Frage von Elbe666, 161

Mittelalterlich kochen, hat jemand erfahrungen darin?

Heyy,

ich würde gerne mal Mittelalterlich kochen bzw. Rezepte aus dem Mittelalter ausprobieren. Hat das schonmal jemand gemacht, bzw. ist das schwer?

Kennt jemand ein gutes Kochbuch wo solche Rezepte drinnen sind?

Ich habe natürlich schonmal nach Mittelalterlichen Kochbüchern gegoogelt, aber ich bin mir da unsicher ob die Rezepte darin echt sind oder nicht. Oftmals (vor allem bei Mittelalterlicher Kleidung) wird ja nur Fake-Mittelalterzeugs verkauft, sprich das es Mittelalterlich aussieht, es aber damals zu dieser Zeit so gar nicht gab.

lg :-)

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von OnkelSchorsch, 61

Was du bezüglich Fake-Mittelalter sagst, trifft ganz exakt auc auf sogenannte "Mittelalterrezepte" zu.

Es begint ja aschon damit, dass Mittelalter ein Begriff ist, der tausend Jahre und zahllose Kulturebn umfasst. Ein sächsischer Bauer um 600 wird andere Dinge gegessen haben als ein reicher venezianischer Kaufmann um 1480.

Insofern kann man eigentlich gar nicht von einer mittelalterlichen Küche reden.

Was an Kochbüchern auf dem Markt ist, zeigt meist barocke Rezepte oder gar noch spätere Kochrezepte.

Will man "mittelalterlich" kochen, ist es sinnvoll, sich - ganz wie bei Kleidung - erst darüber klar zu werden, zu welcher Zeit und welchem sozialen Umfeld das Essen passen soll.

Was ich, als seit Jahrzenten sehr rühriger Hobbykoch, auf den Treffen unseres Mittelalterclubs koche, ist meist optisch und von den Zutaten her so ungefähr in Richtung Mittelalter, aber mit leicht erhältlichen Zutaten. Ganz wichtig: Was Leute, die auf Mittelaltermärkten lagern, an "Lagerküche" machen, ist grundsätzlich falsch, denn normalerweise wurde im Mittelalter nicht "draußen vor Zelten auf Lagerfeuer" gekocht, sondern grudnsätzlich immer im Haus auf dem Herdfeuer oder der gemauerten Kochstelle.

Ein mittelalterlich anmutenden Essen könnte etwa so aussehen:

Dekoriere den Tisch mit Schalen mit europäischem Obst, Krügen mit Wein, Saft und Bier. Backe selber Brot. Einfacher Hefestuten aus Weizenmehl, Prise Salz, Wasser oder Milch sowie Hefe ist völlig okay. Das Brot ist die Beilage zum Essen. Ich backe gerne mehrere kleine Brote, die sich dann jeweils zwei Tischnachbarn teilen.
Als Gemüse koche ich gerne Weißkohl. Den schneide ich klein, blanchiere den kurz in Salzwasser und dann schmore ich ihn  in Schmalz, abgeschmeckt mit Salz, Pfeffer und Kümmel, dazu ein paar Rosinen und ein Schluck Wein (gerne auch Apfelwein) in den Topf.
Auch gut sind Erbsen. Ich nehme Tiefkühlerbsen. Die setze ich mit wenig Wasser auf, koche sie auf kleiner Flamme sehr weich, salzen, pfeffern, mit Sojasoße abschmecken (Mutige nehmen asiatische Fischsoße) und bei offenem Topf noch etwas leicjht köcheln lassen. Es soll ein Erbsenmus werden. (Diese Art der Zubereitung, bei der Gemüse lange gekocht wird und zu einem Mus wird, hat zum Namen Gemüse geführt).
Auch lecker (auch wenn sie heute anders aussehen als im Mittelalter) sind Honigkarotten. Karotten putzen, kleinschneiden und in sehr wenig Salzwasser sehr weich kochen, bei Ende der Garzeit nach Belieben Honig dazu geben und alles gut verrühren. Sehr lecker!

