Frage von lackierpistole, 236

Meine junge Nachbarin (27 Jahre) ist verstorben (Suizid), warum habe ich Schuldgefühle und trauere so schlimm?

Meine junge Nachbarin (27 Jahre) ist letzte Woche verstorben, bei einen Suizid. Sie hat ihr Auto gegen einen Baum gesteuert und hat es Minuten vorher per Telefon ihren Partner mitgeteilt. Sie verstarb jedoch erst 2 Tage später an schwersten Verletzungen in der Klinik. Sie lebte in einer Partnerschaft ohne Kinder, direkt über mir und meiner Familie. Das Verhältnis zueinander war sehr gut, man sah sich fast täglich und plauderte oft. Heute wissen wir, sie hatte Depressionen auf Grund einer Krankheit und war so fast immer zu Hause, da sie nur 2 Stunden am Stück arbeiten konnte. Ein Gendefekt der Leber war ursächlich. Ich hatte vor etwa 11 Jahren, also genau wie in ihrem Alter, auch eine Lebenskrise und Depressionen. Damals hatte ich auch oft Suizidgedanken und konnte mich an nichts mehr erfreuen und war komplett orientierungslos und gestresst. Ich habe es nach über einen Jahr, selber geschafft dieses Loch zu verlassen. Es war SEHR hart! Ich mache mir nun starke Vorwürfe ihre vielen Warnsignale nicht gesehen zu haben und sozusagen "unterlassene Hilfeleistung" begangen zu haben! Jetzt im nachhinein kann man zwar das alles so hinein interpretieren. Ich wünschte mir wenigstens nur 30 Minuten meines Lebens verwendet zu haben, Ihr meine Leidgeschichte und deren Lösung erzählt zu haben um das Geschehene abgewendet zu haben...Warum habe ich diese Schuldgefühle und werde ich sie wieder los? Warum trauere ich so sehr?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Momo1965, 83

Liebe Lackierpistole,

zunächst einmal meinen allergrößten Respekt dafür, dass es Dir gelungen ist, Dich aus eigener Kraft aus Deiner Lebenskrise wieder herausgeholt zu haben. Das ist etwas, worauf Du mächtig stolz sein kannst. :-)

Der Suizid Deiner Nachbarin ist wirklich bitter und ich kann sehr gut nachvollziehen, wie nahe Dir das jetzt geht. Nur eines sollte Dir klar sein: Du kannst nichts dafür und Du hättest ihren Suizid möglicherweise auch gar nicht verhindern können, selbst wenn Du von ihren Problemen früher gewusst hättest!

Du machst Dir Vorwürfe, weil Du „ihre vielen Warnsignale nicht gesehen“ hast? Gab es die denn tatsächlich? Oder ist es nicht vielmehr dieses typische Phänomen, nach dem man im Nachhinein viele Dinge hätte gesehen haben müssen… wohl bemerkt, nachdem man mehr über die Hintergründe erfahren hat? Du selbst hast ganz ähnliche Erfahrungen gemacht, wie Deine Nachbarin. Ähnliche, Lackierpistole, aber sicherlich nicht dieselben! Auch das ist ein Faktor, den Du in Deine Gedanken miteinbeziehen solltest. Nichtsdestotrotz, Du bist aufgrund Deiner eigenen Vorgeschichte sicherlich hochsensibel und hättest garantiert Warnsignale wahrgenommen, wenn es tatsächlich welche gegeben hätte. Du hast aber nichts bemerkt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dies nur deshalb so war, weil es keine gegeben hat, zumindest keine, die das Ausmaß ihrer Probleme hätte deutlich werden lassen können.

Ja, es mag sein, dass einige tiefergehende Gespräche mit Dir eine Änderung ihres Denkens und Empfindens ermöglicht hätten. Möglicherweise hätte es Dir tatsächlich gelingen können, ihr ein wenig aus ihren Depressionen herauszuhelfen. Aber an ihrer Krankheit, die vermutlich unheilbar war, hätte sich dadurch aber nichts ändern lassen.

Zermürbe Dich nun bitte nicht mit Überlegungen, was gewesen wäre, wenn im Vorfeld dies oder das geschehen wäre. So brutal es auch klingen mag, aber derartige Überlegungen sind müßig und Dein Empfinden, Hilfe unterlassen zu haben, ist wirklich unberechtigt, denn Du hättest die Ursache ihres Leidens auch mit den bestgemeintesten und einfühlsamsten Worten nicht abändern können!

