Frage von walderamaa, 174

Schwester hat eine geklatscht bekommen, darauf hin habe ich ihm eine verpasst. Dabei hatte ich ein Glas in der Hand, er hat eine Platzwunde. Was passiert?

Hallo,

Ich war am letzten Freitag in einer Kneipe. Irgendwann kam meine Schwester zu mir und meinte mich würde jemand beleidigen. Als wir dann zu Ihm gegangen sind um ihn zur Rede zu Stellen, hat er meiner Schwester eine geklatscht. Daraufhin habe ich reflexartig ihn zurück "geschlagen", es war eher so ein gegen den Hals und Kopf schubsen, also keine direkte Schlaghaltung. Dabei hatte ich aber ein Glas in der Hand, so dass er eine Platzwunde davon trug. Meine Schwester hat nur ihre Brille verloren, die aber auch nicht kaputt gegangen war. Später kam dann die Polizei und wir musste sagen was passiert war. Haben im ganzen "Häck-Mäck" dann aber keine Anzeige gemacht. Der Typ wurde vom Rettungswagen abgeholt. Bei ihm wurde ein Alkoholtest gemacht, der 1.9 Promille ergab. Bei uns wurde keiner gemacht. Heute habe ich dann erfahren das er wahrscheinlich eine Anzeige machen will. Er meint er hätte genug zeugen, die bezeugen können das er meine Schwester nicht eine geklatscht hat. Es saßen nur seine Freunde dort und meine Freunde bzw. andere Leute hatten auch eine schlechte Sicht auf uns...

Was soll ich jetzt am besten machen ??Wie sieht es rechtlich aus ??

MfG

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von LifeProtector, 72

Hallo,

rechtlich gesehen besteht gegen "ihn" der Verdacht der Beleidigung (§185 StGB) und der Körperverletzung (§223 StGB). Beide Delikte sind Antragsdelikte, werden demnach nur verfolgt, wenn du/deine Schwester Anzeige erstatten.

Gegen dich besteht der Verdacht der gefährlichen Körperverletzung (§§ 223, 224 StGB), da du die Verletzung mittels eines gefährlichen Werkzeuges (Glas) verursacht hast.

Sollte er Anzeige erstatten. ist dir/euch dringendst zu empfehlen ihn ebenfalls anzuzeigen und einen Anwalt einzuschalten.

Im späteren Verfahren wird dann ermittelt, ob deine Handlung (Schlag gegen den Störer) durch das Notwehrrecht (§ 32 StGB) abgedeckt war und du damit "nicht" rechtswidrig gehandelt hast. Schließlich wolltest du einen Angriff gegen deine Schwester abwehren. Problematisch könnte hierbei jedoch die Verwendung des Glases sein, welche jedoch als "Notwehrexzess"-Handlung (§§ 33 StGB) bewertet werden könnte, was wiederum zu keiner Strafe führe sollte.

Tipp: Lass dich schleunigst anwaltlich beraten! Erstatte dann Anzeige bei der Polizei!

Gruß

Kommentar von furbo ,

Notwehrexzess wohl weniger, zumal das nur ein Schuldausschließungs- und kein Rechtfertigungsgrund ist, dass man also für die Verletzungen des Gegenübers haftet.

Lass dich schleunigst anwaltlich beraten! 

Warum? Erst abwarten was kommt. Der 224 StGB ist kein Antragsdelikt, so dass auch ohne Anzeige des Geschädigten ermittelt wird. 

Erstatte dann Anzeige bei der Polizei!

Kann man auch ohne vorherige Anwaltskonsultation machen. 

Kommentar von LifeProtector ,

Die Frage des Notwehrexzesses sollte zumindest gestellt werden, da die Grenzen der Notwehr durch das Benutzen des Glases durchaus überschritten sein könnten. Vermutlich hatte er in der anderen Hand kein Glas. Eine normale Ohrfeige hätte den Angriff ebenso abwehren können

Warum? Erst abwarten was kommt. Der 224 StGB ist kein Antragsdelikt, so dass auch ohne Anzeige des Geschädigten ermittelt wird. 

Genau so ist es. Eine Anzeige gegen den Fragesteller wurde bereits eingeleitet. Er ist somit Beschuldigter im Strafverfahren. Für die meisten eine Ausnahmesituation, weshalb eine anwaltliche Beratung "nicht" falsch ist, egal im welchem Stadium des Verfahrens man sich befindet.

Kann man auch ohne vorherige Anwaltskonsultation machen. 

Ja, sollte auch keine Rangfolge darstellen

Kommentar von furbo ,

Die Frage des Notwehrexzesses sollte zumindest gestellt werden, da die Grenzen der Notwehr durch das Benutzen des Glases durchaus überschritten sein könnten. 

Streite ich nicht ab. Es ist aber ein Unterschied, ob ich nur die Erforderlichkeit überschreite, weil ich die falsche Verteidigung gewählt habe, oder ich (Notwehrexzess) aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken handele. 

