Frage von Bariumbromid, 69

Sind nicht Vergleiche die Quelle der Unzufriedenheit?

Guten Abend

In letzter Zeit habe ich mich ein wenig mit Platons Höhlengleichnis beschäftigt, und ich bin auf folgende These gekommen: Unzufriedenheit entsteht durch Vergleiche. Jetzt, auf das Höhlengleichnis bezogen in dem Sinne, dass, wenn jemand etwas nicht kennt, er es auch nicht vermissen würde, also zum Beispiel jemandes Freunde mehr Zeit untereinander als mit ihm verbringen, dieser diese Situation als scheinbar zweifellose Erkenntnis ansieht, dass seine Freunde ihn nicht wirklich mögen würden, er aber in Wahrheit bloss eine eigene Version dieser Geschichte daraus substriert, also bloss den Vergleich zu seinen Freunden, die scheinbar (nur untereinander) Spass haben, sieht und ihn mit seiner eigenen Vorstellung von Freundschaft vergleicht, und somit unzufrieden ist, so quasi nach dem Motto "Was man nicht kennt, das man nicht vermisst". Oder, um auf ein einfacher gefasstes Beispiel zurückzugreifen, habe ich in einer Statistik gelesen, die besagen soll, dass jemand dann mit seinem Lohn zufrieden sei, wenn er höher als jener seines Nachbars beträgt, folglich aber einer unzufrieden aus diesem Vergleich hervorgehen muss. Sind also nicht Vergleiche die Quelle der Unzufriedenheit, auch wenn diese noch so ins Unbewusste verdrängt werden, um nach aussen ein scheinbar perfektes Gesellschaftswesen darzustellen?

Tut mir leid für die etwas komplizierte Satzstellung, hoffe aber, dass diese keine Probleme beim Lesen darstellen :)

Antwort
von Hamburger02, 14

Genau so ist es. Der "Normalmensch" beurteilt seine eigene Lage in der Regel im Vergleich zu seiner Umwelt und zieht daraus seine Schlüsse.

Schönes Beispiel: vor 1990 waren in DDR die Menschen überaus glücklich, die einen Trabbi zugeteilt bekamen, weil die Umwelt gar kein Autos hatte. Nach dem Mauerfall wollte plötzlich niemand mehr einen Trabbi haben, weil die neue Umwelt Westautos fuhr.

Die Philosophie bietet einen Ausweg an, den leider nicht viele nehmen: "Erkenne dich selbst!". Dieser Leitspruch führt von einer relativen Beurteilung zu einer absoluten Beurteilung.


Antwort
von michi57319, 32

Man muss sich nicht zwingend mit anderen vergleichen, um diese Theorie als wahr zu erkennen. Meist reicht ein Rückblick in die eigene Geschichte.

Ich zum Beispiel kenne mich als jemanden, der 33 Jahre lang ohne Hund gelebt hat. Dann hatte ich einen. Letztes Jahr wurde sie krankheitsbedingt gestorben. Das Leben nach dem Hund kann nicht an das Leben vor dem Hund anknüpfen, es besteht eine erhebliche Indifferenz in der Lebensqualität.

Vor dem Hund wußte ich natürlich nicht, was mir nach dem Hund fehlen würde.

Noch leben meine Eltern. Ich habe keine Ahnung von dem Schmerz, den der Tod auslösen wird. Doch, eine leichte. Und doch wird es gemäß dem Höhlengleichnis nie wieder so sein, wie es jetzt ist.

Selbstverständlich liegt es immer an der Haltung des Betrachters der jeweiligen Situation, aber das Gleichnis ist auch ein Sinnbild für Panta Rhei. Alles fließt und nichts bleibt ewiglich so, wie es war.

Unzufriedenheit, oder Zufriedenheit, ist auch eine Frage der persönlichen Haltung, aber eben nicht nur. Zumeist sind es die bisherigen Lebensbedingungen, die sich jedoch ändern.

Veränderungen sorgen für Unzufriedenheit und für Zufriedenheit gleichermaßen, je nach Standpunkt.

Kommentar von Bariumbromid ,

Das einzige, das vermutlich immer gleich bleiben wird, was nicht dem Gesetz des Panta Rhei unterliegt, ist, dass man weiss, dass man nichts weiss...

