Frage von blackshiine, 64

Muss ein Ort im Roman einen Namen haben und real existieren?

Hallo, ich arbeite derzeit an einem Fantasyroman und rätsel jetzt wegen der Verortung. Im Grunde könnte die Geschichte an jedem xbeliebigen Ort spielen, der als (Klein- bis mittelgroße) Stadt bezeichnet werden kann. Nicht einmal ein Land ist notwendig. Auch die Namen der Figuren sind eher internatonal gewählt. Aus diesem Grund hab ich bisher von jeder namentlichen Nennung des Ortes oder einer Verortung in der Realität Abstand genommen.

Eine Bekannte meinte jetzt, dass selbst Urban Fantasy Romane bei ihr einen richtigen Ortsnamen haben sollte. Am besten einen, der wirklich existiert.

Ich hab jetzt noch überlegt, vielleicht einen Ort zu erfinden, aber für mich geht dann dieses Gefühl der "xbeliebigen Stadt auf der Welt" verloren. Oder stört das Gefühl vielleicht sogar einen Leser?

Was meint ihr?

Antwort
von Fledermaus92, 35

Ich finde, dass es überhaupt nicht stört wenn du keine geografischen Bezeichnungen verwendest. Habe das in meinem Urban Fantasy Roman auch so gemacht. Ich finde es irgendwie sogar besser, weil angenommen, das Buch würde veröffentlich werden (auch in anderen Ländern), dann könnten sich Leser einfacher hineinversetzen. Demnach finde ich persönlich es überhaupt nicht notwendig, würde es vor allem nicht machen, wenn es sich sowieso schon nicht richtig anfühlt für dich.

Antwort
von DorotheaWinkler, 26

Antwort Teil 1:

Selbstverständlich kannst Du entscheiden, dass der Ort in Deinem Roman nicht namentlich genannt wird - auch wenn es für Dich selbst wesentlich einfacher wäre, über das Geschehen in (imaginären oder realen) Orten / Städten zu schreiben, wenn diese auch einen Namen haben. Es wird Momente beim Schreiben geben, in denen Du wünschst, der Ort HÄTTE einen Namen, irgend einen. Spätestens dann, wenn die agierenden
Personen sich aus dieser Stadt weg- und wieder hinein, also von A nach B
bewegen und dies erzählt werden muss, wird es zum Problem, wenn es
keine Ortsnamen gibt. Aber selbstverständlich kann man auch den Ort
einfach "die Stadt" nennen - nur: wie nennt man dann die nächstgelegene Stadt? Die "andere Stadt"? ;-)

Du kannst eine Fantasy-Geschichte nach Berlin verlegen - und die Stadt im
Roman auch Berlin nennen - und die Details in den Straßen aber frei nach
Fantasie beschreiben, während Du womöglich nur die markanteren Punkte
dieser Stadt auch erwähnst, so wie sie in der Realität sind. Diese kannst Du googeln, Du kannst Dir Stadtpläne und Bilder ansehen, um Dir Inspiration für solche Beschreibungen zu holen.

Du kannst abergenauso auch jeder beliebigen Stadt, die Du erfindest oder real (oder halbwegs real) beschreibst, ganz andere Namen geben, Fantasienamen. Wenn Du Dir Berlin zur Anregung nimmst, kannst Du diese Stadt aber z.B. Wilmingen, Mergard oder Bolthausen nennen, dies wären erfundene Ortsnamen. Generell dient ein Ortsname den Lesern spätestens dann zur besseren Orientierung, wenn die Handelnden die Orte auch hier und da wechseln.

Ein Ortsname strahlt natürlich auch aus, er "spricht", er verrät Charakter. Der Ort in meinem Roman heißt z.B. Rabefeld (erfundener Name), umgeben von Nebel und Wäldern und Mooren. Kleinere Ortschaften, ein Fluss. Und Krähen, Raben spielen da tatsächlich auch eine Rolle. Auch, wenn der Leser nicht weiß, ob es diesen Ort womöglich irgendwo in Deutschland gibt oder ob er erfunden ist, hilft dieser konkrete Name ihm aber dabei, sich besser in den Ort und seine weitere Beschreibung hinein zu versetzen, sich auf ihn eizulassen, seine Stimmung aufzunehmen und ein Gefühl für seine
"Realität" in der Geschichte zu entwickeln. Was Namen hat, wirkt realer, echter.

