Frage von othmarione, 75

Philosophisches Denken in Kapitalismus integrieren?

Hallo Zusammen,

ich habe lange darüber nachgedacht und hoffe, dass ich von euch einige Tipps und Ratschläge erhalten kann, welche mir eventuell etwas die Augen öffnen können.

Und zwar geht es grundlegend darum, dass ich keinen passenden Beruf, welcher zu meinem Wesen und Art passen könnte, kenne. Zur Zeit bin ich in der Informatik als Webentwicklerin tätig. Ich habe eine abgeschlossene Informatikausbildung, welche ich bereits mit 13 antreten musste (2 Jahre übersprungen). Ausserdem ist es noch wichtig zu erwähnen, dass ich in der Schweiz lebe.

Mir wird eine Richtung immer sehr schnell langweilig, obwohl ich mich für fast alles interessiere. Ich habe sehr viele Talente, bin sehr kreativ und habe ein gutes logisches Denken. In der Schule war ich in Kunst, Mathematik und Physik immer die Klassenbeste. Dies zu meinen Fähigkeiten.

Nur leider bin ich nicht fähig, eine Richtung zu wählen und für einige Jahren darin zu verweilen. Meistens wird es mir zu detailliert, da ich grundsätzlich "nur" den Zusammenhang zum Leben erkennen möchte und nicht in die Materie einsinken will.

Ich musste für mich erkennen und zugestehen, dass ich ein sehr philosophischer Mensch bin und dies mein Wesen ausmacht. Ich habe das Gefühl, dass ich eingehe, wenn ich mein philosophisches Denken nicht einsetzen kann. Wenn ich 5 Tage die Woche, "fachlich" denken muss, ich jedoch "im Dasein orientiert" denken möchte, dann fühle ich mich schnell gezwungen fremd zu denken, was mich auf Dauer total unglücklich macht. Letztendlich führt es zu Frustration und Verweigerung.

Nun frage ich mich, wie ich diese Erkenntnis gescheit in die Realität umsetzen kann. Ich fühle mich mit meinem Denken vollkommen der Arbeitswelt fremd. Der Kapitalismus funktioniert genau durch die Fokussierung, da dann Fachkräfte entstehen. Angebot erstellen und Verkaufen. Doch, was kann ich anbieten? Alles und doch nichts.

Es gibt so viele Experten, wozu mich? Einen Philosoph wird meistens als Unternehmensberater o.ä. eingesetzt. Ich weiss nicht, ob ich ein Unternehmen dabei unterstützen möchte, durch Psychologie besser an Geld zu geraten.

Ich habe mir überlegt einen Blog zu führen oder Autorin zu werden. Aber ich bin noch viel zu jung, um berichten zu können. Erstmal muss ich ja lernen. Ich habe mir überlegt Praktikas zu absolvieren, um die Welt kennenzulernen. Aber die meisten Praktikas sind in der Pflege oder ein Studium sollte bereits vorhanden sein.

Was meint ihr dazu? Kennt ihr das? Gibt es Berufe/Möglichkeiten welche ihr passend zu mir empfindet? Vielleicht kennt das ja jemand von sich und kann mir über seinen Weg berichten.

Ich danke euch herzlichst. othmarione

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Nicodemus0815, 36

Hallo othmarione,

wie ich es verstehe, bist du jemand, der mit Intelligenz an die Fragen und Probleme des Lebens herangeht. Intelligenz, ich meine damit die kreative Intelligenz, versucht eine Frage oder ein Problem zu verstehen, anstatt es zu lösen. Dann machst du die Erfahrung, hast du eine Frage vollständig verstanden, dann ist die Lösung sehr einfach.

So gibt es in der Schule diejenigen, die Wissen auswendig lernen und Methoden lernen, wie man mit dem Gelernten zu Lösungen kommt. Das ist der übliche Weg.

Die (wenigen?) anderen haben gelernt ihre Intelligenz einzusetzen. Intelligenz arbeitet im Grunde spontan, natürlich und im Grunde absichtslos. Sie führt zu guten Ergebnissen, aber sie funktioniert nicht in den Kategorien Ursache und Wirkung. Eine Idee kann man nicht machen, man ihr ihr jedoch den Raum geben, daß sie kommen kann.

Der letzte deutsche Physik- Nobelpreisträger hat einmal sinngemäß im Interview gesagt: Hierachien behindern die kreative Intelligenz. Er forderte Arbeitsplätze für Kreative, die aus dem üblichen Kariereweg herrausgenommen werden.

Vielleicht wäre es eine Aufgabe für dich, dieses Feld für dich zu erschließen. Z.B. mit Unternehmensberatung im Themenfeld Kreativität und Unternehmensführung.


