Durch den bevorstehenden Wintereinbruch gibt es jetzt ja wieder die Meldungen im Radio die Reifen zu wechseln und hier natürlich auch auf die Profiltiefe zu achten. Ist nichts Neues. Dieses Jahr fällt mir aber extrem auf, dass hierzu zusätzlich noch der Hinweis kommt auf das Reifenalter zu achten. Und das mehrmals täglich und sehr ausführlich. Was war denn die letzten Jahrzehnte (hier hat nicht einmal der Reifenhändler beim Wechseln auf das Alter hingewiesen)? Warum auf einmal nun diese Erkenntnis? Hat hier ein Händler seine schlechte Produktqualität nach einem schweren Unfall auf das Alter geschoben? Kennt jemand die Hintergründe warum wir jetzt auf einmal alle auch auf das Alter der Reifen achten sollen?

Hallo Erstmal , also hier deine Antowrt : Zunächst muss man eindeutig sagen, dass das Altern von Reifen ein ziemlich komplexer und zum Teil auch irreversibler Prozess ist, der zur Veränderung der Reifeneigenschaften führt. Beim Altern unterscheidet man grundsätzlich physikalische und chemische Prozesse. Dabei lösen Ozon und Sauerstoff, UV-Strahlung und Feuchtigkeit sowie Hitze und Kälte chemische Vorgänge aus, die die Reifeneigenschaften verändern. Physikalische Größen wie Temperatur, Zeit und Verformungskräfte bewirken unterschiedlich stark die Mikrokristallbildung, die Clusterbildung und die Weichmacherdiffusion in der Reifenmischung, die ebenfalls starken Einfluss auf die Reifeneigenschaften und den Alterungsprozess haben. Das gilt auch für nicht oder wenig benutzte Reifen. Dies belegt zumindest eine Continental-Studie.
Das Ozon und der Sauerstoff spalten die Polymerketten an einigen Stellen der Gummimischung auf, an anderen bilden sich neue Vernetzungen. Bei höheren Temperaturen und bei großer Luftfeuchtigkeit läuft dieser Prozess schneller ab. Dabei können Risse entstehen. Die Reifenhersteller wirken diesen chemischen Alterungsvorgängen entgegen, in dem sie Alterungsschutzmittel einsetzen. Statische Alterungsschutzmittel bilden an der Oberfläche einen Wachsfilm, der die Ozonrisse verhindern soll. Dynamische Mittel, wie Antioxidationsmittel, reagieren hingegen mit dem Ozon und dem Sauerstoff und schützen so den Gummi vor der Rissbildung. Da diese chemischen Vorgänge wie erwähnt temperaturabhängig sind, hilft eine sachgerechte Reifenlagerung dem entgegenzuwirken.Normalerweise sind die Polymerketten der Gummimischung amorph angeordnet, d. h. sie befinden sich in einem ungeordnetem Zustand. Bei niedrigen Temperaturen kann sich jedoch an einigen Stellen eine mikrokristalline Struktur ausbilden, so dass die Polymerketten lokal regelmäßiger angeordnet sind und es so zu einer Verhärtung kommt. Beim Kunden kann diese Verhärtung den Eindruck einer Qualitätsverschlechterung hervorrufen. Da dieser Vorgang jedoch reversibel ist, bei Temperaturerhöhung bildet sich wieder die amorphe Struktur aus, wird die Gebrauchstauglichkeit des Reifens jedoch nicht beeinträchtigt. Gummimischungen bestehen neben natürlichem und synthetischem Kautschuk, der das Grundmaterial liefert, zu einem großen Teil aus Füllstoffen wie Russ und Silika, die für die Widerstandsfähigkeit des Reifens gegen Abrieb zuständig sind. Beim Mischvorgang während der Herstellung des Reifens kommen weiterhin noch Kreide, Öle, Harze, Beschleuniger, Verzögerer, Mischhilfen, Aktivatoren und Schwefel hinzu.
Füllstoffe wie der Ruß lagern sich zu Clustern, zu kleinen Gruppen zusammen und verzahnen sich hierbei. Dies macht den Reifen steifer. Durch die mechanische Beanspruchung des Reifens im Fahrbetrieb lösen sich die Cluster jedoch mit der Zeit etwas auf, was zu einer geringeren Steifigkeit führt. Hierbei handelt es sich auch um einen reversiblen Prozess.Ein Reifen ist aufgrund unterschiedlicher Anforderungen an die Eigenschaften des Materials aus verschiedenartigen Gummimischungen aufgebaut. So soll beispielsweise Öl als Füllstoff den Reifen an einigen Stellen weich machen. An den Kontaktstellen der Gummimischungen kommt es jedoch zu Diffusionsvorgängen, bei denen das Öl aus einer höheren ölhaltigen Mischung in Bereiche diffundiert, die weniger Öl enthalten. Durch die geänderte Zusammensetzung der Mischung verändert sich nun auch die physikalische Eigenschaft. Dieser Vorgang ist irreversibel und stark von der Temperatur abhängig. Gegen die Weichmacherdiffusion hilft allerdings eine sachgerechte Lagerungstemperatur.
Die Reifenhersteller versuchen ihrerseits diesen Prozessen entgegenzuwirken, indem sie den Gummimischungen Substanzen beimengen, die leistungsmindernde Reaktionen in erforderlichem Maße verhindern sollen. Damit ist jedenfalls gewährleistet, dass ein mehrere Jahre alter Reifen, der aber auch sachgemäß gelagert wurde, in der Ausgewogenheit seiner Produkteigenschaften einem Neureifen entspricht. Grüße , Haydar
Vielen Dank für eure Antworten. Bitte achtet aber auf meine Fragestellung. Es geht mir nicht um den Alterungsprozess.

