Frage von ralphb, 41

Philosophischer Fachterminus gesucht: Apperzeption einer Sukzession zu einem ideellen Ganzen?

Ich weiß, dass es dafür einen Ausdruck gibt, aber er ist mir entfallen...

Gemeint ist die angenommene Fähigkeit, etwa den "Inhalt" eines musikalischen Kunstwerks seinen "Inhalt" so zu erfassen, dass man ihn ideell, also von seiner Zeitlichkeit abstrahiert, als etwas "Ganzes" vor sich hat. Also nicht die passive Perzeption von Moment zu Moment, sondern die Bewusstmachung und Zusammenfügung des so eben nacheinander Erlebten zu einer Identität.

Ich hoffe, ihr versteht, was ich meine... ich bin sicher, dass es da einen genau treffenden Fachterminus gibt, den ich schon oft gelesen habe, aber ich komme einfach nicht mehr drauf...

Danke!

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 20

Immanuel Kant nennt die Verbindung einer Vielfalt von Vorstellungen/einer in der Anschauung gegebenen Mannigfaltigkeit zu einer Einheit Synthesis. Wenn diese nicht in einer zeitlichen Sukzession (Abfolge/Aufeinanderfolge), sondern in einem Augenblick, und nicht mit den Teilen beginnend, sondern schon mit einem zusammengefügten Ganzen geschieht, heißt dies bei ihm Synthesis der Apprehension (die Synthesis hat insgesamt die Aspekte der Apprehension, Reproduktion und Rekognition).

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft (1781. 2. Auflage 1787). I. Transscendentale Elementarlehre. Zweiter Theil. Die transscendentale Logik. Erste Abtheilung. Die transscendentale Analytik. I. Transscendentale Elementarlehre. Erstes Buch. Die Analytik der Begriffe. 2. Hauptstück. Von der Deduction der reinen Verstandesbegriffe. 2. Abschnitt. Transscendentale Deduction der reinen Verstandesbegriffe. § 26. Transscendentale Deduction des allgemein möglichen Erfahrungsgebrauchs der reinen Verstandesbegriffe. AA III, 124 – 125:  

„Zuvörderst merke ich an, daß ich unter der Synthesis der Apprehension die Zusammensetzung des Mannigfaltigen in einer empirischen Anschauung verstehe, dadurch Wahrnehmung, d.i. empirisches Bewußtsein derselben (als Erscheinung), möglich wird.

Wir haben Formen der äußeren sowohl als inneren sinnlichen Anschauung a priori an den Vorstellungen von Raum und Zeit, und diesen muß die Synthesis der Apprehension des Mannigfaltigen der Erscheinung jederzeit gemäß sein, weil sie selbst nur nach dieser Form geschehen kann. Aber Raum und Zeit sind nicht bloß als Formen der sinnlichen Anschauung, sondern als Anschauungen selbst (die ein Mannigfaltiges enthalten), also mit der Bestimmung der Einheit dieses Mannigfaltigen in ihnen a priori vorgestellt (siehe transz. Ästhet.). Also ist selbst schon Einheit der Synthesis des Mannigfaltigen, außer oder in uns, mithin auch eine Verbindung, der alles, was im Raume oder der Zeit bestimmt vorgestellt werden soll, gemäß sein muß, a priori als Bedingung der Synthesis aller Apprehension schon mit (nicht in) diesen Anschauungen zugleich gegeben. Diese synthetische Einheit aber kann keine andere sein, als die der Verbindung des Mannigfaltigen einer gegebenen Anschauung überhaupt in einem ursprünglichen Bewußtsein, den Kategorien gemäß, nur auf unsere sinnliche Anschauung angewandt. Folglich steht alle Synthesis, wodurch selbst Wahrnehmung möglich wird, unter den Kategorien, und, da Erfahrung Erkenntniß durch verknüpfte Wahrnehmungen ist, so sind die Kategorien Bedingungen der Möglichkeit der Erfahrung, und gelten also a priori auch von allen Gegenständen der Erfahrung.“

