Frage von Marialina1991, 81

Sollte ich in diesem Fall ein Arbeitszeugnis nachfordern?

Hi zusammen :)

Ich hab nächste Woche ein Vorstellungsgespräch bei einem Arbeitgeber bei dem ich es mir nicht mal im Traum vorstellen konnte, dass der mich einlädt... Mein absoluter Wunsch-Job!

Nur bereitet mir eins besonders Bauchschmerzen:
Vor ca. 2 Jahren hab ich meinen Job schonmal gewechselt... Und der Arbeitgeber, den ich bis da hatte, war der blanke Horror!

Die Kurzversion: Ich hatte in nicht mal 11 Monaten weit über 300 Überstunden... Selbst errechnet.. Da es keine Zeiterfassung gab, alles "freiwillig" und unbezahlt... Mein Rekord waren 27 Tage Arbeit am Stück, ohne Pause... Da man den Job nicht verlieren will, macht man das am Anfang eben mit...

Mit dem Chef hab ich mich anfangs gut verstanden, ich konnte nicht verstehen, wieso alle sagten, er ist ein Ar.... (Sogar die Kunden teilweise!) Bis ich irgendwann mal seine Wut gegen mich gelenkt hab, weil ich so frech war, zu fragen, ob ich an einem Samstag (der wie immer "freiwillig" (=unbezahlt) war...) frei haben kann, weil ein wichtiges Ereignis anstand... und weil ich mich dann getraut hab, zu sagen, dass das nicht geht, was er da verlangt. Dass ich nicht ganz selbstverständlich monatelang meine Freizeit für die Arbeit opfern kann...

Ja, ab da hasste er mich und ab da behandelte er mich wie Dreck und ich wusste endlich, was alle mit Ar... meinen...

Ich komm zum Ende der Story: Ich hab angefangen, mich zu bewerben und Dienst nach Vorschrift zu machen... Kein Deut mehr als ich musste.... Der Chef war wütend und die Kündigung kam... (nicht mal fristgerecht... Aber war mir auch recht... Hauptsache weg!)

Im Kündigungsgespräch sagte er: "Ich bitte Sie aber, Ihren Resturlaub nicht zu nehmen, sodass sie Ihren Nacholger noch einlernen können! Wenn Sie ihren Urlaub nicht mehr nehmen, bekommen Sie auch ein gutes Arbeitszeugnis!" (Haha, erst schnellstmöglich rausschmeißen und dann wollen, dass ich weiter acker!) Selbstverständlich hab ich meinen Urlaub (von dem noch viel übrig war!) vollständig genommen....

So... Ich hab direkt nen neuen Job bekommen und hab das Arbeitszeugnis (welches unter diesen Umständen ja schlecht ausfallen sollte) nie bekommen und habs auch nicht angefordert...

Aber jetzt bewerb ich mich eben wieder und es wäre natürlich sehr von Vorteil!
Jetzt meine Fragen:

♦ Würdet ihr es nachfordern? Es wird vermutlich schlecht ausfallen... Wenn ichs nicht mache, kann ich wenigstens sagen, ich hab nie eins bekommen... Wäre das nicht besser als ein schlechtes?

♦ Wenn ja: Wie? Ich werde definitiv eine Mail schreiben, weil ich mit diesem Menschen kein Wort mehr wechseln möchte... Geht einfach nicht... Aber was soll ich schreiben? Freundlich und lieb sein (in der Hoffnung auf doch noch ein gutes Zeugnis) oder fordernd?

Sorry für den langen Text, danke fürs lesen und für eure Antworten! :)

Antwort
von Samika68, 32

Es besteht Deinerseits auf jeden Fall ein Anspruch auf ein Arbeitszeugnis - normalerweise bekommt man das auch ohne besondere Aufforderung.

Du hast die Möglichkeit, Dir erst einen Entwurf des Zeugnisses zeigen zu lassen - und es notfalls ausbessern zu lassen.

Achte darauf, dass es wirklich ein qualifiziertes Zeugnis ist - also, nicht nur eine Tätigkeitsbeschreibung, sondern auch Leistungsbeurteilungen enthält.

Nur aus persönlichen Gründen ein schlechtes Zeugnis auszustellen ist nicht nur unprofessionell, sondern auch unrecht.

Du kannst darauf bestehen, ein "wohlwollendes" Zeugnis zu bekommen - es darf Dich an einer neuen Einstellung/Stellensuche nicht hindern!