Kommentar von michi57319 ,

Wohl wahr. Wir denken immer, viel zu wissen und stehen doch immer wieder ratlos und hilfesuchend an der nächsten Kreuzung des Lebens. Interessant, daß diese Lücke durch die Religionen zu schließen versucht wurde und wird.

Kommentar von Hamburger02 ,

Eines würde ich noch ergänzen: Die einzige Konstante ist die Veränderung.

Antwort
von berkersheim, 12

Gegen komplizierte Satzstellung hilft, einfachere Sätze zu machen. Das ist eine gute Übung, die auch schult, komplexere Satzkonstruktionen überschaubarer aufzubauen.

Mir scheint, Du wirfst zwei, eigentlich sogar drei oder vier Aktivitäten in einen Topf. Das eine ist das Vergleichen (1). Das ist ja zunächst einmal nur ein Nebeneinanderhalten. Das zweite ist das Bewerten (2), d.h. in Bezug auf eine Absicht, auf ein Ziel wird bewertet, was günstiger, zielführender ist. Das dritte ist die persönliche Identifikation mit der Bewertung (3), d.h. die Bewertung gilt nicht nur einem äußeren, meine Person wenig berührenden Ziel, sondern streift im Urteil auch mich. Als viertes kann man als Steigerung von (3) noch anfügen, dass sich die Bewertung von der Einzelfrage löst und in mein zentrales Selbstwertgefühl trifft, mich selbst in meinem Selbsturteil.

(1) und (2) sind Schritte einer professionellen Entscheidungsfindung. Unser ganzes Leben ist eine Aneinanderreihung von Problemen, zu deren Lösung eine sachgemäße Bewertung und Entscheidung unerlässlich sind. Wir vergleichen und bewerten immer. Das ist ein Überlebenskonzept wie Atmen und Wasser trinken. Aus der Sinnhaftigkeit unserer Vergleiche und Bewertungen lernen wir. Auch dass wir uns für Ideen engagieren und manche Bewertungen in diesem Licht uns persönlicher berühren ist noch kein Problem, solange wir diese Bewertung und unser Selbstbild auseinander halten können. Solange wir andere Bewertungen sachlich prüfen können und nicht als persönlichen Angriff sehen, entsteht daraus keine Gewalt. Solange wir sogar die Freiheit der Meinungen höher stellen können als die Durchsetzung nur der unseren, sind wir kooperations und kompromissfähig.

Ein Problem des Zerstörerischen entsteht erst, wenn das Selbstwertgefühl mit hineingezogen wird, wenn eine Einstufung meiner Person mit diesen Bewertungen verknüpft wird, dann treten Abwehrhaltungen auf: Abkapselung, Neid, Ausgrenzen, Schlechtreden, Niedermachen, Hass und Zerstörungswillen. Solche Minderwertigkeitsgefühle können sich nach außen und nach innen richten. Beides zerstört letztlich die eigene Person, weil man immer wieder dem Minderwerigkeitsgefühl Nahrung gibt. Manche Philosophen hören es nicht gern: Wer Platons Höhlengleichnist genau liest, spürt einen Hauch von Minderwertigkeitsgefühl, von ausgrenzender Identität, was aber in der Konstruktion des Gleichnisses angelegt ist. Jetzt war in der Antike die Ungleichheit von Menschen kein Tabu. Darum gibt es in Platons Idealstaat auch die mächtige Kriegerkaste, was signalisiert, dass man sich auch dort gegen äußere (und innere??) Feinde wehren muss. Ideal heißt hier nicht Weltfrieden! In diesem Traum gehen wir heute weit über Platon hinaus.

