Frage von Australia23, 111

Persönlichkeitsstörungen - angeboren | möglich diese zu "überwinden"?

Hallo, ich frage mich ob Persönlichkeitsstörungen angeboren sind, oder ob diese sich auch erst im Kindesalter (so 8-15 Jahre) entwickeln können.

Die zweite Frage wäre, ob man (alleine oder mithilfe von Therapien) Persönlichkeitsstörungen "überwinden" kann. Damit meine ich, ob man lernen kann, damit umzugehen, sodass man sie auch selbst später als weniger stark ausgeprägt wahrnimmt.

Würde mich wirklich Interessieren!

Vielen Dank schon mal für Antworten :)

Antwort
von Rosenblad, 42

Das ätiologische Herkommen von Persönlichkeitsstörungen kann äußerst komplex sein - genetische Dispositionen, psychologische Entwicklungsstörungen sowie exogenetische Umweltfaktoren (z.B. Traumatisierungen).

In Erscheinung treten „Persönlichkeitsstörungen (….) insbesondere in für die jeweilige Persönlichkeitsstörung charakteristischen, kritischen Lebenssituationen und Umweltgegebenheiten …. .“ (Dilling /Reimer, Psychiatrie, S.156)

Persönlichkeitsstörungen sind in aller Regel symptomhaft kaum vor dem 16. Lebensjahr manifestierbar - erreichen ihre vollständige Ausbildung aber erst in der Adultität. (Huber, Psychiatrie, S.425)

Für eine therapeutische Behandlung ist von großer Bedeutung einen auf Persönlichkeitsstörungen spezialisierten Psychiater/Psychologen aufzusuchen. Es gibt spezielle auf eine solche Störung ausgerichtete Therapieformen (z.B. die "Dialektisch behaviorale Therapie" bei Borderline) sowie medikamentöse Indikationen.

Kommentar von Australia23 ,

Vielen Dank für deine Antwort :)

Noch eine Frage zu "Persönlichkeitsstörungen sind in aller Regel symptomhaft kaum vor dem 16. Lebensjahr manifestierbar":

Heisst das, dass eine Persönlichkeitsstörung ab diesem Alter eine Stufe erreicht hat, also sich so weit entwickelt hat, dass sie erkannt werden kann (z.B. von Psychologen), die betroffene Person aber schon zuvor Auswirkungen der Persönlichkeitsstörung erfährt. Oder heisst es, dass sich erst in diesem Alter (auch für die betroffene Person selbst) die ersten "spezifischen" Anzeichen ausbilden?

Kommentar von Seanna ,

Es gibt etliche PS deren Symptome sich schon deutlich vor dem 16. LJ manifestieren. Neben Borderline zb auch die dissoziale/antisoziale PS bei der sogar Merkmal ist dass antisoziales Verhalten schon vor dem 15. LJ auftritt. Bei Borderline noch gravierender. Die Diagnose darf zwar erst mit 18, in speziellen Fällen mit 16, gestellt werden, aber bei vielen Betroffenen sind Symptome - teils in Vollausprägung - auch schon mit 14 oder früher zu erkennen. Was aber dennoch nur die Diagnose einer Entwicklungsstörung zulässt. // Es gibt keine alleinige Therapieform für PS, ebenso keine spezielle Ausbildung für Therapeuten speziell für PS. Nur für Therapieformen, die besonders dazu geeignet sind. Allerdings gibt es sehr viele gute Therapeuten auch ohne formale Spezialausbildung, die PS gut behandeln. Auch sollte man sich zb bei der Borderline-Störung nicht auf die DBT fixieren. Es ist ein gutes Konzept mit herausragenden Erfolgen, das jedoch auch seine Grenzen hat und nicht auf alle passt. Speziell komplex Traumatisierte brauchen oft eine andere Behandlung und leiden sogar oft unter der DBT, da sie sehr auf Konditionierung abzielt und Betroffenen wichtige Schutzmechanismen wie zb Dissoziation entzieht und verbietet. Mit katastrophalen Folgen für Betroffene. Und das sind keine Einzelfälle... 60-90% aller Borderliner sind traumatisiert, davon sicher auch ein nicht unerheblicher Teil komplex. Insofern sollte man da vorsichtig sein mit Pauschalisierung - Diagnose X erfordert Behandlung Y. // Mit Medikamenten ist es dasselbe. Abgesehen davon dass sie auf jeden Patienten anders wirken, können sie bei multiplen Diagnosen auch völlig anders oder gar paradox wirken. Beispiel dafür wäre auch oben genannter Fall mit komplex traumatisierten Borderlinern.

