Studium beginnen - BWL vs. VWL?

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5 Antworten

Hallo,

ich würde noch die derzeitigen Studienbedingungen nach Bologna in den Blick nehmen. Mein Vorredner hat noch die VWL-Ausbildung vor Augen, wie sie in den 80ern und 90ern war. *Hach damals* Kurz zu meinem Hintergrund: Diplom-VWL, dann Job, dann Promotion in VWL. Jetzt wieder Job. Ich kenne der Promotion wegen und eines nebenberuflichen Bachelors in einem anderen Fach aber zumindest für meine Universität auch den Wiwi Bachelor bzw. die Inhalte sehr gut.

Zunächst wäre ich vorsichtig, ob das, was Du Dir unter dem VWL Studium vorstellst auch tatsächlich Gegenstand des VWL Studiums ist. In der ersten Antwort klang bereits an, dass es sehr mathematisch und abstrakt sein wird. Wenn ich hinzunehme, dass es vermutlich um einen Bachelor geht, dann wird es recht frustierend sein, wenn sich der Eindruck einstellt, dass man eigentlich gar nicht so viel über wirtschaftliche Zusammenhänge, wie sie beispielsweise in Tageszeitungen oder Nachrichten thematisiert werden lernt - bzw. nur in einer sehr abstrakten Weise.
VWL aus Interesse ist gut - aber dann würde ich gedanklich den Master einplanen, denn es wird erst im Anschluss an die Grundlagen, im Zuge einer Spezialisierung wirklich interessant - meiner Meinung nach.

Zum Thema Job-Aussichten. VWLer finden schon einen (gut bezahlten) Job. Dass Du als Taxifahrer endest, um ein Klischee aufzugreifen, ist unwahrscheinlich. typischerweise finden VWLer aber Jobs im öffentlichen Dienst (Verwaltung, Ministerien, Bundesbank, EZB, BaFin, Kartellamt, Bundesnetzagentur...), im akademischen/ wissenschaftlichen Bereich (Universität, Forschungsinstitute...) oder - jedenfalls früher mal - in Banken und Versicherungen. Letzteres ist stark rückläufig gewesen seit die Banken unter Kostendruck stehen und es erfordert einige Berufserfahrung. Als Einsteiger schwierig aber nicht unmöglich. Jedenfalls wenn man ALS Volkswirt arbeiten will und nicht als Rechenknecht... aber das können mittlerweile eh eher Physiker.
Außerdem vereinzelt in der Industrie in großen Konzernen und (deutlich häufiger) in Beratungsunternehmen wie McKinsey und Konsorten oder auch bei PwC (die haben auch Consultants). Ob es dann des VWLers Erfüllung ist ein Leben lang PowerPoint-Häschen zu sein und sich Work-Life-balance-mäßig ausbeuten zu lassen muss wieder jeder selbst wissen. Das lassen typischerweise nur die Bachelor-BWLer mit sich machen :) (Vorsicht Polemik!)
Ach ja und Interessengruppen/ Verbände/ Lobbyarbeit habe ich noch vergessen. ist aber meist schlecht bezahlt und ohne Netzwerk nicht einfach zu bekommen.

Das Problem ist nun meiner Meinung nach Folgendes:
Den Bereich Forschung/ Akademisches/ Wissenschaft kannst Du mehr oder minder vergessen, wenn Du nur einen Bachelor machst. Das ist in dieser Welt kein Studium, sondern eher ein Schnupperkurs. Master oder besser Promotion muss es eigentlich sein. Man soll nie nie sagen - aber Illussionen soll man sich auch keine machen.

Kommen wir zum Öffentlichen Dienst (außerhalb des Akademischen). Da ist ein Einstieg mit Bachelor möglich, aber die Verdienstmöglichkeiten sind beschränkt auf den gehobenen Dienst. Mit Master steigt man im höheren Dienst ein und nach einer (möglichen) Verbeamtung ist der Verdienst meiner Meinung nach in Ordnung. Das kann jeder sehen wie er will. Fakt ist aber: Mit einem Bachelor hast Du im ÖD aus formalen Gründen eine Decke über die, durch die man zwar durch kommt, aber das ist eine Frage von Dekaden und Glück. Steht jedenfalls in keinem Verhältnis zu vier Semestern mehr Studium für den Master.

