Frage von Solnnis, 66

Sind die meisten deutschen Jugendlichen Nihilisten?

Also ich meine mit Nihilisten Leute, die sagen, dass das Leben sinnlos/sinnfrei ist und es keinen höheren Zweck gibt, wie zum Beispiel unseren angeblichen Erschaffergott anzubeten und zu fürchten.

Expertenantwort
von Enzylexikon, Community-Experte für Religion, 12

Sind die meisten deutschen Jugendlichen Nihilisten? Also ich meine mit Nihilisten Leute, die sagen, dass das Leben sinnlos/sinnfrei ist und es keinen höheren Zweck gibt[...]

Ich denke nicht, dass die meisten Jugendlichen das Gefühl haben, ein sinnloses Leben zu führen, denn in der Regel schafft sich der Mensch den Sinn seines Lebens selbst.

Egal ob das nun eine "YOLO" Einstellung ohne jedes Verantwortungsgefühl, der erste Karriereversuch als Musiker, oder vielleicht das erste Engagement in ehrenamtlichen Projekten ist - irgendeinen "Sinn" konstruiert man sich schon.

Dieser Sinn mag materialistisch, sozial, oder religiöse Motive haben - irgendeine Form von Sinnhaftigkeit findet vermutlich fast jeder in seinem Leben.

Allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass sich dieses Verständnis im Laufe des Lebens ändert, ganz unabhängig vom Alter.

Meist sind es persönliche Krisen - durch Leistungsdruck, große soziale Enttäuschungen, oder etwa einschneidende Erfahrungen mit Krankheit, oder Tod - die den Menschen dazu bringen, sein bisheriges Wertesystem zu hinterfragen.

"Ist es wirklich sinnvoll, sich nur zu besaufen? Paul hat auch immer ordentlich gebechert - und hat sich dann im Suff mit dem Auto um einen Baum gewickelt..."

"Ich war erfolgreich, wurde bewundert, hatte viele Freunde - und als der Erfolg ausblieb, waren alle Freunde weg. Ist Erfolg wirklich alles?"

Das sind Erfahrungen, die sowohl alte, als auch junge Menschen machen können. Welche Konsequenzen sie daraus ziehen, ist unterschiedlich.

Labile Persönlichkeiten könnten beschließen, nach dem Wegfall der sinnstiftenden Elemente ihrem scheinbar sinnlosen Leben ein Ende zu setzen - in diesem Zustand sind sie anfällig für Manipulationen durch Erlösungslehren verschiedener Ideologien.

Manche Personen befassen sich nicht weiter mit ihrer Sinnkrise, sondern stürzen sich gleich in ein anderes Projekt, indem sie dann ihr Heil suchen und dabei ihr Leiden durch neuen Sinn kompensieren wollen.

Andere Personen zeigen ein Vermeidungsverhalten und ziehen nach der Sinnkrise einen Schlussstrich, indem sie ihr bisheriges System völlig verlassen - als Aussteiger, oder moderne Eremiten auf irgendeiner Alm.

Einem Jugendlichen steht insbesondere die dritte Möglichkeit nicht immer offen - mit der Schulfplicht gibt es eine gesellschaftliche Verpflichtung, die gesetzlich geregelt ist und der man sich nicht entziehen darf.

Sinnsuche und Sinnkrisen gibt es jedenfalls in jeder Altersgruppe - auch wenn die Pubertät manches besonders dramatisch erscheinen lässt.

Mit 16 Jahren denkt man, mit 30 ist das Leben vorbei - dann hat man einen Beruf, eine eigene Familie und mutiert zum Spießer, der als Sklave einem ewig gleichen Trott des Arbeitslebens folgen muss.

Da sind die Fragen nach dem "Warum" des Lebens natürlich anders motiviert, als bei jemandem, der mit 40 seine Midlife-Crisis hat und mit der stagnierenden Karriere kämpft - die Fragen an sich dürften jedoch ähnlich bleiben

Antwort
von drachenfreund, 31

Mit dem Begriff Nihilismus (lat. nihil, „nichts“) wird allgemein eine Weltsicht bezeichnet, die die Möglichkeit jeglicher objektiven Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung verneint. Er wurde auch polemisch verwendet, so etwa für Kritiker von Kirche und Religion oder politischer Ordnungen (Anarchismus). Umgangssprachlich
bedeutet Nihilismus die Verneinung aller positiven (seltener auch der
negativen) Ansätze. Durch die gedankliche Orientierung am Nichts beinhaltet der Nihilismus einen absoluten Vorrang des Individuums, das allein seinen Trieben und Neigungen folgt und dem alles erlaubt ist.

https://de.wikipedia.org/wiki/Nihilismus

In diesem Sinne sind Jugendliche mehrheitlich keine Nihilisten.

