Frage von linneus, 70

Seit wann kombiniert man im Deutschen Jahreszahlen mit Präpositionen im Stile von "in 2015"?

mir scheint das ein schlimmer und völlig sinnloser anglizismus zu sein, den man mittlerweile auch in der tagesschau hört. ich könnte mich nicht erinnern, diese formulierung vor zb zehn jahren auch schon gehört zu haben. seit wann gibt es diese - m.e. scheußliche - formulierung?

Antwort
von teutonix1, 43

Ich halte das einfach für Faulheit, statt "im Jahre 2015" "in 2015" zu sagen. Es gibt leider so manche neue Formulierung, da rollen sich mir die Fussnägel auf, z. B. "von daher" anstelle von "deshalb". Die deutsche Sprache entwickelt sich halt weiter, nicht immer zum Positiven.

Kommentar von linneus ,

faulheit kann es genau nicht sein, denn im deutschen braucht man ja nicht einmal das "in". es ist völllig korrekt, einfach nur die jahreszahl zu nennen. 2015 kamen eine million flüchtlinge nach deutschland ist ein grammatisch einwandfreier satz

Kommentar von teutonix1 ,

Stimmt. Aber sie benutzen ja das "in".

Kommentar von linneus ,

viele anglizismen werden vermutlich deshalb genutzt, weil sie kürzer sind als die deutschen entsprechungen. in diesem fall bietet aber tatsächlich das deutsche die knappste formulierung. wäre man nur faul und wollte sich möglichst knapp ausdrücken, könnte man "2015" sagen. dennoch sagt man heute immer häufiger "in 2015".

der grund scheint mir wie bei vielen anderen anglizismen der irrglaube zu sein, die dem englischen nachgeahmte formulierung ließe das gesagte bedeutsamer wirken

Antwort
von DrStrosmajer, 47

Sinnlos und unreflektiert wie die meisten Anglizismen.

Der Duden kennt das "in (Jahreszahl)" jedenfalls bisher noch nicht, da ist immer noch von "im Jahre " (Jahreszahl)" die Rede.

Wird aber sicherlich noch kommen. Millionen von strohdoofen Teenies, die dermaleinst Berufe unter anderem als Journalisten ausüben werden, werden es nicht mehr anders kennen und somit versprühen.

Sieh Dich, nimm Sorge.

(Grußformel abgekupfert bei Bastian Sick).

Kommentar von cookiegirl13 ,

Es gibt zahlreiche solcher ursprünglichen Anglizismen (macht Sinn - Makes Sense) oder grammatikalischen Fehler, beispielsweise die Verwendung von "wegen" mit Dativ, die inzwischen als richtig gelten. Mir gefällt das zwar auch nicht unbedingt (ich bin zwar erst 14 (also ein strohdummer Teen), aber trotzdem eine "Sprachpflegerin"), aber, dass Sprache sich verändert liegt nicht an den "strohdummen Teens", wie du das nennst, sondern daran, dass Sprache etwas Lebendiges ist, was sich nunmal ändert. Wenn dir die neuartigen inzwischen auch richtigen Ausdrücke und Formulierungen nicht gefallen, wird dir keiner verbieten, die ursprünglich korrekten zu verwenden, aber du musst wohl auch akzeptieren, dass Sprache lebt und sich ändern kann.

Kommentar von linneus ,

das deutsche lebt immer weniger. kam heute an einem friseursalon vorbei. über dem eingang stand: hair beauty wellness. ich wollte nur noch ko..en, und heulen.

es ist ganz wichtig, den unterschied zwischen "veränderung" und "verdrängung" zu beachten. ebenso ist es wichtig, den unterschied zwischen "durchmischung" und "einseitiger übernahme" zu beachten. anglizismen sind kein ausdruck von sprachdurchmischung, denn die übernahme ist nicht beidseitig, das englische nimmt keine deutschen begriffe auf. die übernahme geht nur in eine richtung.

diese übernahme ist auch nicht ausdruck eines "natürlichen wandels", sondern vielmehr ausdruck bestimmter machtstrukturen.

Kommentar von DrStrosmajer ,

Vorweg mein "Chapeau" für Deine ernsthafte und gehaltvolle Antwort, die ich von dem üblichen bei gutefrage zu gegenwärtigenden strohdoofen Teenie nicht erwartet habe; insoweit einen weiteren Hut der 14-jährigen Sprachpflegerin, die Sprache offensichtlich ernstnimmt.

Der Verfall an Sprachqualität -und damit ein Verfall an Kultur- findet allenthalben statt, nicht nur in der Jugendsprache, sondern ganz extrem beeinflußt durch Medien und Werbung.

Ich kann deshalb keine echte "Lebendigkeit" in der Sprachwandlung sehen, sondern eine mehr oder weniger passive Einvernahme von Wendungen und Vokabeln, die als zeitgemäß resp. angesagt oder cool oder sonstwas gelten, neben denen aber die ursprünglichen Begriffe in einer Art Paralleluniversum weiterexistieren und auch weiterhin verwendet werden.  

