Frage von Wocat, 25

Sind Einstellungen nur durch Kognition (Wissen, Ansichten, Vermutungen) und Affekte (Emotionen, Gefühle) geprägt?

Es gibt in der Sozialpsychologie so ziemlich ein großes dominierendes Einstellungsmodell, das folgendes besagt: Einstellungen ergeben sich aus kognitiven, affektiven und konativen Komponenten - einfach gesagt aus Wissen, Gefühlen und Verhalten.

Meiner Meinung nach muss das Verhalten hier jedoch rausgerechnet werden. Ich erkläre das mal an einem Beispiel: Wenn ich eine Person kenne, dann kann ich Vermutungen über ihre Fähigkeiten anstellen (kann sehr gut zeichnen, drückt sich gut aus), kann Gefühle zu der Person haben (ist sympathisch, ist unattraktiv) und erst dann kann ich mein Verhalten ausdrücken ( ich möchte mit der Person zusammen sein, ich will sie meiden). Verhalten kann also gar nicht bestimmend sein für Einstellungen, da es quasi eine Folge der Einstellung ist... .

Oder irre ich mich hier komplett?

Antwort
von nevercold24, 6

Hi,

Ultra interessantes Thema. 

Setze mal das Alter der verschiedenen Akteure in deinem Beispiel auf 1 Jahr und gehe die Situation noch einmal durch:

Ein Kind (Baby) sieht ein anderes Kind. Hat dieses Kind irgend eine Ahnung von dem Gegenüber? Kann das Kind mithilfe von Erfahrung sich auf den Gegenüber einstellen? Ich bezweifle. Das Kind hat einfach noch keine vergleichbaren Erfahrungen gemacht um Situation mit Situation zu verknüpfen und sich eine eigene Meinung zu bilden und agiert somit im Sinne der Instinkte.

Doch durch beiderseitige Affekte entsteht so eine Erfahrung. Diese wurde aber durch Affekte oder Konationen ausgelöst bzw. entstand dadurch.

Im Alter greift das Gehirn bzw. der Mensch wahrscheinlich mehr auf Erinnerungen zurück um der Gefahr eine schlechte Erfahrung, durch eine Konation oder einen Affekt, zu machen aus dem Weg zu gehen. 

Sobald also ein Erwachsener einen anderen sieht, werden die damals gewonnen Erfahrungen auf diese Situation (sehr bildlich) wie eine Art Layout der Reihe nach auf das Visuelle projiziert um eine Art Übereinstimmung zu finden und den Gegenüber einschätzen zu können. 

Das "nicht-Einschätzen-Können" ist genauso eine Einstellung, wie das Einschätzen. Schließlich handelst du im Sinne deiner Unwissenheit und trittst einer unbekannten Person/Situation viel kritischer entgegen.

Ob ich die Leitfrage beantworten konnte, will ich stark hoffen.

nevercold24

Antwort
von Ottavio, 13

Natürlich sind die Fälle gegeben, in denen Du Recht hast damit, dass Dein Verhalten durch Deine Kognotion und Deine Affekte gesteuert sind. Es kann aber auch sein, dass es sich selbständig gemacht hat, weil Du es eintrainiert hast,  z.B. im Sport oder beim Klavierspiel. Im ersten Fall nennt man das Bewegungsgedächtnis, im zweiten Fingergedächtnis.

 Auch beim Autofahren bin ich längst nicht mehr auf Kognotion und Affekte angewiesen, das ist mir längst "in Fleisch und Blut übergegangen" wie das Gehen. Auch das ist ja ein Verhalten. Wenn ein Säugling es lernt, wodurch wird es denn dann gesteuert ? Durch Instinkte ? Das möchte ich meinen. Auch die vernünftig getroffene Entscheidung scheint hier keine Rolle zu spielen ...

Die Sozialpsychologie ist halt die Sozialpsychologie und schafft sich ihre Begriffe nach den Gegenständen und Ergebnissen ihrer speziellen Forschungen. Den Überblick zu behalten, wie es sonst noch gedeutet werden könnte, ist Aufgabe der Wissenschaftstheorie, also der Philosophie.

Kommentar von Wocat ,

Danke für deine Antwort. 
Du beziehst dich ja generell auf erlerntes, durchgeführtes Verhalten. Ich habe mich in meiner Frage aber mehr auf Einstellungen bezogen, wo noch nicht die durchgeführte Aktion an sich im Vordergrund steht, sondern nur die Intention sich auf irgendeine Weise zu verhalten.

Das ist schon ziemliche Begriffsklauberei, ich weiß, aber mir hat sich die Frage gestellt: Wie kann man überhaupt davon ausgehen, dass Verhalten zu Einstellungen führt, ohne Kognition und Affekt?

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