Frage von Caty99, 95

Philosophische Frage: Recht auf Urteil?

Frage: Wenn ich es gut finde, das jeder Mensch individuell ist, warum erlaube ich es mir dann, über beispielsweise Beschneidung und Prügelstrafen zu urteilen? denn ob dies richtig ist, ist schließlich eine individuelle meinung.

Was sagt ihr dazu?

Antwort
von Suboptimierer, 29

Du sprichst zwei Rechte an. Das eine ist das auf das Entfalten der eigenen Persönlichkeit, das andere ist das der Meinungsfreiheit.

Ich kann über andere urteilen, ohne sie dabei daran zu hindern, sich persönlich zu entfalten.

Prügelstrafen und Beschneidungen sind eigentlich gute Beispiele für Taten, bei denen die persönliche Entfaltung gehemmt wird, denn beides wird aufgezwungen.

Die Reibung besteht nicht bei den Opfern, sondern bei den Tätern, die auf der einen Seite das Recht anderer beschneiden und auf der anderen Seite ihr Recht auf eigene Entfaltung durchsetzen wollen.

Wie man darüber urteilt, ist vollkommen unabhängig davon. Die sich aus dem Urteil ergebenen Maßnahmen könnten zugunsten der Entfaltung des einen, die Entfaltung des anderen einschränken.

Hier wird versucht, dem Schwächeren den Rücken zu stärken. Es gibt damit mehrere mögliche Kriterien, nach denen man versucht, einen Eingriff zu rechtfertigen.
Persönlichkeitsentfaltung hat einige "Gegner". Sie funktioniert nicht grenzen- und widerstandslos.

Kommentar von Caty99 ,

Danke für die tolle Antwort :) hier ist nur wieder das Problem, dass deiner ( und auch meiner ) Meinung nach, niemand der Persönlichkeitsentfaltung im weg stehen sollte. Manche Leute sehen das anders! Ist das nun falsch oder nur eine andere Meinung? Ich mein... sie sind genauso davon überzeugt und das ist nun die Frage...

Kommentar von Suboptimierer ,

Im Bereich der Ethik und Moral gibt es nur Meinungen und Vereinbarungen und alles, was daraus folgt. Diese in der Logik hervorgehobenen Gesetze gelten nur bedingt. Die Ethik kommt nicht ohne Axiome aus.

Beispiel: Versuch mal, ohne auf eine Annahme zurück zu gehen, zu argumentieren, dass das Töten eines (beliebigen) Menschen falsch / schlecht ist.

Wenn du auf eine Annahme zurück gehst, dann versuche diese zu begründen.

Die Philosophen - so stolz wollen sie sich von der Mathematik abheben, die nichts ohne ihre Axiome wäre, dabei  schaffen sie es auch nicht ohne, zumindest nicht in der Ethik.

Antwort
von ramay1418, 30

Warum Dur Dir ein Urteil erlaubst, weiß ich nicht; woher auch? 

Tatsache ist, dass Körperverletzungen bei uns unter Strafe gestellt sind. Einem Erwachsenen steht es natürlich frei, sich auch körperlich "bestrafen" zu lassen nach dem Motto: "Beiß mich, peitsch mich, gib mir Tiernamen!" 

Bei Kindern und Jugendlichen sieht das anders aus. Die Prügelstrafe wurde abgeschafft (warum eigentlich ;-) und Beschneidung ist doch auch ein schwerer Eingriff in die körperliche Unversehrtheit eines Individuums - welches sich (als Kind) dazu noch gar nicht rechtlich verbindlich äußern kann -, und die halt nur bei einer medizinischen Indikation vertretbar wäre. 

Ich glaube, es gibt aus der Geschichte heraus seit Anbeginn des Menschseins einen allgemein anerkannten Konsens in einem Stamm, einer Gesellschaft, einfach: in einer Ansammlung von Menschen, dass eben nicht jeder nach dem Motto "Es ist meine freie Entscheidung" leben kann, denn das hieße Anarchie. 

Jeder Gartenzwergverein, jede Hauseigentümergemeinschaft, jeder Sportclub gibt sich Regeln (Gesetze), an die sich die Stammesmitglieder halten müssen. 

Und eine Entscheidung über eine Strafe oder einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit sollte auch die Gemeinschaft treffen. Ob das für den Einzelnen gut oder schlecht ist, sei mal dahingestellt. 

Ob ich leiden will, kann ich selbst entscheiden, wenn ich damit niemand anderem Schaden zufüge; das gibt mir aber noch nicht das Recht, zu sagen, ich füge Dir jetzt Schmerzen zu, weil ich das für richtig halte. 

Du kannst Dir natürlich in freiem Willen ein eigenes Urteil bilden, nachdem Du Gegner und Befürworter gehört und - wie Justitia - abgewogen hast. Du hast dann sogar die Freiheit, für Dein Urteil / Deine Meinung / Deine Überzeugung zu werben und es u. U. als Grundlage einer neuen Gesetzgebungskampagne zu nehmen! 

Kommentar von Caty99 ,

Danke erstmal für die liebe und ausführliche Antwort:) das problem hierbei ist leider, dass du zwar sagst 'ich kann über mich entscheiden' (was meiner meinung nach auch vollkommen richtig ist) doch andere Menschen sagen, dass Gott oder von Gott gesandte über sie herrschen - diese Menschen WOLLEN nicht die Macht über sich selbst haben und unterwerfen sich. Was für uns normal ist, ist für andere eine Art Verbot und umgekehrt: Körperverletzung gilt hier (meistens) als böse und irgendwo anders als legitim. Aus welchem Grund auch immer. Die Frage ist nun, ob ich diese Normen akzeptieren sollte ( -> weil jeder ist individuell ) oder über sie urteilen und etwas gegen sie unternehmen.

Antwort
von Grimwulf78, 19

Ich finde es sehr wichtig zwischen einer Meinung und einem Urteil zu unterscheiden.

Eine Meinung, im Sinne eines Vernunft-gebrauchenden Menschen, ist niemals fertig. Sie ist immer nur vorläufig und verändert sich, wenn neue Informationen hinzukommen. Dies ist die Grundbedingung für jede Form menschlicher Entwicklung.

Ein Urteil ist abschließend. Es kommt zu einem Ergebnis und ist damit unveränderlich. Es kann bestenfalls von einem anderen Urteil einer höheren Instanz widerlegt werden aber nicht mehr geändert. Zu urteilen setzt voraus, dass man alle verfügbaren Informationen zum fraglichen Thema geprüft hat und dass man überzeugt ist, es werden auch keine neuen hinzu kommen.

Urteilen ist manchmal notwendig (juristisch etc.), ist aber immer eine unbefriedigende Lösung, weil auch hier jede Weiterentwicklung mit dem Urteil endet.

Und jetzt kommen wir zum schlimmsten Geschwür der Welt: Menschen, die ohne (hinreichende) Informationen Urteile fällen, ja sogar ihre "Meinung" gegen neue Informationen komplett abschotten (Borniertheit). Das nennt sich Vor-Urteil und ist die Basis für so ziemlich jeden Konflikt auf dieser Welt.

Oftmals, wenn ich jemanden frage, worauf sich seine Meinung gründet, kriege ich als Antwort: "Das ist nun mal meine Meinung! Akzeptier sie einfach!

NEIN! Eine Meinung die man nicht begründen kann ist keine Meinung sondern ein Vorurteil. Das sollte man im Idealfall bekämpfen, wenn aussichtslos, dann ignorieren aber NIEMALS akzeptieren!!

Kommentar von Caty99 ,

Tolle Antwort, vielen vielen Danke :)

Antwort
von berkersheim, 14

Die Gedanken sind frei. Und dann ist Schluss! Ich kann zwar denken und urteilen: Den würde ich gern auf den Mond schießen - Nur tun kann und darf ich es nicht. Dass der Mensch ein Individuum ist, ist auch nur die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere ist, dass der Mensch ohne Gesellschaft nicht überlebenfähig ist, dass er ein Gesellschaftswesen ist. Manche, die in unserer rundum behüteten Wohlfahrtsgesellschaft aufgewachsen sind, schnallen das nicht immer, weil sie gar nicht mehr wahrnehmen, wieviel gesellschaftliche Kooperation für ihr gutes Leben im Hintergrund notwendig ist. Das ist wie: Der Strom kommt ja aus der Steckdose.

Urteilen kann ich, doch die Reaktionen der Umwelt zeigen schon, ob es Spaß macht, ständig isoliert dazustehen. Die wirklich philosophische Frage ist nicht das Recht auf Urteil. Die philosophische Frage spätestens seit Platon ist, wie man das Recht des Individuums auf ein eigenes erfülltes Leben in Einbklang bringen kann mit den Anforderungen einer funktionierenden Gesellschaft, die erst diese Lebensmöglichkeiten garantiert. Dieses Spannungsfeld zwischen Individuum und Gemeinschaft wird uns wohl ewig erhalten bleiben und stellt uns immer wieder vor neue Probleme. Zu den Aufgaben einer funktionierenden Gesellschaft gehört auch, den Einzelnen vor Übergriffen anderer zu schützen, seine Freiheitsrechte genauso zu schützen wie die der anderen. Das schließt aus, dass jemand die Freiheit hat, andere zu schädigen. Das schließt aus, dass sich jemand vor gemeinschaftlichen Aufgaben drückt (z.B. Steuerhinterziehung). Wir sind in unserer Massengesellschaft flexibel vernetzt und das findet seinen Niederschlag in Regalen mit Gesetzesbüchern.