Antwort
von NichtZwei, 12

Absolut, Vergleiche und Beurteilungen sind die Wurzel fuer Leid! Alles im Leben ist immer wieder neu, der Moment hat diese heilige Einzigartigkeit, die nicht wiederholbar ist. Alles ist einzigartig. Wenn du das weisst oder erkannt hast, dann macht es keinen Sinn, Vergleiche oder Beurteilungen anzustellen. Du machst das ja auch nicht, sondern dein Verstand erzaehlt dir, dass er das oder jenes ja schon kennt oder nicht kennt und will dich schon mal vorbereiten. Aber man kann sich nicht vorbereiten, das Leben ist immer wieder neu, aber der Computer dort oben kapiert das nicht, weil der Verstand immer Vergleiche anstellt, ob du es willst oder nicht, er sieht auf der Festplatte nach, ob so etwas aehnliches schonmal passiert ist, und will dich vor Schaden bewahren. Der Nachteil, der daraus entsteht, ist, dass die Gedanken vom Verstand ziemlich nerven und dir das Erleben des Jetzt total versaut, du lebst dann in einer Art Illusion der Gedanken. Die Stimme im Kopf ist sehr hartnaeckig und gibt nie Ruhe. Es ist sogar so, dass die meisten Menschen ihren Verstand mit sich selbst verwechseln und dem Gebrabbel glauben schenken, deswegen die Depressionen und das Leid. Wenn du jeden Moment volllkommen geniessen wuerdest, haettest du gar keine Zeit auf deinen Verstand zu hoeren, aber das waere in einer idealen Welt. Was ich eigentlich sagen wollte: Misstraue deinen Gedanken, denn sie beluegen dich pausenlos! Alles Gute!

Antwort
von Ninni381, 13

Hi! Insgesamt würde ich dir bezüglich deiner These schon Recht geben. Auf Situationen, welche sich eins zu eins miteinander vergleichen lassen, trifft dies sicherlich zu. Dennoch glaube ich, dass es doch noch weitere Ursachen für das nagende Gefühl der Unzufriedenheit gibt.

Ein Freund zum Beispiel schnitt letztens als Leistungsbester in der Prüfung mit der Note 2 ab. Statt sich nun völlig verdient darüber zu freuen, ärgert er sich ziemlich doll über die 2, weil er eigentlich eine 1 erzielen wollte. Im direkten Vergleich waren aber alle anderen eindeutig schlechter als er.

Ich zum Beispiel scheue Vergleiche mit anderen prinzipiell aus dem Grunde, weil man für einen wahren Vergleich auch die jeweiligen Voraussetzungen des anderen kennen muss. Passen diese nicht- was genau will ich dann vergleichen? Ich bin ungefähr in Paris Hiltons Alter; doch kann ich nur deswegen ernsthaft auch neidisch auf ihren Lifestyle sein...:-)

Wer sich, statt auf gesunde Selbstreflexion und all die Möglichkeiten zur generellen Verbesserung des eigenen Lebens, viel lieber auf den Neid auf andere Menschen konzentriert und sich nur an anderen misst, statt an den eigenen Maßstäben, den würde ich missgünstig und ignorant nennen.

Antwort
von MrMiles, 32

Auf das von dir genannte Themengebiet trifft das auf jeden Fall zu.

Allerdings müssen Vergleiche nicht ausschließlich negativ behaftet sein. Es kommt halt immer darauf an, auf welcher Seite der Toilettentür man steht.

Für den, der aufs Klo muss, sieht es im Vergleich zu dem, der auf dem Klo ist, schlecht aus. Für den, der auf dem Klo sitzt, sieht es im Vergleich zu dem vor der Tür, gut aus.

Vergleiche können als auch Zufiredenheit bringen.

Kommentar von Bariumbromid ,

Gutes Argument, aber um jetzt noch Kants kategorischen Imperativ zu involvieren, müsste der Vergleich dem Wohl der Allgemeinheit entsprechen, oder der Sinn/Zweck des Vergleichs ein allgemeines Gesetz werden können. Klar, sieht es für den, der bereits im Vergnügen eines Stuhlgangs ist, während ein anderer auf der anderen Seite der Türe steht, rosiger aus, aber, um wieder auf Kant zurückzukommen, stünde dann der (ich sag jetzt mal Egoismus, obwohl es in diesem Fall nicht wirklich zutreffend ist) für die Menschheit an sich, was wiederum auch wieder auf jeden angewandt werden könnte, das heisst du könntest der Stuhlgänger aber auch der Leidende an der Türe sein, was dir wahrscheinlich auch nicht wahnsinnig belieben würde.

Kommentar von MrMiles ,

Kants Impterativ spiegelt sich in deiner Argumentation genausowenig wieder. Evtl. ist das ja schon die Lösung deines Geddankengangs.

Vergleiche dienen schon immer dem Überleben der Menscheit.

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