Frage von Adnauseam, 41

Stimmt meine Interpretation von untenstehendem Zitat?

"Von den Göttern vermag ich nichts festzustellen, weder dass es sie gibt, noch dass es sie nicht gibt, noch was für eine Gestalt sie haben; denn vieles hindert ein Wissen hierüber: Die Dunkelheit der Sache und die Kürze des menschlichen Lebens." Von Protagoras

Meine Interpretation: Über Existenz der Götter kann man keine Aussage treffen, da man keine Beweise/Gegenbeweise für ihre Existenz finden kann, da das menschliche Leben zu kurz ist.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Geschichte & Philosophie, 16

Die Interpretation ist wegen Ungenauigkeit nicht vollständig richtig. Die Übersetzung von εἰδέναι mit „feststellen“ ist nicht sorgfältig, das Verb hat nicht diese Bedeutung und wird in dem Satz besser mit „wissen“ oder „erkennen“ übersetzt.

Die Deutung, es sei gemeint, man könne über Existenz der Götter keine Aussage treffen, ist falsch. Über Existenz oder Nicht-Existenz von Göttern/Gottheiten hat es Aussagen gegeben. Protagoras hat nicht eine Unmöglichkeit behauptet, irgendwelche Aussagen zu der Frage zu treffen. Eine solche Behauptung könnte leicht durch tatsächliche Aussagen widerlegt werden (Aussagen können wahrgenommen werden; Unmöglichkeit von Wissen kann nicht einfach mit der Unmöglichkeit bloßer Meinung gleichgesetzt werden). Protagoras vertritt die Auffassung, Menschen könnten kein sicheres Wissen über Existenz oder Nicht-Existenz von Göttern/Gottheiten erreichen.

Diogenes Laertios 9, 51 = FVS DK 80 B 4

περὶ μὲν θεῶν οὐκ ἔχω εἰδέναι, οὔθ' ὡς εἰσὶν οὔθ' ὡς οὐκ εἰσὶν οὔθ' ὁποῖοί τινες ἰδέαν· πολλὰ γὰρ τὰ κωλύοντα εἰδέναι ἥ τ' ἀδηλότης καὶ βραχὺς ὢν ὁ βίος τοῦ ἀνθρώπου.

„Über die Götter kann/vermag ich nicht wissen, weder daß sie sind noch daß sie nicht sind noch wie beschaffen sie an Gestalt sind; denn vieles hindert zu wissen: die Undeutlichkeit/Unklarheit/Unsicherheit/Dunkelheit/Nichtwahrnehmbarkeit (der Sache) und die Kürze des menschlichen Lebens.“

Der Standpunkt, den Protagoras vertritt, ist ein Agnostizismus. Die Erklärung, keine Beweise/Gegenbeweise finden zu können, ist eine zutreffende Interpretation. Von den vielen Umständen, die sicheres Wissen verhindern, werden zwei Begründungen ausdrücklich gegeben, eine auf die Erkenntnisobjekte und eine auf die Erkenntnissubbjekte bezogen:

1) Undeutlichkeit/Unklarheit/Unsicherheit/Dunkelheit/Nichtwahrnehmbarkeit (der Sache)

2) Kürze des menschlichen Leben

Undeutlichkeit/Unklarheit/Unsicherheit/Dunkelheit/Nichtwahrnehmbarkeit (der Sache) kann damit argumentieren, daß es keine Evidenz gibt, weder für noch gegen die Existenz oder Nicht-Existenz von Göttern/Gottheiten. Gedacht werden kann dabei vor allem an Sinneswahrnehmung. Menschen haben keine Sinneswahrnehmung von Göttern/Gottheiten.

Kürze des menschlichen Lebens bedeutet eine Begrenzheit/Beschränktheit der Erfahrung (verhältnismäßig geringer Umfang). Der Hinweis auf das menschliche Leben kann als mit der Aussage über den Menschen als Maß aller Dinge zusammenhängend verstanden werden.

Kommentar von Adnauseam ,

Wow, erst Mal vielen Dank! Ich danke dir auch sehr dafür, dass du deine Übersetzung mit Originaltext belegt hast, das hat das Nachvollziehen viel einfacher gemacht. Ich möchte nur kurz anmerken, dass ich mir davor nicht die Mühe gemacht hatte, den Text selbst zu übersetzten, sondern ihn einfach aus meinem Ethikbuch abgeschrieben hatte. Aber das ändert natürlich nichts daran, dass deine Antwort echt perfekt ist. Nochmals vielen Dank.

Antwort
von tiorthan, 18

Ich finde, für eine Interpretation ist es zu wenig.

OK, du formulierst das Zitat ein wenig um.  Aber zu einer Interpretation fehlt doch irgendwie die Einordnung in das Denken Protagoras und die Zeitgeschichte.

Antwort
von Sala15, 13

Hätte ich jetzt auch so verstanden wie du :)

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