Frage von FootballGirl26, 78

Problemfrage zu Vortrag über Dädalus und Ikarus?

Hallo Community, ich halte in ein paar Tagen einen Vortrag über die Sage von Dädalus und Ikarus, leider fehlt mir bis jetzt die Problemfrage. Hat einer von euch vielleicht eine gute Idee? Zur Erinnerung: eine Problemfrage muss mit "ja" oder "nein" beantwortet werden können.

Ps: Meine bisherigen Ideen - ich freue mich über Kommentare! Hätte Dädalus den Tod seines Sohnes verhindern können? Hat die Sage einen tieferen Hintergund? (Kann man aus ihr etwas lernen?) Beruht die Sage auf wissenschaftlich nachweisbaren Tatsachen?

Schon einmal danke im Vorraus, euer FootballGirl26.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, 35

In mehreren antiken Texten wird über Daidalos (griechisch: Δαίδαλος; lateinisch: Daedalus) und Ikaros (griechisch: Ἴκαρος; lateinisch: Icarus) erzählt und es gibt auch bildliche Darstellungen. Insgesamt handelt es sich nicht um eine in allen Fassungen einheitliche Sage (z. B. wird als Grund für den Zorn des Kreterkönigs Minos auf Daidalos, der zum Gefangenhalten führt, teils der Rat an Ariadne, Theseus ein Garnknäuel - »Ariadnefaden« - zum Herausfinden aus dem Labyrinth zu geben, teils das Anfertigen einer künstlichen Kuh aus Holz, was Pasiphaë (griechisch: Πασιφάη: lateinisch: Pasiphae) die Paarung mit dem Stier ermöglicht, genannt; statt eines Fluges wird in einer weniger wunderhaften Art der Flucht von der Insel Kreta eine Fahrt mit Schiffen angegeben, wobei Ikaros nicht geschickt genug steuert, beim Landungsversuch Schiffbruch erleidet und ertrinkt).

Wie umfassend ist die Textgrundlage beim Vortrag? Ovid, Metamorphosen 8, 183 – 235 ist eine besonders bedeutende Gestaltung des Stoffes, aber keineswegs der einzige antike Text.

Von den Einfällen hat die erste Frage („Hätte Dädalus den Tod seines Sohnes verhindern können?“) am meisten Potential. Dies gilt, wenn sie nicht auf technische Überlegungen beschränkt wird, sondern psychologische Gesichtspunkte einbezieht. Dann sind auch Überlegungen möglich, was daraus gelernt werden kann.

Die zweite Frage („Hat die Sage einen tieferen Hintergund?“) ist zu unbestimmt, um davon ausgehend viel an Erklärung und Deutung herausholen zu können. Nötig wäre eine Angabe, was vordergründige Erzählung/Oberfläche der Darstellung ist und was genau der gemeinte tiefere
Hintergrund. Ist beim Hintergrund daran gedacht, die Sage sei Ausdruck eines
Traums der Menschen vom Fliegen, es den Vögeln im freien Flug durch die Lüfte gleichzutun, sich zu der Sonne bzw. den Sternen zu erheben?

Bei der dritten Frage („Beruht die Sage auf wissenschaftlich nachweisbaren Tatsachen?“) kann ich keine Aussicht auf sehr gehaltvolle Ergebnisse bemerken. Für Kreta kann in der Zeit der minoischen Kultur wohl eine bedeutende Machtstellung und viel Einfluß in der Gegend des östlichen Mittelmeeres nachgewiesen werden. Eine solche Aussage wäre aber kein
großartiger Ertrag zu der Sage. In Bezug auf technische Flugapparate ist nicht
erkennbar, wie greifbare Tatsachen herauskommen können. Ein Flug über mehrere hundert Kilometer mit einfachen Federschwingen ist für Menschen nicht möglich gewesen, höchstens ein kurzer Gleitflug bei günstigen Umständen mit Aufwind. Die antiken Griechen sind nicht tatsächlich weit durch die Lüfte geflogen.

Gute Problemfragen können sich auf die Ursachen des Absturzes und Todes des Ikaros richten. Es sind verschiedene Formulierungen möglich, die sich auf das menschliche Verhalten richten. Technisch hat die Erfindung nach der Sage/dem Mythos funktioniert. Das Risiko bestand darin, die rationale Kontrolle zu verlieren und von einer Bahn mit der richtigen Flughöhe
abzuweichen.

Ist Daidalos für den Tod seines Sohnes Ikaros verantworlich?

Ist Ikaros selbst für seinen Tod wegen eines ihm zurechenbaren Fehlverhaltens verantwortlich?

Ist der wesentliche Inhalt der Sage zu zeigen, wie jugendlicher Übermut und Leichtsinn in Verderben führt?

Ist der Zweck der Sage, eine Lehre von Maßhalten und richtiger Mitte zu bekräftigen?

Besteht eine hauptsächliche Absicht, einen Zusammenhang von Schuld und Sühne darzustellen, weil Daidalos in Athen seinen Neffen aus Neid auf dessen Können und Erfindungen von der Akropolis herabgestoßen hatte?

Daidalos hat Ikaoros genaue Anleitungen gegeben und ihn vor Gefahren gewarnt. Er kann zwar versuchen, beim Flug auf ihn achtzugeben, aber ihn nicht die ganze Zeit über festhalten. Seine Möglichkeiten zum Aufpassen und Eingreifen sind zumindest eingeschränkt. Wenn sich Ikaros plötzlich nicht an die Anweisungen hält, wird es schwierig.