Kommentar von othmarione ,

Hallo Nicodemus0815,

Danke für deine Antwort. Es ist für mich sehr einleuchtend. Denn für mich ist es kaum möglich auf Kommando zu leisten. Ich kann schon logische Schlüsse ziehen, ich kann auch die Aufgaben erledigen, welche mir aufgetragen werden. Aber meine innere Stärke und meine Energie entfachtet sich überhaupt nicht. Ich fühle mich nur "halb" funktionierend, weil mir die Pflichten den Weg versperren. Am kreativsten bin ich gegen 22 Uhr, dann bin ich jedoch wiederum müde. Ich konnte nie auswendig lernen ohne den Sinn dahinter zu erkennen, ich verstehe somit die Entwicklung der Karriere nicht, ich kann mich nicht hineinfühlen, es ist mir so fremd. Ich würde nie auf die Idee kommen, etwas auswendig zu lernen, anstelle zu verstehen, da ich mit Auswendiglernen nur an die Oberfläche kratze und bei jeder Abweichung die gesamte Basis verliere. 

Unternehmensberatung habe ich mir auch schon überlegt. Ich befürchte jedoch bis dahin, nur auswendig lernen muss. Ich kann mit der Wirtschaft heutzutage kaum etwas anfangen, weil es für mich zu menschlich "erfunden" wurde. Die Psychologie dahinter jedoch, finde ich schon etwas spannender. Vielleicht habe ich auch, durch meine negative Haltung, einfach nur eine "falsche" Sicht zum Ganzen.

Grüsse

Kommentar von Nicodemus0815 ,

Das kann ich gut nachvollziehen. Die Psychologie "dahinter" ist auch ein interessant Feld. Nun muß man das Verstandene irgendwie mit der Welt in seinem Leben in Verbindung bringen.

Ein Weg ist es anderen zu erklären, also das Verständnis weitergeben. Die höchste Anforderung an das eigene Verständnis hat der Physiker Richard Feynman gestellt, indem er sagte: "Was ich nicht einem jeden Interessierten einfach erklären kann, das habe ich nicht wirklich verstanden."

Außerdem sollte man darauf achten, daß Verstehen außer auf Naturgesetzen, auf unserem eigenen Erleben aufbaut und dem Erleben der Menschen, mit denen man zu tun hat, da sich das Denken sonst in Idealen verirrt.

Eine Erkenntnis ist dann eine gute Erkenntnis, wenn sie sowohl richtig ist als auch gut tut.

Antwort
von Pescatori, 33

Du bist vielseitig begabt, jung, weißt sogar schon um die Grenzen eines vorrangig vom Intellekt gesteuerten Lebens, hast großes Interesse an philosophischen Fragen.
Dich in die alltäglichen Details zu vergraben, um im Leben "Erfolg" zu haben – das ist für Dich schon jetzt  keine tragfähige Motivation mehr.

Mir kommt in den Sinn, dass Du etwas von den Zugvögeln lernen könntest. Sie brechen auf mit der Gewissheit, dass sie nun auf die Reise gehen müssen – ohne das Ziel, das in ihnen ist, bewusst anzusteuern. Ihre Reise ist sehr kräftezehrend und auch bedrohlich. Sie geben Alles in dieses Unterwegs-Sein.

Du hast doch eigentlich ideale Voraussetzungen für Deine Lebensreise. Hindern Dich vielleicht Deine intelligenten Gedanken am „Losfliegen“?

Auf unsere Intuition zu vertrauen ist in einer durch-rationalisierten Welt eine gewaltige Herausforderung – Deine Herausforderung – so vermute ich.

Neben der Reflexion – die Dir so wichtig ist – und der Aktion – nach der Du Dich doch sehnst – könntest Du als Übergreifendes vielleicht die Kontemplation entdecken, die Dir das „Nichthandeln“ (Wu wei) schenkt, bei dem „nichts ungetan bleibt“ – also, das „Handeln“ aus der Intuition.

Das braucht Dich aber nicht davon abzuhalten Automechanikerin zu werden oder Gärtnerin und auch nicht davon, meine Worte für dummes Geschwätz zu halten.

Na, und philosophisches Denken in den Kapitalismus  integrieren - vielleicht kann man auch den "Islamischen Staat" in die UNO iintegrieren.

Wünsche Dir ein kreatives Leben.

Antwort
von Machtnix53, 27

Mit der Philosophie ist es ähnlich wie mit der Kunst, sie stellt sich dem Verwertungsprinzip des Kapitalismus quer.

Es zum Beruf innerhalb des Kapitalismus zu machen, ist sehr schwer. Entweder verdient man so gut wie nichts, oder man gibt die Unabhängigkeit seiner Philosophie oder Kunst auf und wird zum Auftragsdenker bzw Zierleistungsträger.

Ich glaube, dass es besser für die Kunst oder Pilosophie ist, sie nicht zum Beruf zu machen, der Geld einbringen muss, sondern Amateur ( = Liebhaber) zu bleiben. Also einen Beruf zu wählen, der genug Zeit und Raum lässt, seine geliebte Philosophie oder Kunst auszuüben.

