Reicht meine Beschreibung von Mills Kritik an der Kritik des Utilitarismus?

... komplette Frage anzeigen

2 Antworten

Die in der Frage vorgelegte Beschreibung von Mills Kritik an der Kritik des Utilitarismus ist nicht ausreichend.

Beim folgenden Satz ist am Ende versehentlich ein Schreibfehler aufgetreten: „Laut ihm ist es nur wichtig, über Lust und Unlust zu wissen, dass es sich dabei um die Endziele des Handelns handelt und andere Handlungsziele lediglich dazu beitragen sollten, Lust zu erreichen oder Lust zu vermindern."

Gemeint ist offensichtlich „oder Unlust zu vermindern“.

Davon abgesehen ist in der Beschreibung inhaltlich zu wenig enthalten.

Eine Schwierigkeit bei der Hilfe ist, nicht zu wissen, von welcher Stelle bis zu welcher Stelle genau der kurze Auszug reicht, der Grundlage der Aufgabe ist. Eine Angabe des ersten und des letzten Satzes ist für eine Klärung nützlich.

Der Textauszug stammt auf jeden Fall aus John Stuart Mill, Der Utilitarismus (Utilitarianism), 2 Kapitel: Was heißt Utilitarismus? (What Utilitarianism is)

Der einzige Kritikpunkt in der Fragebeschreibung (Wert von Lust und Unlust nicht genau bestimmt) ist dort nicht ausdrücklich ein Einwand von Gegern des Nützlichkeitsprinzips. Mill weist nur darauf hin, die von der Theorie aufgestellte Norm/der von der Theorie aufgestellte moralische Standard (the moral standard set up by the theory) benötige zur Verdeutlichung zusätzliche Erklärungen, was aber nichts an der Lebensaufassung ändert, auf der die Theorie beruht.

Es gibt zwei Kritikpunkte (in der Bedeutung von Einwand, Gegenargument, Vorbehalt, Vorwurf und Angriff) unphilosophischer Gegner des Utilitarismus (am Anfang des Kapitels) vor dieser Aussage und einen Kritikpunkt nach dieser Aussage (bei später behandelten Kritikpunkten ist sehr zweifelhaft, ob sie in einem kurzen Auszug enthalten waren), auf die Mill eingeht:

  • unbrauchbare Vorrangstellung der Nützlichkeit über die Lust: Die Theorie des Utilitarismus ist unbrauchbar/unanwendbar/undurchführbar/unpraktikabel trocken/dürr (impracticably dry), wenn das Wort „Nützlichkeit“ (utility) dem Wort „Lust“ (pleasure) vorangeht.
  • Standpunkt eines verachtenswerten groben Lustprinzips: Die Theorie des Utilitarismus ist allzu brauchbar/anwendbar/durchführbar/praktikabel sinnlich/wollüstig/lüstern (too practicably voluptuous), wenn das Wort „Lust“ dem Wort „Nützlichkeit“ (utility) vorangeht.
  • Die Annahme, das Leben habe keinen höheren Zweck als Lust/Freude/Vergnügen (no higher end than pleasure), kein besseres und edleres Ziel des Wünschens/Ersehnens/Verlangens/Begehrens und Strebens (no better and nobler object of desire and pursuitthey), ist niedrig und gemein, eine nur der Schweine würdige Lehre, alles werde auf die Lust bezogen und dies in äußerst roher und grober Form.


1) und 2) Den beiden ersten Kritikpunkten, die Theorie des Utilitarismus sei entweder unbrauchbar dürr oder allzu brauchbar sinnlich, liegt, wie Mill erläutert, eine Fehldeutung des Wortes „utilitaristisch“ (utilitarian) zugrunde. In einer falschen Verwendungsweise wird mit dem Worte „utilitaristisch“ entweder (abwertend) die Verwerfung bzw. Vernachlässigung einiger Formen des Lustvollen, Schönen, Gefälligen, Vergnüglichen ausgedrückt oder (lobend) die Erhebung über das Frivole und die Lust des bloßen Augenblicks.

Alle Vertreter der Theorie der Nützlichkeit, von Epikur bis Jeremy Bentham, haben aber unter Nützlichkeit nicht etwas der Lust Entgegengesetztes verstanden, sondern die Lust/die Freude/das Vergnügen selbst (pleasure itself) zusammen mit Freisein von Unlust/Schmerz/Leid (pain). Unter dem Nützlichen haben sie auch das Angenehme und Gefällige verstanden.

3) Die Lebensauffassung, Lust/die Freude/das Vergnügen (pleasure) und Freisein von Unlust/Schmerz/Leid (pain) seien die einzigen als Endzwecke wünschenswerten Dinge, stößt bei vielen Menschen auf Abneigung. Sie halten sie für niedrig und gemein und vermissen bessere und edlere Ziele.

