Bikeroma am 06.11.2007 um 9:22 Uhr
Ich pflege eine ältere Dame die bereits drei Schlaganfälle hatte und rechtseitig gelähmt ist und auch dadurch nicht mehr sprechen kann. Wenn ich aber anfange zu singen, kann sie wunderbar mitsingen. Wie kann man sowas erklären?

Aphasie: Besser singen als sprechen! 27. Oktober 2006 - Wer an Aphasie leidet, also nach einem Unfall oder Schlaganfall nicht mehr sprechen kann, macht am meisten Fortschritte, wenn er Worte singt statt spricht. Das zeigt ein Versuch mit acht Patienten mit Hirnschlag in Kanada. [1449] Quelle: Brain 2006;129:2571
Dies hat viel damit zutun, dass durch eine Aphasie auch Wortfindungsstörungen eine große Rolle spielen. Beim Singen werden Erinnerungen im Gehirn abgerufen, so dass diese Form der Verständigung länger erhalten bleibt. Außerdem wird beim Singen eine andere Atmung (Bauchatmung) ganz automatisch angewendet, die vielleicht auch die Kommunikationsfähigkeit steigert. Singen ist ein sehr emotionaler Vorgang, nicht umsonst wird in vielen Schlaganfallselbsthilfegruppen das Singen angeboten. Ähnlich läuft es übrigens auch bei Alzheimerpatienten: wenn die Sprechfähigkeit schon lange verloren geglaubt wird, können Lieder/Gedichte immer noch abgerufen werden. Also: schön weitersingen;-), es tut ihr sehr gut!

Ich vermute mal, dass es einfacher ist, die Worte und kläge bei einer Melodie zu formen, als beim sprechen. Meine Uroma hatte auch mal einen Schlaganfall und hatte danach Sprachschwierigkeiten. ABER wenn sie sehr langsam gesprochen hat, ging es.

Man geht grob gesagt davon aus, daß Sprache in der linken, Musik jedoch in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet wird. Bei der Aphasie ist das Sprachzentrum links durch den Hirnschlag betroffen. Die Tatsache, daß sie mitsingt, bedeutet zuerst, daß die motorische Fähigkeit zur Lautäußerung noch intakt ist. Deshalb sollte unbedingt eine Musiktherapie angesetzt werden, um die sprachliche Rehabilitation zu fördern.
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Die Musikverarbeitung jedoch findet - ebenso grob gesprochen - in der rechten Gehirnhälfte statt. Und vermutlich passiert folgendes, während du singst: das rechte musikverarbeitende Gehirn wird als Erstes angesprochen. Dessen Bahnen und Verbindungen in die linke sprachverarbeitende Hirnregion sind noch intakt, deshalb wird dann auch diese Region aktiviert und funktionstüchtig.
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Das war jetzt eine sehr oberflächliche Beschreibung. Denn genau genommen werden die beteiligten Hirnareale nicht nacheinander sondern gleichzeitig aktiviert. Einen interessanten Artikel mit den Ergebnissen einer Studie zu diesem Thema findest du hier: http://tinyurl.com/ysufvx
Bikeroma am 6. November 2007 10:00 Ich pflege die ältere Dame(80) erst seit 3 Monaten aber der letzte Schlaganfall liegt schon lange zurück.
Bei einem Schlaganfall werden je nach Ort der Schädigung ganz verschiedene Schädigungen gesetzt, der eine Betroffene kann das nicht mehr, der andere Jenes. Die Beobachtung mit dem Singen finde ich sehr interessant, ich weiß nicht, ob es nur bei dieser Dame vorkommt oder auch bei anderen Aphasikern und bitte Dich, mit der Aphasie-Bewegung Kontakt aufzunehmen, z.B. über info@aphasie-unterfranken.de oder suche in einer Suchmaschine danach. Von der Arbeit mit Demenzkranken her weiß ich, daß auch bei schweren Gedächtnisstörungen noch die Erinnerung an alte Lieder da ist und die alten Leute sehr angesprochen werden können durch Vorsingen oder Singen in der Gruppe, einfach auch die Atmosphäre genießen.
Beim Singen und Sprechen werden unterschiedliche Bereiche im Gehirn aktiviert. Da ein Schlaganfall "normalerweise" nur einen Teilbereich des Gehirns "lahmgelegt" hat, fällt es dieser Dame wahrscheinlich leichter, den "musikalischen" Bereich zu aktivieren.
Sie kann aber nicht von alleine zu singen anfangen, wenn ich sage: singe doch mal "hoch auf dem gelben Wagen..." da kommt nichts erst wenn ich den Anfang machen und auch weiter mitsinge klappt das, wenn ich aufhöre hört sie auch auf.
Richtig! Das ist genau das Phänomen. Man muss die Erinnerung quasi erst lostreten.Ist ein bisschen mit einem Reflex zu vergleichen.