Es kann aber auch Stilmittel und Absicht sein, wenn man z.B. schreibt:

"Sie lebte am Rand einer modernen Stadt - einer Stadt, die so beliebig und gewöhnlich war, dass ihr Name nicht erwähnt werden muss / unwichtig ist. Ihr selbst geschah es hier und da, dass sie ihn vergaß, so wie sie auch vergessen wollte, warum sie hier war. Sie wollte nicht hier sein. Sie verabscheute ihr Leben und alles, was damit zu tun hatte..."

Und schon bist Du mitten in der Erzählung und der Ort hat - obwohl namenlos - einen Bezug zur Person, einen sehr persönlichen sogar. Es verrät vieles, dass er namenlos bleibt. Hier kann der Leser sich
identifizieren, denn auch für ihn ist der Ort dann also "namenlos". Weil
es ein verhasster Ort ist, an dem "niemand" gern sein möchte, womöglich
auch der Leser nicht. Hier sagt das Beliebige und Namenlose des Ortes
und der Gegend also indirekt etwas über das Verhältnis der Heldin zu
ihrem Wohnort aus: Sie verdrängt ihn, sie identifiziert sich nicht damit, sie hasst ihn und möchte am liebsten weg von dort.

Ich selbst hatte ebenfalls bei meinem Roman das "Ortsproblem": Ich schreibe
über einen Ort in Deutschland, den es tatsächlich in allem, was ich
beschreibe und samt weiterem Umfeld, exakt so gibt, denn: es ist der
Ort, in dem ich lebe plus seine Umgebung. Aber: da dieser Roman auch
einen guten Teil einer real geschehenen Geschichte aus meinem Leben
erzählt, da auch Familienmitglieder davon betroffen sind und ich das
Ganze dann nur nach und nach in eine mystische, erfundene, eher spukige
Geschichte absenke, um es am Ende wieder in die Realität zurück zu
heben, musste ich hier über Ortsnamen, aber auch über die Namen der
Personen entscheiden, die auch an der realen Geschichte, die dem Roman
zugrunde liegt, teil gehabt hatten. Wie sollten sie benannt werden, wenn
die Geschichte zu 80% real und sehr persönlich ist und wenn sie
wiedererkannt würde, auch von den Leuten, die darin eine Rolle spielen?
Ich habe mich entschieden, so viel wie möglich real zu beschreiben
(Story und auch Orte, Personen) und aber sämtliche Namen zu ändern. Die
Orte, der Fluss haben ausgedachte Namen erhalten, die es nirgends so
gibt.

Da es auch um den Ort selbst, um seine Atmosphäre, um seine Details und Eigenheiten geht und ich zum Erzählen dieser Geschichte Originalschauplätze ebenso brauche wie Hinzugedichtetes (und dies ebenso für die Charaktere und äusseren Beschreibungen der Personen, die vorkommen), habe ich also hier einen Ort gewählt, den es BEINAHE so, wie ich ihn beschreibe, tatsächlich gibt - mit derselben Umgebung, denselben Straßen und Bewohnern, demselben Fluss und Moorgebiet an seinem äußeren Rand.

Ich habe dem Ort (wie auch den Orten der Umgebung), dem Fluss, dem Moorgebiet und auch den Menschen aber andere Namen gebeben, so dass selbst die Bewohner hier in meiner Realität den Ort im Roman nur dann als ihren Wohnort erkennen werden, wenn sie auf ein - bis zwei sehr markante Details achten. Ansonsten könnte es jede beliebige Gegend in Norddeutschland sein. Aber: Die weitere Gegend ist durchaus bestimmt, sie ist festgelegt. Es ist Norddeutschland. Für meine Geschichte ist dies wegen spezifischer Details sehr wichtig, für andere Geschichten mag sowas nicht wichtig sein. Es kommt immer darauf an, worüber du schreiben willst.

Kommentar von blackshiine ,

Wow, danke für die ausführliche Antwort! 