Antwort
von opc78, 20

Grundsätzlich sind Beschneidungen bzw. Prügelstrafen keine individuellen Charackterzüge/Eigenschaften eines Menschen. Du urteilst im Prinzip nicht über einen Menschen. Ein beschnittener Mensch kann letztendlich auch nichts dafür, das ist ja meistens der Relegion bzw. Krankheiten (?) geschuldet. Des weiteren urteilst du da (bei den Bsp.) über etwas Gesellschaftliches, was mehr oder weniger, weniger individuell ist, da jeder eine andere Ansicht über Prügelstrafen hat. Es ist auch menschlich über andere Dinge zu urteilen. Man kann nichts objektiv betrachten. Deine Meinung wird automatisch erstellt. Bsp: Meine neue Mütze gefällt dir oder nicht. Das kannst du ja gar nicht verhindern, dir keine Meinung über die Mütze zu erstellen, wenn ich zu dir komme und sage "schau mal, meine neue Mütze". 

Auch werden deine Handlungen und Entscheidungen (auch das Urteilen) von tausenden Einflüssen manipuliert. Stell dir vor du stehst auf einem Parkplatz und es fragt dich jemand nach einer Zigarette. (Du hast in diesem Fall welche dabei). Wenn dann zB dein Geburtstag ist, du super gute Laune hast, so wirst du ihm seehr warscheinlich eine abgeben. Haben dich aber gerade davor schon 15 andere Leute nach einer Zigarette gefragt und du bist genervt, so wirst du ihm keine geben. Das ist dann auch unabhängig von dem Menschen der dich fragt. 

Hoffe ich konnte dir ein wenig helfen :'D

Antwort
von Nicodemus0815, 13

Eine gute Frage.

Du kannst dir erlauben über Beschneidung und Prügelstrafe zu urteilen (Ich gehe mal davon aus, daß du mit urteilen beurteilen meinst und nicht Recht sprechen) eben weil du es gut findest, daß jeder Mensch individuell ist.

Der Ausdruck der in unsrer Verfassung dafür steht ist "Die Würde des Menschen" .

Die Würde des Menschen wird dann angetastet, wenn sich jemand oder eine Institution über andere Menschen, ohne deren ausdrücklich Zustimmung erhebt.

Bei der Beschneidung und der Prügelstrafe ist das der Fall, es liegt die Zustimmung des "Opfers" vor. Der Arzt, der einen Mann mit dessen Zustimmung beschneidet, um eine krankhafte Vorhautverängung zu behandeln, verletzt nicht die Würde seines Patienten.

Derjenige, der jemanden prügelt, ohne dessen Einverständniss, verletzt dessen Würde in dem er dessen körperliche Unversehrtheit mißachtet.

Die Grundlage bei der Beurteilung kann auf dem Recht aufbauen, also einer Vereinbarung der Gemeinschaft. Da geht es um Recht oder Unrecht.

Dort wo es nicht um Recht geht, kann eine Beurteilung nur auf unserer persönlichen Erfahrung, nämlich, ob etwas gut tut oder nicht gut tut. Habe ich die Erfahrung gemacht, verprügelt zu werden, dann kann ich auch relativ gut beurteilen, daß es einem Anderen in der Situation auch nicht gut tut.

Verfüge ich außerdem über Mitgefühl, ist dies noch klarer wahrnehmbar.

Antwort
von Ahzmandius, 10

Na ja, wenn du der Meinung bist die Menschen sollen sich individuell entscheiden dürfen, dann ist es z.B. nur logisch, dass du gegen z.B. Beschneidung bist.

Denn die Beschneidungen, gerade von Säuglingen, entzieht das Kind der freien Entscheidung, es handelt nicht mehr individuell.

Es geht ja nicht nur um die individuelle Entfaltung bestimmter Menschen, sondern aller Menschen.

Man muss allerdings anmerknen, absoluter Individualismus ist genauso wie absolute Freiheit nicht zu erreichen und auch nicht erwünscht.

