Frage von SevenUP13, 92

Stetige (Über)Fütterung?

Guten Tag, ich reite seit knapp 14 Jahren (vorrangig Dressur). Da ich selbst kein eignes Pferd besitze, sondern lediglich die anderer Leute reite, habe ich mich nie großartig tiefer mit der korrekten Ernährung von Pferden beschäftigt. Doch eine Sache gibt mir in letzter Zeit zu denken: In dem Stall, in dem ich momentan 2 Pferde reite, ist es Gang und Gebe, dass jedes Pferd täglich nach dem Weidegang vom "Stallmeister" (oder wie auch immer die korrekte Bezeichnung lautet) eine Schippe Hafer und/oder Gerste erhält. Auf einem kleinen Täfelchen, welches an jeder Box angebracht ist, können die Besitzer Bemerkungen schreiben; z.B. nur wenig Heu, wenig Hafer, Handvoll Hafer, etc. Oft sehe ich, dass Besitzer ihr Pferd nur ein oder zwei mal pro Woche bewegen - und wenn, dann nicht massiv und mit großer Leistungsanforderung, sondern im normalen Niveau zum Alltagsausgleich. Trotzdem erhält das Tier jeden Tag seine Schippe Getreide - und nach dem Reiten zusätzlich eine Schippe Müsli. Warum ist das so?

Muss ein Pferd auf niedriger Leistungsklasse wirklich immer so zusätzlich gefüttert werden? Wenn ja, warum? Wird bei normaler Fütterung mir Gras, Heu, Gemüse/Obst und Getreide keine entsprechende Nährstoffversorgung erreicht? Ich persönlich dachte immer, dass diese Art des Kraftfutters nur zugegeben wird, um den Energieverbrauch von Pferden, die viel leisten, auszugleichen. Ob das bei Pferden, die rein freizeitmäßig geritten werden, gegeben ist, frage ich mich schon des öfteren. Was wäre denn so schlimm daran zu sagen, man gibt ihnen nur 3 mal die Woche Kraftfutter, oder nur nachdem sie bewegt wurden. Ich sehe nämlich eher dicke und überfütterte Pferde, als magere... So ganz erschließt sich mir das ganze nicht... Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich selbst kein Pferd besitze und mir so der Gedanke "mein Pferd verhungert" fehlt...

Vielen Dank für eure Antworten

Expertenantwort
von friesennarr, Community-Experte für Pferde, 25

Warum der Mensch seine Tiere gerne Füttert ?? Keine Ahnung - viele Denken hauptsache Gefüttert - oder  - alle anderen füttern auch - oder - wenn das Tier frisst ist es gesund - oder was auch immer.

Es gibt Besitzer von Tieren die sind total dünn, aber ihren Tieren wird immer mehr zugesteckt als sie brauche und das Bild vom "gesunden Pferd" in den Köpfen der Menschen ist das dicke Pferd.

Wenn ein Tier normal schlank ist, bekommt man solche kommentare wie - "was machst du denn mit deinem armen Pferd, das ist ja total abgemagert."

Die meisten Ställe die ich kenne haben in der Regel übergewichtige Pferde. Nur die Pferde die tatsächlich auch etliches an Arbeit leisten sind nicht fett.

"So hat man schon immer gefüttert - und das war immer gut" - sagte mal ein Mann zu mir dessen Wallach hochgradig an Rehe erkrankt war. Seine Erfahung über die Fütterung eines Pferdes kam von der Fütterung, die sein Vater bei den Pferden angewendet hat.

Nur die Pferde vom Vater haben schwer gearbeitet im zug, seine waren Freizeitpferde.

Nichtsdestotrotz bekam jedes seiner Pferde jeden Tag ein  Kg Kleie, ein Kg Hafer und ein halbes Kg Rübenschnitz.

Der Wallach wurde eingeschläfert - seine Stute hatte kurz darauf ebenso starke Rehe.

Die Fütterungspraxis in Boxenställen - ist oft eine wahre Katastrophe - die Pferde bekommen morgens und abends etwas Heu und zwischendrin ca. 3 mal am Tag noch Hafer und Pellets. Kommen aber max. 2 Stunden am Tag aus diesen Boxen raus.

