Frage von IEVOSOIR, 90

Setzt sich die Mitleidsethik gegen Tierversuche in dem Sinne ein?

Wie oben beschrieben, möchte ich Wissen ob sie sich tatsächlich dafür einsetzt und wie ihr zu Tierversuchen steht. Sind sie gerechtfertigt oder nicht?

Vielen Dank schon einmal.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von koenigscobra, 44

Bei der Thematik Tierversuche gibt es genau eine Aussage, der ich jederzeit bedenkenlos zustimme:

"So viele wie notwendig, so wenig wie möglich" 

Leider verstehe ich die Fragestellung nicht gänzlich - meintest du damit, dass heutzutage häufig "Mitleid" (unsere Mitleidsethik) als legitimer Grund bzw. ein Argument gegen Tierversuche herangezogen wird? 

Ich habe in den letzten Jahren leider sehr häufig die Erfahrung gemacht (machen müssen), das Menschen niemals "einfach so" altruistisch oder ethisch korrekt handeln. Vielmehr steht hier oftmals einfach der Aspekt im Vordergrund, seine eigene moralische Überlegenheit zu demonstrieren. Soll heißen: es gibt beispielsweise enorm viele Leute, die sich auf Facebook über (vermeintliche) Tierquälerei im Zuge von Tierversuchen ereifern (und für ihre oftmals radikalen Statement auch sehr viele positive Rückmeldungen erhalten). Aber wenn tatsächlich (gottbehüte) eine schwere Krankheit ins Haus steht die einer Behandlung bedarf, ist es völlig egal ob die Medikamente gegen diese Erkrankung an Tieren getestet wurden. Hauptsache, man überlebt (was ja auch Sinn macht). 

Die zweite Frage, also wie man persönlich zu Tierversuchen steht, ist naturgemäß leichter zu beantworten: Für mich stellen Tierversuche in erste Linie ein "notwendiges Übel" dar, welches entgegen aller Unkenrufe enorm zu Verbesserung der Lebensbedingungen kranker Menschen beigetragen hat. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir von Krebs, AIDS, den modernen Impfstoffen gegen Polio, TB, HPV, Ebola, Meningitis oder schlichtweg ganz banalem Asthma sprechen - nur mithilfe der Tierversuche waren hier entscheidende medizinische Fortschritte möglich.

Und hier muss man auch ganz klar die Grenze ziehen: Sind Tierversuche wirklich notwendig oder gibt es auch andere, mögliche Alternativen. 

Heutzutage haben wir natürlich völlig andere Möglichkeiten als vor zehn, zwanzig Jahren. Unser technisches und auch naturwissenschaftliches Know-How steigt seit Jahren nahezu exponentiell - wir verstehen bestimmte Zusammenhänge und Mechanismen (auch im menschlichen Organismus) immer besser und haben nunmehr auch die Möglichkeit durch immer besser Soft-/Hardware bestimmte Abläufe nachzubilden, zu visualisieren. 

Meines Erachtens ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis Tierversuche obsolet geworden sind - und das ist durchaus positiv.  

Kommentar von IEVOSOIR ,

Ganz genau! Wie Sie schon erwähnt haben, ist die Empörung auf Social Plattformen groß, wenn wieder einmal ein Tier gequält wurde, für welchen Zweck auch immer. Wie Sie richtig erkannt haben, lebt unsere Gesellschaft zweigleisig, einerseits gegen Tierversuche, anderseits dafür. In allen anderen Punkten Stimme ich Ihnen zu. Vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar! Wird mir bei meiner Arbeit hilfreich sein! 

Kommentar von brandon ,

Wird mir bei meiner Arbeit hilfreich sein! 

Darf ich fragen warum das für Deine Arbeit hilfreich ist?

Kommentar von koenigscobra ,

Freut mich, wenn ich helfen konnte - aber grundsätzlich spiegelt das Post meine eigene, persönliche Meinung wider. Manche mögen die Thematik anders sehen. 

