Frage von PeterLustig1999, 23

Sind meine Entscheidungen bezüglich Personen, mit denen ich schreiben will, falsch?

Guten Abend.

Zur Zeit fühle ich mich etwas einsam, weil ich mich eigentlich nie wirklich mit jemandem unterhalte und auch nie wirklich mit Jemandem schreibe. Irgendwie will auch keiner mehr mit mir schreiben. Also wollte ich tun, was ich immer tu, wenn ich mich so fühle, nämlich Leute in Messengern kennen lernen.

Kurz vorab möchte ich für all diejenigen anmerken, die meinen, ich sollte lieber auf die Straße und Leute kennen lernen. Ich als Person bin eher introvertiert. Eigentlich rede ich nie wirklich und ich initiiere auch kaum Konversationen. Aus irgend einem Grund rede ich nicht gerne mit anderen Menschen, die ich nicht kenne, zumal es mir auch unglaublich schwer fällt, meine Meinungen, Gedanken oder Gefühle oder grundsätzlich irgendetwas mündlich zum Ausdruck zu bringen. Es ist nicht so, dass ich sonderlich schüchtern bin, zumindest nicht mehr, es ist einfach nur so, dass ich ein stiller Mensch bin und es mir nur schriftlich leicht fällt, mich auszudrücken.

Auf jeden Fall nutze ich dann oft irgendwelche Kontaktbörsen oder dergleichen, aber ich finde dort immer weniger Personen, die mich wirklich ansprechen oder die mir sympathisch vorkommen. Die Hälfte will die Anonymität der Messenger, die ich nutze, für irgendwelchen Sexchat nutzen und die andere Hälfte... Naja...

Oftmals besitzen andere Menschen in meinem Alter, das heißt so von 15 - 19 Jahren, einen Schreibstil, der mir beim Lesen fast Schmerzen bereitet. Keine Unterscheidung zwischen ein, eine und einen, keine Unterscheidung zwischen das und dass, oftmals werden nicht mal Punkte oder Kommata genutzt und die wenigen Personen, die ich anschreibe und die dann größtenteils nur mit irgendwelchen Abkürzungen schreiben, anstatt das nicht vorhandene Zeichenlimit auszunutzen, sind mir auch nicht wirklich sympathisch.

Auch kann ich es, gerade beim Anschreiben von Mädchen, nicht leiden, wenn man am Profilbild schon erkennt, wie künstlich die Person sich macht. Das gilt nicht für alle Mädchen, oft trifft man auch welche, die diesen Trend nicht verfolgen, aber wenn ich ein Mädchen sehe, dass nicht weiß, dass es ein "zu viel" beim Make-Up gibt, oder dass auf irgendeine Art und Weise einfach künstlich aussieht, da habe ich keine Lust, wirklich mit zu schreiben. Auch diese Menschen kommen mir einfach nicht sympathisch rüber und auch wenn es vielleicht falsch klingt, auf persönlichen Erfahrungen beruhend möchte ich mit den Menschen, die nicht einmal authentisch wirken, nichts zu tun haben.

Nur stellt sich mir da die Frage, wenn jeden Tag ca. 500 neue Kontakte oder dergleichen in der Kontaktbörse auftauchen, wieso finde ich dann in einer ganzen Woche nicht eine Person, bei der ich mir denke, dass man mit ihr schreiben könnte? Schränke ich mich selbst so ein? Ist es falsch, so detaillierte Vorstellungen von den Menschen zu haben, mit denen man zu tun haben will? Kennt Jemand vielleicht auch andere Möglichkeiten, freundliche Menschen in meinem Alter (17 Jahre) kennen zu lernen?

Gruß

Antwort
von Minionne, 10

Hallo, gleich vorweg: Ja du schränkst dich zu stark ein. Und ja, ich denke es ist falsch so detaillierte Vorstellungen zu haben, denn Du kannst nur enttäuscht werden. Du hast genaue Vorstellungen wie ein Mensch zu sein hat, wieviel Make-up, verwendet werden darf, du urteilst wie echt Echt oder Unecht jemand ist. Wieso fällt es Dir so schwer direkten Kontakt mit den Menschen zu haben? Vielleicht weil auch Du nicht perfekt bist? 

"Nimm die Menschen wie sie sind, es gibt keine anderen" es ist nur ein Sprichwort, aber es hilft unheimlich wenn ich mich auch mal über diesen oder jenen aufrege. 

Wie kommst du denn mit Dir selber klar?

