Frage von Stromberg1976, 82

Muss bei geistiger Behinderung immer ein Berufsbetreuer hinzugezogen werden?

Mein erwachsener Sohn ist teilweise geistig eingeschränkt. Er arbeitet in der Werkstatt für behinderte Menschen und nun sagt man, er muss einen Betreuer für alle Angelegenheiten bekommen (amtliche, finanzielle und Aufenthaltsbestimmung). Bisher war alles gut geregelt, er lebt hier bei uns Zuhause und es gibt keine Probleme. Auf Nachfrage warum das so sein muss, kam die lapidare Erklärung, so würde man alles nur vereinfachen. Das reicht uns aber als schlüssige Erklärung nicht und bisher hat die ganze Familie sich immer engmaschig inter Einbindung des behinderten Sohnes, um alles gekümmert. Er wurde nie übergangen oder übervorteilt.
Man sagte ihm, es könnte ja sein, dass ich sterbe und dann braucht er eine gesetzliche Betreuung. Selbst wenn das so sein würde, dann wäre ja immer noch Zeit, einen Berufsbetreuer zu bestimmen. Uns kommt das merkwürdig vor.

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von regstuff, 24

Hallo Stromberg1976,

nach dem, was du schreibst, liegt das Interesse an einer gesetzlichen Betreuung bei der Werkstatt: "so würde man alles nur vereinfachen". Es liegt nahe zu mutmaßen, dass es für die Werkstatt einfacher würde.

Da du in einem Kommentar schreibst, dass dein Sohn alles versteht, wenn man es ihm erklärt, scheint es mir völlig überzogen zu sein, eine gesetzliche Betreuung - insbesondere mit einer Vertretung ggü. Behörden und Einrichtungen sowie einem Aufenthaltsbestimmungsrecht - einzurichten. 

Ich kenne Menschen mit so genannter geistiger Behinderung, die ihre Eltern, Geschwister oder andere nahestehende Personen bevollmächtigt haben, z.B. mit einer Kontovollmacht bei Unterstützungsbedarf in Geldsachen und/oder mit einer Schweigepflichtentbindung im Krankheitsfall bis hin zu einer Patientenvollmacht. Da du beschreibst, dass die Familie sich engmaschig kümmert, gehe ich davon aus, dass eine Bevollmächtigung eine Variante sein könnte, bei der nicht alles an dir hängt und das große Desaster ausbricht, wenn du abtrittst (sehr freundlich von der WfbM, darauf hinzuweisen, dass das du sterben könntest).

Je länger ich darüber nachdenke, desto schräger finde ich es: ich habe den Eindruck, dass die Haltung in der Werkstatt besteht, Menschen mit kognitiver Behinderung sollten per se einen gesetzlichen Betreuer haben. 

Aber vielleicht stimmt das nicht und es hat einen konkreten Anlass, warum die WfbM es vorschlägt. Ich würde nochmals die Leitung ansprechen, was konkret der Grund ist. Denn wenn es etwas Konkretes gibt, kann man ja auch darüber nachdenken, wie man damit umgehen will. Und wenn nichts konkret benannt wird, darauf verweisen, dass man die Empfehlung gehört hat, aber aktuell keinen Bedarf dafür sieht, da ein familiäres Netzwerk zur Unterstützung jetzt und in Zukunft vorhanden ist. Und dass, wie du schreibst, ein gesetzlicher Betreuer bei amtlich festgestelltem Bedarf ja immer noch eingesetzt werden könnte ...

Antwort
von SaVer79, 22

Um entscheiden zu können, ob dein Sohn einen Betreuer benötigt, müsste man ihn schon persönlich kennen.....könnte er sich denn alleine und selbständig um alle Angelegenheiten (Behörden, Banken etc) kümmern? Das Problem ist ganz einfach, dass du rein rechtlich keine Entscheidungen für ihn treffen darfst, sobald er volljährig ist!

Ansonsten kannst natürlich auch du selber zum Betreuer bestimmt werden. Wenn ein Sohn einen dahingehenden Wunsch äußert, so darf das Gericht auch nur mit einer sehr guten Begründung einen Berufsbetreuer bestellen.

Antwort
von altgenug60, 26

Es gibt absolut keine Veranlassung, für euren Sohn einen AMTSvormund einzusetzen!