Möglich ist eine Überlegung, ob Daidalos wegen einer bemerkbaren Unreife seines jungen Sohnes den Fluchversuch in die Freiheit durch Davonfliegen besser noch nicht unternommen hätte.

Ikaros wird übermütig und leichtfertig. Er folgt nicht mehr der väterlichen Autorität und den begründeten Anweisungen. Er verliert die Selbstkontrolle/Selbstbeherrschung und hält die erforderliche besonnene
Beschränkung bei der Flughöhe nicht mehr ein. Als er sich am wagemutigen/kühnen/verwegenen Flug zu erfreuen beginnt, verläßt er seinen Führer und schlägt aus Begierde/Sehnsucht nach dem Himmel eine zu hohe Bahn ein (Ovid, Metamorphosen 8, 223 cum puer audaci coepit gaudere volatu deseruitque ducem caelique cupidine tactus altius egit iter.).

Maß und Mitte sind in der Antike oft betont worden. Ein dem Orakel von Delphi oder den sogenannten »Sieben Weisen« zubeschriebener Spruch ist μηδὲν ἄγαν („Nichts zuviel“/„Nichts allzusehr“/“Nichts im Übermaß“). Aristoteles hat in seiner Ethik eine Lehre von der richtigen Mitte (μεσότης [mesotes]) zwischen Extremen vertreten, die allerdings nicht mit Mittelmäßigkeit verwechselt werden darf. Ähnlichkeiten mit der Anweisung an Ikaros (Ovid, Metamorphosen 8, 203 – 208) hat die Anweisung, die der Gott Helios (griechisch: Ἥλιος; lateinisch: Sol) seinem Sophn Phaëthon (griechisch: Φαέθων; lateinisch: Phaethon) gibt (Ovid, Metamorphosen 2, 134 – 137).

Daidalos hat in Athen seinen Neffen Perdix/Talos/Kalos (griechisch: Πέρδιξ/ Τάλως/Kάλως; lateinisch:Perdix/Talus/Calus). Dieser erweist sich als sehr begabt, könnte seinen Lehrmeister übertreffen, erfindet Säge, Zirkel und Töpferscheibe. Daidalos stößt ihn aus Neid von der Akropolis. Der Neffe stirbt bzw. wird  (nach der Erzählung Ovids) von der Göttin Athena/Athene (griechisch: Ἀθηνᾶ/ Ἀθήνη; lateinisch: Minerva) gerettet, indem sie ihn in ein Rebhuhn verwandelt. Dieses Rebhuhn beobachtet mit Zeichen der Freude, wie Daidaos seinen Sohn Ikaros begräbt (Ovid, Metamorphosen 8, 236 –
259).

Möglich ist eine Überlegung, ob der Tod des Sohnes in der Sage/dem Mythos
als sühnender Ausgleich für das Verbrechen am Neffen gedacht ist.

Denkbar ist auch eine Frage zur Einschätzung der technischen Erfindung.

Wird die technische Erfindung zum Fliegen, die dem Menschen eine Möglichkeit gibt, mit der ihn die Natur nicht ausgestattet hat, positiv/optimistisch beurteilt?

Wird die technische Erfindung zum Fliegen, die dem Menschen eine Möglichkeit gibt, mit der ihn die Natur nicht ausgestattet, negativ/pessimistisch beurteilt?

Wird die technische Erfindung zum Fliegen, die dem Menschen eine Möglichkeit gibt, mit der ihn die Natur nicht ausgestattet hat, ambivalent (zwiespältig/doppeldeutig) beurteilt?  

Kommentar von FootballGirl26 ,

Dankeschön für deine wirklich sehr ausführliche Antwort, mit vielen guten Ideen. :) Ich habe mich letztendlich (nach Absprache mit meiner Lehrerin) für die Problemfrage "Ist Ikarus selbst an seinem Tod Schuld?" entschieden.

Expertenantwort
von Volens, Community-Experte für Latein & Schule, 34

Das ist doch nichts für technische Fragen, sondern eine Sache der Philosophie. Denn physisch könnten die beiden ja nie geflogen sein.
Es ist nicht allzu weit von einer Fabel entfernt. Jugendlicher Übermut führt ins Verderben trotz Warnung des Vaters.

In eine solche Richtung sollte deine Frage zielen.
Das Problem ist: auf diese Frage ist noch jeder gekommen.

Die Sage gibt sonst nicht viel her. Möglicherweise kannst du den Schwerpunkt darauf legen, ob es nicht manchmal doch besser sei, dem Urteil erfahrenerer Menschen zu folgen.

Kommentar von FootballGirl26 ,

Danke für die Antwort :), beim Durchlesen ist mir ein sehr bekanntes Sprichwort, nämlich "Übermut tut selten gut" eingefallen, mit welchem ich meinen Vortrag eingeleitet habe.

Expertenantwort
von Miraculix84, Community-Experte für Latein & Schule, 24

Zusätzlich zu Volens möchte ich noch ergänzen, dass man hier das Problemfeld Mensch-Natur thematisieren könnte:

Der Mensch kann nicht fliegen (von Natur aus) und macht es trotzdem? Ist das gut? Ist nicht jeder Fortschritt ambivalent zu betrachten?

LG
MCX

Kommentar von Bevarian ,

Der Mensch kann nicht fliegen

Zumindest nicht entgegen des Gefälles der Potentialenergie - viele Bergsteiger, Wanderer und Fallschrimspringer können das für eine kurze Zeit widerlegen... ;)))

Kommentar von Bevarian ,

Hoppala, ein Doppler

Kommentar von FootballGirl26 ,

Auch eine sehr schöne Überlegung, leider habe ich sie erst zu spät gelesen.

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