Frage von emily2345, 29

Reichstagswahlen Kaiserreich Zustandekommen von Mandaten und Stimmanteil?

Guten Tag,

Mir erschließt sich nicht ganz, wie (vor allem bei den Reichstagswahlen im Kaiserreich) die Anzahl der Mandate sich so erheblich von dem Anteil der Stimmen unterscheiden kann. Ist das zurückzuführen auf die unterschiedlich geschnittenen Wahlkreise? Zum Vergleich: Ergebnisse der Reichstagswahlen von 1890, das Zentrum hatte 106 Mandate und einen Stimmenanteil von 18,6%, die Sozialdemokraten 35 Mandate und einen Stimmenanteil von 19,8%. Vielen lieben Dank! Emily

Expertenantwort
von ArnoldBentheim, Community-Experte für Geschichte, 12

Ja, das hat mit den Wahlkreisen zu tun. Die Reichsregierung hat die Wahlkreise so festgelegt, dass, wie du schon richtig geschrieben hast, gerade die Arbeiterschicht, die Stammwähler der Sozialdemokratie, benachteiligt blieben.

MfG

Arnold

Expertenantwort
von Albrecht, Community-Experte für Geschichte, 9

Die zwei wesentlichen Faktoren für Unterschiede zwischen Anzahl der Stimmen und Anzahl der Mandate waren:

1) Wahlkreiseinteilung (keine Anpassung an veränderte Bevökerungszahlen und daher Ungleichmäßigkeiten im Zuschnitt)

2) Mehrheitswahlrecht mit Stichwahl bei nicht erreichter absoluter Mehrheit im ersten Wahldurchgang in den einzelnen Wahlkreisen

zu 1)

Die Einteilung der Wahlkreise beruhte auf einer Volkszählung von 1864. Danach kam es bei zunehmender Inustrialisierung zu starken Veränderungen durch Bevölkerungswachstum und Binnenwanderung. Die Anzahl der Wähler in den Wahlkreisen war nicht mehr gleichmäßig. Die Reichregierung hat aber keine Anpassung durch Neuzuschnitt der Wahlkreise vorgenommen. Dadurch war die für einen Wahlsieg erforderliche Stimmmenzahl in den Wahlkreisen stark voneinander abweichend.

Die SPD hatte ihre Wählerschaft vor allem in der Arbeiterschaft. Die sozialdemokratischen Anhänger lebten überwiegend in großen Städten und industriellen Ballungszentren. Die SPD war so durch die ungleichmäßig gewordene Wahlkreiseinteilung benachteiligt, indem das Verhältnis zwischen Amzal der Stimmen und Anzahl der Mandate für sie ungünstig war. Bevorteilt waren Parteien, die Hochburgen in verhältnismmäßig dünn besiedelten ländlichen Wahlkreisen hatten, wie die konservativen Parteien und in einigem Ausmaß auch die Zentrumspartei.

zu 2)

Das Deutsche Reich war in 397 Wahlkreise eingeteilt. In jedem Wahlkreis wurde nach absolutem Mehrheitswahlrecht 1 Abgeordneter gewählt. Wenn im ersten Wahldurchgang die absolute Mehrheit nicht erreicht wurde, gab es eine Stichwahl in einem zweiten Wahldurchgang zwischen den beiden Kandidaten mit den meisten Stimmen.

Bei einem Mehrheitswahlrecht wird die Anzahl der Stimmen nicht in so genauer Entsprechung abgebildet wie bei einem Verhältniswahlrecht.

Wahlabsprachen zwischen Parteien hatten Auswirkungen und es spielte eine Rolle, inwieweit Wähler, deren bevorzugter Kandidat im ersten Wahldurchgang ausgeschieden war, im zweiten Wahldurchgang sich für einen der anderen mobilisieren ließen. Wer sich als „national“ empfand und einem bürgerlichen Milieu angehörte, neigte oft eher dazu, gegen den SPD-Kandidaten oder zumindest nicht für ihn zu stimmen.

Volker Ullrich, Die nervöse Großmacht : 1871 - 1918 ; Aufstieg und Untergang des deutschen Kaiserreichs. Erweiterte Neuausgabe. Frankfurt am Main : Fischer Taschenbuch, 2013, S. 35 – 36:

„Nach dem Wahlgesetz von 1871 war als Abgeordneter gewählt, wer die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen in einem der 397 Wahlkreise auf sich vereinigen konnte. Erreichte ein Bewerber die absolute Mehrheit nicht, kam es zur Stichwahl der beiden bestplazierten Kandidaten. Dabei wurden Wahlabsprachen zwischen den Parteien getroffen, die sich vor allem gegen die stärkste oppositionelle Karft im Kaiserreich, die Sozialdemokratie, richteten.

Benachteiligt war die SPD auch durch die Wahlkreiseinteilung, die auf dem Bevölkerungsstand von 1864 beruhte und den Verschiebungen im Zuge von Industrialisierung und Verstädterung seit den siebziger Jahren nicht gerecht wurde. Begünstigt waren dadurch vor allem die konservativen Parteien, die ihr Wählerreservoir in den agrarischen Gebieten besaßen. Die Sozialdemokratie, die ihre Klientel vor allem in den Großstädten und industriellen Ballungszentren hatte, mußte in der Regel erheblich mehr Stimmen für den Gewinn eines Mandats mobilisieren als ihre bürgerlichen Konkurrenten.“  

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