Das sind schon drei Gemüsegerichte. Jedes Gemüse in je zwei Schüsseln  geben, dann hast du neben dem Obst, dem Brot und den Krge jetzt schon sechs Schüsseln stehen.

Dazu Fleisch. Ich mache ganz normal Braten im Ofen. Dazu kaufe ich ein paar Kilo Schweinebraten und für die, die kein Schwein essen, Putenbraten (ja ich weiß, Pute ist aus Amerika, was soll's. Wer will, kann ja Schwan nehmen) oder große Putenkeulen.  Das Fleisch reibne ich kräftig mit Salz und Pfeffer ein. Auf die Fettpfanne des Backofens (notfalls Backblech nehmen) gebe ich kleingeschnittene Zweibel, Mohrrübe und Sellerie sowie eine Tasse Wasser oder Brühe. Darauf lege ich die Braten. Das kommt dann bei 180° bis 200° (je nach Backofen) in die Röhre. Nach einer halben Stunde die Braten wenden, dies jede halbe Stunde wiederholen. Dabei die Braten mkit der Flüssigkeit begießen. Gut auch: Statt mit der Flüssigkeit die Braten mit Malzbier begießen bzw einpinseln. Je nach Größe braucht das Ganze etwa zwei bis drei Stunden.
Ist das Fleisch fertig, Braten rausholen, in Scheiben schneiden ujnd auf großen Platten servieren. Aus der Bratflüssigkeit Soße machen und separat servieren.

Die mittelalterliche Tafel wird jetzt richtig toll aussehen und die Gerichte passen stimmungsmäßig in jedes Mittelalterevent - und sind teilweise sogar an echt mittelalterliche Zubereitung angelehnt.

Kommentar von Grobbeldopp ,

Sehr interessant!

Man vergisst gern, wie jung die Idee des "russischen Servierens" in getrennten Gängen ist- eine mittelalterliche Tafel bestand entweder darin, die Speisen auf einmal oder in einer "unendlichen" Kette ohne System aufzutragen.

Eine Sache würde ich allerdings herausfordern:

auch wenn sie heute anders aussehen als im Mittelalter

Bezüglich Karotten/Gemüse.

Man überschätzt da gerne den Fortschritt :-) Kann dir schlecht Quellen aus dem Internet nennen, aber alles was ich dazu gesehen habe deutet darauf hin, dass zumindest um 1500 die Gemüse ganz ähnlich hochgezüchtet waren wie heute. Es gibt sogar noch existierende Rebstöcke aus dem 16. Jahrhundert- kein nennenswerter Unterschied.

Ich finde gerade nicht die Bilder, aber guck dir Gemüsestillleben aus dem 16./17. Jahrhundert an, da gibt es zumindest bis dahin keinerlei Unterschied.

P.S. das kann man natürlich nicht auf das "dunkle" frühe Mittelalter zurückrechnen 

Kommentar von Elbe666 ,

Aaaach du bist der beste!!!!!!!  :-)))))

Vielen lieben Dank für deine so ausführliche Antwort, vor allem das du dir Zeit genommen hast es so genau zu beschreiben und auch noch ein Foto mit anhängst!

Genau sowas habe ich gesucht, es ist schon klar das man nicht 100% mittelalterlich kochen kann (zB. was die Pute angeht), aber ich möchte eben versuchen so nahe wie möglich ranzukommen.

Das klingt echt toll so wie du es beschreibst. Das man sich für einen Zeitabschnitt des Mittelalters entscheiden sollte habe ich gar nicht bedacht.

Das ich dann auch Brot backen werde ist klar. Wenn ich es probiere dann möchte ich alle Speißen, die dann auf den Tisch kommen, soweit wie möglich selber machen.

Kommentar von Grobbeldopp ,

klar das man nicht 100% mittelalterlich kochen kann

Da wäre ich mir nicht so sicher- man kann schon ziemlich nah ran.

Es gibt andere "Künste" wo man erstaunlich sinnvoll erscheinende Sachen rekonstruieren kann. Musik und Kampftechniken....

Kommentar von OnkelSchorsch ,

Ja.

