Frage von Yulica, 60

Studentenjob! Arbeiten auf Gewerbeschein oder mit Vertrag?

Hallo!

Ich habe eine Frage bezüglich Arbeit auf Gewerbeschein.

Folgende Situation: Ich bin Studentin, 29 Jahre alt. Hobbymäßig bin ich auch Schmuckhandwerkerin. Habe jetzt einen 450-Job in einem Restaurant angefangen. Alles super, Arbeit macht Spaß und die Mitarbeiter und Chefs (ein Ehepaar mittleren Alters) sind nett - ich möchte den Job auf jeden Fall behalten. Ich habe jetzt die Wahl, ob ich auf Rechnung, also mit Gewerbeschein arbeiten möchte oer mit Arbeitsvertrag als geringfügig Beschäftigte. Die Chefs bevorzugen den Gewerbeschein, da sie dann weniger bzw. keine Abgaben für mich abdrücken müssen. Sie haben mich auch gleich darauf hingewiesen, dass ich noch einen anderen Arbeitgeber bräuchte, da sonst eine Scheinselbständigkeit bestünde. Die Chefs wollen, dass ich nicht weniger als 53h pro Monat arbeite, für einen weiteren Job habe ich also keine Zeit. Ich weiß, dass es auch reichen würde, wenn ich mal saisonal irgendwo anders noch arbeite, aber das möchte ich gar nicht. Allerdings: in der Weihnachtszeit möchte ich sowieso einen Stand auf einem kleinen Weihnachtsmarkt (ein Wochenende) machen, wo ich dann meinen selbst hergestellten Schmuck verkaufen werde.

Zusammen mit dem Weihnachtsmarktstand werde ich im Jahr wohl nicht mehr als 6.000€ verdienen.

Leider kenne ich mich mit dem Thema Gewerbeschein gar nicht aus!

Mit dem Gewerbeamt habe ich telefoniert, der Dame mein Anliegen erklärt. Sie war ganz locker und meinte: "jaaaa machen se nur das mit dem Gewerbeschein, das ist alles kein Problem und nach der Scheinselbständigkeit kräht doch bei Studenten kein Hahn." Meine Chefs scheinen das Thema also ernster zu nehmen, als das Gewerbeamt.

Achja, zum Thema Versicherung: Ich bin schon seit meiner Kindheit über meinen Vater, der eine kleine Firma hat, privat versichert.

Also meine Fragen:

  1. Welche Vor- und Nachteile habe ich selbst grundsätzlich, wenn ich auf Rechnung arbeite. Ist es grundsätzlich eine gute Idee, einen Mini-Job auf Rechnung zu machen?

  2. Bestünde auch eine Scheinselbständigkeit, wenn ich ein- bis zweimal pro Jahr einen Stand mit meinen eigenen Produkten auf einem Markt mache und die Umsätze angebe? Ich hätte ja dann gar keinen zweiten Arbeitgeber; das eine wäre eine gewerbliche, das andere eine freiberufliche Tätigkeit.

Danke an alle, die sich das alles durchgelesen haben. Ich bin sehr gespannt auf hilfreiche Antworten!

Yulica

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Spezialmann, 55

Was du da machst bzw. was dein Arbeitgeber da macht, ist sehr gefährlich. Das Vorliegen eines Gewerbescheines hat, wenn überhaupt, nur sehr geringe Aussagekraft im Hinblick auf die sozialversicherungsrechtliche Beurteilung deiner Tätigkeit. Die Rechnung "Gewerbeschein=selbständig" geht nicht auf. Genausowenig bedeutet "mehrere Auftraggeber", dass man selbständig ist.

Maßgeblich sind andere Dinge - Weisungsgebundenheit, Unternehmerrisiko etc. Als Reinigungskraft oder als Bedienung in einem Restaurant selbständig tätig zu sein ist nahezu unmöglich. Deine Tätikeit unterliegt den Weisungen des Arbeitgebers - insbesondere Arbeitszeit und -ort sind dir vorgeschrieben. Unternehmerrisioko hast du null. Unternehmerrisiko heißt nicht, kein Geld zu bekommen, wenn man nicht arbeitet, sondern Investitionen zu tätigen mit dem Risiko des Verlustes, aber eben auch der Aussicht auf Gewinn. Welche Investition tätigst du als Bedienung?

