Frage von MarcGoldschmidt, 119

Ratsam oder doch nicht?

Ich stelle mir seit Längerem die Frage, ob eine Partnerin mit autistischen Zügen besser zu mir passen würde, als eine "normale" Partnerin, da bei mir selbst Asperger Autismus diagnostiziert wurde.

Eventuell hat jemand Erfahrungen in diesem Bereich und könnte mir davon berichten.

Ansonsten bin ich über jeden sinnvollen Ratschlag/Tipp dankbar.

Mit freundlichen Grüßen

P.s. So einfach diese Frage auch klingen mag, so komplex ist sie.

Antwort
von Pramidenzelle, 12

Ich bin (noch eine) Autistin micht nicht-autistischem Nerd als Partner. Ich hatte mir nach meiner letzten Trennung einen tollen Plan gemacht, wie genau mein nächster Partner sein sollte - und hab mich dann in jemanden verliebt, der völlig anders ist als alles, was ich mir da überlegt hatte - und es funktioniert bisher ganz wunderbar.
Meinem Gefühlnach gibt es eine Sache, die mir als Autistin das Leben in der Partnerschaft extrem erleichtert: Fernbeziehung. Fernbeziehungen sind sooo praktisch, ich verstehe überhaupt nicht, warum so viele Menschen sein Problem damit haben.

Antwort
von WPOAS, 24

Da ich einige Autisten kenne, die genau aus diesem Grund einen Partner, der ebenfalls Autist ist, gesucht haben und auch gefunden haben, kann ich ein paar reale Erfahrungswerte zu dieser Frage beitragen:

  1. Am häufigsten addieren sich die Probleme, denn meistens fehlt dem einen Partner genau dann die nötige Unterstützung, weil sein Partner eben das gleiche Defizit hat. Man hat zwar sehr großes Verständnis füreinander, aber das hilft bei der Problembewältigung NICHT weiter!
  2. Viele Autisten haben Schwierigkeiten im Umgang mit Behörden, mit dem Telefonieren etc. Wenn beide in einer Partnerschaft diese Probleme haben, dann häufen sich die amtlichen Briefe, die nicht beantwortet werden.
  3. Der (scheinbare) Nutzen, also das gegenseitige Verstehen, wiegt die addierende (oder sogar multiplizierende) Wirkung der gemeinsamen Symptome nicht auf.

Dies alles hört sich ziemlich negativ an - und ist es auch! Leider kann ich im meinem sehr großen autistischen Bekanntenkreis von keiner einzigen wirklich funktionierenden Partnerschaft zweier Autisten berichten.

Anmerkung: Ich bin seit über 40 Jahren mit einer nichtaustistischen Frau verheiratet. Es ist auch nicht problemlos - gar manchmal wünschte ich mir mehr Verständnis - aber sie geht z. B. ans Telefon, wenn ich nicht kann - sie gleicht nach außen so manches aus - sie bügelt so manches Fettnäpfchen, in das ich voll getreten bin, wieder aus.


Kommentar von MarcGoldschmidt ,

Vielen Dank! Das klingt ja nicht allzu vielversprechend. Leider....

Antwort
von einfachichseinn, 28

Ich denke das kann nicht so pauschal gesagt werden kann, weil auch Menschen mit Autismus sehr individuell sind.

Es kann sein, dass die Partnerin mit der du dein Leben verbringen möchtest auch eine Form des Autismus hat.
Es kann aber auch sein, dass du während deines Lebens eine Frau kennenlernst, die ebenfalls Autismus hat, aber aufgrund anderer Verhaltensweisen überhaupt nicht zu dir passt.

Und natürlich gilt das selbe auch für Frauen ohne Autismus.

Kommentar von MarcGoldschmidt ,

Vielen Dank!

Antwort
von DeliriumTremens, 18

Ich bin der Auffassung, dass Liebe nicht planbar ist. Zwar könntest du dich gezielt nach einer autistischen Partnerin umsehen, sehe das aber, wie hier schon angeführt ähnlich, dass a) kein Autist wie der andere ist und durch das Einbringen seiner Individualität nicht die selben Symptome wie alle hat und b) sich Schwierigkeiten eventuell potenzieren können.

Letztendlich ist Partnerschaft immer etwas, dass eine gegenseitige Verständnisgrundlage braucht. Ich denke, wenn dich jemand wirklich will, wird die Toleranz für vieles gegeben sein. Die wichtigste Säule einer Beziehung ist das Gespräch. Wenn du in der Lage bist, deine Bedürfnisse zu verbalisieren und deine Schwierigkeiten zu benennen, dann steht prinzipiell auch einer Partnerschaft mit einer NT nichts im Weg. Mal davon abgesehen, dass es auch manchmal Menschen gibt, mit denen man sich ohne viel reden versteht und es einfach passt.

