Frage von mondeofahrer, 35

Nicht mehr für ein Vereinsamt kandidieren nach 23 Jahren?

Guten Abend,

ich bin seit Januar 1993 Pressewart in einem Verein. Ein Amt, das mir auch nach 23 Jahren Freude bereitet. Aber ich komme aus beruflichen Gründen immer seltener dazu. Sitzungen konnte ich bereits seit mehreren Jahren nur noch am Rande und seit acht Monaten gar nicht mehr besuchen, ich werde immer hinterher informiert was gewesen ist und was ich als Pressewart in die Zeitung zu geben habe. Funktioniert auch alles.

Aber ich habe inzwischen kein gutes Gefühl mehr, weil ich das Amt nicht mehr richtig ausüben kann und es nicht der Sinn der Sache sein kann alle möglichen Sitzungen nicht zu besuchen. Es bringt nichts mehr.

Auch sämtliche Vereinsangebote kann ich nicht besuchen, weil diese meist mit anderen Terminen kollidieren. Für Arbeitseinsätze muss ich jedes Mal ablehnen. Es ist immer was anderes, in der Regel etwas berufliches und manchmal etwas familiäres. Und wenn ich dann einmal abends tatsächlich zuhause sein sollte habe ich ehrlich gesagt keine Lust mehr auf zeitaufreibende Sitzungen, die 3-4 Stunden lang gehen und bei denen man sich nur im Kreis dreht ehe der Vorstand sich über sämtliche Würdenträger aus Gemeinde, Politik usw. auslässt und wie an einem Stammtisch herumpöbelt. Das ist nicht mehr meine Welt.

Ich bin jetzt 61 Jahre alt, habe gesundheitlich auch einige Probleme (Hüfte, Knie) und im November ist die Generalversammlung mit Neuwahlen. Ich spiele mit dem Gedanken aufzuhören aber ich weiß, es gibt keinen jungen Nachfolger und der Schriftführer ist auch beruflich sehr eingespannt.

Ich habe ein schlechtes Gefühl bei meinem Abschied aber möchte eigentlich nicht mehr kandidieren. Ich weiß, man wird sehr enttäuscht sein weil ich auch weiß wie sehr man meine Arbeit und mich als Person in dem Verein schätzt. Aber ich schaffe es nicht mehr oder nicht mehr zu meiner eigenen Zufriedenheit und daher möchte ich aufhören.

Daher möchte ich Sie fragen: Wie kann ich es am besten ankündigen nicht mehr zu kandidieren?

Ich hoffe Sie haben Verständnis für mein Anliegen.

Joachim

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von olivengruen, 18

Ich hoffe Sie haben Verständnis für mein Anliegen

Absolut! Auch ich habe ein (Vorstands-)Amt nun abgegeben, weil es niemandem etwas bringt, mit angezogener Handbremse zu fahren; weder dem Verein noch einem selbst. Und meine Erfahrung ist: man ist wirklich nicht unersätzlich! Es ist oft erstaunlich, welche neuen Türen sich öffnen, wenn die alte sich schließt (auch bei den anderen!).

im November ist die Generalversammlung mit Neuwahlen....
Wie kann ich es am besten ankündigen nicht mehr zu kandidieren?

Da sind wir bei den ´Formalitäten´. Ich nehem an, du sprichst von diesem November? Dann ist Eile geboten. Es wird für die Einladung zur Mitgliederversammlung (bei euch: Generalversammlung) ja wohl eine Frist geben? 14 Tage, 4 Wochen? Mit der Einladung erfolgt zwingend auch die Bekanntgabe der Tagesordnung. Alles, was in der TO nicht als Beschlussantrag vorliegt, darüber kann auch nicht abgestimmt werden.

Wenn du es ´schlank´ halten willst, informierst du den Vorstand umgehend darüber, dass du nicht mehr kandidierst. Eine Angabe von Gründen ist an dieser Stelle nicht erforderlich (du kannst sie aber in der Versammlung den interessierten Mitgliedern mitteilen und gleichzeitig deine Mithilfe anbieten, wenn es um eine gute Übergabe gehen soll).