Ist es nicht gerade auch die bunte Vielfalt die das Leben interessant macht? Wären wir alle perfekt, wo ist die Weiterentwicklung? Lernen wir nicht unser ganzes Leben lang vor allem aus dem "unperfekten"?

Ich kann Dir nur empfehlen, steig vom Pferd auf die Erde und begegne den Menschen auf Augenhöhe und sieh ihnen direkt in die Augen. Nicht auf irgendwelchen Internetplattformen, denn hier entgehen Dir die feinen Nuancen des Menschseins.

Kommentar von PeterLustig1999 ,

Hallo.

Danke für die Antwort. Leider muss ich nur dazu sagen, dass ich nie wirklich gelernt habe, mich mit etwas zufrieden zu geben, weil es nichts Besseres gibt. Meiner Meinung nach führt das nur zu negativen Konsequenzen.

Ein Beispiel aus einem anderen Themenbereich: Überwachung im Netz. Jederzeit können Agenturen wie die NSA oder der BND sämtliche Daten einsehen, die sie brauchen. Jeder Traffic, den ich verursache, wird in irgend einer Art und Weise überwacht. Selbst der vermeintlich verschlüsselte Teil über Whatsapp (wobei ich hier weiter ausholen müsste, um zu erklären, wieso ich denke, dass Facebooks Verschlüsselung irgend eine Art Master-Key für eben jene Agenturen bereit hält).

Es ist auf gut Deutsch gesagt beschissen, dass ich mich nirgends im Netz frei und unüberwacht fortbewegen kann, wenn ich die Verschlüsselung meiner Datenströme nicht selbst in die Hand nehme. Das wird nicht mehr besser, dafür juckt es zu wenige Menschen. Aber deswegen sollte ich mich nicht damit zufrieden geben.

Das ist klar ein Eingriff in meine Privatsphäre und ich werde alles tun, was mir möglich ist, um gegen solche Aktionen vorzugehen. Ich gebe mich nicht mit etwas schlechtem zufrieden, nur, weil es nichts besseres gibt. In meinen Augen ist das das Abgeben meiner Macht als einzelne Person an Unternehmen, solche Agenturen und an die Regierungen. Ich verdiene mehr als beschissene Produkte/Sachen/Personen, jeder, der danach verlangt, verdient mehr.

Mit mir selbst komme ich, seitdem das Mobbing  aufgehört hat, erstaunlich gut klar. Ich bin selbstbewusster als die meisten anderen in meinem Umfeld, freundlich und hilfsbereit, intelligent und ohne hochnäsig klingen zu wollen, relativ gut aussehend, auch wenn ich nicht der hübscheste aller Jungs bin. Ich bin auch nicht wirklich schüchtern, ich bin einfach nur still, ich rede nicht viel.

Ich bin mit mir zufrieden, wie ich bin und ich habe nicht vor, etwas an mir zu ändern, erst Recht nicht, wenn andere  das von mir Verlangen. Ich bin ich selbst und kein Lehmklumpen, den man Formen kann, wie man will.

Natürlich denke ich, dass eben diese Vielfalt das Leben ausmacht, sonst müsste ich mich selbst ändern. Ich unterscheide mich in vielen Dingen von der breiten Masse und bin auch stolz darauf, denn ich weiß, dass ich dazu beitrage, die Gesellschaft bunt zu halten.

Ich denke bei weitem nicht, dass ich fehlerfrei bin. Ich bin beim besten Willen nicht perfekt, auch ich habe meine Macken und auch erwarte ich nicht, dass andere perfekt sind. Das sind Vorstellungen, die kein Mensch auf der Erde je erfüllen werden kann. Was ich von anderen warte, ist der sympathische, authentische, freundliche und auch halbwegs intelligente Umgang, den ich auch anderen versuche, entgegen zu bringen.

Den Anspruch mit dem Make-Up besitze ich, korrekt. Ich denke auch nicht daran, das jemals zu ändern. Während ich nichts gegen Make-Up an sich habe, ist es die Menge, die mich stört. Viele Mädchen in meinem Umfeld und so einige in Messengern denken nicht, dass es ein "zu viel" gibt. Ich schon.

Wie du bereits erwähntest, kein Mensch ist perfekt. Die beschriebenen Mädchen folgen jedoch einem Trend, der darauf abzielt, perfekt zu wirken. Ich sehe keine anderen Gründe dazu, Make-Up in diesen Mengen zu tragen.