Ja - sehr viele Leute überfüttern ihre Pferde (Tiere im allgemeinen).

Einem normalen Freizeitpferd reicht Heu, Stroh, Gras und ein Mineralfutter in der Regel vollkommen aus. Auf diese Fütterung hin kann man 2 Stunden täglich reiten und leichte Arbeit verlangen.

Viele Leute denken ihr Pferd verhungert - schon alleine wenn die Heuraufe mal leer geht - oder ihr Pferd in der Ecke steht und döst. Deinen Eindruck kann ich sehr gut nachvollziehen.

Expertenantwort
von Baroque, Community-Experte für Pferde & reiten, 31

Das ist ein Problem unserer Zeit: Der Mensch ist schon von seinem grundsätzlichen Wesen her so, dass er dazu neigt zu füttern, was ihm lieb ist. Prinzipiell ist das ja eigentlich nicht das Problem. Nur die Sache mit dem Maß halten, ist inzwischen für viele Tiere, egal, ob Hund, Pferd, Katze oder Kanarienvogel problematisch.

Deren natürlicher Lebensraum vermag sie selten zu dick werden zu lassen, weshalb sie ganz natürlich fressen, was sie bekommen.

In Boxenhaltung kommt noch hinzu, dass die Pferde aus Langeweile auch dann fressen, wenn andere sich gegenseitig das Fell pflegen oder miteinander spielen oder einfach nur aufpassen, die Gegend beobachten.

Generell können die allermeisten unserer Pferde von Heu alleine leben, grade, wenn sie nur mäßig arbeiten wie die von Dir beschriebenen. Aber die Menschen können das nicht "sehen", sie wollen ihrs zur Fütterung beitragen. Sie schreiben dem Hafer "Energie" zu. Klar, zugeführte Kalorien geben erst mal Energie, doch wenn diese aufgrund des vielen Stehens gar nicht so richtig verdaut werden und einfach viel mehr sind als das Tier braucht, liegen sie eher schwer im Magen. Der Mensch merkt, dass das Tier keinen großen Antrieb verspürt zu laufen und lässt noch mehr "Energiefutter" geben. Ein Teufelskreis, den ich sehr oft beobachte.

Die Müslis kaufen die meisten wegen der Versprechen, die auf der schön gestalteten Tüte stehen und wegen ihres natürlichen Füttertriebs - dem Pferd selbst was geben können. Stichwort "Belohnung" - nur, dass das Belohnungssystem da nicht so funktioniert, weil über die Sprache nicht transportierbar ist, dass das für vorhin ist. Entweder in dem Moment, wo was toll ist, Keks ins Pferd oder Futterlob ist einfach nicht existent.

Nun könnte man sagen, diese Fütterungsgewohnheiten bringen wenigstens Arbeitsplätze: Herstellung, Transport, Vertrieb, Marketing, ... aber leider eben auch bei den Tierärzten und vielen anderen, die die Folgen behandeln müssen. Dieses Schreckgespenst Fruktan im Weidegras ist ein Beispiel. Vor dem müsse niemand Angst haben, hätten die Pferde nicht alle schon einen Stoffwechselschaden vom vielen Zuckermüsli und Kraftfutter. Pferde, die bereits unter Zivilisationskrankheiten leiden, sind anfällig, das ist richtig. Aber woher sind denn die Zivilisationskrankheiten? Das fängt bei Fohlenaufzuchtmüslis an, geht über die Dosierung des Hafers und endet bei dem "guten" Seniorenmüsli. Auch Karies kannte man beim Pferd praktisch nicht, bevor es Futter in bunten Tüten und Eimern gab.

Kommentar von friesennarr ,

Toll geschrieben. DH :-))))

Expertenantwort
von Sallyvita, Community-Experte für Pferde, 43

In den meisten Ställen wird zuviel gefüttert. Zu viel Kraftfutter, zu viel Müsli, zu viel Möhren und zuviel Leckerlis. Manchmal aus Unwissenheit, Manchmal aus falsch verstandener Tierliebe und manchmal aus Dummheit und Gedankenlosigkeit.