Hier im Forum wird sehr schnell von einem Notwehrexzess i.S. von 33 geschrieben, dabei aber jeder Art der Notwehrüberschreitung darunter subsummiert. 

Kommentar von LifeProtector ,

Streite ich nicht ab. Es ist aber ein Unterschied, ob ich nur die Erforderlichkeit überschreite, weil ich die falsche Verteidigung gewählt habe, oder ich (Notwehrexzess) aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken handele.

Ich ging bei dem Sachverhalt jetzt von einem "intensiven Notwehrexzess" (Überschreiten der Erforderlichkeit ) aus, wobei Affekte (Verwirrung, Furcht oder Schrecke) zumindest mitursächlich dafür waren, dass der Fragesteller die Hand mit dem Glas zur Abwehr nutzte.

Vorausgesetzt  man würde eine Erfoderlichkeitsüberschreitung überhaupt feststellen. Wenn nicht erübrigt sich der Exzess sowieso.

Kommentar von wfwbinder ,

sehr gute Darstellung und Beurteilung der Folgen.

Kommentar von Pudelcolada ,

Kurze Nachfrage, bin nicht so rechtssicher wie Du:

Ich habe mal gelernt, dass ein Unterschied zwischen Notwehr und Nothilfe besteht.
Mal abgesehen davon, dass in beiden Fällen die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben muss, die von dem Einsatz des Glases evtl. gesprengt wird (Reflex?):

Spielt die Unterscheidung zwischen -wehr und -hilfe hier eine Rolle?

Kommentar von LifeProtector ,

Hi,

ja du hast recht. Notwehr und Nothilfe sind grds. beides Rechtfertigungsgründe für normalerweise rechtswidriges Verhalten. § 32 StGB beinhaltet sowohl die Notwehr, als auch die Nothilfe.

Und nach dem Sachverhalt des Fragestellers würde es sich hier eher um "Nothilfe" handeln. Der Unterschied ergibt sich aus dem Gesetzestext (§ 32 Abs. 2 StGB - Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich (Notwehr) oder einem anderen (Nothilfe) abzuwenden.)

Der rechtliche Aufbau der Notwehrlage (Angriff, rechtswidrig, gegenwärtig) und der Notwehrhandlung (Geeignetheit, Erforderlichkeit, Gebotenheit) sind identisch. Nur richtet sich der Angriff bei der Nothilfe gegen eine "andere" Person.

Demzufolge beruft sich der Fragesteller hier korrekterweise auf die "Nothilfe".

Kommentar von furbo ,

Mal abgesehen davon, dass in beiden Fällen die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben muss, die von dem Einsatz des Glases evtl. gesprengt wird 

Die Notwehr verlangt keine Verhältnismäßigkeitsprüfung, sie verlangt "nur" die Erforderlichkeit. Müsste die Notwehr verhältnismäßig sein, wäre das ein Ende der Notwehr. 

Notwehr und Nothilfe ist rechtlich das Gleiche. Es hat sich eingebürgert, die Verteidigung eines Dritten als Nothilfe zu bezeichnen. 

Würde man sich streng an die Legaldefinition halten, müsste auch die Nothilfe als Notwehr bezeichnet werden. 

Kommentar von Nitarius ,

Stimmt. Mir macht eher etwas anderes Gedanken bei diesem Fall: Mit der Notwehr gegen betrunkene sieht es schwerer aus, als im "Normalfall". Hier fehlen einfach Details in der Frage. Rein theoretisch könnte eine Flucht durchaus möglich gewesen sein.

Kommentar von furbo ,

Letztlich ist es kein krasser Notwehrfall. Der Angreifer hat ne Platzwunde und mehr nicht. Ich vermute, dass sowas nicht vor Gericht landen wird. Evtl. stellt der StA schon nach 170,2 StPO ein.

Sollte es dennoch von einem Richter entschieden werden, dürfte auch die Frage sein, ob der Angreifer als betrunken erkennbar war. Und der Verteidiger wusste nicht, wie die Angegriffene reagieren wird, ob sie sich zurückzieht oder ob der Betrunkene ihr noch eine runterhaut. 

Kommentar von walderamaa ,

Kurze Frage noch. Es ist ja in einer Kneipe passiert. Es gibt wohl eine kameraaufzeichnung aus der Kneipe. Sie hängt wohl irgendwo in dem Laden. Zählt die vor gericht oder nicht. 

Kommentar von LifeProtector ,

Ja natürlich kann die Aufnahme vor Gericht als Beweismittel dienen. Vielleicht hat die Polizei diese auch schon gesichert?

Antwort
von wilees, 48

Sich erst Gedanken machen, wenn die Eier gelegt sind.

Noch ist keine Anzeige erstattet. Solche Typen sind häufig schon vorher bei der Polizei aktenkundig und werden sich tunlichst hüten eine solche zu erstatten.

