Philosophie Gerechtigkeit?

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3 Antworten

Förderung von Begabung ist grundsätzlich etwas Nützliches und Gutes. Begabte können so ihre Begabungen entfalten, ihre Potential günstig entwickeln, Möglichkeiten verwirklichen, in größerem Ausmaß ein gutes Leben erreichen. Das Unterlassen von Förderung kann schädliche Folgen haben.

John Rawls versteht Menschen als Lebewesen, die einen möglichst großen Nutzen wollen. Dabei denkt er auch daran, was für ein Ergebnis für die Gesellschaft/die Gemeinschaft/den Staat herauskommt und wie der Zustand der Gesellschaft/der Gemeinschaft/des Staates gerecht ist.

Der Standpunkt, den John Rawls hat, ergibt ganz klar eine Bejahung von Förderung von Begabten. Dies ist sowohl unter individuellem als auch unter gesellschaftichem Gesichtspunkt vorzuziehen. Denn in einer Gesellschaft/einer Gemeinschaft/einem Staat mit Förderung von Begabten stattfindet wird mehr gutes Leben erreicht und hohe Leistungen aufgrund gelungener Entfaltung von Fähigkeiten sorgen dafür, ein großes Ausmaß an Gütern für die Menschen insgesamt hervorzubringen.

Verwickelt ist die Frage, wie eine Förderung von Begabten gestaltet werden soll (einschließlich der Frage, ob Hochbegabte besonders gefördert werden sollen). John Rawls meint, aus natürlichen Unterschieden könne kein Anspruch auf Bevorzugung oder Benachteiligung abgeleitet werden. Die Gesellschaft/die Gemeinschaft/der Staat ist nach seiner Theorie der Gerechtigkeit als Fairneß ein Unternehmen der Zusammenarbeit zum gegenseitigen Vorteil. Individuelle Begabungen/Talente sind als gemeinschaftliches Guthaben zu betrachten, weil sie sich immer auf die Gemeinschaft gut oder schlecht auswirken können.

John Rawls bezieht sich in seiner Theorie der Gerechtigkeit auf die Verteilung gesellschaftlicher Grundgüter. Gesellschaftliche Grundgüter sind Güter, die gesellschaftsabhängig sind und von allen angestrebt werden. Sie sind Vorbedingungen, ohne die Menschen ihre Lebensentwürfe nicht verwirklichen können.

Die gesellschaftlichen Grundgüter können in Bereiche unterteilt werden:

1) Rechte und Freiheiten

2) Chancen und Macht

3) Einkommen und Wohlstand

Förderung von Begabten ist etwas, das in direkter Weise Chancen betrifft. John Rawls vertritt ein Prinzip grundsätzlicher Gleichheit und verlangt echte Chancengleichheit. Gleich Begabte haben Anspruch auf gleiche Förderung. Seine Theorie der Gerechtigkeit ist ein gemäßigter/eingeschränkter Egalitarismus, kein strikter Egalitarismus.

John Rawls argumentiert mit einer Vertragstheorie, einem als fair geltendem Verfahren und einer rationalem Wahl des von einem allgemeinen Standpunkt aus (Absehen von einer persönlichen Situation) Vorteilhaftesten in einer Ausgangslage der Gleichheit. Er bestimmt Gerechtigkeit als Fairneß. Die Prinzipien (Grundsätze) bei der Verteilung der Grundgüter werden durch ein als fair aufgefaßtes Verfahren ermittelt. John Rawls nimmt an, daß freie Individuen in einer rationalen (vernünftigen) Entscheidung dabei, wenn ihnen ihre persönliche Lage/Situation, ihre Fähigkeiten und Interessen nicht bekannt sind (Schleier des Nichtwissens, damit keine Verzerrungen eintreten), ein Differenzprinzip/Unterschiedsprinzip (difference principle) wählen würden. Danach sollen gesellschaftliche und wirtschaftliche Unterschiede so beschaffen sein, daß sie zum größten Vorteil der Schlechtestgestellten sind, und mit Ämtern und Stellungen verbunden, die allen unter Bedingungen fairer Chancengleichheit offenstehen.

Rawls nimmt an, die Personen würden dieses Differenzprinzip einem Prinzip der Verteilung von genau gleich viel an alle (strikter Egalitarismus) vorziehen. Die offensichtliche Annahme ist, das Differenzprinzip sei im Verhältnis vorteilhafter. Es wird angenommen/erwartet, in einer Gesellschaft mit diesem Differenzprinzip sei die Menge der Grundgüter erheblich größer (z. B wegen größerer Motivation, mehr Anreiz für die Ausbildung von Fähigkeiten und dem Erwerb von Kenntnissen und Fertigkeiten, weniger Notwendigkeit der Beschränkung individueller Freiheit).

Maßstab für Gerechtigkeit als Fairneß sind auf die Verteilung auf verschiedene Grundgüter bezogen zwei Grundsätze:

1) Der erste Grundsatz ist ein Grundsatz der Freiheit und Gleichheit und spricht allen Personen ein gleiches Recht auf ein größtmögliches Gesamtausmaß an Grundfreiheiten und Grundrechten zu.

