Frage von Happiness88, 47

Platon spricht vom "sinnlichen Einzelding". Was muss ich mir darunter vorstellen und umfasst dieses all jene Dinge, die ich mit meinen Sinnen wahrnehmen kann?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 14

Darstellungen von Platons Gedanken verwenden die Bezeichung „sinnliche Einzeldinge“. Denn der Sache nach geht es Platon darum, wenn er davon die Ideen unterscheidet.

Bei den sinnlichen Einzeldingen (Plural) handelt es sich insgesamt um eine Vielheit an Einzeldingen, nicht ein alles umfassendes einziges sinnliches Einzelding.

Alles, was möglicher Gegenstand einer Wahrnehmung durch die Sinne ist, gehört zu den sinnlichen Einzeldingen. Die Sinneswahrnehmung bezieht sich auf Einzeldinge und Zusammensetzungen von Einzeldingen und die Sinne können dabei an ihnen allgemeine Bestimmtheiten unterscheiden (beispeielsweise beim Sehen unterschiedliche Farben und Formen).

Jedes sinnliche Einzelding ist auf irgendeine Weise etwas Materielles, sonst wäre es nicht durch Sinne wahrnehmbar (z. B. sichtbar, hörbar, riechbar, schmeckbar, betastbar).

Sinnliche Einzeldinge können sich (im Unterschied zu den platonischen Ideen) verändern, sind im Bereich des Werdens und Vergehens angesiedelt.

Sinnliche Einzeldinge sind individuelle Gegenstände/Objekte.

Es gibt z. B. einzelne individuelle Pferde. Sie alle haben Anteil an etwas Allgemeinem, der Pferdheit/Idee des Pferdes.

Die einzelnen individuellen Pferde sind nicht rein die Sache Pferd selbst. Beispielsweise hat ihr Fell eine bestimmte Farbe, die nicht alle Pferde haben, sie haben bestimmte Maße, können etwas schneller oder langsamer laufen, haben ein unterschiedliches Temperament.

Ein Einzelding wie ein einzelner Stuhl ist ein konkreter Gegenstand, der mit Hilfe von Sinneswahrnehmung bekannt ist, aber nicht rein die Sache Stuhl selbst. Am wahrnehmbaren Einzelding Stuhl ist auch etwas, das nicht zum Stuhl-sein als solches gehört. So hat ein einzelner Stuhl eine bestimmte Farbe (z. B. braun oder weiß), besteht aus einem bestimmten Material (z. B. Holz oder Plastik), ist gepolstert oder nicht gepolstert. Diese bestimmten Eigenschaften hat nicht jeder Stuhl. Dies ist also nichts, was allgemein notwendig zum Stuhl gehört.

Im Unterschied dazu gibt es die Idee Stuhl, etwas, das bei jedem Stuhl vorliegt und mir der allgemeinen Frage „Was ist ein Stuhl?“ gesucht werden kann. Die Menschen können es mit begrifflichem Denken erfassen. Beim Stuhl ist für die Idee seine Funktion wesentlich, nämlich zum Daraufsitzen geeignet zu sein.

Es gibt vieles Schöne (πολλὰ καλὰ Platon, Politeia 479 a und e) und als Allgemeines die Idee der Schönheit/des Schönen. Die Idee des Schönen ist rein das Schöne selbst, in der Fülle seines Wesens.

Es gibt einerseits als Einzeldinge einzelne schöne Körper, andererseits die Idee der Schönheit/des Schönen (Platon, Symposion 210 a – 212 a).

Die Einzeldinge haben zu den Ideen eine Verbindung, die in bildlich-übertragener Ausdrucksweise ein Urbild-Abbild-Verhältnis genannt werden kann (ein Muster/Vorbild [παράδειγμα] und ein Abbild [εἰκών; εἴδωλον]). Platon schreibt von einer Teilhabe (μέθεξις) der Einzeldinge an den Ideen. Im Einzelding gibt es eine Anwesenheit/Gegenwärtigkeit (παρουσία) der Idee. Zwischen Idee (ἰδέα) bzw. anders ausgedrückt Form (εἶδος) und ihr zugehörigem Einzelding gibt es eine Gemeinschaft (κοινωνία).

Einzeldinge sind teils Idee, teils Nicht-Idee (etwas, das nicht dem Wesen nach notwendig zu dem bestimmten Etwas, welches die Idee ist, gehört). Ideen sind nur rein die bestimmte Sache selbst und stehen damit auf einer höheren Seinsstufe als die Erscheinungen.