Des Vokabulariums dieses Paralleluniversums bedienen sich nunmehr diejenigen, die "neusprach" nicht können oder wollen.

Sind das hoffnungslos Veraltete? Oder gar verknöcherte Deutschtümler, die partout aus einer E-Mail eine E-Post machen wollen oder ähnliches? Oder könnten das am Ende doch Leute sein, denen ihre Sprache, also praktisch der Boden(Bodensatz) ihrer Kultur, am Herzen liegt?

Freue mich auf Deine Antwort.

Kommentar von Deponensvogel ,

Irrelevante Beispiele. 

Was ist an Sinn machen grammatikalisch falsch? Es wird keinen einzigen hier auf gutefrage.net oder sonstwo geben, der mir diese Frage beantworten kann. Nicht einmal ein Sprachwissenschaftler.

(Für mich das typische Beispiel für die unbegründete Angst vor Anglizismen.)

Wegen + Dativ ist umgangssprachlich. Im Alltag sprechen die Leute bei uns so. Wer aber in die Schriftsprache wechselt, muss, so er nach dem Regelwerk schreibt, hier den Genitiv benutzen. Erlaubt ist der Dativ da keineswegs.


Kommentar von Deponensvogel ,

Nicht vor den strohdoofen Teenies Angst haben, sondern vor den strohdoofen Typen, die es ihnen beibringen. So am Ende, wie der Journalismus ist, glaube ich, kann er kaum noch tiefer sinken. 

[Vor ein paar Jahren hat man die 90% Zitatfälschungen (ja, 90% aller in der Presse angegebener Zitate sind so nie gesagt worden) dem Leser zumindest in korrekter Form aufgetischt. Dafür, dass heutzutage schon im Hochfeuilleton und Nobelwirtschaftsblatt nicht mal mehr die indirekte Rede korrekt verwendet wird, gibt's von mir auf jeden Fall keinen Vertrauensvorschuss.]

Ängste vor dem allumfassenden (oder eben sprachlichen) Scheitern der nächsten Generation gibt es schon seit über fünftausend Jahren, das ist also nichts Neues und wie immer im Grunde unbegründet. Vor nicht allzu langer Zeit hat man wie wahnsinnig Vokabel aus der belle langue gesammelt, noch früher ziemlich viel Lateinisches. Das Deutsche war schon immer offen für Entlehnungen aus der dominanten Sprache und so wenig das vielen auch gefällt, solange man nicht irre wie die Franzosen die eigene Sprache vor bösen Wörtern aus dem Ausland schützt, ändert sich an diesem (sehr einseitigen) Sprachaustausch auch nichts.

Von dem in + Jahreszahl hab ich jedenfalls noch nie etwas gehört. Wenn's ein Anglizismus ist, der sich für die Mehrheit der Deutschsprecher falsch anhört, wird er sich nicht durchsetzen. So einfach ist das.

Kommentar von linneus ,

deine welt scheint ziemlich schlicht zu sein. du hast noch nie etwas von "in + jahreszahl" gehört. das bedeutet, du guckst nie nachrichten, siehst dir keine politischen gesprächsrunden an und liest auch nicht zeitung. du glaubst, niemand im gesamten forum könnte erklären, was an "das macht sinn" falsch ist, wobei die antwort ganz einfach lautet, dass diese formulierung kein deutsch, sondern englisch ist  (makes sense). im deutschen sagt man etwas, "hat" sinn, oder noch eher: ergibt sinn.

und sorgen um die sprache sind einfach unbegründet. warum? weil sie das immer schon waren. was für ein argument. inwiefern waren sie immer schon unbegründet? weil es dieses sorge immer schon gegeben hat? (übrigens eine behauptung, die durch nichts zu belegen ist). angenommen es hat sie schon immer gegeben, warum ist das ein beleg dafür, dass sie unbegründet ist? sorge vor rechtsradikalismus ist übrigens auch unbegründet. warum? weil sie das immer schon war. auch sorge vor naturkatastrophen ist unbegründet. warum? weil sie das immer schon war. es gab ja nie echte probleme mit rechtsradikalismus und naturkatastrophen, stimmts?

wann immer jemand zu viele anglizismen in der deutschen sprache anmahnt, wird eilig aufs französische und lateinische verwiesen. als ob damit irgendetwas geklärt würde. nach dem motto: die sprache ist eh schon mehrfach ruiniert worden, also warum nicht noch ein weiteres mal. oder: man hat es doch schon ein paar mal falsch gemacht, also warum den fehler jetzt nicht nochmal wiederholen?

Expertenantwort
von earnest, Community-Experte für Sprache & deutsch, 16

Meine Vermutung: Das hat der SPIEGEL erfunden bzw. "gepusht", wenn ich hier einem weiteren Anglizismus die Ehre geben darf.

Gruß, earnest

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