In der TO würde dann unter TOP xy, Neuwahlen, stehen: Neuwahl des Pressewartes.

Zusätzlich zur TO wird es ja eine Einladung geben. In diesem Text könnte der Vorstand darstellen, dass du nicht wieder kandidierst, dir danken und dein Ausscheiden bedauern (oder so ähnlich). Damit wissen alle automatisch, dass du nicht wieder kandidierst und Interessenten können sich schon mal Gedanken machen, ob das nicht etwas für sie wäre.

Nach meiner Erfahrung müssen Nachfolger erst durch die eigene Amtsaufgabe ´geweckt´ werden, ggf. mit Zeitdruck. Bis dahin haben sie sich darauf ausgeruht, dass ´das schon einer macht´.

Das ist nicht mehr meine Welt.

Mach dir keine Sorgen - stattdessen das, was DIR gut tut!

Kommentar von mondeofahrer ,

Ich danke Ihnen sehr. Das hilft mir und gibt mir Mut.

Gruß Joachim

Kommentar von olivengruen ,

...gibt mir Mut.

ja, es braucht in der Tat auch Mut, so ein altes ´Baby´ in fremde Hände zu geben (meins war schon 27!) und anfangs fühlte ich mich selbst ´aus dem Nest gefallen´ und scheinbar ohne ´Familie´.

Aber ganz so klar sind die Schnitte ja nie und sehr schnell bin ich mit meinen langen, vielen Kontakten und Professionalität zur Ratgeberin geworden, die aus dem ´Off´ berät und Hilfestellung bietet.

Das ist eine komfortable Situation; man/frau ist immer noch verbunden, aber nicht mehr in der Pflicht. Die Wertschätzung verändert sich dadurch ja auch nochmal.

Also, ich wünsche wenig ´Phantomschmerz´, einen schönen Sonntag und alles Gute für die Zukunft!

Antwort
von rotesand, 21

Hallo!

Ich würde ganz einfach die oben genannten Argumente vortragen & vllt. 2-3 Wochen vorher schon den vollständigen Vorstand darüber informieren, dass du gedenkst nicht mehr zu kandidieren. Nenne diesbezüglich auch schon mal die Gründe & lasse sie wissen, dass es nicht mehr mit deinem Verständnis eines solchen Ehrenamts konform geht weil du es zeitlich nicht mehr so richtig packst.

Kann das sehr gut nachvollziehen --------> bin selbst Ehrenamtler im Vereinsvorstand & man will das ja alles auch immer korrekt machen... deine Entscheidung halte ich für gut & es zeugt deutlich mehr von Größe als wenn man an einem Amt klebt und zu stolz oder zu verbissen dafür ist, abzutreten.

Alles Gute weiterhin :)

Kommentar von mondeofahrer ,

Ich danke auch Ihnen und wünsche viel Freude weiterhin im Ehrenamt.

Gruß Joachim

Antwort
von Othetaler, 21

An deiner Stelle würde ich das dem Vorstand mitteilen und ihn informieren, dass du nicht erneut kandidieren willst. Gleichzeitig würde ich anbieten, dass du bereit bist, deinen Nachfolger noch einzuarbeiten.

Mehr würde ich an deiner Stelle nicht machen. Dein Amt ist zwar wichtig, aber es gehört ja nicht zum eigentlichen Vorstand. Daher zur Not verzichtbar.

Du kannst allenfalls noch anbieten eine halbe Amtszeit dranzuhängen und dem Nachfolger mehr Zeit einzuräumen.

Kommentar von mondeofahrer ,

Das ist eine gute Lösung. So dachte ich mir das auch.

Danke und Gruß, Joachim

Antwort
von sozialtusi, 22

In der nächsten Sitzung doch mal wieder auftauchen und es unter "Sonstiges" verlauten lassen, dass Du einen Nachfolger suchst und Dich nicht mehr zur Wahl stellst.