Verbände und Lobbygruppen - schlecht bezahlt wie gesagt und schwierig rein zu kommen, wenn man keine Kontakte hat.

Bleibt die Privatwirtschaft. Wo ist hier der Vorteil eines VWLers? Typischerweise die Stärke in quantitativen Methoden, also Statistik und Mathematik plus eine VWLern eher - zu Recht oder zu Unrecht - zugesprochene Fähigkeit Zusammenhänge zu analysieren und zu erklären.
Wenn du ein sehr strakes Interesse an Mathematik hast und Dich dorthin spezialisieren willst, dann würde das für VWL sprechen und Dir hierhin berufliche Wege ebnen. Ins Risikocontrolling von Banken oder Versicherungen schafft man es damit aber heutzutage nicht mehr. Dazu ist ein Bachelor zu wenig Ausbildung und zudem sitzen da heute eher Physiker und Mathematiker.
Zu den Chancen in den von mir und meinem Vorredner angesprochenen internationalen Konzernen kann ich nicht viel sagen. Es gibt sie, das stimmt und sie sind attraktiv. Gut vorstellbar aber, dass Du mit Deinem Profil (der Berufserfahrung und Ausbildung wegen) gerade gute chancen hast. Du solltest nach dem Studium jedenfalls ortsungebunden bei der Job-Suche sein.

Kommen wir zur BWL. Wenn Dich Marketing, Controlling und Rechnungswesen nicht gerade unheimlich abschrecken, dann ist das denke ich ebenfalls eine Option. Ich selbst habe keine Ausbildung, aber meiner bescheidenen Meinung nach ist ein BWL Bachelor eigentlich nichts anderes als eine Berufsausbildung mit theoretischem Addon. Da mag nun aber der abgehobene VWLer aus mir sprechen ;)
Du bist aber "verwertbar" auf dem Arbeitsmarkt. In Deinem Fall könnte man aber zu Recht sagen, dass Du diesen Signaleffekt nicht brauchst, denn Du hast ja eine Ausbildung - warum also das ganze noch mal machen. Wenn es nur um den Stempel "studiert" geht (nach außen und bezogen auf den Arbeitsmarkt, nicht bezogen auf Deine Motivation zu studieren! Nicht falsch verstehen!) dann geh Deinen Interessen nach und mach VWL. Den Stempel "studiert" bekommst Du genauso, aber du hast was gemacht, das Dich (mutmaßlich) interessiert.

Dann vielleicht der Hinweis: Schau mal nach Unis - wenn du räumlich ungebunden bist - die einen "Wiwi" Bachelor anbieten. Frankfurt macht das beispielsweise. Da ist man weder BWLer noch VWLer. Klar, man wählt irgendwann eine Spezialisierung... aber ob man ein Semester mehr davon oder mehr davon macht bei nur 6 Semestern Gesamtstudiendauer macht den Bock nicht fett.

So. viel Text aber vielleicht war was Hilfreiches dabei.
Und dass die eine oder andere Aussage mit einem Augenzwinkern geschrieben ist, muss ich hoffentlich nicht noch extra betonen.

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Kommentar von derhansus
03.06.2016, 18:35

Ich habe mich auch grundsätzlich für das Studium der Wirtschaftswissenschaften entschieden, eben weil ich am überlegen bin ob BWL oder VWL. Da ich aber unbedingt im Norden Deutschlands bleiben will, ist meine Uni-Auswahl teilweise beschränkt und eben an einigen Unis muss ich mich dann zwischen BWL und VWL entscheiden, da es kein WiWi gibt. 

Vielen Dank für deine Antwort.

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Frage einen Betriebswirt und er wird BWL sagen... frage einen Volkswirt und er wird VWL sagen.

Ich denke nicht, dass Volkswirte schlechtere Berufschancen haben; sicherlich ist es aber schwerer, einen Job als "reiner Volkswirt" zu finden. Man kann natürlich auch versuchen, die Nachfolge von Hans-Werner Sinn als Wirtschaftsweiser anzutreten.

Die Welt ist heute global und die Einflüsse, die die Wirtschaften verändern ebenfalls. Wenn es dir Spass macht, diese gesamtwirtschaftlichen und gesamtpolitischen Zusammenhänge zu verstehen, dann bist du bei VWL richtig. Und das kannst du später in einem international tätigen Unternehmen stets gut brauchen. Ein solches Unternehmen sollte dann auch dein Ziel sein.