Mill weist auf die Entgegnung hin, nicht die Anhänger, sondern die Ankläger ließen die menschliche Natur in einer entwürdigenden Sichtweise erscheinen. Die Anschuldigung unterstelle, Menschen seien keiner anderen Art der Lust fähig als Schweine.

Tatsächlich hätten die Menschen eine weitergehende Vorstellung vom Glück. Sie hätten höhere Fähigkeiten als bloß tierische Gelüste und könnten, sobald sie sich dieser Fähigkeiten bewußt geworden sind, nur das für ihn Glück halten, in dem eine Betätigung der höheren Fähigkeiten eingeschlossen ist.

Zusätzlich zu körperlich-sinnlichen Lüsten/Freuden (die von ihm als angenehm anerkannt bleiben) nennt Mill Lust/Freude aus Tätigkeit des Verstandes, des Empfindens, der Vorstellungskraft/Phantasie und des sittlichen/moralischen Gefühl.

Die Utilitaristen hätten die Überlegenheit geistiger über körperlicher Lüste/Freuden (superiority of mental over bodily pleasures) mit quantitativen Gesichtspunkten (wie z. B. größerer Dauerhaftigkeit und Verläßlichkeit) begründet.

Mill führt in den Utilitarismus für die Beurteilung von Handlungen zusätzlich zu quantitativen Unterschiede (Menge/Ausmaß des Glücks/der Lust/Freude) auch qualitative Unterschiede (die Beschaffenheit des Glücks/der Lust/Freude) ein. Es sei mit dem Nützlichkeitsprinzip vereinbar, bestimmte Arten von Glück/Lust/Freude als wünschenswerter und wertvoller zu beurteilen.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von HoodedRoses
14.12.2015, 16:30

Zuerst einmal: Vielen Dank, du hast mir wirklich sehr geholfen, auch wenn ich jetzt erst einmal gucken muss, was ich noch passend zu meinem Textauszug ergänzen kann :) Du liegst übrigens richtig, es ist ein Auszug aus Kapitel 2: "Die Auffassung für die die Nützlichkeit oder das Prinzip des größten Glücks die Grundlage der Moral ist, besagt, dass Handlungen ....... von Lust und zur Vermeidung von Unlust. [...] [Die Moral] kann also definiert werden als Gesamtheit der Handlungsregeln und Handlungsvorschriften ...... soweit es die Umstände erlauben, für die gesamte fehlende Natur." Ich weiß nicht, ob du das Buch zu Hause hast, aber im Internet habe ich den Abschnitt leider nicht gefunden, sonst hätte ich ihn hier rein kopiert..

1

Bei Deinem Satz: "Lust zu erreichen oder Lust zu vermindern" soll es wohl heißen "Unlust zu vermindern" - was übrigens bereits eine epikureische Grundvorstellung ist.

John Stuart Mill gehört zum Utilitarismus. Der Utilitarismus ist einmal ein Standpunkt und dann ein Suchprozess.

Der Standpunkt des Utilitarismus ist infolge der Aufklärung, dass kein Klerus und Adel geeignet sind, ein nach Gutdünken ausgelegtes "göttliches Recht" auszuüben. Sie vertreten die Position, dass die freien Bürger einer Bürgergesellschaft sich selbst miteinander verständigen sollten, nach welchen Werten und Regeln sie so miteinander umgehen wollen, dass einerseits Rechte des Individuums nicht unnötig und willkürlich beschnitten werden und andererseits notwendige Rücksichtnahmen für ein gedeihliches Miteinander die individuellen Rechte eingrenzen. Das kann man als Fairness im Miteinander bewerten. Fairness der Gemeinschaft gegenüber dem Individuum und umgekehrt aber auch Fairness des Individuums gegenüber den Notwendigkeiten einer Gemeinschaft. Bezüglich dieses Standpunkts ist Mill mit den utilitaristischen Vorläufern einig.

Wie man ohne Rückgriff auf Obrigkeiten und "göttliche Gebote" Werte finden kann, beginnen die Utilitaristen bei fast Null mit der Diskussion. Sie entwickeln Vorschläge, wie in einer Gesellschaft nicht nur Recht und Werte diskutiert, sondern wie auch Maßstäbe dafür gefunden werden, was im Sinne einer fairen Berücksichtigung beider Seiten Orientierung geben soll. So wird über die Generationen der Utilitaristen bis heute eine Diskussion geführt, wie Maßstäbe und Wertungen zu finden sind. So kritisiert Mill Vorschläge seiner Vorgänger, um selbst bessere zu unterbreiten. Er wendet sich in dem genannten Satz gegen die Quantifizierung von Lust und Unlust, sprich, dass man jedes genau errechnen könne. Von dieser "Scheinmathematisierung" möchte er wegkommen. Die Handlungsziele als solche müssen vernünftigen Gründen entsprechen, deren Ziel das allgemeine Wohl in einem guten Verhältnis zum individuellen Wohl ist.

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung