Frage von masas, 199

Wie ist die These von Michael Pauen zu Freiheit und personalen Präferenzen zu verstehen?

Kann mir jmd vllt eine ausführliche Erläuterung zu diesem Thema verfassen, da ich es nicht wirklich verstehe und für den Philosophie Unterricht vorbereitet sein muss?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Albrecht, Community-Experte für Philosophie, 99

Der Philosoph Michael Pauen hat seinen Standpunkt in meheren Veröffentlichungen dargelegt, insbesondere:

Michael Pauen, Illusion Freiheit? : mögliche und unmögliche Konsequenzen der Hirnforschung. Frankfurt am Main : Fischer, 2004. ISBN 3-10-061910-2

Er vertritt zum Thema Willensfreieit eine kompatibilistische Theorie. Kompatibilismus ist die Auffassung, die Determiniertheit/Determination und Existenz von Freiheit (sowie Verantwortung, die Freiheit zur Voraussetzung hat, um sinnvoll behauptet werden zu können) für miteinander vereinbar hält.

Dabei entwickelt er eine Minimalkonzeption von Freiheit, das heißt Mindestbedingungen, die nur ziemlich kleine erforderliche Voraussetzungen als vorhanden annehmen, damit Freiheit vorliegt.

Freiheit ist nicht nur von äußerem Zwang bedroht, sondern auch von innnen. Sie kann durch eigene Wünsche und Bedürfnisse in Frage gestellt werden, wenn diese zwanghaft oder gar krankhaft sind (z. B. Suchtverhalten eines Alkoholikers). Überzeugungen, Bedürfnisse und Wünsche, die eine Wahl bestimmnen, können Ergebnis der Anlagen (Vererbung, Erfahrung, Erziehung und andere soziale Einflüsse) sein.

Pauen beginnt mit Überlegungen zum Freiheitsbegriff. Menschen haben ein gewisses (meistens eher verschwommenes und möglicherweise nicht widerspruchsfreies) Vorverständnis, was Freiheit/eine freie Handlung ist. Aufgabe der Philosophie ist, daraus eine zusammenhängende und schlüssige/widerspruchsfreie/in sich stimmige Aufassung zu entwicklen, die gegen Einwände verteidigt werden kann und klare Kriterien/Maßstäbe für die Beurteilung liefert, ob Handlungen frei sind/waren oder nicht.

Freiheit grenzt sich ab von:

a) Zwang

b) Zufall

Freie Handlungen werden von erzwungenen Geschehnissen unterschieden. Eine Handlung, die unter Zwang zustande kommt, kann nicht als frei gelten.

Freie Handlungen sind aber auch nicht bloß zufällige Geschehnisse. Denn freie Handlungen werden Personen zugeschreiben. Wenn Geschehnisse überhaupt nicht von Personen abhängen, sondern nur von einem Zufall, können sie keine freien Handlungen sein. Bei freien Handlungen liegt es auch bei den Handelnden, wie die Handlungen sind. Dies ist bei bloßem Zufall nicht der Fall.

Michael Pauen versteht Freiheit als Selbstbestimmung. Selbstbestimmung beruht auf:

1) Autonomie (Selbstgesetzgebung): Autonomie wird als innengeleitetes Handeln gedeutet. Sie besteht gegenüber äußeren Einflüssen.

2) Urheberschaft: Eine freie Handlung ist von einem Urheber abhängig. Es gibt jemand, auf den sie zurückgeführt werden kann und dem sie zugeschrieben werden kann.

Dagegen gleicht ein unbedingtes, voraussetzungsloses Handeln, unabhängig von allen Überzeugungen, Bedürfnisse und Wünschen, grundloser Beliebigkeit. Wenn ein Ereignis nicht bestimmt ist, kann es auch nicht durch die Person bestimmt sein.

Pauen hält ein Verständnis von Freiheit als Selbstbestimmung für wesentlich sinnvoller als ein Verständnis von Freiheit als Bestehen alternativer Handlungsmöglichkeiten. Seiner Meinung nach ist es weder erforderlich noch sinnvoll, aus einer Forderung nach alternativer Handlungsmöglichkeiten abzuleiten, unter gleichen Bedingungen und damit unabhängig von den Überzeugungen, Bedürfnisse und Wünschen der Handelnden müsse sowohl die eine Handlung als auch eine andere Handlung tatsächlich möglich sein. Denn dann hinge es offenbar nicht von den Handelnden ab, welche Möglichkeit verwirklicht wird, sondern dies wäre eine Sache des Zufalls. Doch dann ließe sich nicht sagen, in diesem Fall hätte eine Person anders handeln können, sondern nur, zufällig hätte etwas anderes geschehen können.