Für mich ists einfach die erste Geschichte, bei der ich diese Ortsfrage überhaupt stelle... Mal sehen, was ich noch daraus mache ;-)

Kommentar von DorotheaWinkler ,

Meine Antwort ist länger, ich habe technische Probleme, den 2., Teil als Kommentar zu posten,,,,moment..... :-)

Kommentar von DorotheaWinkler ,

Mit der Namensgebung in phantastischen Erzählungen ist es auch deshalb schwierig, weil man mit jeder Entscheidung für einen Namen (gilt auch für Personennamen) automatisch Assoziationen zu bestimmten Kulturen weckt. Wenn die Fantasienamen irgendwie asiatisch klingen, hat der Leser womöglich eine Art "Manga" vor Augen, wenn sie elbisch, elfisch klingen, entstehen Vorstellungen, wie sie aus den mythischen Welten von Romanen abgeleitet werden, die eine eher britische oder nordische Fantasiewelt beschreiben.

Sehr oft wählen gerade junge Schreiber mit Vorliebe für die Handelnden ihrer Geschichte englische / US-amerikanische Namen, weil auch in ihren Lieblingsfilmen und -Serien diese "Amerikanische Welt" so selbstverständlich bedient wird und viele Teenager hier tatsächlich sehr beeinflusst sind und mit ihren Lieblingsnamen und Lieblingscharakteren alles Mögliche assoziieren, was sie dann unbedingt auch in ihrer Geschichte haben möchten. Hier wird es "ungünstig", denn: agieren nicht Rosalie, Steven, Maggie, Tyler und Brandon-Lee erwartungsgemäß in US-Amerikansichen Städten oder zumindest auf den britischen Inseln? Die Wahl Deiner Personennamen muss also auch zu den Ortsnamen der Umgebung passen. Wenns reine Fantasy ist, sollten die Namen auch entsprechend angepasst sein.

Generell solltest Du beim Schreiben nicht in Versuchung geraten, es einzelnen Mitlesern, Freunden, Interessierten "Recht zu machen". Was der eine Leser erwartet und wünscht, ist dem anderen unwichtig oder er mag es nicht. Aber generelle Gedanken solltest Du Dir schon machen, unabhängig davon, was die Leute von Dir erwarten oder bedient sehen wollen. Was Ortsnamen betrifft:

1) Du musst keine nennen, es bleibt Dir überlassen, aber Du hast dadurch beim Schreiben hier und da schreibtechnisch und erzählerisch unschöne "Probleme" zu lösen, die Du nicht hättest, wenn die Orte Namen hätten 2) Leser können sich mit Namen identifizieren, ihre Imagination läuft besser mit, wenn Orte konkrete Namen haben 3) WENN Du Namen vergibst, sollten sie passen - auch, wenn es "just fantasy" ist. Ein Mix aus Kevin, Emmett-Tyson, Zooey, Brooklyn und Lara-Jane für Figuren, die durch moderne Fantasy-Städte laufen, deren Namen wiederum nicht genannt werden oder die Yxalia, Merodathia und Ym`Calaar heißen, das ist eher... nicht so toll. Das ginge wesentlich besser abgestimmt, schöner, harmonischer und damit auch glaubwürdiger.

Es gibt einen Grund, warum Dein Ort keinen konkreten Namen hat und warum er auch keinem spezifischen Land, keinem Kontinent zugeordnet ist. Diesen Grund solltest Du vertreten!

Es ist nicht einfach zu händeln, dass man als Schreiber / Schreiberin zwar auf Feedback so sehr angwiesen ist, dabei aber dann natürlich dies oder das auch hart in Frage gestellt oder nach ganz persönlichem Geschmack be- oder verurteilt wird. Das Schreiben ist eine sensible Sache, Schreibblockaden sind es auch. Das Selbstbewusstsein, das am Schreiben hängt, ist ein störanfälliges Pflänzlein. Und der Faden, der Dich mit dem verbindet, was Du da kreierst, ist sehr dünn und es braucht lange, wenn er mal wieder neu geknüpft werden muss, nur weil man sich ein Urteil, eine Meinung mal wieder sehr zu Herzen genommen
und sie als wichtig und wesentlich für den weiteren Schreibprozess empfunden hat.

Eine unglückliche Kritik von einer nahen und / oder geschätzten Person - und man möchte, was man fertig hat und für gut befand und zu lieben begann, im Klo runterspülen. Das emotional auszubalancieren ist sehr schwer und muss auf langem Weg gelernt werden. Sei Dir darüber jederzeit sehr klar, wie Du mit Kritik umgehen und wohin du diese beim Weiterschreiben packen willst, BEVOR Du jemanden um Feedback bittest. Nachher (und ohne diese Klarheit, die Dir Stabilität verschafft) ist der Schaden bereits angerichtet und Du bist unglücklich und blockiert.