Super, wenn man so lange so engagiert im Ehrenamt ist :)

Kommentar von mondeofahrer ,

Vielen Dank, so würde ich das auch tun. Die Tätigkeit hat mir immer Freude gemacht, aber ich finde auch mit 61 Jahren muss ich das nicht mehr. Zumal es zeitlich nicht mehr geht.

Gruß Joachim

Antwort
von Mignon4, 28

Ich kann dich voll und ganz verstehen.

Niemand kann dir verdenken, wenn du unter den gegebenen Umständen aufhören möchtest. Begründe deine Ankündigung mit deinen gesundheitlichen Problemen und damit, dass du deine Tätigkeit nur unzulänglich ausführen kannst.

Es dürfte nämlich nicht der Fall sein, dass du das veröffentlichst, was dir der Vorstand mitteilt. Du trägst Verantwortung dafür, was du der Presse mitteilst. Dafür kannst du aber nur dann deine Hand ins Feuer legen, wenn du PERSÖNLICH an den Sitzungen teilgenommen hast. Das kannst du nicht. Also kann von dir auch niemand erwarten, dass du etwas veröffentlichst, das du nur aus zweiter Hand hast.

Kommentar von mondeofahrer ,

Ich danke Ihnen.

Gruß Joachim

Kommentar von Mignon4 ,

Sehr gerne!

Ich finde es sehr höflich von dir, dass du dich bei allen Nutzern für ihre Antworten bedankt hast.

Noch ein Hinweis: Im Internet ist es inzwischen völlig üblich, dass man sich gegenseitig duzt. Wundere dich also nicht, wenn du nicht mit "Sie" angesprochen wurdest. Das ist nicht unhöflich gemeint!

Hierin liegt einer der Unterschiede zwischen virtuellem und realem Leben! :-))

Kommentar von Prinzessle ,

Ich antwortete in der Sie Form und fand dies ganz spannend, da man automatisch wieder etwas Wohlformulierter schreibt und alte Wendungen benutzt...also mir gefiel dies...Dir wünsche ich einen gediegenen Sonntag

Kommentar von Mignon4 ,

@Prinzessle

Ja, das ist vollkommen in Ordnung. Ich wollte den Fragesteller nur darauf hinweisen, damit er nicht denkt, dass wir alle völlig unhöflich sind. :-)

Dir auch einen wunderschönen Sonntag! :-)

Antwort
von GuenterLeipzig, 25

Wenn es Dir nicht möglich ist, die bisherige Funktion weiter zu begleiten, sollte das nicht übers Knie gebrochen werden.

Handelt es sich um eine satzungsmäßige Wahlfunktion, kandidierst Du einfach nicht mehr für dieselbe.

Handelt es sich um eine satzungsmäßige Berufungsfunktion, bitte den Vorstand um eine Abberufung.

Es ist dem Vorstand nicht geholfen, wenn jemand die Funktion nur halbherzig - aus welchem Grund auch immer - ausüben kann.

Günter

Kommentar von mondeofahrer ,

Ich danke Ihnen.

Gruß Joachim

Antwort
von Prinzessle, 28

Ich gehe davon aus, dass man Sie vermissen wird aber genau Ihre Art zu gehen eben auch geschätzt wird.

Es ist ja nicht ein weggehen aus einer Laune heraus, sondern die Argumente leuchten jedem ein.

Darum Demissionieren Sie mit der Würde die Ihnen gebührt, selbst mit dieser letzten Handlung in Ihrer Funktion, stellen Sie das Wohl des Vereines vor Ihren eigenen Stolz ein Amt zu belegen, ohne diesem noch gerecht werden zu können.

Kommentar von mondeofahrer ,

Ich danke Ihnen.

Gruß Joachim

Kommentar von Prinzessle ,

Es war mir eine Ehre...Gruss Priska

Antwort
von Matermace, 22

Mit genau diesem Text.

Kommentar von mondeofahrer ,

Ich danke auch Ihnen.

Gruß Joachim

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