Beim Kochen ist das so eine Gratwanderung.
Wir hatten mal ein Treffen, an dem wir den ganzen Tag lang draußen gekämpft hatten. Abends dann waren die Kämpfer total hungrig. Einer hätte fast vor Freude geheult, als er dann erfuhr, was es bei uns zu essen gäbe, eben viel Fleisch, Brot, Soße, dazu Gemüse und Bier. Auch wenn das nicht "museumsreife" Küche war, aber ordentliche und ehrliche Gromiküche :-) Dann erzählte er von seinem vorherigen Treffen, bei dem es abends "echtes" mittelalterliches Essen gegeben hätte, Originalrezepte und so. Das war so nach dem Prinzip geröstete Lerchenzungen auf Schneckencreme, dazu in  Käse gekochten Reis und Lammäuglein. Also nicht wirklich, aber so war ihm das vorgekommen.  Für den Kollegen stand fest - nie wieder echtes Mittelalteressen. Dann lieber Brot, Fleisch, Soße, Gemüse und Bier. :-)

Kommentar von Elbe666 ,

Ja nun schmecken soll es dann natürlich schon :-D

Wenn wirklich 100% echte mittelalterliche Speißen eher nicht sooo toll schmecken dann verzichte ich gerne darauf und ziehe lieber ein Essen vor was nur ungefähr so in Richtung mittelalterliche Speißen geht, so wie es OnkelSchorsch oben beschreibt, ich will mich vor den Speißen nicht unbedingt ekeln.

Da verzichte ich dann auch schonmal gerne auf echte mittelalterliche Speißen :-P :-DDD

Kommentar von Grobbeldopp ,

Ja, lest euch das Buch durch was ich verlinkt habe- da sind ein Haufen unapetittliche Körperteile dabei, die heutzutage nicht alltäglich sind in der Küche, höchstens beim Metzger .-)

Kommentar von Grobbeldopp ,

Und das ständig wiederkehrende Prinzip, dass man ein Tier häutet, püriert und wieder in die Haut steckt- nicht so praktisch :-)

Kommentar von OnkelSchorsch ,

Oh ja. Ich habe eine ganze Menge an Literatur über mittelalterliche Küche. Ich bin ja der festen Überzeugung, dass man nur dann vernünftig "falsch mittelalterlich" kochen kann, wenn man auch weiß, wie es "richtig" geht. Denn nur dann kann man Dinge sinnvoll durch heutige Erzeugnisse ersetzen. Etwa statt Schwan Pute nehmen.

Kommentar von Grobbeldopp ,

Ha ha- wo kriegt man einen Schwan her?

Ich stell mir grade mich im Ringkampf mit so einem blöden Viech vor um es zu erwürgen :;-)

Antwort
von DesbaTop, 72

Ich kann dir zwar auf die schnelle kein Kochbuch nennen aber ich kenne ein Rezept:

Geschmorte Forelle (Is aus England irgendwann 15. Jahrhundert)

Zutaten:

  • 2 Forellen
  • 100ml Weißwein
  • 1 EL Verjus
  • 1/4 TL Ingwer
  • 1/4 TL Galgant

Forellen grillen/braten bis sie braun ist. Anschließend die Forellen mit allen Zutaten zusammen simmen, bis die Forellen fast auseinander fallen.

Forellen warm halten und die Flüssigkeit auf sehr heißer Flamme um die hälfte reduzieren. Anschließend über die Forellen geben, fertig.


Kommentar von Elbe666 ,

Cool dankeschön!!! :-)))

Kommentar von Grobbeldopp ,

Einmal Garantie, dass das authentisch ist!

Entspricht genau dem mittelalterlichen Usus, Fisch gnadenlos zu rösten, alles kleinzuhacken und die Gewürze sind extrem typisch.

Insbesondere Verjus, dass muss die Standardwürze im späten Mittelalter gewesen sein.

Antwort
von SiViHa72, 68

Ja, das stimmt. Es gibt da Bücher, da wundert man sich nur.

Sobald da was von ner Kartoffelsuppe (sehr beliebt) drinsteht, ists für mich vorbei.. Kartoffeln kommen aus Amerika und wann hat Kolumbus Amerika "entdeckt"?