Kommentar von Rosenblad ,

Ja richtig - aber vor dem 16. Lj sind die diagnostischen Aussagen nicht immer präzise auszugeben (z.B. bei "Ritzen" oder dysregulativen Affekten). Richtig ist natürlich das es nie eine alleinige Therapieform (DBT diente nur als Beispiel - es wären auch SFT oder MBT zu nennen) als Blaupause geben kann - für keinen Patienten - das trifft nicht nur auf Persönlichkeitsstörungen zu. Es gibt immer nur den einzelnen Patienten und sein Störungsbild, das "einmalig " ist und eine "einmalige" Therapierung bedarf, die gerade bei Persönlichkeitsstörungen und deren oft sehr hohe Komorbiditätsraten sich nicht immer einfach gestaltet. Danke für die nochmalige Präzisierung!

Antwort
von Sylvia97, 44

Ja, Persönlichkeitsstörungen können vererbt werden, sich aber auch erst später (ganz egal ob zwischen 8-15 Jahren oder davor und danach) entwickeln.

Mit der richtigen Therapie kann man so etwas überwinden, der Betroffene muss es aber selbst wollen und nicht dazu gezwungen werden. 

Antwort
von Seanna, 59

Da Persönlichkeitsstörungen Interaktionsstörungen sind, sind sie auch nur mit Interaktion aufzulösen - sprich mit einem Therapeuten.

Aber dann - ja, dann kann man die Symptomatik gut so weit verringern dass sie weder pathologisch ist, noch weiter diagnostiziert würde und dass man gut lernt damit umzugehen und gut damit leben kann.

Die Prävalenz ist angeboren, ob sich eine Störung entwickelt, ist aber auch von anderen Faktoren zb Erlebnissen und Umwelt abhängig.

Kommentar von Australia23 ,

Danke für deine Antwort :)

Deine Folgerung, dass Persönlichkeitsstörungen nur mit Interaktion = nur mit Therapeuten aufzulösen sind, kann ich jedoch nicht ganz nachvollziehen.

Interaktion im Allgemeinen ist ja nicht gleich Interaktion mit einem Therapeuten. Wäre es nicht auch möglich, dass man z.B. durch einen Wechsel im Umfeld und somit durch Interaktion mit anderen Menschen in eine neue Richtung "gesteuert" wird? Dieser Prozess wäre wohl nie so effizient wie die direkte Konfrontation der Störung mit einem Therapeuten, aber ich kann mir durchaus vorstellen, dass Veränderungen in positive Richtung, genau wie Veränderungen in negative Richtung, durch einen Wechsel des Umfelds möglich wären. Wie siehst du das?

Kommentar von Rosenblad ,

@ Seanna

An dieser Stelle sei mir ein Korrektiv erlaubt: Persönlichkeitsstörungen mit einem Bezug zu  starken  Interaktionsstörungen (darüber hinaus allerdings mit weiteren Störungsbezügen impliziert) sind lediglich die:

•Borderline Persönlichkeitsstörung
•Schizotypische Persönlichkeitsstörung
•Dissoziale Persönlichkeitsstörung



Kommentar von Australia23 ,

Achso, danke auch für die Anmerkung. Dann hat Seanna sich womöglich auf diese bezogen. Da erscheint es mir auch logisch, dass ein Therapeut hinzugezogen werden soll/muss...

