Frage von Trompetenfisch, 22

Rat für Angehörige von neurologisch/psychisch kranken Menschen?

Hallo, ich suche ein Forum, in dem ich als Angehörige Rat für den Umgang mit meinem Vater finde. Vielleicht weiß ja auch jemand hier Rat. Mein Vater hat eine schwere neurologische Krankheitsgeschichte hinter sich, zudem Diabetes und Adipositas, welche er komplett ignoriert. Eine akute Eigen-oder Fremdgefährdung im psychiatrischen Sinn liegt nicht vor. Schwierig für uns als Angehörige ist, dass er die Realität komplett abwehrt und alles in seinem Sinne dreht, dabei extrem Starrsinnig geworden ist. Er selbst sieht keine Schwierigkeiten. Eine psychiatrische Vorstellung lehnt er deshalb ab. Auch die für ihn wichtigen Medikamente nimmt er unregelmäßig oder gar nicht (u.a. Metformin, Levetiracetam, Lercanidipin), einen Pflegedienst zur Medikamentengabe lehnt er ebenfalls ab. Die Ernährung besteht hauptsächlich aus Fast-Food und Süssigkeiten, und das in großen Mengen, Diabetesberatung hat er aber insgesamt schon zweimal bekommen. Zu den Ärzten darf ihn nun keiner mehr begleiten, da sonst die Wahrheit über sein Verhalten, gerade im Umgang mit der Diabeteserkrankung, gesagt werden könnte. Auch will er nun die Neurologin wechseln (leider ohne psychiatrische Zusatzqualifikation), da diese ihm ein berechtigtes Fahrverbot ausgesprochen hat. Wir machen uns große Sorgen und fragen uns, ob wir die Situation nun einfach hinnehmen müssen und zusehen, wie er sich selbst zugrunde richtet, oder ob es irgendwelche Unterstützungsmöglichkeiten gibt. In der Familie gibt es natürlich viele Konflikte deshalb, was das Leben nicht gerade schöner macht. Eine Selbsthilfegruppe oä würde er niemals besuchen, da wie gesagt komplett uneinsichtig. Und einsperren kann und will man ihn ja auch nicht. :( Ich bin da komplett überfragt. Hat irgendjemand einen Rat, an wen wir uns wenden können oder was wir tun sollen? Oder weiß jemand ein gutes Forum für solche Tipps? Vielen vielen Dank!

Antwort
von xMirage95, 8

Im Endeffekt hängt alles an ihm. Wie er sich verhält, wie er sich entscheidet. Aber ich glaube ihr könnt da einen guten Einfluss drauf haben.

Für mich klingt das jetzt von außen so, als ob der Mann sich unverstanden fühlt. Wenn er Krankheiten ignoriert kann das an der Angst liegen, Schwäche zu zeigen, oder an der Furcht, sich einzugestehen, dass nicht alles so ist wie man es gerne hätte. Vielleicht weiß er aber auch dass er krank ist, sieht aber die Methoden nicht als richtig an.

Wie sprecht ihr mit ihm? Ratet ihr ihm, auf die Ärzte zu hören? Sagt ihr sowas wie "denk an deine Gesundheit"?

Sowas kann sehr kontraproduktiv sein, auch wenn es lieb gemeint ist. Versuch mal mehr zu verstehen, warum er sich überhaupt so verhält.

"Fühlst du dich überhaupt krank?" "Glaubst du, dass dir Medikamente helfen?" "Denkst du über andere Wege nach?" "Wie würdest du dir wünschen, wie dein Leben aussieht, vielleicht kriegen wir was hin?"

Lass ihn reden, von seinen Träumen schwärmen, lass ihn erklären. Das wirkt oftmals Wunder bei Leuten, egal wie alt oder stur sie sind. Das Problem ist oft dass wir Leute zu sehr mit "bewährten Mitteln" und Ratschlägen füttern, ohne uns vorher genau das Problem angehört zu haben.

