Frage von Thefelix, 61

Sind Kreationismus und Schöpfungsglaube gleichzusetzen?

Hallo liebe/r potentielle/r Antwortgeber/in. Mir stellt sich gerde im Zusammenhang mit einer Präsentationsprüfung im Fach Religion die Frage, ob der Schöpfungsglaube an sich bereits der -per Definition scheinbar recht strengen- Ansicht aus der wörtlichen Interpretation der Schöpfungsgeschichte folgt oder auch eine mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Evolution etc. vereinbare Auslegung zulässt. Vielen Dank für alle Antworten :)

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von uteausmuenchen, 61

Hallo Thefelix,

schau mal hier, da ist das eigentlich sehr schon erklärt - und sogar aus einer zitierfähigen Quelle, was für soe eine Präsentation ja auch nicht unwichtig ist.

Du möchtest ja nichts Falsches wiedergeben...

http://ncse.com/religion/god-evolution

Der wesentliche Punkt hierfür, ist die Einsicht, dass die Frage "Glaubst Du an Gott oder an die Evolution?" ein grundsätzlicher Kategorienfehler ist. Es handelt sich hierbei einfach nicht um zwei Gegensätze einer Begriffswelt.

Vergleichbar ist das mit der Frage "Ist eine Banane gelb oder krumm?"

Beide Adjektive stehen zueinander nicht im Gegensatz. Sie können beide zutreffen. Oder beide nicht zutreffen. Es kann auch nur einer von beiden zutreffen. Oder der andere.

Man kann Gott nicht dadurch beweisen, indem man die Evolution widerlegt. Ebenso kann man die Evolution nicht nachweisen, indem man religiöse Aussagen widerlegt.

Naturwissenschaft beschäftigt sich immer mit gesetzmäßig in der Natur ablaufenden Prozessen. Naturwissenschaft sucht diese Prozesse zu erkennen, zu verstehen und daraus zuverlässige Aussagen über die Natur abzuleiten.

Sinnfragen (im Sinne der Philosophie) behandelt die Naturwissenschaft nicht. Grundsätzlich nicht. Wenn der Naturwissenschaftler fragt "warum passiert dies?", so meint er "welcher Prozess ist dafür verantwortlich, dass dies passiert?".

Sinnfragen sind Deutungsfragen des Daseins. Und diese existenzialistische Fragestellung fehlt der Naturwissenschaft. Sie ist dafür nicht zuständig. Wir betreten mit existenzialistischen Fragen das Gebiet der Philosophie.

Die Religion wiederum gibt nun eine mögliche Antwort auf die philosophische Fragestellung nach Sinn und Deutung des Daseins, nämlich, den Sinn und die Deutung, dass der Mensch als Gegenüber von Gott zu sehen sei.

Ob man sich dieser religiösen Antwort auf die philosophischen Grundthemen anschließen möchte, das ist also vollkommen unabhängig von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen darüber, wie unsere Welt nun einmal aussieht.

Das ist der wesentliche Punkt: Es ist schlicht kreationistisch zu fragen "Glaubst Du an Evolution oder an Gott?". Es sind 2 unabhängige Fragen, mit denen sich jeder von uns beschäftigen muss: "Überzeugt Dich die Datenlage, die die Naturwissenschaften als Belege der Evolution angehäuft haben?" und "Glaubst Du an Gott?".

Evolution ist ein naturwissenschaftlicher Begriff. Die Beschreibung, wie sich über in der Natur ablaufende Prozesse die Lebensformen allmählich verändern.

"Schöpfung" an sich ist jedoch ein philosophisches Konzept. Es bezeichnet den Gedanken, dass das Dasein an sich seine Existenz etwas verdankt, was nicht Teil der Schöpfung selbst ist.

Das Konzept "Gott" gehört nicht zum Gegenstandsbereich der Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaft beruht auf dem sogenannten "schwachen ontologischen Naturalismus". In dieser metaphysischen Annahme über die Welt, geht man davon aus, dass man die Welt durch Beobachtung erkennen kann und sie erklären kann, ohne auf Transzendentes (also "Übernatürliches") zurückgreifen zu können.

"Gott" ist weder ein gesetzmäßiger noch ein vollständig innerhalb der Natur ablaufender Prozess. Und damit auch nicht Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften. Religiöse Aussagen über die Welt (statt über Gott) hingegen sind testbar und damit grundsätzlich widerlegbar. Gott tritt in der Naturwissenschaft daher auch keinesfalls als unsichtbarerer Lenker der Evolution auf.