Solange Freiheit als Selbstbestimmung verstanden wird und gegen Zwang und Zufall abgegrenzt wird, komme es nicht darauf an, ob eine Handlung determiniert (bestimmt) ist. Entscheidend sei vielmehr, wodurch sie bestimmt wird: Wenn sie durch den Handelnden selbst bestimmt ist, dann ist sie selbstbestimmt und damit frei, wenn sie dagegen von äußeren Einflüssen oder von Zufällen abhängt, dann ist sie nicht selbstbestimmt und daher auch nicht frei.

Beim dem Selbst, auf das in Selbstbestimmung Bezug genommen wird, bündeln sich Fähigkeiten und Eigenschaften. Sie werden bewußt als eigene Fähigkeiten und Eigenschaften erlebt.

Die Merkmale, die das Selbst ausmachen, werden personale Merkmale genannt. Die personalen Merkmale sind unterteilt in:

1) personale Fähigkeiten

2) personale Präferenzen

Personale Fähigkeiten heißen die Fähigkeiten, die allgemein jede Person notwendig haben muss, um selbstbestimmt entscheiden zu können. Dazu gehören:

  • Mindestmaß an Rationalität
  • Fähigkeit, Folgen des Handen zu erkennen
  • Fähigkeit, unterschiedliche Wünsche, Überzeugungen und Bedürfnisse und die ihnen entsprechenden Handlungsmöglichkeiten (zwischen denen es Konflikte geben kann) abzuwägen und zu bewerten
  • Mindestmaß an Willensstärke: Nur wer in der Lage ist, als richtig erkannte Handlungsmöglichkeiten auch tatsächlich in getroffene Entscheidungen und Handlungen umzusetzen, kann sich selbst bestimmen.
Personale Präferenzen

sind innere Einstellungen einer Person, etwas zu bevorzugen (z. B. immer ehrlich zu sein, eine Speise lieber zu esen als eine andere, in der Freizeit gerne Sport zu treiben, zu musizieren, sich gerne bei lebhaften Massenveranstaltungen aufzuhalten oder in ziemlich stiller Natur) wenn die Präferenzen (Bevorzugungen) möglicher Gegenstand einer wirksamen selbstbestimmten Entscheidung sind. Bei den personalen Präferenzen handelt es sich um besondere Überzeugungen, Wünsche und Dispositionen (Geneigheiten/Veranlagungen), die ein ganz bestimmtes Individuum kennzeichnen.

Den

Willen

einer Person versteht Michael Pauen als ihren handlungswirksamen Wunsch.

Personale Präferenzen hält Pauen für einen möglichen Gegenstand einer wirksamen selbstbestimmten Entscheidung sind, weil es möglich sei, zu ihnen auf Distanz (Abstand) zu gehen, sie aufzugeben, auf sie zu verzichten, in theoretischen Überlegungen aufgrund von Gründen und vor dem Hintergrund des Ganzen des Selbst und seinen Erlebnissen und Gefühlen andere Präferenzen entwickeln.

Woher die Präferenzen stammen und wie sie zustande gekommen sind, sei für die Frage, ob eine Person frei handelt, nicht von Belang. Für die Freiheitsfrage sei entscheidend, ob eine Person die Präferenzen, die sich aufgrund ihrer Lebensgeschichte entwickelt haben, bewusst als eigene anerkennt und als Grundlage eigenen Handelns annimmt.

Frei handelt nach der Minimalkonzeption von Pauen eine Person, die in einer bestimmten Situation eine Option (Handlungsmöglichkeit) x statt einer Option (Handlungsmöglichkeit) y wählt, genau dann, wenn sich die Entscheidung für x und gegen y auf die personalen Präferenzen der Person zurückführen lässt.

Die Entscheidung, eine Ware zu stehlen oder zu bezahlen, kann z. B. für das Bezahlen getroffen worden sein und dahinter steht die Überzeugung, Diesbstahl sei verwerflich (diese Überzeugung ist eine personale Präferenz). Die Handlung hat sich nach der personalen Präferenz der Person ausgerichtet und ist somit frei. Die Wahl eines Studienfaches (z. B. Medizin oder Germanistik) kann aufgrund von personaler Präferenzen getroffen worden sein und die Person ist frei, indem sie selbstbestimmt entscheidet, auf welche Weise sie leben will.

Antwort
von berkersheim, 77

Eine recht umfangreiche Auseinandersetzung mit diesen Thesen, siehe:

http://www.information-philosophie.de/?a=1&t=2942&n=2&y=1&c=50

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