2) Der zweite Grundsatz ist ein Differenzprinzip (es geht um Bedingungen, unter denen Unterschiede - soziale und wirtschaftliche Ungleichheit – als gerecht gelten können und daher erlaubt sind).

a) Der Zustand einer Gesellschaft wird mit anderen möglichen Zuständen verglichen. Verlangt wird, auch die am Schlechtestgestellten (die Gesellschaftsmitglieder in der ungünstigsten Lage, z. B. die mit dem geringsten Vermögen, Einkommen, schlechtesten Wohnverhältnissen und Ähnlichem) sollen in einem Zustand der Ungleichheit möglichst günstig gestellt sein und so alle in einer besseren Lage als in einem Zustand der Gleichheit sein (z. B. bestehen zwar Einkommensunterschiede, aber alle haben ein höheres Einkommen als in einem Zustand, in dem alle ein gleiches Einkommen haben). Ungleichheit unterliegt einer Rechtfertigungsanforderung und trägt die Beweislast, allen zum Vorteil zu dienen.

Hinzugefügt ist als Einschränkung ein Spargrundzusatz, in dem es um die faire Behandlung zukünftiger Personen geht (könnte auch als Generationengerechtigkeit bezeichnet werden). Augenblickliche Maximierung von Vorteilen soll nicht auf Kosten später Lebender die Zukunftsmöglichkeit vernichten.

b) Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten müssen mit einer echten Chancengleichheit verbunden sein. Der Zugang zu gesellschaftlichen und politischen Ämter und Stellungen soll allen offenstehen. Dies gilt nicht nur in einem formalen Sinn, sondern Menschen mit ähnlichen Fähigkeiten und Bereitschaft sollen unabhängig von Herkunft und ihre anfänglichen gesellschaftlichen Stellung ähnliche Lebenschancen haben.

Nach Vorrangsregeln hat der erste Grundatz Vorrang und Grundfreiheiten dürfen nur um der Freiheit willen eingeschränkt werden. Der zweite Grundsatz hat Vorrang vor einem Grundsatz der Leistungsfähigkeit und Nutzenmaximierung.

Nach der Theorie von John Rawls ist eine Förderung in besonders hohem Ausmaß Begabter dann richtig, wenn zugleich eine Förderung in geringerem Ausmaß Begabter nicht unterlassen wird (sie haben Anrecht auf das Grundgut Chancen, dürfen also von Bildung nicht ausgeschlossen werden, und auch in geringerem Ausmaß Begabte können ja ein gewisses Potential haben) und wenn die Förderung so gestaltet wird, daß insgesamt auch die Lage der weniger Begabten verbessert wird.

John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit. Aus dem Amerikanischen von Hermann Vetter. 1. Auflage. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1975, S. 122 – 123:  

„Das Unterschiedsprinzip bedeutet faktisch, daß man die Verteilung der natürlichen Gaben in gewisser Hinsicht als Gemeinschaftssache betrachtet und in jedem Falle die größeren sozialen und wirtschaftlichen Vorteile aufteilt, die durch die Komplementaritäten dieser Verteilung ermöglicht werden. Wer von der Natur begünstigt ist, sei es, wer es wolle, der darf sich der Früchte nur so weit erfreuen, wie das auch die Lage der Benachteiligten verbessert. Die von der Natur Bevorzugten dürfen keine Vorteile haben, bloß weil sie begabter sind, sondern nur zur Deckung der Kosten ihrer Ausbildung und zu solcher Verwendung ihrer Gaben, daß auch den weniger Begünstigten geholfen wird. Niemand hat seine besseren natürlichen Fähigkeiten oder einen besseren Startplatz in der Gesellschaft verdient. Doch das ist natürlich kein Grund, diese Unterschiede zu übersehen oder gar zu beseitigen. Vielmehr läßt sich die Grundstruktur so gestalten, daß diese Unterschiede auch den am wenigsten Begünstigten zugute kommen. Man wird also auf das Unterschiedsprinzip geführt, wenn man das Gesellschaftssystem so gestalten möchte, daß niemand von seinem zufälligen Platz in der Verteilung der natürlichen Gaben oder seiner Ausgangsposition in der Gesellschaft Vor- oder Nachteile hat, ohne einen Ausgleich zu geben oder zu empfangen.“

Unter praktischen Gesichtspunkten kann überlegt werden, wie die Ergebnisse möglichst gut sind und auf welche Weise Mittel effizient eingesetzt werden. Hochbegabte können gewöhnlich besonders schnell und gut lernen. Förderliche Rahmenbedingungen und Anregungen sind günstig, ein Anleiten zu kleinen Einzelschritten weniger nötig. Es gibt Ziele, die viele Personen erreichen können und bei denen die Förderung im Verhältnis zum Mitteleinsatz große Wirkung hat. Dagegen ist es nicht sinnvoll, Personen zu etwas bringen zu wollen, wozu ihre Begabung nicht ausreicht.

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es gibt keine gerechtigkeit, sondern nur eine individuelle rechtsfindung

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Die Begabten fördern sich meist von selbst.

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