Vielleicht eine Halbtagsstelle oder einen zeitweiligen Beruf, bei dem man so gut verdient, dass man sich ein halbes Jahr oder länger frei nehmen kann.

Auf jeden Fall ist man umso unabhängiger, je weniger man zum Leben braucht. Das muss nicht so extrem sein wie bei Diogenes in seiner Tonne, aber im Prinzip hat er recht.   

Antwort
von SedOwl, 17

Hallo othmarione,

unser aller Leben orientiert sich mehr oder weniger an Kompromisslösungen und an der Tatsache, dass es kaum noch - vernünftig - möglich ist, sich aus dem gesellschaftlichen Kontext herauszulösen. Vor diesem Hintergrund wird dein Problem erst einmal verständlich. Dir zu raten ist insofern schwierig, da du dich wegen deiner vielseitigen Interessen und spezifischen Denk- bzw. Betrachtungsweisen generell noch nicht festlegen kannst - d. h. im Grunde wohl auch nicht willst.

Du bist intelligent, vielseitig begabt und Neuem gegenüber aufgeschlossen, vor allem aber noch jung - damit sollten dir alle Wege offenstehen. Deiner erwähnten Neigung entsprechend wäre wohl die Fachrichtung Psychologie (Studium) anzuraten, ohne dabei kreative Berufsfelder wie eben Informatik aus den Augen zu verlieren. Flankierend kannst du deine Ausbildung mit Themenfeldern wie Philosophie, Kunst (Design, Musik) und ggf. Architektur abrunden. In allen Fällen wäre aber deine Einstellung, "nicht in die Materie einsinken" zu wollen, generell zu überdenken.

Der aus meiner Sicht anspruchsvollste Weg wäre letztlich der Schritt in die Selbstständigkeit, wenn du der Stupidität des fachlich tristen Arbeitslebens entrinnen willst. In deiner eigenen Firma könntest du intellektuell aufgehen und dein breit gefächertes Wissen sehr gezielt einbringen. Diesen Schritt solltest du jedoch - entsprechend deiner Grenzen - sorgfältig abwägen und keinesfalls unterschätzen.

Noch etwas: Der Kapitalismus hat bereits seine ihm eigene Philosophie, der man sich auch aus moralischen Gründen nicht unbedingt anschließen muss. Tangieren wird sie dich dennoch, unweigerlich. Selbstverständlich wäre es wünschenswert, wenn diese einfach gestrickte Philosophie vernünftigeren Idealen angepasst werden könnte... 

Ich wünsch dir alles Gute, LG.

Antwort
von NewKemroy, 21

Höre ich da etwas Kapitalismuskritik heraus? Wenn ja, wie wäre es mit einem Studium im Bereich Wirtschaft, z.B. Volkswirtschaftslehre, mit dem Ziel diesen gesamten Komplex zu verstehen und dann, gemäß einer schlüssigen Philosophie verändern zu können?

Antwort
von hanfmannlein, 18

Also ich finde Philosophie und Informatik passen bestens zusammen.
Zumindest ist das meine Erfahrung, Philosophisches Denken kann dir aber in allen Bereichen hilfreich sein.
Aber mit reiner Philosophie ist heute leider nicht mehr viel anzufangen, außer wie du sagtest, vielleicht ein Buch zu schreiben.
Du könntest dir noch überlegen in die Politik einzusteigen, allerdings muss man dafür Knallhart drauf sein, sonst geht man dort unter.

Antwort
von uzaktan, 7

Nach meiner Einschätzung könntest du die Lösung durch Trennung der Bereiche finden, mit Beibehaltung und Kutivierung der Trennung.

Unternehmensberater sind überwiegend im Bereich "Bauch", aber nur sehr geringfügig im Bereich "Kopf" der Unternehmen tätig. Das mag an dümmlichen Vorgaben bzw. Voreingenommenheit der Auftraggeber liegen.

Die Trennung der Bereiche könnte es dir ermöglichen, in den leider von Geringschätzung geplagten "produktiven Bereich" einzudringen und dort, außer Erfolg zu haben, deinen persönlichen Wert zu pflegen.

Antwort
von Brillentraegerx, 29

Und was ist nur mit Psychologie? 

Kommentar von othmarione ,

Das habe ich mir auch schon überlegt... wäre natürlich eine Möglichkeit. Meine Befürchtung hier wäre, dass es mich zu wenig fordert, da auch hier Routine eintreten kann. Wäre aber sicher eine Überlegung wert!

Kommentar von Brillentraegerx ,

Ich glaube fast jede Arbeit hat irgendwo Routine. Bei nem Psychologen hast du aber mit verschiedenen Menschen zu tun. Du wirst einen laengeren Zeitraum mit ihnen zu tun haben, aber ich denke nicht dass es extrem viele Jahre sein werden. In dem Beruf hast du in der Hinsicht Abwechslung. (Aber du musst den ganzen Tag reden) 

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