Allerdings befinden sich Jugendliche in einer gewissen Phase der Selbstfindung. Sie müssen sich gegen Eltern/Lehrer/Kirche behaupten bzw. herausfinden inwieweit sie sich ihnen anschließen. Ich würde auch nicht behaupten das Jugendliche meist Wertefrei sind, sie haben durchaus eine Moralvorstellung. Dass die Meisten keinen Gott anbeten macht sie lange noch nicht zu Nihilisten geschweige denn zu Atheisten. Dann müsste man schon genauer fragen welches Gottesbild jeder vertritt.

Antwort
von lafondationlune, 22

Und welchen Sinn soll es haben deinen Erschaffergott anzubeten und zu fürchten ? Ist er denn wirklich so eitel ?

Oder willst du dich lieber 5 mal am Tag mit Zitaten aus deiner Führerbibel nach Pyöngyang verbeugen.

Die meisten Leute laufen in ihrem biologischen Basis-Programm, das lautet "Überleben, fortpflanzen und dann die ganze Nummer wiederholen." Wenn ich mir die Entwicklung der Bevölkerungszahlen so ansehe funktioniert das relativ gut.

Wenn du einen höheren Sinn willst, ein Unternehmen aufbauen, eine stabile, ausgeglichene Familie aufbauen musst du in dir schaffen. Und das ist schwer und erfordert Arbeit.

Die meisten wollen das nicht und das ist ok.


Antwort
von Haldor, 10

    „Durch die gedankliche Orientierung am Nichts beinhaltet der Nihilismus einen absoluten Vorrang des Individuums, das allein seinen Trieben und Neigungen folgt und dem alles erlaubt ist.“ (s.o) - Darin liegt in der Tat der Reiz des Nihilismus. Die Loslösung von allen Autoritäten, die das Individuum in seiner Freiheit beeinträchtigen können, also auch die Loslösung von Gott – diese Art von Autonomie verschafft dem nihilistischen Menschen das Gefühl von Macht. So hat auch der Nihilist Nietzsche dekretiert: „Der Mensch ist Wille zur Macht und
    nichts außerdem!“ Denn erst wenn er durch volle Entfaltung aller
    seiner Fähigkeiten und Talente (= Wille zur Macht) Einfluss und
    Macht ausüben kann, wird ihm das Gefühl vermittelt, ein wahrer
    „Vollmensch“ zu sein, und erst als solcher kann er das Leben gut
    und schön finden. Allerdings spätestens wenn Krankheit und
    Gebrechlichkeit nach ihm greifen, allerspätestens wenn der Tod ihm nahe kommt, muss auch der nihilistische Mensch anerkennen, dass es Mächte gibt, die ihm sehr wohl übergeordnet sind und die seinem absoluten Freiheitsstreben Schranken setzen. Sein Machtgefühl (und damit verbunden: sein Hochmut) fallen dann in sich zusammen.

    Ob Jugendliche tatsächlich mehrheitlich Nihilisten sind, kann ich nicht beurteilen; man müsste das einmal statistisch erfassen. Ich glaube aber, dass ein intelligenter Jugendlicher kaum zum Nihilismus neigt. Denn er ist kraft seiner Intelligenz in der Lage, das Leben vom Tode her zu denken (wie das die Seinsphilosophie Heideggers vom „wahren Menschen“ fordert); also wird er in Anbetracht der Endlichkeit des Lebens demütig und bescheiden werden. Auch erkennt er die Zeichen, die gegen Nihilismus und Atheismus sprechen (Begründung führt hier
    zu weit); d.h. er wird nicht – wie der draufloslebende Jugendliche
    - erst durch das Leben zur Einsicht gebracht werden müssen, dass der Mensch von höheren Mächten abhängig ist, die man „höhere Gewalt“, Schicksal, Notwendigkeit, Fügung, Verhängnis oder auch Gott nennen kann.

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