Pferd: tiefer Rücken = immer schlecht?

... komplette Frage anzeigen

2 Antworten

ich denke, ohne wenigstens ein foto kann man dein pferd überhaupt nicht beurteilen. da spielen weit andere sachen mit.

den rücken eines pferdes kann man nicht einzeln beurteilen, sondern immer nur im zusammenhang zum rest des gebäudes.

ich wäre da sehr gespannt. (du könntest es in einer antwort noch "nachliefern") auf ein paar fotos deines pferdes im stand und in der bewegung.

http://www.pkbrachelen.de/pferdezucht-und-ausbildung/pferdebeurteilung/

langlebigkeit und hohes "gebrauchsalter" finden da leider überhaupt keine erwähnung mehr. und leider bestätigt sich diese nicht-erwähnung immer wieder. nur wenige sport-springpferde sieht man über das vierzehnte lebensjahr hinaus noch im parcours, während sich da vor 30 jahren noch munter die 16-18jährigen, bei schulpferden im turnier-springeinsatt zum teil bis ins dritte lebensjahrzehnt die pferde tummelten.

beim dressurpferd ist meist mit 16 schluss. vor 30 jahren lag da das schlussalter bei 20-22 jahren, in der vielseitigkeit bei etwa 20, heute bei circa 14 jahren.

gutes fundament und eine gute biostatik - fehlanzeige. heute wird auf frühe leistung gezüchtet - und auf stechschritt im trab. mangels schwingendem rücken sind galopp und schritt meist grottenschlecht. aber das sieht keiner mehr auf dem richtersessel - weil die pferde zum vergleich mit richtig gutem schritt und galopp fehlen. meiner meinung nach gehen die meisten pferde heute im schritt viel zu staksig und zu verhalten. da schwingt nichts, fester rücken, jeder schritt legt eine erschütterung aufs pferdebein, weil die bewegungsenergie nicht mehr über den rücken verteilt wird.

----------------------------

für mich ist ein mittellanger geschwungener rücken beim pferd ein sehr gutes merkmal - die heutigen schaurichter sehen das leider anders.

und das was du beschreibst, mit dem reiten und gymnastizieren klingt schlüssig. ich schätze dein pferd danach als eher grossrahmig ein, mit einem gut angesetzten mittellangen hals, schöner ganaschenfreiheit, einer verhältnismässig steilen schulter, einer ordentlichen nierenpartie, einer mittellangen gut angesetzten kruppe, einer schönen winkelung der hinterhand, die ordentlich schub liefert. der vorteil bei einem soliden "hinterpferd" ist die vereinfachung der lastaufnahme durch die hinterhand.

dass die oberlinie (denn die meinst du, nicht den rücken) gut bemuskelt ist, ist eine logische schlussfolgerung der anatomie deines pferdes.

die meisten modernen pferde können vorne "treten" wie blöd und kommen mit der hinterhand nicht nach, weil der schub, der schwung, die elastizität des rückens fehlt. die folge davon ist ein pferd, das "auseinanderfällt". die vorderhand "läuft weg".

das versucht man durch "bergauf" konstruierte pferde als zuchtziel zu kompensieren. rein optisch sieht es für den laien bei einem solchen pferd aus, als würde es untertreten. tut es aber nicht. deutlich sieht man das aber erst, wenn das pferd am langen zügel schritt geht oder trabt (galoppieren am langen zügel ist da meist gar nicht ohne erhebliche gleichgewichtsprobleme es pferdes gar nicht möglich). ziel des reitens am langen zügel ist die entspannung des pferdes (zum aufwärmen oder als belohnung zwischendurch), das strecken und entspannen des rückens, das lockern der muskeln. dazu entlastet der reiter den rücken etwas. moderne pferde können das meist gar nicht mehr - auf mich wirken sie dabei regelrecht "hilflos".

solche pferde sind auch nur sehr schwer in eine vernünftige dehnungshaltung (vorwärtts-abwärts) zu reiten. der gerade rücken gibt das einfach nicht her. er ist zu starr.

wenn die oberlinie und der rest der anatomie stimmt, hast du zwar kein "modernes reitpferd", aber eins, das sich gesund gymnastizieren lässt und mit dem du die echte chance hast, dass es bis ins hohe alter fit und gesund reitbar bleibt.

----------------------------

zum vergleich hänge ich noch mal zwei bilderlinks an, auf der deutlich der unterschied, bzw. die entwicklung der zucht und die unterschiede der anatomie vor 40 jahren und heute erkennbar sind.

ich kann das am besten am beispiel der hannoveraner zeigen, weil ich da den wechsel schon lange verfolge und mich immer wieder mit dieser rasse beschäftige (obwohl ich eigentlich ponyfan bin).

