Natürlich hat ein Suizid Auswirkungen auf andere. aber ob derjenige der sich das Leben nimmt überhaupt Rücksicht nehmen kann (Depressionen sind eine Krankheit und für über 70% der Suizide verantwortlich) und wenn er das könnte, ob es nicht vollkommen natürlich oder auch richtig ist, das eigene Wohl in den Vordergrund zu stellen ist ja mal eine Diskussion wert bevor man das pauschal egoistisch nennt.

Zum fünften Absatz Deines Kommentars:

über einen Suizidversuch kann ich aus eigener Erfahrung nicht viel sagen, aber es ging ja bei der Frage mehr darum ob das anderen gegenüber egoistisch ist.

Und speziell zu dieser Frage kann ich als deutlich direkter als Du betroffener (meine Tochter hat sich vor einigen Jahren im ersten Versuch gut geplant und aus ihrer Sicht erfolgreich suizidiert) schon über den Sessel hinaus philosophieren. Und durch viele Besuche bei Trauergruppen für hinterbliebene nach Suizid und entsprechende Vorträge auch von Fachleuten ist mir das Leid der Hinterbliebenen und Freunde nicht nur in unserer Familie mehr als bekannt.

Das ist aber noch lange kein Grund - und da bin ich eigentlich mit fast allen der vielen mir bekannten "Hinterbliebenen" einig - hier den abwertenden und moralisierenden Begriff Selbstmord (Mord ist eine heimtückische Tat) zu verwenden oder einfach von Egoismus zu reden.

Nach dem Suizid eines nahen Angehörigen oder des eigenen Kindes  (und das ist bei den mir bekannten Hinterbliebenen vornehmlich der Fall) gerät man selbstverständlich in eine Lebenskrise, fragt nach dem Sinn und kann auch selbst Suizidgedanken entwickeln, kenne ich auf jeden Fall. Es plagen einen auch noch Schuldgefühle, zumindest fragt man sich immer was man hätte anders machen können. Aber sry, das letzte was mir einfallen würde und auch das bestätigen mir zumindest die Menschen, die ihr Kind durch Suizid verloren haben, wäre einem verzweifelten jugendlichen Menschen in einer sehr speziellen Lebenssituation, der keinen Ausweg mehr wusste, deswegen die Schuld zuzuschieben, was der Begriff Egoismus ja zumindest nahelegt.

Kommentar von howelljenkins ,

es tut mir leid, dass du deine tochter verloren hast und das meine ich ehrlich.

wer sich umbringt, bringt sich um. unabhaengig von den gruenden entscheidet das derjenige fuer sich selbst. das ist das gute am suizid (da dir die worthuelse so wichtig ist), dass man es selbst entscheidet und allein. 

etwas allein zu entscheiden, das (negative) auswirkungen auf andere hat, ist in meinen augen egoistisch.

was ich nicht ganz nachvollziehen kann ist, wieso das fuer dich so ausgesprochen negativ konnotiert ist. es ist egoistisch, aber das sind andere dinge auch. dass es egoistisch ist heisst ja nicht, dass es verboten ist. aber ich sehe nicht, wieso ein mensch, der fuer sich entscheidet, dass er sein leben beenden will und es dann tut, dafuer auch noch bemitleidet werden soll.

gesellschaftliche absolution fuer suizid ... ich weiss nicht.

es ist doch so: jemand nimmt sich das leben, weil er keine andere loesung mehr sieht oder weil er's satt hat. damit beendet er einen fuer ihn unertraeglichen zustand auf die einzige art, die ihm einfaellt. 

das heisst aber ja auch, er hat "ausgelitten" und das erreicht, was er erreichen wollte. wie deine tochter, die aus ihrer sicht erfolgreich war.

da gibt es nichts schlecht und nichts schoen zu reden. sie hat entschieden, du nicht. wenn das fuer dich in ordnung ist, gut. 

menschen sind egoistisch und das gilt im leben wie im tod.

Kommentar von XxAngerFreak2xX ,

Tja, Du hast vielleicht Recht dass ich das mit dem Wort/der Worthülse Suizid/Selbstmord etwas eng sehe (dann an der Sache ändert die Bezeichnung wirklich nichts).

Auch hast Du in gewisser Weise Recht dass Egoismus nunmal zum Menschen gehört und insofern kann man es auch teilweise egoistisch nennen. Aber da dieser Egoismus quasi in jeder unserer Handlungen vorkommt, macht es dann keinen Sinn den Selbstmord/Suizid nochmal als besonders egoistisch zu bewerten. Ich habe die Frage so interpretiert, ob "Egoismus" das vorrangige Motiv/die vorrangige Eigenschaft des Menschen ist der sich das leben nimmt/nehmen will. Und das sehe ich nicht so.

Du schreibst es doch wie ich finde vollkommen richtig:

"jemand nimmt sich das leben, weil er keine andere loesung mehr sieht oder weil er's satt hat. damit beendet er einen fuer ihn unertraeglichen zustand auf die einzige art, die ihm einfaellt."

