NPD Aufschwung 2005?

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In aller Kürze: In diesem Zeitraum wurde die "Agenda 2010", die vor allem ärmere (aber eben noch nicht ganz arme) Menschen unmittelbar betraf, aber zunehmend auch die sich gerade einrichtende Mittelschicht im Osten nach unten riss, eingeführt. 

Das war zwar nicht der einzige Grund, aber es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte...

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Ausführlichere Begründung: Der "Aufschwung der NPD" ist ein Indikator für die Unzufriedenheit der Menschen, die ein Ventil sucht(e). Die Menschen erkannten zunehmend die Unfähigkeit der Politik, wirkliche Probleme lösen zu können. 

Bis heute wird ihnen jedes Jahr gesagt: "Nächstes Jahr müsst ihr den Gürtel noch eng schnallen. Aber dann! Jaha! Dann wird alles besser ... denn es könnte schlimmer kommen!"

... und es kam jedes Jahr schlimmer. Denn es wurde nix aus "besser werden". Stattdessen werden immer mehr Betriebe "optimiert", immer mehr Arbeitslast auf den Einzelnen gelegt, immer höhere Produktivität verlangt, immer mehr Druck auf das, um es mit Münteferings (SPD) Worten zu sagen, "abgehängte Prekariat" gemacht, ...während zugleich der Reichtum zusehends zunimmt, die Reichen immer schneller immer reicher werden...

Und im Gegenzug gibt's heute eine Kaufkraft, die seit 1995 stagniert, eine Krise, die im Jahr 2007 begann und deren Ende niemand absehen kann, neue Krisen (aus den gleichen Gründen, denn die Ursachen wurden nie bereinigt) am Horizont, eine Agenda, die immer mehr Menschen klar macht, dass, ganz egal, wie sehr sie sich den Ar*ch abschuften, sie am Ende innerhalb nur eines Jahres im sozialen Abseits landen werden, und selbst die kommenden Renten immer schmaler, die vielgepriesene Privatvorsorge immer weniger aussichtsreich, ... der Druck und die Unsicherheit also nicht geringer, sondern immer größer wird. 

Und die Antworten der Politik - ganz egal ob Honecker, Kohl, Schröder oder Merkel - lauten stereotyp "Unser Kurs ist alternativlos! Fre**e halten! Weitermachen!"

... also schauen sich die Leute nach Alternativen um. Und sie hängen sich an jede Alternative, die ihnen zumindest sagt: "Wir sind nicht das Establishment!".

Tja, und da sind wir bei der NPD angekommen: Und auch hier gilt ein gut 25 Jahre alter Vergleich. 

Denn damals gingen die Ossis mit "Wir sind das Volk!" auf die Straße. Und ihnen wurde angedichtet, sie hätten "Wir sind ein Volk!" gegrölt. ... Weil sich das mit der Propaganda besser verträgt.

Heute wählen (vor allem, aber zunehmend nicht nur) die Ossis gern mal "Protest". Nicht, weil sie diese Partei gern an der Macht sehen wollen. Sondern weil sie sich nicht anders zu helfen wissen, denn Demonstrationen, das haben sie schnell begriffen, nutzen im Westen erheblich weniger als im Osten. Also wehrt man sich mit Gegendruck an empfindlichen Stellen: Dort, wo die Macht sitzt. Dort, wo die Etablierten diesen einen Satz - "Unsere Politik ist alternativlos!" - wie ein Mantra jeden Tag aufs Neue aufsagen...

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Die NPD war damals einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und sie etabliert(e) sich als "Protest-Partei"; nicht zuletzt auch gegen die damals gerade frische "Agenda 2010", die vor allem ärmere Menschen unmittelbar massiv benachteiligte; aber auch zunehmend die Mittelschicht nach unten riss und reißt. Es gibt nur wenig, was sie wirklich "wählbar" macht(e). Und es gibt noch weniger, was sie aus der Sicht ihrer Wähler "regierungsfähig" macht. 

Aber sie erfüllt(e) einen enorm wichtigen Punkt: Sie war/ist der Stachel im Fleisch der Mächtigen

Sie soll den Druck auf die Herrschenden aufbauen, den Demonstrationen nicht aufbauen können, weil sich, anders als zu DDR-Zeiten, niemand für die Demonstrationen interessiert, ja, man sogar von ehemaligen "Bürgerrechtlern", wie Gauck, obendrein als "unsäglich albern" ausgelacht und diskreditiert wird, wenn man sich in irgendeiner Form gegen die herrschenden Verhältnisse richtet...

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Übrigens: Seit dem Aufkommen der AfD ist die NPD nur noch sekundär. Sie gilt immer noch als "Protest gegen die angebliche Alternativlosigkeit der Etablierten". Doch man hat eine "bessere Protest-Partei" gefunden. Im Osten und im Westen. 

Der Grund ist dabei schlicht und einfach: Die Propaganda hat versagt. Ihr ist es nicht gelungen, das notwendige Potenzial auch gegen die AfD aufzubauen, weil der Führungs-Mord in der AfD nicht nur für Lucke & Co., sondern auch für die Macht-Eliten ziemlich überraschend kam...

... und so verliert die NPD massiv an Boden, während die AfD jede Menge Boden gut machen kann. 

Nicht, weil eine der Parteien von der Mehrheit ihrer Wähler wirklich als "Regierungs-Partei" gesehen wird. Sondern weil sie den Protest gegen die herrschenden Verhältnisse ausdrücken sollen (und, zumindest teilweise, ja auch können). Die AfD wegen der versagenden Propaganda noch weitaus erfolgreicher als die NPD (Sachsen-Anhalt 24%, Baden-Württemberg: 15%, Rheinland-Pfalz 13%; Brandenburg 12%, Hamburg 6% ... und so weiter --- Ergebnisse also, denen die NPD bestenfalls in feuchten Träumen nahe kommt)

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