Frage von Jessicalein, 50

Sind tachykardien nur gefährlich wenn sie in der Kammer entstehen?

Antwort
von garfield262, 30

Moin,

nein, Tachykardien jeglicher Art können gefährlich sein. Das Risiko, welches von einer Tachykardie ausgeht, hängt maßgeblich von deren Genese sowie den Begleitumständen ab. Gerade Patienten mit eingeschränkter (kardialer) Reserve sind gefährdet, durch die plötzliche Mehrarbeit und den dadurch massiv steigenden kardialen Sauerstoffverbrauch ein akutes Herzversagen zu erleiden.

Dies trifft jedoch nicht nur auf kardiale Risikopatienten zu: Auch junge, sonst gesunde Menschen, welche z.B. aufgrund eines WPW-Syndroms Phasen der Tachykardie erleben, können innerhalb kurzer Zeit dekompensieren und sogar möglicherweise ein Kreislaufversagen erleiden. Das klingt jetzt zwar besorgniserregend, tritt jedoch glücklicherweise vergleichsweise selten auf.

Konnte ich deine Frage soweit verständlich beantworten oder ist noch etwas offen? In dem Fall frag gern nochmal nach.

Lieben Gruß ;)

Kommentar von Jessicalein ,

Dankeschön für die Antwort, hab ich leider erst jetzt gesehen. das heißt auch ein wpw Syndrom kann ggf. gefährlich werden ?

Kommentar von garfield262 ,

Nun ja, das WPW-Syndrom an sich beschreibt nicht die Tachykardie im engeren Sinne. Ich weiß nicht auf welchem Kenntnisstand du bist, vermutlich bist du selbst vom WPW-Syndrom betroffen und wirst daher auch ein paar Informationen eingeholt haben, dennoch werde ich ein paar Worte hierzu verlieren.

Normalerweise sind Muskulatur von Vorhof und Kammer, welche beide elektrisch leitend sind, durch das sogenannte Herzskelett voneinander getrennt. Das Herzskelett ist eine relativ steife fibröse Struktur, in welcher u.a. die Segelklappen verankert sind. Die einzige physiologisch elektrisch leitende "Brücke" zwischen Vorhof- und Kammerebene ist der AV-Knoten. Das WPW-Syndrom gehört zu der Gruppe der sogenannten "Präexitationssyndrome" (wie z.B. auch das eher seltene Lown-Ganong-Levine-Syndrom). Dabei gibt es an unterschiedlichen Stellen eine krankhafte elektrische Brücke zwischen Vorhof und Kammer, welche sozusagen einen Kurzschluss darstellt. Diese kann unterschiedlich ausgeprägt sein, man unterscheidet z.B. zwischen Kent-Bündel und Mahaim-Faser. Es gibt noch weitere Differenzierungen, die allerdings hier keine Rolle spielen.

Das WPW-Syndrom an sich verläuft weitestgehend symptomfrei, oft wird es als Nebenbefund in einer EKG-Diagnostik entdeckt, da es charakteristische Veränderungen der normalen Erregungsausbreitungen verursacht. Fällt allerdings bspw. eine Extrasystole in die normale Herzaktivität ein, kann diese zusätzliche (akzessorische) Leitungsbahn zu kreisenden Erregungen und damit zu massiven Tachykardien führen. Manchmal enden diese Tachykardien spontan, es kommt allerdings auch vor, dass sie medikamentös durchbrochen werden müssen.

Wenn man also nach den Definitionen geht, ist das WPW-Syndrom an sich ungefährlich. Gefährlich kann u.a. eine AV-Reentry-Tachykardie sein. Da diese u.a. aus einem WPW-Syndrom heraus entstehen kann, könnte dieses selbst indirekt auch ein Risiko darstellen. Es gibt WPW-Patienten, welche nie eine tachykarde Episode erlebt haben, es gibt aber auch welche, die mehrere dieser Episoden in kurzen Intervallen erleiden und dabei sogar massive Kreislaufprobleme bekommen. In diesem Fall wäre eine bedarfsgesteuerte medikamentöse Rhythmuskontrolle, bspw. mit Ajmalin oder, in letzter Instanz, sogar eine kathetergestützte Ablation der krankhaften Leitungsbahn indiziert.