Ich halte viel von Aufklärung-so kann man Missverständnissen vorbeugen, wenn sich abzeichnet dass man etwas ernsthafter zusammenfindet und sich eine Beziehung anbahnt. 

Es geht weniger um "autistisch" und "neurotypisch" sondern um das finden gemeinsamer Inhalte, Interessen und gegenseitiger Rücksichtnahme.

Wenn jemand ein Spätaufsteher ist, nicht vor 10 Uhr das Bett verlässt und morgens nicht angesprochen werden will, bis er nicht wenigstens die dritte Tasse Kaffee intus hat und der kürzlich kennengelernte, potentielle Partner bei der ersten Übernachtung morgens um halb 5 senkrecht im Bett steht, die ersten Jogaübungen praktiziert und zum gemeinsamen Joggen im Morgengrauen aufruft, dabei unentwegt redend, ist es egal, ob der eine Autist, der andere NT ist- da sind die Probleme vorprogrammiert. Menschen sind einfach generell verschieden.

Jeder Mensch hat seinen Platz auf dieser Welt, seine Berechtigung. Wir haben alle irgendwo auch Gemeinsamkeiten. Stell dir vor, alle NTs würden kategorisch einen Autisten als Partner ausschließen oder sich vorher Gedanken machen, dass ein zukünftiger Partner eventuell Autist ist und Pros und Kontras abwägen... Ich glaube, das kommt eher weniger vor und man würde wohl von Diskriminierung sprechen. 

Grenz dich nicht selbst aus und gib den NT-Mädels die Chance, einen netten Asperger als Partner abzubekommen ;) 

Kommentar von MarcGoldschmidt ,

Vielen Dank für die gut formulierte Antwort!

Kommentar von DeliriumTremens ,

Gerne 

Antwort
von halbsowichtig, 23

Ja, eine Autistin würde dich besser verstehen. Sie könnte deine Sicht auf die Welt eher nachvollziehen, als eine NT-Frau mit völlig anderer Wahrnehmung.

Eventuell wird es schwierig, wenn ihr nicht mehr nur "miteinander geht", sondern ein gemeinsames Leben führen wollt. Denn wenn ihr beide zu ähnliche Schwächen und Stärken habt, könnt ihr euch schlecht gegenseitig ergänzen.

Aber ich denke, oft vor den gleichen Problemen zu stehen ist immer noch besser, als sich ständig über Missverständnisse zu streiten. :)

Ich (Autistin) habe einen Zwischenweg gefunden, bin mit einem "normalen" Nerd-Mann zusammen. Inzwischen kenne ich auch andere Autistinnen, die mit Nerd-Männern leben. Es scheint eine gut funktionierende Kombination zu sein.

Kommentar von MarcGoldschmidt ,

Vielen Dank für die Antwort! 

Kommentar von WPOAS ,

Einen NT-NERD-Partner könnte ich mir auch gut vorstellen. Man hat einiges gemeinsam und doch könnte er/sie als NT einiges ausgleichen.

Kommentar von halbsowichtig ,

Nur am Rande: Partner sind keine Dienstleister. ;-)

Soweit ich das einschätzen kann, gleiche ich mehr Defizite meines Schatzes aus, als er bei mir. Denn nur ich z.B. kann akribisch planen oder Termine einhalten (und ihn dazu nötigen).

Manchmal brauche ich ihn für motorische Sachen, aber öfter braucht er mich zum Organisieren.

Antwort
von OHBRF, 23

Hallo Marc, 

an Deiner Stelle würde ich auch auf dieser Ebene suchen. Es wäre sehr schwer, eine "normale" Frau zu finden, die sich mit Asberger auskennt. Es sei denn, dass sie aus der Familie ähnliche Situation kennt. Ich bin bipolar und ich verstehe mich am besten mit "Leidensgenossen". Von meiner Familie habe ich mich damals trennen müssen, weil sie mich nicht verstanden hat. 

Wenn Du eine "normale" Partnerin hättest, müsstest Du ihr erst einmal Deinen Autismus in allen Facetten erklären. Und trotzdem würde sie es nicht richtig erkennen, wenn es Akut ist. Das braucht Zeit. Bei einer Frau mit Autismus dagegen könntet ihr Euch gegenseitig halten und stützen. 

Gruß Olli 

  

Kommentar von MarcGoldschmidt ,

Vielen Dank!

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