Mit dem Thema Futter setzen sich viele nicht richtig auseinander. Stoffwechselerkrankungen, Rehe, Cushing, EMS und was weiß ich noch was sind dann die Folge. Denn neben dem zu viel an Futter gibt es aufgrund der Bequemlichkeit der Besitzer leider auch ein zu wenig an Bewegung und diese Kombination ist echt ungut.

Unser altes Pony bekommt zum Beispiel gar kein "richtiges" Futter - nur Heu, Stroh, Gras auf mageren Wiesen und wenn alle anderen gefüttert werden 4-5 Möhren in den Trog, damit sie das Gefühl hat, sie geht nicht leer aus. Und trotzdem ist sie, weil leichtfuttrig, ziemlich rund. Mit Kraftfutter würde sie platzen;-) Und es wäre wirklich komplett unnötig und würde nur Erkrankungen begünstigen.

Über Fütterung sind viele nicht richtig im Bilde. Wie viele sind allein schon der Meinung, dass ihr Pferd keinen Hafer darf, weil es sonst wild wird. Als wäre da Aufputschmittel drin. Totaler Quatsch - vor allem wenn sie anstelle dessen dann Pellets füttern in denen auch Hafer drin ist;-))))

Kommentar von Baroque ,

4-5 Möhren für ein Pony? Echt? Seit wir einen EMS Patienten übernommen haben, bekommen unsere Pferde alle paar Monate mal eine in der Küche übrige, die sie sich aufgrund des Zuckergehalts teilen müssen. Da würde ich grad mal so 10 Gramm Sonnenblumenkerne in den Trog werfen - für den Zinkstoffwechsel ;-)

Kommentar von Sallyvita ,

Zum Glück hat unsere alte Dame kein EMS und auch keine sonstige Stoffwechselerkrankung und verpackt die Möhren ohne Probleme. Sie ist fast 30 und topfit.

Kommentar von friesennarr ,

Mit dem Thema Futter setzen sich viele nicht richtig auseinander.

Ein wahres Wort, von 20 Pferdebesitzern kennt vielleicht einer die Verdauung vom Pferd näher.

Unser altes Pony bekommt zum Beispiel gar kein "richtiges" Futter - nur Heu, Stroh, Gras auf mageren Wiesen und wenn alle anderen gefüttert werden 4-5 Möhren in den Trog, damit sie das Gefühl hat, sie geht nicht leer aus.

Die 4 bis 5 Mähren und das ständig Heu ist schon zu viel für Pony.

Kommentar von Sallyvita ,

Da haben wir`s wieder mal - als Besitzer eines Pferdes erliegt man wohl viel zu sehr diesem Fütterungs-Trieb... 

Antwort
von Unwissend123321, 11

Kann den Vorrednern nur zustimmen. Der Mensch macht (nicht nur bei Pferden - schau dich mal im Bereich Hundefutter um...was es da gibt, ist abnormal) bei seinen Tiere das Gleiche, wie bei sich selber. Die Wohlstandsgesellschaft lebt im Überkonsum. Was Aromen, Zusatzstoffe, Fertiggerichte, Fast Food beim Menschen sind die Hightech-Müslis, Vitaminkuren usw. bei Pferden.

Doof formuliert haben Pferde vor 100 Jahren stundenlang aufm Feld gerackert oder im Wald Holz gerückt und bekamen Hafer und Heu zugefüttert, und wurden nicht weniger alt, als die heutigen.

Im Grunde ist die "Fütterung" (oder: Mast?) die viele ihren Tieren aufbrummen Quälerei, bedenkt man, dass laut TSG "niemand einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen/Leiden/Schäden zufüge darf". Die Pferde fressen und stehen sich kaputt. Natürlich sind die Beine mit 10 schon fratze, obwohl das Pferd ja sooo unverbraucht ist und nie viel gearbeitet wurde - sind ja auch Beine, und keine für x tonnen Gewicht ausgerichtete Brückenpfeiler. Aber naja, der gewissenhafte Besitzer weiß auch diese Wehwehchen mit Spezialbeschlag, einbandagieren und diversen Futterzusatzmittelchen zu lösen, ganz bestimmt.

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