Konnte ich dir damit soweit helfen oder sind noch Fragen offen? Ansonsten frag gern nochmal nach.

Lieben Gruß ;)

Kommentar von Jessicalein ,

ja genau, ich hab selber das wpw Syndrom. und das Problem dass ich nicht joggen, feiern etc. kann, da ich sonst total Herzrasen bekomme, was wirklich unangenehm ist. anfangs dacht ich das Herzrasen kommt von Sport Mangel, aber da es vor 2 Jahren einfach plötzlich aufgetreten ist und ich vorher immer ohne Probleme joggen, Treppen steigen usw konnte, bin ich dann zum Arzt gegangen, der mir dann gesagt hat, dass ich das wpw Syndrom habe. Ich möchte halt trotzdem joggen gehen, auch mal feiern und alles, aber da es mir dann immer schnell schlecht geht, hab ich Bedenken, dass es gefährlich werden könnte(vor ungefähr einem Jahr bin ich einmal ohnmächtig geworden nach dem Joggen). Mein Arzt meinte aber, dass die Tachykardien ungefährlich sind ( beim joggen war mein Puls bis 220) Ich glaube meinem Arzt schon, aber es fühlt sich wirklich manchmal echt krass an, sodass ich denke ich Fall im nächsten Moment um. Ich Danke dir aber für deine Antwort :)

Kommentar von garfield262 ,

Nun, Tachykardien dürfen nicht per se als ungefährlich bezeichnet werden. Eines der größten Probleme ist, dass der Sauerstoffverbrauch des Herzmuskels massiv steigt. Wenn nun zusätzlich irgendein Strombahnhindernis im Bereich der Herzkranzgefäße besteht, kann es zum akuten Sauerstoffmangel im Herzgewebe kommen. Dies ist bei jungen Menschen allerdings eher selten der Fall. Gefährlich sind da eher Synkopen, wie du sie beschrieben hast. Synkopen sind Bewusstlosigkeiten, die auf eine Sauerstoffunterversorgung des Hirns durch unzureichende Kreislauffunktion zurückzuführen sind. Bei extremen Tachykardien kann es zum sogenannten Pulsdefizit kommen, dabei entspricht nicht mehr jeder Herzschlag einem Blutauswurf in die Gefäße. Auch weitere Effekte, die ich jetzt allerdings unerwähnt lasse, kommen dabei zum Tragen. Diese Umstände führen letztendlich in die Synkope.

Die Gefahr besteht in der Synkope selbst, da sie durch den Sturz Sekundärverletzungen nach sich ziehen kann. Außerdem ist jede Bewusstlosigkeit erstmal ein kritischer und bedrohlicher Zustand. Daher sollten Risikofaktoren, die hierzu führen könnten, eher vermieden werden.

Wie bereits gesagt, es gibt auch die Möglichkeit, diese zusätzlichen Leitungsbahnen durch eine sogenannte Katheterablation zu entfernen. Diese ist allerdings ein Verfahren, welches erst nach gründlicher Abwägung und Aufklärung über Nutzen und Risiken erfolgt. Ob dieses Verfahren für dich in Frage kommt, könntest du ja mal mit deinem Hausarzt besprechen, dieser wird dich dann dahingehend beraten oder ggf. sogar an einen Kardiologen/Elektrophysiologen überweisen, welcher dir dann als Experte auf diesem Gebiet weitere Informationen hierzu geben kann.

Ich hoffe, dass ich dir damit etwas helfen konnte.

Alles Gute dabei und lieben Gruß ;)

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