Und nein,die Wikinger haben denn keine Kartoffeln mitgebracht.

Wo immer mal wieder schöne Rezepte drin sind, ist die Karfunkel, eine Zeitschrift zu erlebbarer Geschichte/ Reenactment Früher nur Mittelalter, heute auch anderes.

http://www.karfunkelshop.de/kulturgeschichte-kueche-c-3_16_192.html

Antwort
von Hardware02, 35

Zwar nicht mehr mittelalterlich, aber schau dir mal die Rezepte von "James Townsend" von "17th Century Cooking" auf youtube an. 

Antwort
von LeBonyt, 82

Das finde ich ja richtig innovativ.

Wenn man sich damit ernsthaft befasst, wird einem bewusst, was wir heute alles für tolle Sachen essen können. 

Was sagst Du zu den Rezepten auf chefkoch.de?

http://www.chefkoch.de/rs/s0/mittelalter/Rezepte.html

Kommentar von Elbe666 ,

Na das sieht ja schonmal alles sehr lecker aus, aber ist das alles auch wirklich mittelalterlich?

Kommentar von Elbe666 ,

Hihi danke für die vielen Positiven Bewertungen! :-)))

Antwort
von Grobbeldopp, 25

Hallo

Vieles was du im Internet findest und fast alles was du in entsprechenden Restaurants findest ist nicht authentisch. Wenn eine direkte Quelle genannt wird wird allerdings normalerweise nicht geschummelt.

Wie wäre es wenn du die Quellen selbst zu lesen versuchst?

Leider sind darin nie vollständige Mengenangaben, aber man kann ja mal probieren. 

Es wird aber auch Übersetzungen in moderne Sprache davon geben. 

Hier schon gleich eine der Quellen:

http://www.dasmittelalterkochbuch.de/KB/1345-1354_BvgS.html

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Ich habe folgendes Buch, das ist sehr interessant und viele Bilder drin, aber nicht so viele Rezepte:

https://www.amazon.de/Tafelfreuden-im-Mittelalter-Bruno-Laurioux/dp/382890727X

Antwort
von Jerne79, 63

Trude Ehlert, Kochbuch des Mittelalters. Sie verwendet Rezepte des 14.-16. Jahrhunderts. Insgesamt wird man auch nicht vor größere Herausforderungen gestellt als bei einem modernen Kochbuch. Mehr als eine Maggi-Tüte aufreißen sollte man aber halt schon können. ;)

Kommentar von Elbe666 ,

"Mehr als eine Maggi-Tüte aufreißen sollte man aber halt schon können"

Jap kann ich :-D

Kommentar von Jerne79 ,

Es gibt Leute, die interpretieren das Zubereiten einer Tütensuppe als "ich koche". ;) Ich wollte nur sichergehen. ;)

Kommentar von DracoSodalis ,

Dann ist es zur eigenen kochshow nicht mehr weit 😂

Antwort
von DracoSodalis, 60

Ich kann dir Peter Lutz empfehlen.. 

Der befasst sich mit der Mittelalterlichen Küche und kocht auch ab und zu auf bei uns auf der Ronneburg.. 

https://www.amazon.de/Peter-Lutz/e/B00459DWCU/ref=dp_byline_cont_book_1

Kommentar von SiViHa72 ,

Ronneburg ist MA-Freaks immer ein Begriff :-))

Kommentar von DracoSodalis ,

Leider gibt es kaum bis gar keine Aufzeichnungen - vor allem was das frühe Mittelalter betrifft..  und das was gegessen wurde, magst du bestimmt nicht wirklich essen :-) 

guckst du auf meine Rezepte: da sind auch einpaar drin:. 

http://www.kochrezepte.de/rs.a1.dracosodalis.html

Kommentar von Elbe666 ,

Ja leider ist die Ronneburg zu weit weg von mir daheim....

Kommentar von DracoSodalis ,

Weit ist immer relativ 😀

Kommentar von Elbe666 ,

Nun ca. 600km sagt google ;-)

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