Kommentar von Seanna ,

Stimmt so nicht! Ich liefere Informationen dazu noch heute nach. Und es betrifft deutlich mehr Persönlichkeitsstörungen als diese und werde auch noch erklären warum. Aber nicht vom Handy aus, das ist mir zu viel Text und ich möchte valide Informationen mit Quelle liefern.

Kommentar von Australia23 ,

Ok, vielen Dank, bin gespannt auf deine Informationen!

Kommentar von Rosenblad ,

@ Seanna

Natürlich können an dieser Stelle weitere Interaktionsbezüge in "schwächerer Form" eingestellt werden: Eine weitere Differenzierung hinsichtlich einer sozialen Interaktionszirkels sieht z.B. Rainer Sachse in einer überbetonten Nähe (Bindungszwänge bei der narzisstischen, histrionischen, selbstunsicheren und dependenten Persönlichkeitsstörung) oder starken Vermeidung (Distanzbetonung wie bei der passiv-aggressiven, schizoiden, paranoiden und zwanghaften Persönlichkeitsstörung). (siehe: Sachse, Persönlichkeitsstörungen, S.78, 79)

Allerdings sei mir gestattet anzumerken; stehe ich diesen strengen Klassifikationssystem des DSM /ICD bezüglich der Personality Disorders eher kritisch gegenüber, denn in der Wirklichkeit der lebens(gestörten) Praxis gleichen solche "Schlüsselkriterien" eher einem Prokrustesbett, da die differenzierbaren Kriterien oft zwischen einzelnen klassifizierten Störungstypen fließend sind. (siehe Birger Dulz „Der Formenkreis der Borderline- Störungen – Versuch einer deskriptiven Systematik auf psychoanalytischer Grundlage“ In: Birger Dulz; Sabine C. Herpertz; Otto F. Kernberg; Ulrich Sachsse (Hrsg.) „Handbuch der Borderline-Störungen“  Stuttgart, Schattauer Verlag, 2011, S.335)

Antwort
von amygdalan, 57

Hallo!

Das sind Fragen, über die sich die Forschung immer noch munter streitet. Der Konsens bisher lautet: Persönlichkeitsstörungen sind teils genetisch verankert, teils können sie auch durch soziale Faktoren (Umwelt, Erziehung,...) verstärkt oder gemildert werden. Gleichzeitig ist es auch noch individuell unterschiedlich, wie ein Mensch mit seinen eigenen Anlagen umgeht, wie problemorientiert er handelt, wie kreativ er mit "Schwächen" umgeht, wie lösungskompetent er ist und auch, ob er ein soziales Netz hat, das ihn annimmt und unterstützt. Man sieht: Das ist ein hochkomplexes Feld.

Zusammenfassend kann man sagen: Das Gehirn ist bis ins hohe Alter wunderbar formbar. Vor allem durch die Verhaltenstherapie konnte man wissenschaftlich belegen, dass dysfunktionale Verhaltensweisen sehr gut neu modellierbar sind. Es ist also nicht nur möglich, mit Störungen irgendwann "gut" zurechtzukommen. Es ist auch möglich, sich sein Leben lang zu verbessern und weiterzuentwickeln. Auch wenn es die Gene einem vielleicht nicht immer leicht gemacht haben.

HG!

Antwort
von Nachbar1708, 37

Cooles Thema. Sehr relevant in Alltag, Familie, Job.

Wenn man "ausgebrannt" ist, dann ist man ausgebrannt, der Akku leer.

"Burn -Out" ist ein "Alibi-Name". Das Problem ist: Selbst wenn man sich dazu beeknnt und Hilfe braucht?

Es gibt KEINE PSYCHOLOGEN für UNSER schnelles LEBEN! die uns wieder Takten! Wo sollen die herkommen?

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