Die Zweigleisigkeit oder Bigotterie ist auf jeden Fall ein schlagender Punkt, den man auch über die Tierversuch hinaus erweitern kann: Wir unterschieden z.B: sehr stark zwischen Haus- und Nutztieren und vergöttern die einen, während uns das Schicksal der anderen mehr oder minder "egal" ist. (Einen Hund zu essen wäre undenkbar - aber bei der Kuh ist das Schlachten, Zerstückeln, Zubereiten und Essen in Ordnung? Das ist etwas, das ich beispielsweise nicht immer ganz verstehe...)  

Zu Tierversuchen selbst (Auflistung von Pro/Contra) finden sich natürlich sehr viele Informationen im Netz - sollte es also um eine "Schularbeit" gehen, lässt sich hier sicher noch viel mehr nützlicher Input finden. 

Expertenantwort
von VanyVeggie, Community-Experte für Kaninchen & Tiere, 50

Hallo, 

einfach die Such-Funktion nutzen. Die Frage gibt es gefühlte 1000x. 

Die Meinungen gehen hier ziemlich weit auseinander. Kann man also nicht pauschal sagen. Ich finde Tierversuche nicht gerecht. Desweiteren kopiere ich dir einfach mal meine übliche Antwort zu dem Thema: 

Ich bin dagegen, dass irgendwelche Tiere für uns leiden nur weil wir uns für was Besseres halten. Ich nenne es auch gerne Doppelmoral. Ich für meinen Teil halte aber auch nicht sehr viel von der Pharmaindustrie. Ich bin eher für Naturheilkunde, Akupunktur und Homöopathie. Ganz auf Schulmedizin verzichte ich aber nicht. Wegen mir, meiner Familie und meinen Tieren muss niemand sein Leben lassen. 

Ich finde die Medizin gut, so wie sie jetzt ist. Ich habe es hier ja bereits schon öfters geschrieben: Menschen stehen ganz oben auf der Nahrungskette. Wir sind eigentlich jetzt schon viel zu viele Menschen auf dieser Welt - schau sie dir an. Wir werden immer mehr und greifen immer mehr in die Natur ein. Unser Leben ist nix mehr wert (siehe wie leichtsinnig mit Menschenleben in anderen Länder´n umgegangen wird). Wenn jetzt durch die Forschung weitere Krankheiten heilbar werden, dann sind wir in Überpopulation. Und damit würden wir uns selbst zerstören. Dann müssten wir quasi auf Kriege hoffen um wieder Lebensqualität zu erlangen. 

Wenn ein Mensch Krebs o.Ä bekommt, dann ist das nun mal so. Ich sage das nicht einfach so, ich hatte zwei geliebte Menschen die beide an Krebs gestorben sind. Ich habe momentan auch eine schwer kranke Oma. Meine Meinung ändert sich trotzdem nicht. 

Mit freundlichen Grüßen

VanyVeggie

Kommentar von dadita ,

"Wenn ein Mensch Krebs o.Ä bekommt, dann ist das nun mal so."

Diese Einstellung ist einfach krank...und dass du sie auch gegenüber "geliebten" Menschen vertrittst macht es nicht besser.

Kommentar von IEVOSOIR ,

Dann vertritts du die Ethik von Schopenhauer. Tierversuche sollte man meiner Meinung immer im Einzelfall betrachten.

Wenn sagen wir mal 20 Mäuse sterben, damit wir an Erkenntnis gewinnen, sei es für Krankheiten, Chemiekalien oder der Grundlagenforschung, dann halte ich Tierversuche für Gerecht. Der Nutzen, der durch diese erlangt wird, ist größer als das Leid der Tiere. In meinen Augen kommt es drauf an, wie wir die Tiere Behandeln. Ob wir sie schnell oder langsam töten.

Kommentar von dadita ,

Zu diesem Zweck gibt es die Güterabwegung im Tierversuch. Sie ist bei jedem Experiment vorgeschrieben und dient eben dieser Abwägung von Nutzen und Kosten eines Tierversuchs.. 

Kommentar von VanyVeggie ,

Und ich finde deine Einstellung ist krank. Allein indem du glaubst was Besseres zu sein. 

Kommentar von dadita ,

Das hat nichts mit "besser" oder "schlechter" zu tun. Ich bin immer wieder von der Selbsteinschätzung einiger Menschen fasziniert.