Du kannst und wirst auch mit dem "besten" Roman und den
"bestmöglichen" Entscheidungen über Details niemals "jedermanns" Geschmack und Wunsch und Ansicht und Meinung bedienen
können. Niemand macht das, auch professionelle und erfolgreiche Autoren nicht. Leute ordnen sich Geschichten zu. Deine Geschichte wird sich ihre Leser suchen, sie muss sich nicht um Erwartungen anderer Leute herumbiegen und dafür passend machen. Um etwas Gutes zu fabrizieren, solltest Du nur grundsätzliche Dinge einhalten und Dir über grundsätzliche Dinge Gedanken machen - und diese sind oft nicht das, worauf Mitleser Dich ansprechen würden, erst Recht nicht die jüngeren und unerfahrenen.

Kommentar von DorotheaWinkler ,

Teil 3:

Schreib! Und hab Freude daran! Und dosiere das Feedback, das Du einholst, sparsam und vorsichtig. Überfordere Dich damit nicht. Es ist nicht immer sinnvoll, jeden Aspekt und Abschnitt immer wieder mit bestimmten Leuten durchzusprechen, ihre Meinungen einzuholen. Du bist die Autorin und es ist Deine Geschichte, keine Gemeinschaftsarbeit von vielen Köpfen. Wer sich selbst und seine Perspektiven in Deiner Story, Deiner Schreibweise verwirklicht sehen möchte, sollte selbst schreiben und seine eigene Geschichte kreieren. Ich zum Beispiel halte es zumeist so: Sehr negative Kritik, die auch meiner eigenen Meinung und Haltung entgegensteht, nehme ich mir überwiegend dann zu Herzen, wenn diese Person mindestens ebenso gut schreibt wie ich - oder besser. Wie viele
Personen in Deinem Umkreis blieben dann also, deren Kritik Du wirklich absolut ernst nehmen und in Deinen Gedanken bewegen solltest? ;-)

So sorry für das Chaos bezüglich Lücken und fehlender Abstände, hier ist irgendwas technisch gerade völlig danaben!  :-D

Kommentar von blackshiine ,

Dankeschön!

Wenn ich bei deiner letzten Frage hängenbleibe, dann bleiben maximal noch ein bis zwei Personen übrig... ;-)

Ich denke, ich bleib auch beim namenlosen Ort. Ortswechsel in dem Sinne gibt es nicht und der Ort hat auch keine größere Bedeutung. Deine Ausführungen haben mir definitiv geholfen, mir darüber nochmal klar zu werden

Kommentar von DorotheaWinkler ,

Gern geschehen... aber: Wenn Dir hier Leute tatsächlich geholfen haben, darfst Du ihnen ruhig einen Pfeil aufwärts für ihre Beiträge geben. ;-) Dir ist hier einiges geschrieben worden. Nicht selten schreiben und erklären wir meterlang, ohne dass es ein einen Pfeil aufwärts, einen Stern für beste Antworten oder auch nur ein Danke gibt... Nicht vergessen bitte - auch für die Anderen hier, wenns denn geholfen hat!

Antwort
von LEbkm, 30

Ich habe durchaus schon sehr gute Fantasyromane gelesen, deren Handlungen an fiktiven Orten spielten.

Das ist ja das tolle: du kannst dir jeden Ort aussuchen oder welche erfinden.

Antwort
von Flintsch, 25

Es ist ein Fantasyroman. Da können Orte beliebige Namen haben und müssen nicht real sein.

Antwort
von Selorien, 30

Es gibt die Schreiber die nach nem Lehrbuch schreiben und welche die das nicht machen. Wenn du einen Roman schreibst kannst du davon ausgehen das du damit nicht das große Geld machen wirst. Also gönn dir wenigstens so zu schreiben wie du willst und finde deinen eigenen Stil. 

Antwort
von djstini, 29

Das ist Geschmacksache. Ich finde das es keine Ortsnamen braucht

Kommentar von AnnJabusch ,

Nein, das ist es nicht.

Kommentar von blackshiine ,

Ach deswegen liest die ganze Welt nur ein und dieselbe Art von Büchern...

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