Genauso verhält es sich mit dem Argument "mehrere Auftraggeber". Merkmal einer Selbständikeit ist es, dass man mehrere Auftraggeber hat. Das bedeutet aber nicht im Umkehrschluss, dass jeder mit mehreren Auftraggebern selbständig ist. Wie bereits erwähnt, ist die Selbständigkeit anhand der Kriterien zu überprüfen, die das Bundessozialgericht dafür aufgestellt hat. Wenn du also in zwei Restaurants bedienst, tust du das nicht selbständig, sondern bist bei beiden abhängig beschäftigt. nicht nur Selbständige können mehrere Auftraggeber haben, beschäftigte können auch mehrere Arbeitgeber haben. Dieser Fall liegt dann bei dir vor.

Die Mitarbeiter der Gewerbeämter haben sozialversicherungsrechtlich keine bis wenig Ahnung. Die schauen, ob man theoretisch ein solches Gewerbe anmelden darf, stellen den Gewerbeschein aus und kassieren das Geld. Und eine Aussage wie "da kräht doch kein Hahn nach" zeugt von absoluter Unkenntnis. Schwarzarbeit ist kein Kavaliersdelikt - Staatsanwaltschaften, Finanzämte und Rentenversicherungsträger verstehen da keinen Spaß und die Strafen können empfindlich sein. Weniger für dich als Schwarzarbeiter, definitiv aber für deinen Arbeitgeber.

Um deine Fragen zu beantworten:

1. Es ist grundsätzlich keine gute Idee, als Bedienung auf Rechnung zu arbeiten.

2. Dein Stand hat keinerlei Auswirkung auf deine Tätigkeit als Bedienung in einem Restaurant, da das vollkommen unterschiedliche Dinge sind. Wenn du als Schmuckverkäuferin selbständig bist, heißt das nicht, dass du auch als Bedienung in einem Restaurant selbständig bist.

Kommentar von Yulica ,

Hallo, danke für deine ausführliche Antwort!

Ich habe inzwischen entschieden, den Arbeitsvertrag zu unterschreiben, also als Beschäftigte zu arbeiten. Obwohl ich ein bisschen Angst vor der Verpflichtung habe, also davor, nicht mehr flexibel zu sein. Aber so ist das nun mal mit Jobs. Jedenfalls habe ich auch gelesen, dass man bei einer Selbständigkeit zwar einen Hauptauftraggeber und einen oder mehrere Nebenauftraggeber haben darf, aber von dem Hauptauftraggeber darf man anscheinend nicht mehr als 5/6 des Gesamteinkommens beziehen. Mit dem kleinen Weihnachtsmarktstand würde das - selbst wenn das rechtlich zusammengepasst hätte - dann sowieso nicht hinkommen, so wenig wie der wohl abwerfen würde, im Verhältnis zu dem regelmäßigen Kellnerjob.

Daher werd ich morgen den Vertrag unterschreiben, hab es ja eigentlich ganz gut erwischt dort. :)

Liebe Grüße,

Yulica

Kommentar von Spezialmann ,

Danke für den Stern :)

Die Entscheidung war richtig bzw. die einzig richtige. Eine Bedienung in einem Restaurant kann nicht selbständig arbeiten bzw. nur so lange, bis Zoll oder Rentenversicherungsträger zur Prüfung kommen - und dann wird es auch rückwirkend teuer... Man kann es sich schlichtweg nicht aussuchen, ob man in einem Job sozialversicherungspflichtig beschäftigt sein möchte oder doch lieber auf selbständiger Basis.

Was die Selbständigkeit angeht und deine andere Auskunft, die du erhalten hast: Wenn jemand selbständig ist (also tatsächlich selbständig, wie du z.B. mit deinem Stand, aber nicht die Bedienung in der Kneipe, die nur meint, selbständig zu sein) dann ist er nicht versicherungspflichtig in der Kranken-, Pflege-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung. Das sind die "richtig" Selbständigen, die eigene Arbeitnehmer beschäftigen und für viele Auftraggeber tätig werden. Der Handwerker um die Ecke zum Beispiel.