Sicherlich ist VWL mathematischer als BWL; wenn deine Stärken nicht gerade in Mathe liegen, kann das VWL-Studium - vor allem im Fach Finanzwissenschaft - anstrengend werden.

Die Literatur ist in der VWL weitestgehend englischsprachig, weil die klugen VWL-Köpfe meist im Ausland sitzen. Somit lernt man zwangsläufig viel Englisch im Studium (heute ist dies bei BWL sicherlich auch mehr Englisch als vor 20 Jahren).

VWL hat ein wenig von Physik, denn sie versucht, Beobachtungen in geeignete Modelle zu fassen, die die Realität korrekt wiedergeben. Leider unterscheidet sich die VWL an dieser Stelle dann auch schon wieder von der Physik, weil die Modelle meistens nur geeignet sind, nachträgliche Erklärungen zu liefern, aber kaum zur Vorhersage helfen. Man lernt aber in VWL das Modellieren und die hierfür notwendige Methodik. Daran muss man Spass haben.

Du hast mit einer Lehre zum Bankkaufmann eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen und auch Praxiserfahrungen sammeln können. Somit hast du viele Grundsätze der BWL bereits verinnerlicht. Bei deiner späteren Berufswahl wird dir diese Praxis im Lebenslauf schon viel bringen, egal ob du BWL oder VWL studierst.

Ich habe als Volkswirt immer das Gefühl, etwas mehr von oben auf die Wirtschaft blicken zu können und die äußeren Einflüsse auf das Unternehmen zu verstehen. Meine BWL-Kollegen sind stattdessen stark in internen Prozessen und deren Messung und Bewertung.

Ich würde nach einer kaufmännischen Ausbildung immer wieder VWL studieren.

Viel Spass bei der richtigen Entscheidung!

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Kommentar von derhansus
02.06.2016, 23:05

Vielen Dank für deine Antwort. 

Hat mir definitiv weitergeholfen.

Bist du zur Zeit noch im Studium oder schon im Beruf? Falls im Beruf, was genau machst du?

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Kommentar von MusiToo
02.06.2016, 23:10

... das mit den "vor 20 Jahren" sollte eigentlich schon ein Hinweis sein. Natürlich "internationale Tätigkeit im internationalen Unternehmen". Bis heute habe ich die Entscheidung für VWL nie bereut.

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Arbeiten und was für die Gesellschaft tun, das wird die Lösung sein.

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Kommentar von derhansus
02.06.2016, 23:20

Deine Antwort ist jedenfalls definitiv nicht die Lösung zu meiner Frage!

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In jeder Studienrichtung, ob BWL oder VWL muss man neben den Pflichtfächern sich auch noch Wahlfächer aussuchen.

Wenn es Dich mehr zur VWL zieht, empfehle ich Dir die Wahlfächer eher betriebswirtschaftlich auszurichten (z.B. mit betrieblicher Steuerlehre, Bankbetriebslehre, Marketing und Grundlagen des öffentlichen und privaten Rechts).    

Ich selbst habe nach der Banklehre vor vielen Jahren BWL studiert und mir dies mit einigen Wahlfächern aus der Volkswirtschaft (z.B. Finanzwissenschaft) angereichert.

Ob das auch heute noch so geht weiß ich nicht. Jedenfalls hatte ich nie Probleme einen guten Arbeitsplatz zu finden.

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Wegen des inzwischen teilweise doch enormen N.C.s in BWL, weichen dann eben viele auf VLW aus.

Das sind aber inzwischen so viele, dass sie nicht mehr alle problemlos, wie früher, in irgendwelchen Verbänden, Gewerkschaften, Parteien etc. unterkommen können.

Du hast an der Uni im Fach BWL ohnehin einen nicht unerheblichen Teil VWL zu bewältigen. Du könntest dort sogar Deine Examensarbeit in VWL schreiben und bekommst immer noch BWL Examen.

Nein, dass ist ähnlich wie bei Philosophie nur was für absolute Enthusiasten oder Leute, die in keinster Weise auf späteres Erwerbseinkommen angewiesen sind.

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