Repro am 30.07.2008 um 22:04 Uhr
Ich meine das politisch gesehen.
Die Rechtschreibreform ist nicht von einer einzelnen Partei vorangetrieben worden. Eine Gruppe von Rechtschreibreformern in einem Arbeitskreis wollte sie. Nach einem ersten Vorstoß, der früh und noch unausgereift in die Öffentlichkeit geriet und dort auf Ablehnung stieß, traten sie in eine enge Verbindung zu hohen Leuten in der Ministerialbürokratie. Sie entwickelten eine Variante, der sie gute Durchsetzungschancen gaben und die zum Teil auf eine Überrumpelungstaktik baute. Politiker aus verschiedenen Parteien in wichtigen Positionen übernahmen einen Vorschlag und er wurde auf der Kultusministerkonferenz gebilligt. International wurde er auf einer Wiener Absichtserklärung durch Vertreter deutschsprachiger Staaten und Gemeinschaften angenommen.
Auch Kultusminister deutscher Bundesländer und Ministerpräsidenten, die Bedenken gegen manche Regeln geäußert hatten, haben bei den Entscheidungen nicht dagegen gestimmt. Am wichtigsten waren für die Durchsetzung CDU/CSU und SPD, weil sie wichtige Regierungspositionen in den Bundesländern besetzen. Einzelne Politiker in den Parteien waren auch gegen die Rechtschreibreform. Rechte Parteien waren eher dagegen, soweit überhaupt eine klare Position vorhanden war. Ansonsten gab es nur kleine Unterschiede (in der SPD gab es nur wenige öffentlich bemerkbare Gegner, in der FDP etwas mehr).

1987 erteilte die deutsche Kultusministerkonferenz (KMK) dem Institut für Deutsche Sprache in Mannheim den Auftrag, zusammen mit der Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden ein neues Regelwerk zu entwerfen.
Auf dem 3. Wiener Gespräch, auch Wiener Orthographiekonferenz genannt, das vom 22. bis zum 24. November 1994 stattfand, wurde das Beratungsergebnis den politischen Entscheidungsinstanzen zur Annahme empfohlen.
zitat aus wiki ende.
Also weder noch.
Ich denke, es war einfach wieder mal ein Versuch, einen Keil zwischen Eltern und Kinder zu schieben, so nach dem Motto, ej, Alter, das checkst Du nicht mehr...
Außerdem war es ganz geschickt, die alten wertvollen Bücher aus dem Verkehr zu ziehen. Es fiel mir gleich auf, sobald die neuen Bücher mit dem Label "Neue deutsche Rechtschreibung" herauskamen; die taugten doch samt und sonders nichts!!
Wer an den o.g. Dingen Interesse hat, könnt Ihr Euch ja selbst ausrechnen...
Da ich am liebsten immer den Abweichler spiele, sage ich jetzt einfach mal es war die SPD. Damit die auch noch ein paar Stimmen kriegt, wo sie's ja im Moment so schwer hat! Aber im Ernst: für diese Reform ist keine Partei verantwortlich zu machen. Aber wäre sie perfekt ausgefallen, hätten alle (Parteien) gerufen, hallo, wir waren's. Aber jetzt hagelt es aus allen Ecken und Kanten Kritik und schon will's keiner gewesen sein. Nein, die Bundesländer Bayern, BW und NRW sind sogar aus der "Solidargemeinschaft" ausgebrochen und wollten bei der Reform der Reform der Reform nicht mehr mit machen, denen ging sie sogar schon wieder zu weit und man glaubte man rüttele an den Grundfesten der Deutschen Sprache. Den anderen Kritikern war auch die 3. Reform noch nicht radikal genug und man hört aus dieser Ecke, man sei auf halbem Wege stehen geblieben. Und denen kann ich mich nur anschließen: auch die Reform von der Reform ist halbherzig und nur stümperhaftes Stückwerk geblieben. Alle unsere europäischen Nachbarn haben z.B. von jeh her eine fast konsequente Kleinschreibung. Ob in Englisch, Spanisch oder Französisch - überall werden nur noch am Satzanfang und die Namen groß geschrieben. Alles andere ist klein und daher auch für Schüler einfacher und diese Fußfessel ist schon mal beseitigt ... es bleiben noch genug andere: in der Syntax (Satzbau) und in der sonstigen Orthograph(f)ie. Aber das zu diskutieren wäre jetzt doch zu aufwÄndig. Und die Frage, wer am meisten davon profitiert hat, ist leicht beantwortet: es waren die Leute, die den DUDEN verkaufen.Der stand nämlich wochenlang bei den Sachbüchern auf der Pole Position in den Top Ten der Bestseller. In Englisch muss man da nicht so aufpassen: da werden "pole position", "top ten" und "bestseller" immer klein geschrieben. Aber für die Rechten sind auch diese Anglizismen, die vielleicht doch in zu großer Zahl in unseren Sprachgebrauch Einzug gehalten haben, ein rotes Tuch, an dem nur die "Roten" schuld sind. Platz 1 in den Ersten Zehn der Verkaufsschlager hätte es vielleicht auch hinreichend erklärt. Und wen's wirklich interessiert, wie diese "Reform" zustande kam, der sollte sich den neuesten Rechtschreib-Duden (Band Nr. 1, gelb, sollte eigentlich in jeder Hausbibliothek stehen) kaufen, da steht vorne in der Einführung genau drin, wer, wann, wie und warum sie diese Reform auf den Weg brachten.
Repro am 31. Juli 2008 21:15 Danke für die Umfang reiche dar Stellung. Das war ein kleiner Spaß am Rande, aber so fühle ich mich jetzt als Altgelernter.
Sehr gute Erklärung ! DH
Danke, das war eine für mich sehr verständliche Darstellung. Aber ich bin noch nicht ganz an der Wurzel. Es muß doch jemandem geben, der diesen "Bedarf erkannt" hat, obwohl es keinen wirklichen Bedarf gab. Weiß da jemand mehr? Mir fällt immer mehr auf, daß wir Deutschen alles mit uns machen lassen, und das finde ich einfach empörend.
Mit Sicherheit sind auch einige Anstöße "von unten" gekommen, Lehrer wollten die festzustellende Fehlerhäufigkeit vermeiden, das System sollte "logischer" werden, an Hochschulen wurde diskutiert... . Wenn ich allerdings heute in der Zeitung lese, dass der Vorsitzende des Rechtschreibrates, Hans Zehetmair (CSU) zehn Jahre nach dem Start der letzten Reform weitere Überlegungen anstellt, z. B. über die Eindeutschung von Fremdwörtern, dann frage ich mich doch, ob es nichts Wichtigeres zu tun gibt. "Ich denke etwa an die Spaghetti ohne
h", sagte Zehetmair. Seine Bilanz: "Insgesamt ist die Rechtschreibreform sicher nicht verfehlt. Wenn, dann kann man die Frage stellen, ob die Reform überhaupt hätte gemacht werden sollen." Tja, Herr Zehetmair, die Frage wird jetzt zu spät gestellt! - Es gab also schon "Bedarf"; und "wir Deutschen" lassen eben nicht mit uns alles machen, denn nicht alle Gedanken wurden und werden sofort umgesetzt.