Allerdings sollte er tatsächlich eine gesetzliche Betreuung haben, aber das könnt natürlich selbstverständlich ihr als Eltern übernehmen. Am besten, ihr meldet euch mal beim Vormundschaftsgericht und regelt das da. Und dann würde ich mich mal umschauen, ob es bei euch vor Ort einen Betreuungsverein gibt. Dem solltet ihr euch dann vielleicht anschließen. Da bekommt ihr auch Beratung und Hilfe. Oft bietet die örtliche Lebenshilfe so etwas an oder auch die Caritas.

Wichtig ist, dass Euer Sohn aber keinesfalls eine Betreuungs für ALLE Angelegenheiten bekommt, denn damit würde er sein Wahlrecht verlieren. Das ist in der Regel auch gar nicht notwendig.

Ich bin ebenfalls als Mutter eines geistig behinderten Sohnes dessen gesetzliche Betreuerin, das klappt problemlos. Wenn du noch weitere Fragen hast, melde dich gerne noch einmal.

Antwort
von ponyfliege, 40

das sehe ich genauso.

mir kommt das auch merkwürdig vor, dass er auf einmal einen AMTSVORMUND haben soll.

ich würde mal zu einem anwalt zu einer rechtsberatung gehen (kostet etwa 30 euro) und mich dort genauer informieren.

ich glaube, es geht wirklich nur um das "einfacher". fragt sich nur für WEN.

ausserdem - ist dein sohn für teilweise oder voll geschäftsuntüchtig erklärt?

auch das ist wichtig. ist er nämlich voll oder teilweise geschäftsfähig, wozu dann überhaupt einen betreuer.

ich denke, man hatte vor euch zu überrumpeln. informiere dich gründlich und lass dir nichts aufdrücken, was für die ganze familie nicht gut ist.

liebe grüsse und alles gute.

ps - ich hab noch mal ein paar suchbegriffe hinzugefügt. es gibt hier sicher leute, die sich mit dem recht besser auskennen und die frage detaillierter und besser beantworten können, als ich das kann.

Kommentar von Stromberg1976 ,

Es besteht noch völlige Geschäftsfähigkeit. Ich habe mich wohl zu oft mal erkundigt, warum man das Eine oder Andere so oder so macht. Und es geht jetzt um den weiteren Verbleib in der Werkstatt und da habe ich wohl unbequeme Fragen gestellt....

Kommentar von ponyfliege ,

ach daher weht der wind... ;-(

für einen vormund muss dein sohn überhaupt mal erst für eingeschränkt oder gar nicht geschäftsfähig erklärt werden. 

das ist eine riesensauerei...

ich hätte mal einen link für dich. da sitzen einige im büro, die dir die passende anlaufadresse geben oder dir sogar ganz konkret weiterhelfen können. ausserdem hast du dort leute, die nicht erst mal nüchtern aufs geld sehen, sondern wo ihr beratungsmässig wirklich gut aufgehoben seid. meines wissens nach kennen die sich auch in punkto "konflikte mit der werkstatt" gut aus.  geh einfach auf den button kontakt. da findest du alle nötigen informationen.

http://www1.ekir.de/essen-menschenstadt/

ich drücke euch die daumen und wünsche alles erdenklich gute!

Antwort
von sternstefan, 40

Die Betreuung kannst auch du übernehmen. Beim Amtsgericht kannst du dich zu diesem Thema beraten lassen.
Das eigentliche Problem ist, dass du als Elternteil nach der Volljährigkeit eigentlich nicht mehr über die Angelegenheiten deines Sohnes bestimmen kannst.

Kommentar von Stromberg1976 ,

Auch nicht mit Vollmacht, denn so stark ist die Behinderung nicht, er versteht sehr gut, wenn man es ihm erklärt, worum es im Einzelfall geht.

Antwort
von brido, 33

Ein Elternteil kann sich darum bemühen, es zu werden. Zahlen müssen es auch die Eltern. 

Kommentar von altgenug60 ,

Die Eltern müssen da GAR NICHTS zahlen. Im Gegenteil: Als ehrenamtliche gesetzliche Betreuer erhalten sie vom Staat eine jährliche Aufwandspauschale.

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