Das wird total übertrieben. Ein gut gelagerter Reifen ist auch noch nach Jahren neuwertig. Michelin spricht da von 10 Jahren, andere Hersteller von 6. Beim Kauf sollte der Reifen aber nicht älter als 2 Jahre sein, schließlich soll er ja ein bischen laufen, bis er die 6-10 Jahre erreicht hat. Einige reagieren überzogen, wenn sie beim Händler nun einen Reifen bekommen, der in diesem Frühjahr oder letzten Herbst produziert wurde. Das geht aber gar nicht anders, weil die Masse der jetzt beim Handel befindlichen Reifen vor der Saison, also im Frühjahr/Sommer produziert wurde. Zudem sind noch ein paar Restbestände aus der letzten Saison in den Lägern, die auch verkauft werden und keinesfalls "schlecht" sind.

Selbst wenn wenig gefahren wird, altert doch der Reifen. Es bilden sich an den Flanken Risse, durch die Feuchtigkeit eindringen kann und somit das Gewebe zerstört wird. Dies kann dan bei schnellerer fahrt, wenn der Reifen "walklt" zum Totalschaden führen. Wahrscheinlich ist man da erst durch Studien draufgekommen. Und der Reifen ist ja die direkte Verbindung zur Strasse - da sollte man schon drauf achten.
Kronkorkenkugel am 15. Oktober 2009 09:16 Man muss auch bedenken, dass die Autos immer schneller werden und dadurch die Belastung für die Reifen zunimmt. Auch spielen Umwelteinflüsse eine Rolle. Bevor hier also die Reifenhersteller ein Risiko eingehen, empfehlen sie das erneuern der Reifen bei einem gewissen Alter.
Weil Reifen die älter als 7 Jahre sind und evtl noch unsachgemäß gelagert wurden porös werden können. Das wiederum ist nicht so super für die Performance. Und da man eher nicht jeden Tag den Druck misst sollte man schon drauf achten. Zudem ist seit kurzem diese nebulöse Formulierung geeignete Ausrüstung in der StVZO. Das kann alles und nichts heißen.
Vielen Dank für die superausführliche Antwort. Mir ging es allerdings um die Frage warum hier offiziell erst seit Kurzem und warum so derart intensiv darauf hingewiesen wird. Die Reifenalterung gibt es ja schon seit es Reifen gibt.