Vielleicht liegt sein Problem gar nicht im krank sein sondern einfach darin, wie andere Menschen mit ihm umgehen. Das weiß man nie.

Antwort
von Trompetenfisch, 2

Hallo,

erstmal vielen dank an alle, ich bin wirklich gerührt über die vielen, sehr netten und hilfreichen Beiträge!

Zu dem Fragen: Nein, eine Demenz besteht nicht. Er ist vollständig orientiert und hat keinerlei Gedächtnisschwierigkeiten. Es geht vor allem um diese ausgeprägte Verweigerung der Realität und extremen Starrsinn, um jeden Preis seinen Willen unabhängig von der Argumentationslage durchzusetzen, vielleicht hat er sich auch schon aufgegeben. Ich kann nicht beurteilen, ob er Dinge nicht sehen kann oder will.

Er ist körperlich zunehmend beeinträchtigt durch seine ausgeprägte Adipositas und chron. Lymphödeme beider Beine, laufen und anziehen/selbstständig waschen geht bei ihm zunehmend schlecht. Neurologisch hatte er Anfang letzten Jahres eine herpesvirenbedingte Encephalitis mit Grand Mal Anfall. Ein MRT hat zusätzlich einen Hirninfarkt gezeigt (wann genau konnte nicht beurteilt werden), sowie einen Abbau zentraler und peripherer Hirnsubstanz. Zudem chron. lypmhat. Leukämie und tablettenpflichtiger DM Typ II.

Eine Pflegestufe haben wir bereits beantragt, ist abgelehnt worden, wirhaben letzte Woche den Widerspruch formuliert. Hier geht es aber vor allem um eine Entlastung meiner Mutter, mein Vater sieht das alles nicht. Aber auch eine Pflegestufe wird das Problem nicht lösen.

Zu dem Fahrverbot: Er hatte nach dem Grand Mal Anfall ein Jahr lang automatisch ein Fahrverbot. Die Fahrerlaubnis hat er dann zurückbekommen, nachdem er keine weiteren Anfälle mehr hatte. Er hat der Neurologin aber auch erzählt, dass nun im Alltag alles super sei, und meine Mutter unter Druck gesetzt, dies zu bestätigen. Ich habe das alles erst viel später erfahren und bin davon ausgegangen, dass eine genauere Diagnostik gelaufen sei. Drei Monate nachdem er wieder fahren durfte hat er dann einen Verkehrsunfall verursacht, zum Glück "nur" Totalschaden an dem Wagen meiner Eltern. Ich habe daraufhin die Neurologin angerufen und informiert, dass er zu Hause häufig spontan einschläft und seinen Diabetes vernachlässigt. Alles spricht dafür, dass er auch am Steuer eingeschlafen ist. Inzwischen streitet er das ab und beschuldigt das Auto, anfangs hat er sogar zugegeben, dass er möglicherweise eingeschlafen sei, er wusste eigentlich gar nicht, was passiert ist. Meine Mutter hat das dann auch bei der Neurologin bestätigt. Sie hat daraufhin ein erneutes Schlaflabor empfohlen (er hat Schlafapnoe mit Maske nachts), aber vor allem muss er seine Diabeteserkrankung ernst nehmen.