Entweder, man macht es, weil man hübscher und somit perfekter wirken will, als man ist, was einem zeigt, dass die Person versucht, nicht authentisch zu wirken, ob nun aus Angst, das wahre Ich könnte anderen nicht gefallen oder aus anderen Gründen, sei mal dahin gestellt.

Oder man macht es, weil alle anderen es auch machen. Auch hier ist der Ansatz, nicht man selbst zu sein. Man verändert sich nach außen hin oder mit seiner Ausdrucksweise oder seinem "öffentlichem" Charakter, um dazu zu gehören, anderen zu gefallen. Und genau das gefällt mir nicht. Wenn eine Person versucht, anders zu sein, nur um anderen zu gefallen, oder dazu zu gehören, ist sie nicht sie selbst.

Um zum Schluss deine erste Frage noch zu beantworten, den konkreten Grund kenne ich nicht. Ich kann mich normal mit anderen unterhalten, Informationen teilen, Smalltalk betreiben. Sobald es jedoch um meine eigene Meinung geht, hört es bei Personen, die ich nicht kenne, beim persönlichen Reden auf.

Aus irgend einem Grund schaltet mein Gehirn an diesen Stellen ab, ich kann nicht mehr wirklich klar denken, kenne zwar meinen Standpunkt aber kann ihn irgendwie nicht erläutern. Nach kurzer Zeit setzt dann der Stress ein, weil die andere Person eine Antwort erwartet und ich über solch einfache Sachen nachdenken muss. Letzten Endes antworte ich oft nichts, wirke komisch auf andere und das beendet die Konversation.

(Leider hatte der Platz hier nicht gereicht, ich ergänze gleich den Teil, der noch fehlt.)

Kommentar von PeterLustig1999 ,

Manchmal habe ich das auch beim Schreiben. Jedoch habe ich da alle Zeit der Welt, nachzudenken. Es ist quasi wie eine Art Blockade, die in meinem Kopf anspringt, sobald es zu Sachen kommt, die in irgend einer Art und Weise Rückschlüsse auf mich als Person zulassen.

Deswegen fällt es mir deutlich leichter, Leute über schriftlichen Wege kennen zu lernen. Ich kann mir Zeit lassen, muss nicht direkt antworten und sobald ich die Person kennen gelernt habe und sie mich auch, fallen mir Konversationen mit der Person viel leichter und ich kann viel mehr aus mir raus kommen. An dem Punkt kann ich mich dann oft auch persönlich mit einer Person unterhalten.

Kommentar von Minionne ,

Nun ja, es verlangt niemand dass du Dich änderst, Du veränderst Dich sowieso und zwangsläufig immer wieder in Deinem ganzen Leben. Du bist mitnichten ein Klumpen Lehm und definitiv trägst Du zur bunten Vielfalt bei. Damit unsere Gesellschaft einigermassen funktioniert, haben wir Menschen Gesetze und Verhaltensregeln "erfunden". Sonst würden wir wohl immer noch dem Nachbarn mit der Keule über den Schädel hauen und sein Mammut stehlen. Die Verhaltensregeln schützen uns auch und unsere Umwelt. Wenn wir uns nicht Fortlaufend den Situationen anpassen können sind wir eh dem Untergang geweiht. Der Mensch ist das anpassungsfähigste Wesen das es gibt. Schein und Sein ist das natürlichste Verhalten das es gibt. Ohne dieses Gehabe würden einige Tierarten aussterben. Der Mensch tut dies auch, zu welchen Zwecken auch immer. Manchmal sogar nur zur Unterhaltung. 

Um die Unterschiede aber feststellen zu können, muss man sich mit den Menschen Auge in Auge beschäftigen. Ich hoffe Du verstehst mich richtig, ich bin der Meinung, sich selber zu sein ist wichtig, jedoch erfordert es Situationen in den man durchaus Anpassung zeigen muss. Ist man dann nicht mehr sich selbst? Ist das starke Make-up der jungen Frauen nicht ein Ausdruck ihres (momentanen)Selbst? Kann es nicht auch ein Meilenstein auf dem langen Lebensweg des Suchens nach sich selbst sein? Kannst Du von Dir behaupten, dass Du Dich selbst schon gefunden hast? Dann gratuliere ich Dir! Ich bin 45 und habe mich zum Glück noch nicht gefunden, ich würde eine interessante Reise verpassen.