Versuche bitte mal, es aus ihrer Perspektive zu sehen. Sie hatte – wie Du sagst – ein sehr gutes Verhältnis zu Dir. Hätte sie Dich dann nicht in irgendeiner Weise um Rat gefragt oder sich Dir in irgendeiner Weise anvertraut, wenn sie Rat und Hilfe oder Trost und Zuspruch gesucht hätte? Schließlich hattet Ihr fast täglichen Kontakt. Ohne Dir zu nahe treten zu wollen und ohne Dir ein psychologisches und empathisches Geschick absprechen zu wollen, aber Du weißt doch sicher selbst, dass man einem Menschen nur dann helfen kann, wenn er sich auch helfen lassen möchte, richtig? So schrecklich es auch ist, dass sich ein Mensch, noch dazu ein so junger, das Leben nimmt, so gewiss ist aber auch, dass ihn nichts und niemand davon abhalten kann und wird, wenn dieser Mensch für sich keinen anderen Ausweg mehr sieht, als den Tod. Bestimmt war sie in einer intensiven ärztlichen und psychologischen Behandlung. Mache Dir bitte bewusst, dass auch DAS sie von ihrem Weg nicht abbringen konnte. Wie hätte es Dir dann gelingen sollen?

Diese Frau war schwer krank und hat sehr darunter gelitten. Ihre Lebensqualität war – wie Deinen Zeilen zu entnehmen ist – massiv eingeschränkt und sicherlich eine Qual für sie. Man muss meine Ansicht nicht teilen, aber ich bin folgender Überzeugung: Ein Mensch, der in seinem Leben keinen Sinn mehr sieht, der sich nur noch quält und keine Aussicht auf Genesung und Verbesserung seiner Lebensqualität hat, sollte frei darüber entscheiden können, ob er an diesem Leben unter diesen Umständen noch festhalten möchte oder nicht. Deine Nachbarin HAT ihre Entscheidung getroffen. Es war ihr Wunsch. Sollte man den nicht respektieren?

Du fragst, warum Du Schuldgefühle hast. Ich denke, weil Du möglicherweise mehr Parallelen ziehst, als es tatsächlich zwischen Deiner und ihrer Lebensgeschichte gab. DU hast Dich aus Deiner Krise befreien können, was wirklich toll ist. IHRE Krise war aber vermutlich keine abänderliche. Warum Du so sehr trauerst? Zum einen, weil es natürlich extrem schmerzt, wenn ein Mensch, den man kannte, aus dem Leben scheidet, noch dazu auf diese Weise. Zum anderen trauerst Du sicherlich auch, weil Du vor etlichen Jahren selbst schon so kurz vor diesem Schritt gestanden hast und nun siehst, wie weit die „Wellen“ in so einem tragischen Fall schlagen. Sei stolz auf Dich, dass Du DEINEN Weg gegangen bist, aber gestehe Deiner Nachbarin zu, dass sie für SICH einen anderen Weg gewählt hat. … Du hättest es nicht verhindern können!

Herzliche Grüße, Momo

Kommentar von lackierpistole ,

Danke für Deine lieben Worte! Wenn ich das so lese hilft mir das ungemein!

 Heute morgen war die Beerdigung und somit ein Tag der sehr schlimm für mich rein emotional ist/war! Meine Frau und ich und eine Menge junger Menschen waren gekommen. Allein der aufgebettete, weisse Sarg und das freundlich, lächelnde Bild von Ihr daneben, trieb mir die Tränen in die Augen und vielen anderen auch. Besonders die Grabrede mit dem Lebenslauf hat uns begeistert und irritiert zugleich. "Die Krankheit wurde nicht erkannt" und " viele Fragen bleiben" und das "Warum", waren schlimme Worte für mich. Über den Zustand der Hinterbliebenen will ich erst gar nichts sagen...

Ja genau, ich hab es geschafft von allein...und ich bin stolz darauf. Heute, als Familienvater und Ehemann ist mir der seelische Zustand von damals fast vergessen. Ich weiss nur noch das deine Gedanken sich um das seelische Problem / körperliche Problem drehen. Man sieht die Welt total anders!

Gab es Anzeichen? Ich sage JA! Ihre massive Antriebslosigkeit und Schlafanfälle, sowie ihre alleinigen Spaziergänge, die viele Langeweile und die finanziellen Einschränkungen, waren uns bekannt. Wir dachten immer das es mit der Kupferanreicherung (Leber) zu tun hat, also ein reines körperliches Problem. Leider sind genau das die Anzeichen/Probleme für eine schwere Depression, auch ohne ein körperliches Makel. Wir haben es schlicht übersehen, könnte man sagen. Ich knuppere immer noch daran...

Jedoch, ich habe nun erlesen das ein Kupferüberschuss das Gefühls- und Gemütsleben verändert und psychische Probleme auftreten können. So eine Krankheit ist halt sehr sehr selten.

Ich versuche nun, das Geschehene zu verarbeiten und endlich Ruhen zu lassen. Im Moment sieht es so aus, dass ich seit Bekanntwerden nun 4 Kilo abgenommen habe und keine Nacht mehr durchschlafe. Die vielen Gerüchte die nun verbreitet werden (vielleicht stimmen sie ja?), verunsichern mich jedoch weiter. Ich bekomm das hin...DANKE

Kommentar von Momo1965 ,

Ich las Deinen Kommentar zwar gestern schon, hielt mich da aber noch ganz bewusst zurück, um Dir so unmittelbar nach dieser ergreifenden Beerdigung nicht noch zusätzlich „Wasser auf die Mühlen“ zu geben. Ich hoffe und wünsche Dir, dass es Dir jetzt mit einigen Stunden Abstand schon ein wenig besser gehen wird.