Schöpfung ist eine Deutung des Daseins, ein philosophisches Konzept und entsprechend nicht testbar.

Der Kreationismus ignoriert diesen ganz wesentlichen Unterschied. Der Kreationismus will vor allen Dingen die Bibel als absolute Wahrheit verstehen - nicht als das Glaubenszeugnis, das sie ist. Ihre Aussagen können wir nur über den kulturellen Hintergrund ihrer Autoren wirklich verstehen. Diese wollten über ihren Glauben erzählen - nicht über historische Dinge, die ihnen gar nicht bekannt sein konnten.

Also: Fazit:

Kreationismus und Schöpfungsglaube ist nicht dasselbe.

Schöpfung ist ein philosophischer Begriff. Der Schöpfungsglaube ist eine Deutung des Daseins, eine existenzialistische Frage, die außerhalb der naturwissenschaftlichen Aussagen steht.

Kreationismus ist dagegen das Festhalten der Schöpfungserzählungen als wortwörtlich wahrem Bericht. Der Kreationismus leudnet deshalb die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und steht im Widerspruch zu ihnen. (Keineswegs nur zur ET). Er verkennt damit auch die Bedeutung der Bibel als Glaubenszeugnis, denn er missbraucht sie zu autoritativen Zwecken als naturwissenschaftlichen Tatsachenbericht, was sie nicht ist - und nicht sein kann.

Wichtig: Das gilt sowohl für den Kurzzeitkreationismus als auch für den Langzeitkreationismus (Reihenfolge in der Bibel sei richtig, mit Tagen seien große Zeiträume gemeint) als auch das sogenannte Intelligent Design.

Grüße

Kommentar von uteausmuenchen ,

Für Deine Präsentation könnte auch dieser Text für Dich hilfreich sein:

http://ezw-berlin.de/downloads/Flyer_Kompakt-Information_Kreationismus.pdf

Ebenfalls eine zitierfähige Quelle.

Interessant für Deine Frage zum Beispiel:

" Problematisch an ihm [dem Kreationismus] ist aber, dass er den Charakter des biblischen Zeugnisses verkennt. Bereits im Alten Testament sind die Vorstellungen vom Wie der Schöpfung nicht entscheidend. Verschiedene Vorstellungen von der Entstehung der Welt werden nebeneinander stehengelassen. (...) Der biblische Schöpfungsglaube zielt auf ein Orientierungswissen, nicht auf ein naturwissenschaftliches Informationswissen. Nach reformatorischer Theologie darf die christliche Naturerkenntnis nicht getrennt betrachtet werden von den Erkenntnismöglichkeiten und -grenzen der menschlichen Vernunft überhaupt. Denn die menschliche Vernunft steht unter dem fortdauernden Segen des Schöpfers, obgleich sie nicht in der Lage ist, Gottes Heil zu erkennen. "

Grüße

Kommentar von Thefelix ,

Vielen Dank für die ausführliche Antwort und für die Quelle!

Kommentar von uteausmuenchen ,

Danke für das Sternchen, ich freue mich!!

=D

Antwort
von vonGizycki, 59

Grüß Dich Thefelix!

Ich würde sagen jain! Das etwas ist ist ja klar, also muss es muss es irgendwie entstanden sein. Auch wenn man nicht genau weiß wie, so kann das als Schöpfung bezeichnet werden. Doch wenn man glaubt, dass Gott laut Bibel die Welt in 7 Tagen erschaffen hat, dann ist das zwar auch ein Schöpfungsglaube, aber den nennt man dann Kreationismus. Kreation ist zwar Schöpfung, aber in der wörtlichen Verbindung mit der Bibel nennt man das dann Kreationismus und ist abzulehnen und zwar deshalb, weil hier die Evolution völlig unwissenschaftlich ausgeblendet und negiert wird, doch die ist bewiesen.

Herzlichen Gruß

Rüdiger

Kommentar von Thefelix ,

vielen Dank!

Antwort
von realsausi2, 30

Es gibt keine Brücke zwischen Schöpfungsmythen und den tatsächlichen Ereignissen. Zwei völlig unvereinbare Perspektiven.

Antwort
von ShmuelRotkraut, 46

Schöpfungsglaube = Der biblische Gott hat die Welt erschaffen
Kreationismus = Irgendein Wesen hat die Welt erschaffen

Schöpfungsglaube ist spezifischer.

Kommentar von Thefelix ,

Danke für die Antwort!

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