Bei aller Ernsthaftigkeit, mir scheint ein Quäntchen Humor schadet nie. Weisst Du, das schöne an meinem Alter ist: ich kann einen Fahrradhelm anziehen ohne mir Gedanken über meine Frisur zu machen. Vor 20 Jahren wäre mir das nicht im Traum eingefallen:-) Wenn ich heute junge Frauen sehe die viel Farbe im Gesicht und viel Haarspray auf dem Kopf tragen muss ich innerlich schmunzeln, ich war genau so und weisst Du was? für mich war das damals absolut das Beste! Was habe ich für Wandlungen durchgemacht und werde noch. Genau wie Du es wirst:-) Ich wünsche es Dir von Herzen! Ebenso wünsche ich Dir eine gewisse Leichtigkeit, die direkte Konversation würde für Dich viel einfacher werden.

Ich komme wieder mit einem Spruch: "Herr gib mir die Gelassenheit Dinge zu ertragen die ich nicht ändern kann, den Mut Dinge zu ändern die ich ändern kann und die Weisheit das eine vom anderen zu unterscheiden."

Antwort
von PolluxHH, 10

Gerade in Deiner Altersgruppe herrscht ein großer Drang zu einem gruppenkonformen Verhalten, was de facto bewirkt, daß die meisten zunächst wie ein Klischee wirken, teils haben sie sogar Angst davor, dieses Klischee zu verlassen, weil sie befürchten, dann keine Akzeptanz mehr zu finden. Der Umstand, daß gerade auch in dieser Altersgruppe mangelndes Selbstwertgefühl und Narzißmus signifikant zunimmt, wirkt nicht wirklich abschwächend.

Es scheint mir eher Dein Problem zu sein, daß Du nicht hinter die Maske schauen kannst oder willst und wenn Du dann doch einmal einen Blick hinter die Maske warfst Dich genötigt sahst, diese mit Gewalt entfernen zu wollen. Kennenlernen hieß und heißt, Potentiale zu sehen, zu hinterfragen und über die Vermittlung des Gefühls, daß man gerade deshalb den Menschen mag, weil man in ihm etwas Besonderes und nicht eine möglichst perfekte Realisation eines bevorzugten Klischees sieht. In den seltensten Fällen handelt es sich bei Menschen um Potemkinsche Dörfer, wenn die Fassade fällt befindet sich dahinter ödes Land, meist ist das Klischee die Reduktion und die dahinter versteckte Tiefe und Vielfalt ist überraschend, nur hat man schnell gelernt, daß nur wenige bereit sind, das Besondere zu sehen, da sie den anderen als Spiegel betrachten, in dem sie sich selber sehen wollen.

Sieh nicht die übersteigerte Kosmetik, sieh die traurigen, lustigen oder ... Augen, suche das, was man dann doch nicht schafft, hinter der Fassade zu verstecken, weil es aus einem unkontrolliert heraussprudelt. Ein scheinbar unbeobachteter Moment kann weit mehr über einen Menschen aussagen, als mit ihm über Monate jedes Wochenende Party zu machen. Es sind die kleinen Zeichen, die den Weg zum Menschen selber zeigen, das große Bild bedient nur Oberfläche und wer dabei stehen bleibt, erhält nur Oberfläche, aber ein Bezug, der auf Oberflächlichkeit aufbaut, trägt selten über die erste Hürde.

Kommentar von PeterLustig1999 ,

Mein Problem ist es nicht, diese Fassade zu durchschauen. Ich bin kein Freund von Menschen, die sich überhaupt hinter Fassaden verstecken. Ich bin kein Freund von Menschen, die Sachen machen, nur um dazu zu gehören, oder nur, weil alle anderen es auch machen. Ich bin kein Freund von Menschen, die sich hinter einem Ich verstecken, das sie nicht sind.

Ich selbst habe genau das jahrelang gemacht. Ich bereue es. Es macht mich nicht glücklich. Es macht mich auch nicht glücklich, hinter eine Fassade schauen zu müssen, die nicht da sein sollte oder müsste.

Ich mag Menschen, die den Mut haben, sich unabhängig von der breiten Masse zu machen, die den Mut dazu haben, anders zu sein, die darauf pfeifen, was andere von ihnen halten, weil sie mit sich selbst zufrieden sind, weil sie selbst wissen, sie sind toll und man muss nichts an ihnen ändern. Denn genau das ist es.

Jeder Mensch ist auf seine eigene Art und Weise toll und es gibt keinen Grund, das tolle Ich hinter einer Fassade zu verstecken, die diejenigen erwarten, die in ihrem Leben keine Freude finden, die andersdenkende Menschen auslachen, oder mobben, oder niedermachen müssen, um sich selbst besser zu fühlen, um von der eigenen Schwäche und der eigenen Abwesenheit von Charisma und positiven Eigenschaften abzulenken.