Die Kumpels sind möglicherweise auch aktenkundig. - Glaubwürdigkeitsfrage, da wahrscheinlich auch deutlich angetrunken.

Für die Polizei war der Typ schon deutlich erkennbar betrunken. Daher dort der Test und bei Euch nicht.

Und solltest Du wirklich eine Anzeige wegen schwerer Körperverletzung im Zusammenhang mit der Platzwunde erhalten, wird es aus meiner Sicht Zeit einen Anwalt hinzuzuziehen.

Expertenantwort
von furbo, Community-Experte für Polizei, 50

Mit deinem Schlag hast du den TB der gefährlichen KV erfüllt. Die Frage ist, ob dieser durch Notwehr gedeckt war. 

M.E. ja. Wenn deine Schwester angegriffen wird musst du sofort handeln, Zeit sich um das Glas zu kümmern hattest du nicht, so dass der Gegner eine Platzwunde bekam. Pech für ihn. Hättest du erst einen Platz für dein Glas suchen sollen und zwischenzeitlich schenkt er ihr noch eine ein?

Wer bei solcher Sache die meisten Zeugen hat, interessiert niemanden, denn letztlich würde der Richter nach seiner freien Überzeugung entscheiden. 

Einen Anwalt brauchst du jetzt noch nicht, erstmal abwarten, was der Gegenseite noch einfällt. Allerdings sollte deine Schwester Anzeige wegen KV erstatten. 

Kommentar von LifeProtector ,

Wer bei solcher Sache die meisten Zeugen hat, interessiert niemanden, denn letztlich würde der Richter nach seiner freien Überzeugung entscheiden. 

Und diese freie Überzeugung wird in erster Linie durch den "Personalbeweis" (Zeugenaussagen) beeinflusst. Natürlich spielt es eine Rolle, ob es in dieser Sache Zeugen gibt, die als neutraler und objektiver einzuschätzen sein sollten, als die beiden Beschuldigten und Beteiligten der wechselseitigen KV. Gerade die Frage der "Notwehrlage" (Angriff rechtswidrig "und" gegenwärtig) sollte im besten durch Zeugen bestätigt werden. Warum auch nicht?

Einen Anwalt brauchst du jetzt noch nicht, erstmal abwarten, was der Gegenseite noch einfällt. Allerdings sollte deine Schwester Anzeige wegen KV erstatten. 

Nicht zwingend. Aber falsch ist es nicht. Vor allem ist er als einziger in dieser Sache bisher definitiv "Beschuldigter", da der Verdacht der gef. KV besteht.

Kommentar von furbo ,

Gerade die Frage der "Notwehrlage" (Angriff rechtswidrig "und" gegenwärtig) sollte im besten durch Zeugen bestätigt werden. 

Sicher, da hast du Recht. Die Objektivität der Zeugen ist aber immer wieder das Problem. Deshalb ist auch die Anzahl der Zeugen zweitrangig, die richterliche Überzeugung zählt - und der Richter erkennt sehr gut, ob der Zeuge parteiisch ist oder nicht. 

Abgesehen davon fallen viele "gute Freunde" vor Gericht um, wenn sie mit den Folgen einer Falschaussage konfrontiert werden. 

Kommentar von LifeProtector ,

Bezüglich der Zeugenobjektivität hast du völlig Recht! Und das Aussagen von "Freunden" vor Gericht kritisch hinterfragt werden müssen natürlich auch.

Antwort
von Nightlover70, 50

Du hast vollkommen richtig gehandelt. Selbst wenn unser total krankes Rechtssystem zu Deiner Ansicht kommt, dass Du eine Strafe verdient hast, bleibt es überschaubar. Ich glaube aber, dass da nichts passieren wird.

Wie dem auch sei, genauso war es richtig.

Antwort
von FloTheBrain, 12

Ein Betrunkener mit 1,9 Promille dürfte locker als unzurechnungsfähig gelten. Damit kann er niemanden mehr strafbar beleidigen. Da macht die Rechtsprechung deutlich, dass man das wegstecken muss. Erst wenn man körperlich angegriffen wird und diesem Angriff nicht mehr ausweichen kann, darf man sich wehren oder Dritte verteidigen. Bei zurechnungsfährigen Personen (also nüchterne und geistig gesunde Erwachsene) dürfte man schon früher in die Notwehr gehen.

Wenn das zu einer Anzeige kommt und er sogar noch Zeugen auf seine Seite hat, dann wird das, sagen wir mal, kompliziert für dich.

Antwort
von Goodnight, 25

Du wirst verurteilt. Wie kann man nur soo dumm sein zu einem hin zu gehen weil er dich angeblich beleidigt haben soll, was du nicht mal selber gehört hast?!  Dann auch noch zuschlagen... echt so unbeherrscht und doof sein, kann nur mit einer Strafe für dich enden.

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