Dann gibt es aber noch die "arbeitnehmerähnlichen Selbständigen". Die sind dem Grunde nach auch selbständig, beschäftigen aber keine eigenen Arbeitnehmer und sind überwiegend (daher kommen dein 5/6) für einen Auftraggeber tätig. Die sind wie gesagt dem Grunde nach selbständig, aber nach §2 Satz 1 Nr. 9 SGB VI versicherungpflichtig in der Rentenversicherung.

Dein Job als Bedienung hat hiermit aber überhaupt nichts zu tun! Als Bedienung bist du, egal was du macht, eben NICHT selbständig tätig. Du bis immer dem Grunde nach versicherungspflichtig in der Sozialversicherung, evtl. mit den Regelungen für Minijobs (Pauschalbeiträge durch den Arbeitgeber) oder für Studenten (nur Rentenversicherungspflicht).

Antwort
von alexbababu, 60

Was gegen den Gewerbeschein und für den Minijob spricht.

Als Minijobber hast du Anspruch auf bezahlten Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, sowie an Feiertagen die auf einen deiner Arbeitstage fallen.

Solltest du das Ganze auf Gewerbeschein machen, wirst natürlich nur dann bezahlt, wenn du auch arbeitest.  

Antwort
von Maxlehmann7, 53

Hallo Yulica,

Ich bin selber Student und brauchte damals einen Job, bei dem ich flexibel sein kann. Ein Kommilitone von mir erzählte, dass er sich selbständig gemacht habe, also einen Gewerbeschein angemeldet hat. Erst war ich ziemlich skeptisch, aber weil es für ihn so gut funktioniert hat, habe ich mich schließlich ebenfalls dazu entschlossen und ein Gewerbe angemeldet. Nun arbeite ich seit über zwei Jahren als selbständige Reinigungskraft. War gar kein Problem mit dem Anmelden und ist für mich persönlich die beste Möglichkeit neben dem Studium Geld zu verdienen. Durch die Selbständigkeit kannst du dir alle Termine frei legen und bist einfach mega flexibel neben dem Studium. Für mich als Student, ideal! Ein paar Mädels aus meinem Studiengang haben sich auch selbständig gemacht, machen aber Promotion.. Allerdings höre ich von denen viel Negatives.

Kann dir Reinigung nur wärmstens empfehlen.. so von Student zu Student, wenn du nach was flexiblem suchst. Bekomme mitlerweile meine 16.60 die Stunde. Passt! ;-)

LG Max

Kommentar von Yulica ,

Hallo Max,

danke für deine Antwort. 

Verstehe aber deine Vorgehensweise nicht ganz. Bist du bei einer Putzfirma angestellt, die dir Jobs vermittelt und bei der du deine Arbeitszeiten frei einteilen kannst oder hast du irgendwo selbst deine Dienstleistung ausgeschrieben und wartest auf Anfragen? Wer sind denn so deine Auftraggeber? Privatleute oder Unternehmen? Und wer legt deinen Lohn von 16,60€ fest? 

Das würde mich wirklich interessieren, damit ich verstehe, wie das bei dir so gut funktioniert :)

Liebe Grüße,

Yulica

Kommentar von Maxlehmann7 ,

Hallo Yulica,

Ich arbeite über eine Vermittlungsfirma, über BOOK A TIGER, falls du die kennst. Die sind mittlerweile glaube ich in fast jeder deutschen Stadt. Das Gute bei so einer Vermitlungsfirma ist eben, dass ich NICHT selbst meine Diensleistungen ausschreiben und auf Anfragen warten muss, sondern von Book a Tiger per Sms, mittlerweile sogar per App, alle möglichen Reinigungsaufträge aus meiner Nähe zugesendet bekomme.
Ich kann dann komplett frei entscheiden ob ich den Auftrag annehmen möchte oder nicht - Eben wie es bei mir zeitlich so passt. Das Gute ist, dass man nicht jedes Mal extra zurückschreiben muss, wenn man den zugesendeten Auftrag nicht annehmen möchte. Man schreibt nur zurück, WENN man ihn haben möchte.