D.h. aber die vorrangige Motivation ist: "den für ihn unerträglichen Zustand zu beenden". Und wenn er unerträglich ist und ihm nichts anderes einfällt (vielleicht auch nichts anderes einfallen kann, denn so ganz frei sind unsere Handlungen nicht: von dem Einfluss der depressionsgesteuerten Chemie in unserem Oberstübchen kann ich ein Lied singen) dann ist der natürliche Egoismus nur noch ein Randaspekt.

Es geht auch nicht um die Bemitleidung eines Menschen, der diese Entscheidung für sich getroffen hat. Ja, ich hoffe und nach allem was wir so wissen hat er "ausgelitten" und das Thema ist für ihn erfolgreich beendet.

Aber es geht auch um die, die eben nicht "ausgelitten" haben, d.h. die in einem "unerträglichen" Zustand sind.

Und die - und ich glaube das ist der einzige wesentliche Punkt in dem sich unsere Meinungen widersprechen - aus diesem Zustand aufgrund iher vermutlich schwer adrenalinlastigen und serotoninarmen Hirnchemie (mal ganz einfach, tatsächlich dürfte das ein wenig komplizierter sein) nicht von selbst rauskommen.

Und Hilfe, die diese Menschen brauchen, sind positive Erlebnisse und positives Denken (setzt Serotonin frei) und keine Angst-, Scham- oder Schuldgefühle (produziert allesamt Angsthormone).

Und das ist der einzige und wesentliche Punkt wo wir uns widersprechen: Jemanden in eine solchen (für ihn schon aussichtslos erscheinenden) Situation noch zu sagen: das ist (vorrangig) Egoismus, das ist Mord und damit eine große Sünde (der Begriff Mord ist für viele, vllt. nicht für Dich moralisierend) macht die Sache noch schwerer für ihn positive zu denken, aus der Abwärtsspirale der Depressionshormone rauszukommen und sich selbst zu helfen/Hilfe zu holen. Ich finde eben offener Umgang würde weiterhelfen als Tabuisierung des Themas, die es leider in unserer Gesellschaft gibt.

Abschliessend:

Dein letzter Kommentar beschreibt die Sache schon sehr richtig, ich habe absolut nichts gegen Deine Sichtweise. Und ja, man kann es schon so nüchtern sehen wie Du dass Egoismus im Spiel ist und das Suizid/Selbstmord Worthülsen sind.

Aber das machen nicht alle, sonst gäbe es die Frage (und die gibt es hier öfter) gar nicht.

Und der einzige Unterschied unserer Meinungen ist, dass ich denke dass Moralisieren mit den Begriffen "Mord", "Egoismus" oder gar Schuld kontraproduktiv und das Egoismus ein Randaspekt ist, der bei einem Menschen in einer Lebenskrise nicht entscheidend ist und in der präsuizidalen Phase absolut ausgeblendet wird. Sagen wir das letzte mal so: wenn es Egoismus ist, dann ist er vollkommen normal und nicht relevant und kein bewusster Egoismus und insofern für die Entscheidung vollkommen irrelevant.

Ich wünsche Dir alles Gute, die Diskussion mit Dir fand ich sehr gut, ich verstehe Deine Sicht gut, bis auf einen Punkt teile ich sie sogar. Tut mir leid wenn ich aus Deiner Antwort vorschnelle Schlüsse (Sesselphilosophie) gezogen haben, nehme ich hiermit zurück. Entschuldigung wenn ich manchmal "geklugscheissert" habe, ist eine schlechte Angewohnheit von mir und ich neige auch sicherlich dazu sachen zu pedantisch zu bewerten, brauche ich aber für mich um meine Gedanken halbwegs zu ordnen. Sry auch nochmal dafür.

lg und vllt. ja mal bis demnächst hier :)

Antwort
von Stellwerk, 40

Richtig, man sollte ihnen helfen. Und v.a. kapieren, dass Menschen, die sich umbringen (wollen), sich in einer totalen psychischen Ausnahmesituation befinden, in der solche Kriterien wie "egoistisch" oder rücksichtsvoll keine Rolle mehr spielen - allerdings nichts aus Bosheit, sondern weil die Wahrnehmung auf viele Dinge durch das eigene Leid komplett verzerrt ist.

Antwort
von PrivateFragenD, 19

Das ist etwas komplizierter... wenn ein 17 Jähriger sich umbring und er ein einzelkind ist, dann finde ich es egoistisch, er nimmt den Eltern das einzige Kind. Jedoch kommt es auch da auf die Familiensituation an...

Antwort
von stubenkuecken, 25

Nicht der Suizid ist egoistisch, aber die Schuldzuweisung an andere ist es. In Abschiedsbriefen geht es darum andere zu bezichtigen.

Antwort
von fremdgebinde, 40

Es kommt natürlich drauf an, wieso Suizid begangen wird. Eine Teenagerin mit Liebeskummer ist sicher nicht egoistisch, ein Selbstmordattentäter vom islamischen Staat jedoch schon.

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