Alles, was über die Schulnote "befriedigend" geht, muss vom AN nachgewiesen werden - Du solltest also belegen können, dass Du überdurchschnittliche Leistungen erbracht hast.

Einfach eine schlechtere Beurteilung aus persönlichen Gründen muss der Chef außen vor lassen!

Schlimmstenfalls bekommst Du also ein Zeugnis mit der Note "3".

Manchmal darf man sogar selbst ein Zeugnis schreiben, welches der Chef dann nur noch unterschreiben muss - vielleicht ist das in Deinem Fall eine Alternative?

Viel Glück!

Kommentar von Marialina1991 ,

Vielen Dank für die Antwort und die Meinung :)

Wenn er mir anbietet, dass ich das Zeugnis selbst schreiben darf, würde ich das Angebot mit Handkuss annehmen! Ich hab mal gelernt, wie man Arbeitszeugnisse schreibt... Und mit etwas Hilfe sollte ich das hinbekommen :)

Antwort
von stefan1531, 25

Du hast einen rechtlich begründeten Anspruch auf ein Arbeitszeugnis - und zwar auf ein "wohlwollendes". Das bedeutet, es darf nichts Negatives drin stehen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitszeugnis#Gesetzlicher\_Anspruch\_in\_Deutsch...

Fordere Deinen Ex-AG auf, Dir ein Arbeitszeugnis innerhalb der nächsten 10 Tage zuzustellen.

Fällt dieses nicht "wohlwollend" aus, sendest Du es ihm zurück und verweist auf §109 der GewO.

Du kannst auch einen Anwalt für Arbeitsrecht einschalten, wenn Du nicht weiterkommst. Die Kosten hierfür betragen meist 1/3 des Streitwertes. Als Streitwert wird i.d.R. das 3-fache Monatsgehalt zugrunde gelegt. Sprich: der Anwalt berechnet ein Monatsgehalt als Anwaltsgebühr; diese Kosten werden zu je 50% auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber verteilt.

Andere Möglichkeit: wenn das Zeugnis nicht in Ordnung ist, formulierst Du es so um, wie Du es gerne haben möchtest und reichst es zur Unterschrift ein mit dem Hinweis auf o.g. Paragraphen.

Das ist aber nur etwas für Geübte.

Kommentar von Marialina1991 ,

Danke :) Das mit dem wohlwollend ist ja immer so ein Problem... Jemand, der sich auskennt, kann da ja auch Hinweise rein verstecken usw.... Das macht mir ein wenig Sorgen...

Ich habs ja selbst schon erlebt, wie er das bei einem anderen Ex-Mitarbeiter gemacht hat...

Aber ich versuchs jetzt glaube ich erst mal... Vielleicht passieren ja doch noch Wunder.... (Ich bin schließlich auch die einzige, die nach der Kündigung noch ihr letztes Gehalt bekommen hat)

Kommentar von Nightstick ,

Wenn Du einen eigenen Entwurf einreichst (den der Ex-Arbeitgner natürlich nicht akzeptieren muss), solltest Du dies nur nach Verifizierung durch diese Ratgeber-Community tun!

Grundsätzlich musst Du für jede (!) berufliche Tätigkeit ein Zeugnis haben, denn es beweist die Einträge in Deinem Lebenslauf.

Antwort
von Wiesel1978, 38

Meines Wissens steht Dir von Gesetzes wegen ein Arbeitszeugnis zu. Diese lustigen Zettel enthalten oftmals Formeln, die man im Internet erlesen kann, weil, darf ja nichts negatives drin stehen.
Ich würde also an Deiner Stelle das Zeugnis anfordern (freundlich) und wenn der Inhalt von Deiner Sichtweise abweicht, erst schriftlich anmahnen, ehe Du Dich mit einem Gericht befasst.
Ich hatte auch mal ein Zeugnis bekommen, dass ging dann 3-4 mal zurück zur Personalabteilung, weil es immer wieder Rechtschreibfehler und/oder Logikfehler gab (es begann mit Frau Klaus Müller (Name geändert))

Kommentar von Marialina1991 ,

Vielen Dank für die Antwort Frau Klaus Müller ;)

Eigentlich wollte ich nie wieder in Kontakt mit diesem Menschen kommen... Deshalb hoffe ich jetzt mal, dass es NICHT 3-4 mal noch hin und her geht...