Wenn man vorher schon weiß, dass man zB nur am We arbeiten kann oder will oder nur zu bestimmten Uhrzeiten, dann bekommt man durch dementsprechende Aufträge zugesendet.
Was für mich ziemlich praktisch ist im Gegensatz zu komplett frei arbeitenden selbständigen Reinigungskräften: ich muss keine Putzutensilien mitnehmen oder etwas bestimmtes anziehen, sondern kann einfach von Ort und Stelle zu dem Auftrag hin. Zudem ist man versichert über die Vermittlungsfirma im Falle eines Schadens. Und hat einen Telefonservice zur Seite, falls mal was schief ist, der Kunde nicht da ist etc... Also, man steht dadurch einfach nicht ganz alleine da ;-)

Das Gehalt legen beide quasi fest, Kunden und Book a Tiger. Ganz ganz am Anfang startes du mit 12 Euro die Stunde. Nach den Aufträgen können dich die Kunden bewerten. Je nachdem wie deine Leistung, also die Reinigung war, desto besser natürlich deine Bewertung. So kann man in relativ kurzer Zeit sich auch gehaltlich verbessern, bis zu 16,60 die Stunde, was ich jetzt seit einem Jahr bekomme. Seit dieser Zeit hab ich auch meine Stammkunden, was mir persönlich ganz angenehm ist. Es ist auch ganz spannend, in unterschiedlichen Wohnungen zu reinigen, aber es gibt definitv auch die Möglichkeit zu Stammkunden, kommt immer auf einen selber und seine Arbeit an. Mir machts immer noch Spaß! :-)

Ich hoffe ich konnte dir helfen!

Bei Fragen kannst du natürlich diese gerne stellen!

LG Max

Kommentar von Spezialmann ,

Bist du dann als Reinigungskraft zur Sozialversicherung gemeldet, oder macht du das "selbständig"?

Kommentar von Maxlehmann7 ,

Ich mache das auf Gewerbeschein, also selbständig.

Kommentar von Spezialmann ,

Wenn ich mir das so durchlese habe ich Zweifel daran, ob das so korrekt abläuft. Wieso solltest du selbständig sein? Was sind die Merkmale deiner "Selbständigkeit"? Du trägst keinerlei Unternehmerrisiko. Du hast keine Investitionen getätigt, musst deinen "Preis" nicht verhandeln, das machen die Kunden und BAT. Sogar das Putzzeug wird dir gestellt. Du machst, so wie ich das gelesen habe, keinerlei Werbung für deine Tätigkeit. Du stellst ausschließlich deine Arbeitskraft zur Verfügung. Noch nicht einmal die Rechnung schreibst du selbst, das macht BAT für dich. Für mich ist das keine Vermittlung von Selbständigen, sondern eine Arbeitnehmerüberlassung.

Kommentar von Spezialmann ,

Ich mache das auf Gewerbeschein, also selbständig.

Die Schlussfolgerung "Gewerbeschein = selbständig" stimmt aber nicht.

Antwort
von Ernsterwin, 49

Grundsätzlich bin ich bei solchen "Angeboten", auf "Gewerbeschein" zu arbeiten immer sehr skeptisch, weill damit oft das Sozialversicherungsrecht umgangen werden soll.

Wenn Du jedoch ein gutes Gefühl dabei hast - rein rechtlich ist das ohne weiteres möglich. Du musst dann nur ordentlich Deine Rechnung legen, Deine Einkommensteuererklärung machen und den Steuerbescheid ggf. auch bei der Krankenversicherung vorlegen, damit diese ermitteln kann, ob sich daraus Nachzahlungen ergeben.

Antwort
von Yulica, 36

Warum antwortet mir denn niemand? Kann man die Frage irgendwie "pushen"?

Antwort
von Yulica, 48

Ist das normal, dass ich noch keine Antworten bekommen habe? :/

Kommentar von Spezialmann ,

Ist das normal, dass ich noch keine Antworten bekommen habe? :/

Ja, denn die Leute sitzen ja nicht vor dem PC und warten darauf, dass endlich mal jemand eine Frage stellt ;)

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