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von ponyfliege
01.05.2016, 11:48

da hast du den modernen bergauf konstruierten "treter". man erkennt sogar unter dem reiter den geraden, waagerecht zum boden verlaufenden rücken und die wenig ausgeprägte kruppe.

die vorderhand verliert die verbindung mit der hnterhand. dieser hengst entrpricht dem heutigen reitpferdezuchtziel in fast idealer weise - daher ist dieser hengst so ein "modehengst" geworden.

http://www.vererberlegenden.de/s/cc_images/cache_2421621275.jpg?t=1342602656

5
Kommentar von stracciatella33
01.05.2016, 21:26

Danke für diese mega ausführliche Antwort! Sie macht mir Mut ;)

Bilder von meiner Stute habe ich gerade nicht zur Hand - stelle ich auch ungerne ins Internet - allerdings ist sie fast ein Abbild ihres Vaters (dem Württemberger Disco-Tänzer: http://www.pferdezucht-haefner.de/pferde/discotaenzer.html ). Durch den hohen Vollblutanteil ihrer Mutter ist sie lediglich etwas "feiner" (Kopf, Hals, Beine). 

Sie hat einen schönen schwungvollen Trab (ist allerdings kein Lampenaustreter, was die Knieaktion angeht), einen guten Schritt mit viel Bewegung im Rücken und Übertritt, aber einen etwas knappen Galopp, was den Raumgriff und die Bergauftendenz angeht (kann jedoch auch an ihrer vergangenen Schulterverletzung liegen). Mit mehr Balance und Kraft verbessert sich das aber stückchenweise.

Die Frage habe ich auch gar nicht unbedingt zur Beurteilung meiner Stute gestellt, eher wollte ich wissen, wie sich ein "antrainierter" Senkrücken und ein einfach geschwungener Rücken unterscheiden.. :)

2

Hei.

also zwischen einem geschwungenen Rücken und einem Senkrücken liegt schon ein gewaltiger Unterschied. Und das eine muss nicht zwangsläufig zum anderen führen.

Ein Senkrücken ist, so weit ich mich erinner, eine Überdehnung des langen Rückebandes. Dh es hängt durch und somit auch der Rücken. Das kann angeboren sein, durch Alter und falsches Reiten oder zahlreiche Trächtigkeiten kommen. Je nach Ausprägung wird es erst richtig sichtbar und führt zu natürlich auch zu reiterlichen Einschränkungen.

Ein Pferd mir Senkrücken ist natürlich anfällig für Kissing Spines, ein korrekt gerittenes mit geschwungenem Rücken nicht.

Ob es solchen Pferden schwerer fällt den Rücken aufzuwölben? Ich denke nicht. Hat es dazu allerdings noch einen recht langen Rücken kann es Schwierigkeiten geben den hinteren Rücken aufzuwölben und dies dann auch noch zu halten. Dafür sollte man also viele lockernde Übungen einbauen.

Da sich ein geschwungener und ein Senkrücken von Grund auf unterscheiden sieht man beim Röntgen natürlich einen Unterschied. Ein guter Tierarzt sollte dies allerdings normalerweise auch ohne  Röntgen erkennen


Meine Stute ist mittlerweile 22, hoher Widerrist, geschwungener Rücken, tolle Rückenmuskulatur, kein Anzeichen für einen Senkrücken. Ein Einsteller, Haflinger, grader Rücken, kann sich kaum aufwölben, ist steif, erste Anzeichen für Senkrücken durch "freizeitschranzen" und Übergewicht

Antwort bewerten Vielen Dank für Deine Bewertung
Kommentar von ponyfliege
01.05.2016, 15:31

die antwort gefällt mir gut.

wenn man es nicht von aussen sieht, kann man es übrigens ganz einfach testen.

man hält dem pferd auf der flachen hand ein stück karotte hin. wenn das pferd den kopf danach ausstrekct, beschreibt man mit der hand einen teil eines kreisbogens (etwa 45°), so dass die hand dann auf höhe des VA punktes ist.

ein pferd, das in der lage ist, den rücken aufzuwölben, wird der handbewegung mit dem hals und durch aufwölben der oberlinie folgen.

ein pferd mit senkrücken oder starrer oberlinie wird einen halben schritt nach vorn machen und dann den kopf senkrecht senken, um an das karottenstück zu kommen. oder auch einen halben schritt zurück, um hals und kopf ganz ausstrecken zu können.

2

Was möchtest Du wissen?