AA III, 125 – 126: „Wenn ich also z.B. die empirische Anschauung eines Hauses durch Apprehension des Mannigfaltigen derselben zur Wahrnehmung mache, so liegt mir die notwendige Einheit des Raumes und der äußeren sinnlichen Anschauung überhaupt zum Grunde, und ich zeichne gleichsam seine Gestalt, dieser synthetischen Einheit des Mannigfaltigen im Raume gemäß. Eben dieselbe synthetische Einheit aber, wenn ich von der Form des Raumes abstrahiere, hat im Verstande ihren Sitz, und ist die Kategorie der Synthesis des Gleichartigen in einer Anschauung überhaupt, d.i. die Kategorie der Größe, welcher also jene Synthesis der Apprehension, d.i. die Wahrnehmung, durchaus gemäß sein muß.“

AA III, 126:

Fußnote: „Auf solche Weise wird bewiesen: daß die Synthesis der Apprehension, welche empirisch ist, der Synthesis der Apperzeption, welche intellektuell und gänzlich a priori in der Kategorie enthalten ist, notwendig gemäß sein müsse. Es ist eine und dieselbe Spontaneität, welche dort, unter dem Namen der Einbildungskraft, hier des Verstandes, Verbindung in das Mannigfaltige der Anschauung hineinbringt.“

„Nun ist das, was das Mannigfaltige der sinnlichen Anschauung verknüpft, Einbildungskraft, die vom Verstande der Einheit ihrer intellektuellen Synthesis, und von der Sinnlichkeit der Mannigfaltigkeit der Apprehension nach abhängt. Da nun von der Synthesis der Apprehension alle mögliche Wahrnehmung, sie selbst aber, diese empirische Synthesis, von der transzendentalen, mithin den Kategorien abhängt, so müssen alle mögliche Wahrnehmungen, mithin auch alles, was zum empirischen Bewußtsein immer gelangen kann, d.i. alle Erscheinungen der Natur, ihrer Verbindung nach, unter den Kategorien stehen, von welchen die Natur (bloß als Natur überhaupt betrachtet), als dem ursprünglichen Grunde ihrer notwendigen Gesetzmäßigkeit (als natura formaliter spectata), abhängt. Auf mehrere Gesetze aber, als die, auf denen eine Natur überhaupt, als Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen in Raum und Zeit, beruht, reicht auch das reine Verstandesvermögen nicht zu, durch bloße Kategorien den Erscheinungen a priori Gesetze vorzuschreiben. Besondere Gesetze, weil sie empirisch bestimmte Erscheinungen betreffen, können davon nicht vollständig abgeleitet werden, ob sie gleich alle insgesamt unter jenen stehen. Es muß Erfahrung dazu kommen, um die letztere überhaupt kennen zu lernen; von Erfahrung aber überhaupt, und dem, was als ein Gegenstand derselben erkannt werden kann, geben allein jene Gesetze a priori die Belehrung.“

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft (1781. 2. Auflage 1787). I. Transscendentale Elementarlehre. Zweiter Theil. Die transscendentale Logik. Erste Abtheilung. Die transscendentale Analytik. I. Transscendentale Elementarlehre. Zweites Buch. Die Analytik der Grundsätze. 2. Hauptstück. System aller Grundsätze des reinen Verstandes. 3. Abschnitt. Systematische Vorstellung aller synthetischen Grundsätze des reinen Verstandes. 2. Anticipationen der Wahrnehmung. AA III, 153:  

„Die Apprehension, bloß vermittelst der Empfindung, erfüllet nur einen Augenblick (wenn ich nämlich nicht die Succession vieler Empfindungen in Betracht ziehe). Als etwas in der Erscheinung, dessen Apprehension keine successive Synthesis ist, die von Teilen zur ganzen Vorstellung fortgeht, hat sie also keine extensive Größe; der Mangel der Empfindung in demselben Augenblicke würde diesen als leer vorstellen, mithin = 0. Was nun in der empirischen Anschauung der Empfindung korrespondiert, ist Realität (realitas phaenomenon); was dem Mangel derselben entspricht, Negation = 0.“

Antwort
von Agnodike, 8

Der Diorismus, den Du hier beschreibst, werter ralphb, lässt sich wohl ebenso gut mit dem Begriff der (Retention und) Protention abdecken.

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