UlfDunkel am 10.08.2007 um 15:29 Uhr
Im Urlaub in der Schweiz sind mir zuhauf orthodoxe Juden begegnet, blasse Menschen mit schwarz-weißer Kleidung, einem Käppi aufm Koppe, langen Zottellocken links und rechts von den Schläfen herunterbaumelnd, und die sahen alle gleich aus, wie uniformiert.
Wo steht in welcher "Heiligen Schrift" geschrieben, dass die sich genau so anziehen und frisieren sollen?
Ist das in der Tora (hab ich leider nicht greifbar) oder in der Bibel irgendwo vorgegeben? Oder haben die sich das selbst ausgedacht, damit man sie als das erwählte Volk schon von weitem erkennen kann?
Fragen über Fragen -- was ein Urlaub in der Schweiz doch so alles bewirken kann ...

Die "Zottellocken" (warum so abfällig, Ulf?) sind die Pejes, die Schläfenlocken. Das Tragen von Schläfenlocken und Bart geht auf das biblische Verbot zurück, das Gesichtshaar mit scharfen und schneidenden Gegenständen zu zerstören. Zur Jarmulke - siehe hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Kippa Es ist Tradition - und im Gegensatz zu manch anderen Religionen missionieren die orthodoxen Juden nicht und verlangen nicht, dass Andere sich genauso kleiden. Sie lassen sich allerdings nicht gerne fotografieren - das geht auf das biblische Bilderverbot zurück. Geregelt wird die Kleidervorschrift, glaube ich, in der Halacha. Und blass sind diese frommen Menschen, weil sie ihr Leben mit dem Studium heiliger Schriften verbringen - das kann man albern finden, aber sie ziehen nicht in den Krieg und tun niemandem etwas Böses und das ist doch schon eine ganze Menge...

Auszug aus talmud.de:
UlfDunkel am 10. August 2007 16:35 Danke schön!
Die Bibel enthält nur Vorschriften für das alte Israel - Fransen am Saum der Kleidung und darüber eine blaue Schnur (4. Mose 15:38).
„Ihr sollt euer Haar an den Kopfseiten nicht rundum stutzen, und du sollst deine Bartenden nicht zerstören.“ — 3. Mose 19:27;
"Sie sollten sich keine Glatze machen auf ihrem Haupt, und das äußerste Ende ihres Bartes sollten sie nicht abscheren, und in ihr Fleisch sollten sie sich keinen Einschnitt machen." 3. Mose 21:5.
"Und ihr Haupt sollten sie nicht kahlscheren, und das Haar des Hauptes sollten sie nicht lose tragen. Sie sollten auf jeden Fall [das Haar] ihres Hauptes stutzen." Hesekiel 44:20
Der Prophet Jeremia kündigte ein hartes Strafgericht Gottes gegen alle umliegenden Völker an, u.a. die das Haar an den Schläfen gestutzt hatten.
Als Zeichen von Trauer wurde mitunter das Haupt geschoren und der Bart gestutzt - was bedeutet, dass Barttragen normel war.( Jeremia 48,49 )
Die Einbuße des gesamten Haares bedeutete Schande ( Jesaja 7:20 )
Ausnahme bildeten die Nasiräer - "Alle Tage seines Nasiräạtsgelübdes sollte kein Schermesser über sein Haupt gehen; bis die Tage, ... voll werden, sollte er sich als heilig erweisen, indem er die Haarlocken seines Hauptes wachsen läßt" 4. Mose 6:5

Hier auf dieser Adresse kannst du bestimmte Sachen nachlesen:
UlfDunkel am 10. August 2007 15:45 @Wolfgang: Hilft mir leider nicht weiter. Dieses Dokument ist nur descriptiv. Der einzig relevante Satz ist: "Gerade orthodoxe Juden befolgen genaue Bekleidungsvorschriften."
Ich hätte gern gewusst, wo die geschrieben stehen.
PS: Aber jetzt weiß ich zumindest wieder, dass Thora mit h geschrieben wird. Auch was wert.
UlfDunkel am 10. August 2007 15:50 Wikipedia schreibt sogar "Tora", "Torah", "Thora" ... :-)
Wolfgang Joost am 10. August 2007 15:55 hier auf dieser Seite sind einige passagen über die Bekleidung beim Gebet abgedruckt:

Aaargh ... es muss natürlich "frisieren" heißen in der Frage. Sorry.
Heeeschen am 10. August 2007 15:35 Ich hatte schon nachschlagen wollen, ob Du denkst, dass der Brauch des Lockentragens nord- oder ostfriesischen Ursprungs sein könnte ;-)
Das ist eine änliche Frage wie : Wo steht geschrieben das Islamische Frauen Kopftücher tragen müssen ?
Meiner Meinung nach ist es ganz einfach dort so üblich ! Es ist aus einer tradition heraus in die Religion mit übernommen worden .
UlfDunkel am 29. Oktober 2007 06:28 Hallo Anzweifler.
Danke für Deine Antwort. Leider gibt es Menschen wie mich, die gern die Quellen und Ursachen von Traditionen erfahren und sich mit "das is einfach so" nicht zufriedengeben.
Lieber UlfDunkel ,
erstens bin ich juedisch , zweitens aus der Schweiz - dass ich blass bin , wusste ich bis jetzt nicht ...
Da Du anscheinend grosses Interesse an diesem Thema hast , hier einige kurze Informationen : Die Juden die Du getroffen hast , stammen meistens NICHT aus Israel - es sind Amerikaner , Belgier , Englaender , Schweizer u.s.w. Auch einige aus Israel ...
Die meisten davon sind , was eigentlich selbstverstaendlich ist , Geschaeftsleute . Diese Arbeiten mit Textilien , Schmuck und Diamanten , Liegenschaften , Aktien , u.s.w. Wie jeder andere .
Wer Juden kennt , weiss dass dies normale Menschen sind , einfach eben religioes (die religioesen natuerlich) . Was dies bedeutet , wuerde diesen Rahmen hier sprengen , und einiges wurde ja schon dazu geschrieben .
Ob Sie blass sind , tja es gibt sicher so manche davon . Der Grund - Der religioese Jude achtet als hoechsten Wert die Thoralehre , in jeglicher Form . Daher , viele davon , sollten Sie irgenwelche freie Zeit haben , nutzt man diese fuer besagtes Studium . Auch Geschaeftstaetige Leute , auch in hohem Alter .
Tja , wenn man nicht Sport treibt , nicht wandern geht , nicht in die Badi geht , das macht dann schon einen gewissen Unterschied .
Tolle Antwort!
@CrazyDaisy: Zottellocken sollte nur beschreiben, nicht abfällig sein.
Wenn ich nicht zu arbeiten bräuchte und mein Leben vom Staat zu 100 % finanziert würde, würde ich auch nicht in einen Krieg ziehen und nur noch Kinder kriegen, beten und in St. Moritz Urlaub machen. ;-)
@Ulf: 1. gehen auch viele Orthodoxe einem Beruf nach (da allerdings die wenigsten als Skilehrer arbeiten, wird's nix mit der Sonnenbräune), wenn sie in St.Moritz Urlaub gemacht haben, kann man definitiv davon ausgehen - soo großzügig wäre der Staat Israel wohl kaum, dass der dortige Soz für einen Urlaub in der Schweiz reicht und 2. den ganzen Tag die Nase in die Bücher stecken, "klären"(= sich Gedanken machen und darüber diskutieren) und alle Gebote und Vorschriften einhalten - das ist mindestens so anstrengend wie "normal" arbeiten gehen. Unsere Uni-Professoren machen ja nichts anderes (Rabbis sind in erster Linie Lehrer) und können essen und herumlieben wen sie wollen und werden viel besser bezahlt!!!
@Heeeschen: Ich habe mich seit meinem ersten Besuch in Israel mit 16 Jahren mit dem Judentum beschäftigt, sogar versucht (böse,böse) die Kabbala zu lesen, aber nix kapiert... Und naja, man kriegt ja manches mit...
@Daisy - Wow - klasse Antwort! DH - wo hast Du Dein Wissen her - ausser aus dem geposteten Link. Ich würde da gern auch noch mehr nachlesen...