Kommentar von PolluxHH ,

Jetzt könnte man fast mit den 5 Stufen der Verarbeitung beginnen ... . Genau das wollte ich ja zum Ausdruck gebracht haben. DICH stört die Fassade, was auch richtig ist, denn mich hat sie auch gestört. Aber ich habe früh, ca. mit 11-12, gelernt, daß es eigentlich Angst ist, aber Angst überwindet man nicht durch Verdrängung, nur selten durch zwangsweise Schocktherapie, sondern durch Annahme. Eine Fassade haben ist menschlich und man streicht schon über 70% der Menschen insgesamt, in Deiner Altersgruppe noch deutlich mehr, eher über 90%, aus dem Kreis der interessanten Menschen, wenn man die Abwesenheit einer Fassade zur Bedingung macht. Kommt dann noch ein einziges Kriterium hinzu, kann man sich gleich in seinem Zimmer vergraben.

Man mobbt etc. übrigens nicht, um von nicht vorhandenen Eigenschaften abzulenken, sondern man mobbt etc., um sich nicht in Frage stellen zu müssen. Gerade die europäische Gesellschaft ist stark durch dichotomes Denken geprägt, was schon als solches neurotische Strukturen erzwingt, da die Welt in den meisten Fällen dialektisch "funktioniert". Gut ist nicht das Gegengewicht von Böse, sondern es ist die Synthese aus zwei logisch gleichwertigen Zuständen. Den gleichen Denkfehler aber findest Du an den verschiedensten Stellen, so auch im betrachteten Zusammenhang. Das Andere hat faktisch a priori die gleiche Qualität, es stellt nicht in Frage, sondern läßt nur erkennen, daß hinter dem Horizont weit mehr ist, als man bisher für möglich hielt.

Doch Überzeugungen in ihrer absolut angenommenen Richtigkeit nur noch als Option unter vielen zu begreifen, fiel Menschen schon immer schwer. Es machte zwar die Welt bunter, aber auch komplexer, verwirrender, und das schön geordnete Schubladensystem geriete aus den Fugen und man müßte anbauen. Gerade Männer haben eine Neigung dazu, sich wie pawlowsche Hunde zu verhalten. Wenn die Glocke bimmelt und es gibt Fresschen, ist die Welt in Ordnung, wenn die Glocke bimmelt, der Speichel fließt, aber der Freßnapf bleibt leer, muß jemand anderes Schuld haben. Bei mehr als 5 Schubladen pro Kategorie beginnt für viele schon eine intellektuelle Überforderung.

Was soll nun das Ganze? Blicke nicht in die Welt und sieh Fassaden als ein Makel, sondern sieh es als das, was sie sind: Teil der gesellschaftlichen Spielregeln. Daß es eine Art makabres Schattenspiel ist, okay, sehe ich auch so, aber die, welche es mitspielen und dies tun, ohne daß es ihnen auffällt, haben noch nicht ihre Unschuld verloren. Wer es erkannt hat, der hat sie verloren und ab da steht er vor der Frage, ob er sich in einer Anwandlung von Überheblichkeit abwenden, in einem Akt der Annahme zuwenden oder in einem Akt der Selbstverleugnung weiter mitspielen soll. Erst der, welcher aus der Unschuld fällt, wird angreifbar. Also schaue nicht auf die Fassade, denn das dürfte Dich auf Dauer einsam werden lassen. Zur Synthese findest Du erst, wenn Du das Spiel mit einem Lächeln betrachten und trotzdem den Menschen erkennen willst und kannst, der hinter der Fassade steckt.

Was mich übrigens ganz gewaltig stört ist Deine zugegebene Unfähigkeit zur Kommunikation. Schreiben ist in der Regel einfacher, insbesondere auch, weil man revidieren und korrigieren kann. Was gesagt ist, ist gesagt, hier ist ein geordneteres und strukturierteres Denken gefordert als beim Schreiben. Darf ich Dich deshalb fragen, ob Du dir selber eine gewisse Narrenfreiheit beläßt inkl. der Freiheit, einmal einen Fehler zu begehen? Irgendwie scheint bei Dir Streben danach mitzuschwingen, nach außen perfekt wirken zu wollen, makel- und fehlerlos. Das wäre dann aber auch nicht wirklich gesund und hätte auch etwas von einer Fassade.

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