Kommentar von Wiesel1978 ,

Ich drück Dir die Daumen, vllt hast Du ja eine positive Erinnerung an Dein Ex AG "Das Zeugnis ging fix". Alles Gute Deine Frau Klaus Müller _lacht_

Kommentar von Marialina1991 ,

Das mit der positiven Erinnerung könnte hinhauen. Mein Ex-Chef ist 4 Wochen im Urlaub und sein Sohn (der ist um einiges netter!), welcher inzwischen auch GF ist, erstellt mir eins :)

Kommentar von Wiesel1978 ,

Hach, kann das Leben schöner sein (ich hoff einfach mal dass Du gesund bist) 👍😉

Antwort
von Mojoi, 39

Tja... bis auf die Sache mit dem Zeugnis hast du das damals richtig gemacht. Für den verschenkten Urlaub hättest du nicht mal ein Dankeschön bekommen, und das Zeugnis wäre dennoch mittelmang ausgefallen (Zeugnisse schreiben ist nichts Triviales. Und wer sich als Chef im Tagesgeschäft so inkompetent verhält, der kriegt erst recht kein vernünftiges Zeugnis hin).

Damals hättest du ein nicht qualifizierendes Zeugnis einfordern sollen. D.h., nur Beschäftigungsdauer, Aufgabenbereich, sonst nichts. 

Versuche es jetzt. Du hast zwar ein Anrecht drauf - und er kann die Zeugniserstellung auch nicht an irgendwelche Bedingungen knüpfen. Aber er wird sich um diese lästige Aufgabe winden, und es wird ein Dicke Bretter Bohren, bis du es endlich bekommst. Und dann wird es garantiert voller Fehler sein. Und das Bretter Bohren geht weiter...

Versuche es. 

Kommentar von Marialina1991 ,

Danke für die Antwort :)

Ja, ich weiß... Das hätte ich damals einfordern sollen... Aber dort war ich einfach nur froh, dass ich weg bin und dachte dann ganz naiv: "Ach.... wegen den 11 Monaten... Ich hab ja nicht vor, so schnell den Job wieder zu wechseln... Da juckt das keinen..."

Joa... Aber die Umstände ergeben es eben, dass ein Wechsel jetzt sinnvoll ist... Und jetzt bereu ichs...

Er weiß leider, wie man schlechte Zeugnisse erstellt... Als ich mich noch mit ihm verstanden habe, hatte er das Thema gerade mit nem anderen Ex-Mitarbeiter (meinem Vorgänger) und hat dann ganz stolz (wie ein Schuljunge, der gerade was ausgefressen hat und nicht erwischt wurde) erzählt, dass er ihm versteckte Hinweise eingebaut hat, wie schlecht er arbeitet und was weiß ich...

Mir grauts echt vor dem Zeugnis...

Kommentar von Mojoi ,

Deswegen nur ein nicht qualifizierendes Zeugnis einfordern. Beschäftigungszeit, Berufs- / Aufgabenbezeichnung. Sonst nichts.

Kommentar von Nightstick ,

Dieser Rat ist mit größter Vorsicht zu genießen!

Das macht man nur im äußersten Notfall, denn immer dann, wenn kein qualifiziertes Arbeitszeugnis vorliegt, vermutet man automatisch, dass sich die Vertragspartner im Streit getrennt haben.

Das kann leicht dazu führen, dass man gar nicht erst zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird.

Kommentar von Mojoi ,

Ich denke, das ist so ein Notfall. Ein qualifiziertes Zeugnis wird nie im Leben angemessen sein.

Und ein nicht qualifizierendes Zeugnis ist immer noch besser als gar keines. Dass hier was im Argen kag, ist offensichtlich. Sollte man in diesem Falle ausnahmsweise auch mal - sachlich - sagen können.

Kommentar von Nightstick ,

Ich bewerte dies allerdings nicht als solch einen Notfall. Hier wird man sich ein qualifiziertes Zeugnis erstreiten können.

Kommentar von Marialina1991 ,

Danke ihr lieben auch nochmal für eure Meinungen - auch wenn die sich in dem Fall widersprechen.

Ich könnte Glück haben. Wie im anderen Kommentar geschrieben, bekomm ich eins vom Sohn meines Ex-Chefs. Der ist viel freundlicher, inzwischen auch GF und kann seinen Vater genau so gut leiden wie ich ;)

(Ein Hoch auf die Urlaubszeit! Der andere ist 4 Wochen im Urlaub, deshalb dieses Glück!)

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