Ein Mensch, sogar ein (Tierversuchsgegner ;)) ist ein Mitglied meiner Spezies, fähig zu komplexen Gedanken und Gefühlen, verfügt über ein Ich-Bewusstein, eine Persönlichkeit, Träumen und Ideen. 

Mäuse und Ratten tun dies nicht. Sie sind Instinkt-getriebene Wesen und alle traumtänzerische Glorifizierung der Natur kann daran nichts ändern. Natürlich sollte jedes Leid verhindert werden, egal wie eingeschränkt die Fähigkeit eines Wesens ist, dieses auch zu empfinden...aber das Leben von Maus/Ratte/Hamster/Kanninchen und Co über das Leben von denkenden, fühlenden, sich iher selbst bewussten Kindern, Frauen, Menschen zu stellen...ist einfach pervers. 

Kommentar von VanyVeggie ,

Na du ziehst dir das alles so zurecht wie du es gerne hättest. Wo habe ich denn geschrieben, dass Tiere wichtiger als Menschen sind? Nirgends. Mir persönlich ist meine Familie auch wichtiger als Tiere. Aber trotzdem finde ich es nicht in Ordnung 1000e Tiere zu quälen und zu töten nur weil wir uns nicht mit unserem Schicksal abfinden. Das finde pervers. Aber ich meide das, wie in meiner Antwort bereits geschrieben, nicht nur aus Tierschutz-Gründen, sondern auch zum Schutz der Menschen. Was glaubst du was passiert, wenn wir alle nur noch an Altersschwäche sterben? Die Antwort steht in der Antwort. 

Du hast eine falsche Vorstellung von Tieren. Auch Tiere sind in der Lage zu träumen und haben Gefühle. Kein Wunder. Wer so denkt, der kann auch nur denken das man´s mit Tieren ja machen kann. 

Kommentar von dadita ,

Genau dies ist die Grundaussage die hinter der Meinung steht, auf potentiell Lebensrettende Tierversuche zu verzichten um Tiere zu retten.

Dann wird strikte Populationskontrolle notwendig, dies wird sie ohnehin. Aber das ist kein Grund Menschen einfach sterben zu lassen.

Du hast die falsche und ziemlich verträumte Vorstellung von Tieren. Die meisten Tiere, es gibt natürlich Ausnahmen wie Delpfine, Baluga-Wale, Schimpansen und andere Primaten, haben schlicht nicht die zerebrale Kapazität um komplexe Gedankengänge, Träume zu entwickeln. Sie haben Gefühle, aber die sind das Produkt von Instinketn. Sie sind Instinktgesteuert. Sie fressen, schlafen, pflanzen sich fort. Solange diese Grundbedürfnisse gedeckt sind, sind sie "glücklich", wobei glücklich hier als Abwesenheit von Stress verstanden werden sollte. 

Eine Maus träumt nicht davon eines Tages eine Familie zu Gründen und aufs Land zu ziehen. Sie hat kein Verständnis für Konzepte wie Freiheit. Sie ist einfach ein instinktgestriebens Wesen.

Kommentar von dadita ,

Wie gesagt, es gibt durchaus Tiere welche dem Menschen auch auf intelektueller Ebene sehr ähneln. Welche tatsächlich über ein Ich-Bewusstsein verfügen, planen können, träumen können, komplexe Sozialstrukturen ausbilden, trauern um ihre Artgenossen. Weswegen Versuche an Menschenaffen EU-weit völlig zu Recht verboten sind. 

Aber jene Versuchstiere welche bei uns die absolute Mehrheit der Tiere ausmachen, die Mäuse, sind dazu einfach nicht in der Lage. Das ist keine Abschätzigkeit ihnen gegenüber sondern einfache Biologie.

Natürlich sollte man dennoch jede Form des Schadens von diesen Tieren abwenden. Deswegen gilt der, hier schon von einem anderen Poster dargelegte Grundsatz: So viel wie notwendig, so wenig wie möglich. Aber das Leben von Menschen geht vor. Deine Verwandten hätten in 10 Jahren vielleicht überleben können. Willst du anderen welche diese Chance weiterzuleben vllt bekommen würden ebendiese verweigern? 