Platon unterscheidet grundlegend zwei Wirklichkeitsbereiche (z. B. im Sonnengleichnis, Liniengleichnis, und Höhlengleichnis - Politeia 508 a – 509 d, 509 d – 511 e, 514 a– 521 b und 539 d – 541 b - ):

1) sinnlich wahrnehmbare Welt/Erscheinungswelt/Sinnenwelt/empirischer Bereich (von Platon genannt: ὁϱατὸς τόπος [horatos topos] = sichtbarer Bereich, auch τὸ ὁϱατόν [to horaton] = das Sichtbare, ὁϱατὸν γένος [horaton genos] = sichtbare Art)

2) denkbarer Bereich/geistig erfaßbarer Bereich/durch Vernunft einsehbarer Bereich/intelligible Welt/Welt der Ideen (von Platon genannt: νοητὸς τόπος [noetos topos] = denkbarer Bereich, auch τὸ νοητόν [to noeton] = das Denkbare, τὸ γνωστόν [to gnoston] = das Erkennbare, νοητὸν γένος [noeton genos] = denkbare Art)

Der erste Bereich (zu dem die sinnlichen Einzeldinge gehören) ist Gegenstand von Meinung (δόξα [doxa]), bloß auf Sinneswahrnehmung beruhend.

Der zweite Bereich ist Gegenstand Erkenntnis/Wissen der Vernunft (νοῦς [nous] = Vernunft, Geist, Denkkraft, Einsicht).

Letztlich gehören die beiden ontologisch und erkenntnistheoretisch unterschiedenen Bereiche zusammen (nach der Auffassung über Teilhabe und dem Prinzip des Einen (τò ἕν [to hen]).

Kommentar von Happiness88 ,

Danke sehr

Antwort
von grtgrt, 27

So wie ich Platon verstehe, unterscheidet er die Idee eines Dings vom Ding selbst. Dieses Ding (ein Pferd etwa) ist eines der "sinnlichen Einzeldinge".

Kommentar von berkersheim ,

Oder anschaulicher: Alle Pferde, die Du auf Koppeln oder in Pferdeställen siehst, sind je "sinnliche Einzeldinge" der Idee "Pferd".

Kommentar von Happiness88 ,

Danke sehr!

Antwort
von cJ0815, 21

also ich hab jetz mal 10 min google bemüht...

ne klare definition für das genannte sinnlich wahrnehmbare einzelding gibt es nicht

viel mehr wird jedem ding Ousia zugeschrieben (ungenau übersetzt... eine substanz)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ousia

wenn man es mit substanz übersetzt, ist das einzelding ein Objekt und entspricht dem was du in deiner fragestellung beschreibst...

edit: aber außer dass ich, sehr allgemein, das höhlengleichnis erklären kann(was nicht schwer ist) hab ich von platon ansich keine ahnung... deswegen würd ich auf meine antwort nicht allzuviel geben

Kommentar von Happiness88 ,

İch glaube, dass du damit richtig liegst. Danke sehr!

Kommentar von grtgrt ,

Die entscheidende Stelle im zitierten Wikipedia-Artikel ist:

Ein fundamentaler Unterschied zwischen der wahren ousia der Ideen und der uneigentlichen ousia der Sinnesobjekte besteht für Platon darin, dass die Ideen „an sich“ (kath’ autá) seiende Gegebenheiten sind, die unabhängig von Bezügen existieren, während die veränderlichen Dinge nur ein bezügliches Sein aufweisen, das ihnen durch ihre Beziehung zu den Ideen zukommt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Ousia#Ousia_im_rein_geistigen_Bereich

Kommentar von grtgrt ,

Siehe auch den Abschnitt <https://de.wikipedia.org/wiki/Ousia#Ousia\_in\_den\_Kategorien>, zu dessen Beginn man liest:

In der „Kategorienschrift“ geht Aristoteles von der platonischen Unterscheidung zwischen dem eigenständigen Sein des Konstanten und dem nur bezüglichen Sein des Veränderlichen aus. Dabei führt er aber eine neue Vorstellung ein: Die ousia ist bei ihm ein stabiles Substrat, das dem Dasein eines Einzeldings (sýnholon) zugrunde liegt und für dessen konstante Identität sorgt. 

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