Antwort
von Grimwulf78, 24

Es ist abhängig von den Grundregeln unseres Zusammenlebens, auf die sich unsere Vorfahren bei Gründung unserer Gesellschaften mal geeinigt haben.

Ich versteh das grob so: Jeder hat eine Zone persönlicher Freiheit. Dort darf er machen was er will, so lange er nicht Anderen in Ihre Bürgerrechte und in ihre Zone der Freiheit reinpfuscht.

Zu sagen: Ich finde Beschneidung aus folgenden Gründen nicht gut (die Gründe muss man dann auch nennen können) ist völlig ok. So lange Beschneiden legal ist, ist es legal.

Zu sagen: Du bist ein ****loch weil Du beschneiden lässt, ist hingegen nicht legitim und ein ungerechtfertigtes Urteil

Antwort
von atzef, 7

Weil du ein verkürztes Verständnis von Individualität hast.

Individualität erschöpft sich beileibe ja nicht nur in dem Zugeständnis, dass jeder individuell sein darf, auch nicht in dem, dass jeder seine eigene Meinung haben darf, sondern beinhaltet auch unveräußerliche individuelle Grundrechte, so z.B. das Recht auf körperliche Unversehrtheit, dem die Prügelstrafe entgegenstehen würde.

Kommentar von atzef ,

Ach ja, "Beschneidung". Hier herrscht offensichtlich Grundrechtekonkurrenz vor. Einerseits körperliche Unversehrtheit, andererseits Recht auf freie Wahl der religiösen, politischen und weltanschaulichen Orientierung sowie das Recht auf elterliche Sorge, welches das Recht einschließt, Kinder im Sinne der elterlichen religiösen, politischen und weltanschaulichen Orientierung erziehen zu dürfen.

Dabei haben Eltern eben auch das Recht, die körperliche Unversehrtheit des Kindes zu verletzen, wenn dies dem Kindeswohl nicht schadet.

Antwort
von martinzuhause, 30

ein erwachsener kann doch auch frei darüber entscheiden.

ein kind wird da nicht gefragt ob es will. ohen beienflussung anderer wird ein kind beides ablehnen

Antwort
von beast, 21

Wenn ein Erwachsener sich Beschneiden oder Prügeln lässt. dann tut er das aus freiem Willen. Ein Kind - manchmal sogar Säugling- wird nicht gefragt ob es das will. Also kann man so etwas nur verurteilen.

Kommentar von atzef ,

Das wiederum ist ein totalitärer Standpunkt, der mit unserer freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung nichts zu tun hat.

Antwort
von Zumverzweifeln, 23

Es muss Regeln geben, die das Zusammenleben so gestalten, dass niemand Schaden nimmt.

Ein Mörder handelt auch, weil er es für die für sich beste Möglichkeit hält und das zeigt, dass es sehr wohl Grenzen gibt.

Antwort
von authumbla, 23

Diese philosophische Erörterung und Klärung gibt es schon seit den englischen Empiristen, allen voran John Locke.

Zitat aus Wikipedia, aus dem der Wendepunkt im Denken hervorgeht:

"Im Gegensatz zur Konzeption Thomas Hobbes'
sind die Naturrechte bei Locke durch die Rechte anderer begrenzt.
Während bei Hobbes im Prinzip jeder ein Recht auf Alles hat, werden die
Rechte auf Freiheit und Eigentum bei Locke durch die Freiheits- und
Eigentumsrechte anderer eingeschränkt.

Niemand soll einem anderen an seinem Leben, seiner Gesundheit, seiner Freiheit oder seinem Besitz Schaden zufügen"

Antwort
von DerBuddha, 9

eine interessante frage..........:)

das problem ist immer die relative sichtweise desjenigen, der über diese dinge dann urteilen soll und ein echter streitfall wird es dann, wenn z.b. eine religion einen anderen von ihrer wahrheit überzeugen will..............

im "normalen" rechtsempfinden ist es jedoch so, dass nun mal bestimmte dinge als strafe angesehen werden, denn wenn ein mensch einem anderen schmerzen zufügt, dann hat der täter schon mal selbst nur aus seiner sicht gehandelt, aber nicht die sichtweise des opfers beachtet, denn kein opfer dieser welt will wirklich ein opfer sein...............:)

wenn du dich also über eine prügelstrafe aufregst, dann bist du mit dem zu bestrafenden in der überzahl gegenüber dem ausführenden..........wäre dass dann falsch?......:)

alles ist immer nur relativ, denn auch ein schlimmer täter hat seine eigenen gründe für seine tat, auch wenn wir sie nie verstehen würden.........:)

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