Er hat mir das sehr übel genommen, was ich einerseits auch verstehen kann, andererseits kann ich es als Tochter auch nicht verantworten, ihn so fahren zu lassen. Seitdem ist die Beziehung zwischen uns beeinträchtigt, obwohl wir immer ein sehr gutes Verhältnis hatten. Wir verstehen uns wohl immernoch gut, wenn die Themen Krankheiten etc. vollkommen außen vor gelassen werden. Ich gebe mir die meiste Zeit Mühe, das zu tun, weil ich denke, dass ich zumindest eine positive Zeit mit ihm verbringen möchte, solange er noch lebt. Das gelingt mir aber nicht immer. Sobald es in Richtung Gesundheit geht, gibt es Streit, auch zwischen meinen Eltern. Ich kann mir gut vorstellen, dass er sich nicht verstanden und in seiner Autonomie eingeschränkt fühlt. Andererseits zeigt er sich in seinen Aussagen eher wie ein uneinsichtiges, zweijähriges Kind, das immer seinen Willen haben will. Wir haben versucht, ihm mehrfach sehr behutsam zuerklären, dass es zB nicht am Geiz oder bösen Willen meiner Mutter liegt, wenn sie nicht jeden Tag Eis und Pizza kaufen will, sondern dass wir ihn lieb haben und uns Sorgen um ihn machen- auch anhand von anderen Beispielen, wo er sich Sorgen um Familienmitglieder gemacht hat, um eine Perspektivübernahme zu erleichtern. Oder aber anhand des Beispiels, dass meine Mutter trotzdem lieber Gurken als Eis kaufen würde, selbst wenn diese 10 Euro kosten würden. Er bleibt dann aber dabei, dass meine Mutter geizig ist und droht, sich ein Taxi für seine Einkäufe zu bestellen, falls meine Mutter nicht nachgibt.

Aber die Kommunikation ist natürlich erschwert, weil alle emotional involviert sind und sich Sorgen machen, das stimmt schon. Meine Mutter, die ja 24 Std. mit ihm verbringt, wirkt fast schon verbittert, und natürlich hilflos, da kommen manchmal sehr zynische Kommentare. Ich werde es nochmal versuchen, anders mit ihm zu sprechen, einen Versuch ist es definitiv wert. Auch wenn ich nicht glaube, dass er darauf einsteigen wird, am liebsten bagatellisiert er einfach alles oder streitet ab, überhaupt krank oder eingeschränkt zu sein. Aber vielleicht kriege ich ja einen Draht zu ihm hin. Ich glaube nämlich wirklich, dass es ihm auch emotional nicht wirklich gut geht mit der jetzigen Situation und in der Familie, er möchte am liebsten einfach in Ruhe gelassen werden und weiterleben wie immer...

Und zusätzlich werde ich noch eine Beratung beim sozialpsychiatrischen Dienst in die Wege leiten, am besten gemeinsam mit meiner Mutter.

Mit dem Fahren- ich weiß nicht, werde glaube ich erstmal weiter beobachten. Ich möchte mich auch nicht unnötig noch mehr einmischen, weil das nur wieder neuen Zunder bietet und ich eigentlich keinen Streit mit ihm möchte. Aber wenn es nicht anders geht, dann gehts nicht. Er hat aber auch gedroht, dass er meine Chefin anrufen und Lügen über mich erzählen werde, sollte ich mich nochmal beim Thema Fahren oder sonstwie einmischen...

Viel geschrieben, sorry!!!

Aber nochmal ganz ganz vielen Dank an euch alle- es ist schön zu merken, dass man verstanden wird und es doch noch Perspektiven gibt! :-)

Antwort
von huldave, 20

Wende dich an den sozialpsychiatrischen Dienst deiner Stadt/Gemeinde, die beraten auch Angehörige.

Kommentar von Trompetenfisch ,

Danke!!!

Antwort
von mg6358, 9

Der Soziale Dienst deiner Stadt/Gemeinde ist eine gute Möglichkeit. Vielleicht kannst du auch um ein vertrauliches Gespräch bei der Hausärztin deines Vaters bitten?

Was das ausgesprochene Fahrverbot betrifft bin ich mir nicht sicher ob man da nicht mal bei der Zulassungsstelle oder der Polizei "mit dem Zaunpfahl winken sollte" ? Denn wenn die Ärztin so ein Verbot ausspricht wird sie das nicht aus einer Laune heraus machen.

Was ist wenn wirklich etwas passiert?

Antwort
von lamarle, 9

Wie kommt denn dein Vater sonst im Alltag zurecht? Besteht eine Demenz?

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community