Kommentar von VanyVeggie ,

Nö ich hab keine falsche Vorstellung. Ich hab nur ne anere Meinung als du. Und die passt dir wohl nicht. Du kannst mit mir noch so viel diskutieren. Du kannst noch so oft deine Kommentare unter meine Antworten abgeben - es interessiert mich nicht. 

Ich hab auch keine Lust länger mit dir rum zu streiten. Es hat eh keinen Sinn und macht mich nur wütend. Ich kann Intoleranz einfach nicht ab... Bin also raus hier. 

Kommentar von koenigscobra ,

Ich achte und respektiere Ihre Meinung! Ich finde es auch gut, dass sie trotz allen Widrigkeiten (Erkrankung von Angehörigen) konsequent an ihrem Standpunkt festhalten. 

Aber ich könnte das nicht. Wenn mein Kind krank wäre (es leiden würde) und ich könnte ihm damit helfen, würde ich auch Millionen Ratten/Mäuse/Affen/Fische/Hunde/Katzen über die Klinge springen lassen.

Bei Gott, ich würde selbst einen fremden Menschen töten, wenn ich es damit retten könnte! Nicht sehr nobel oder edel, aber die Wahrheit... :( 

Kommentar von VanyVeggie ,

Das kann ich sehr gut verstehen. Ich werde dir das keinesfalls verübeln. 

Einer meiner Angehörigen war ein 8-jähriger Junge. Er hatte Krebs. Die Chemotherapien haben ihn wirklich zugesetzt. Das wollte er selbst nicht. Aber seine Eltern. Er hat es leider nicht geschafft und ist leider nicht zufrieden eingeschlafen. Er war Monate in der Klinik, keine Freizeit, durch die Chemo kamen eigentlich die Schmerzen usw. Seine Eltern haben das hinter her verstanden und es bereut. Als meine Tante dann an Krebs erkrankte muteten wir ihr keine Chemo zu, sondern genossen die letzte Zeit mit ihr. Das machte diese Zeit auch so besonders. Der Abschied fiel viel leichter. Und sie war ein glücklicher Mensch. Auch als einschlief. 

Seitdem haben wir uns in der Familie geschworen, dass wenn die Chancen nicht gut stehen, wir von einer Behandlung absehen. Das ist so am besten für alle. 

Antwort
von dadita, 36

Tierversuche sind von essentieller Bedeutung für den medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritt. 

Ohne Tierversuche verurteilen wir Millionen Menschen zu einem vermeidbaren Tod. Es gibt keine Ersatzmethode welche in der Lage ist, dass zu leisten was der Tierversuch zu leisten im Stande ist. Komplexe integrative Systeme wie ein biologischer Organismus lassen sich mit unserem heutigen Wissen nur sehr beschränkt simulieren, weder Zellkultur noch andere in vitro oder in silico Verfahren sind dazu im Stande. Ohne Tierversuche würde also die medizinische Forschung zum erliegen kommen...und all jene Menschen welche bisher nicht das Glück hatten, dass ein Heilmittel für ihre Erkrankungen gefunden wird, werden zu sinnlosem und vermeidbaren Leid und Tod verurteilt. Dies sind die Fakten. Und nichts anderes fordern Tierversuchsgegner. 

Weswegen ich der Einstellung letztgenannter auch keinerlei Achtung entgegenbringe. Das Leben von Millionen Kindern, Frauen, Männern ist wichtiger als die Existenz einiger Mäuse.

Kommentar von IEVOSOIR ,

Vielen Dank, diese Meinung, vertrette ich selbst auch.

Kommentar von silberquark ,

Der Tod der Menschen wird nur durch die Folter und Tötung von Tieren ermöglicht, was vollkommen unmoralisch und herzlos ist. Wenn das Mitgefühl nicht reicht, um sich auch in das Leid einer anderen Spezies wie z.B. einem Hund oder Affen hineinzuversetzen, ist die Empathiefähigkeit leider verkümmert.

Es geht nicht nur um Mäuse, obwohl du das sehr zu betonen scheinst, um deine Sache besser aussehen zu lassen.

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