Vielleicht gelingt es Dir ja, das Geschehene dadurch leichter zu verarbeiten und zur Ruhe zu kommen, wenn Du meine Gedanken noch in die Verarbeitung miteinbeziehst. ;-)

Du bist der Auffassung, dass diese Punkte, die Du angeführt hast, deutliche Anzeichen für das Vorliegen einer schweren Depression bei Deiner Nachbarin gewesen sind. Ja, diese Symptome äußern sich auch immer wieder bei depressiven Menschen. Alleine diese Symptome genügen aber noch nicht, um eine Depression in Betracht ziehen zu können. Hast Du auch bedacht, dass all das, was Deiner Frau und Dir aufgefallen ist, auch durchaus anders erklärbar gewesen sein könnte?

Lege doch einfach mal die Dinge zugrunde, die Euch bereits bekannt waren (siehe Dein Fragentext):

Massive Antriebslosigkeit wirst Du bei nahezu jedem Menschen erkennen können, der keiner tagesausfüllenden (beruflichen) Beschäftigung nachgeht… wie bei Deiner Nachbarin, die nur max. zwei Stunden am Stück arbeiten konnte.

Schlafanfälle könnten auch eine ganz logische und sich daraus ergebene Konsequenz sein, denn je weniger aktiv ein Mensch ist, desto müder und erschöpfter wird er.

Spaziergänge machen viele Menschen, zwangsläufig häufig schon deswegen alleine, weil tagsüber niemand bei ihnen ist, mit dem sie es gemeinsam tun könnten… wie vermutlich bei Deiner Nachbarin, deren Partner doch sicherlich berufstätig war.

Langeweile ergibt sich aus bereits Gesagtem, zusätzlich sicherlich auch daraus, dass ihr die finanziellen Mittel fehlten, um ihre Zeit anders ausfüllen zu können.

Ich weiß von meiner Mutti, die Zeit ihres Lebens unter einer Lebererkrankung litt, wie ein Mensch oftmals wirkt, der aufgrund dessen regelmäßig Medikamente einnehmen muss. Die unerwünschten Nebenwirkungen lassen häufig den Schluss zu, dass dieser Mensch unter Depressionen leiden könnte, mindestens aber unter depressiven Verstimmungen. Ich weiß allerdings auch, dass dies gar nicht unbedingt gegeben sein muss, auch wenn dieser Mensch so wirkt. All das, was Deine Frau und Du also beobachtet habt, könnten (!) zwar auch Anzeichen für eine Depression gewesen sein, es könnte aber ebenso gut auch ganz andere Ursachen gehabt haben können. Ihr habt also nichts übersehen. Ihr konntet nur nicht wissen, auch nicht erahnen, was bei Eurer Nachbarin dahintersteckte, nicht zuletzt schon deshalb nicht, weil sie sich Euch gegenüber nie geöffnet hat.

Die vielen Gerüchte, die nun verbreitet werden, und das sicherlich noch einige Wochen lang, sind – wie ich finde – fast noch schlimmer, als dieser tragische Tod an sich. Lass Dich davon nicht infizieren, sondern trotze all denen, die sich jetzt das „Maul zerreißen“. Distanziere Dich ganz offen bekannt davon. Umso schneller werden sie nachlassen. Die absolute Wahrheit wird niemand mehr erfahren können. Lass Dich also nicht durch diese Gerüchte verunsichern, sondern versuche wirklich damit abzuschließen! Du schaffst das bestimmt! ;-)

Kommentar von lackierpistole ,

All diese "Anzeichen" könnten wirklich eine andere Erklärung haben, das gebe ich gern zu. Wir denken vielleicht nur so, weil wir ihre Entscheidung einfach nicht akzeptieren wollen. Ja ich weiss, wir müssen es. Allein die Umstände, ich meine ihre Handlung die zum späteren Tot führte, lässt mich erschaudern. Hatte sie es lange geplant oder war es eine spontane Entscheidung? Wenn man den Gerüchten glauben darf, war sie schon zu Silvester total still und anteilnahmslos. Am Wochenende der Tat, hatte sie sich ausquartiert bei den Großeltern. Von da kam sie nicht mehr zurück nach Hause...! Ich hatte gestern das Verlangen sie zu Besuchen. Ich habe das dann auch getan, obwohl ich Angst hatte vor ihr Grab zu treten. Mir wäre es total egal gewesen, wie viele Angehörige dort da gewesen wären...ich musste ihr mal was sagen...

Meine Tränen flossen recht kurz, da ging es mir entscheidend besser. Das Grab gab mir eine Absolution, eine unüberwindbare Konstante. Ich möchte sie nicht vergessen und Kraft aus den zukünftigen Besuchen mitnehmen. Meine Familie und ich, werden sie am Sonntag besuchen und eine Grabkerze anzünden. Das ist uns wichtig. Meine Tochter hat auch ein Bild gemalt, dass ich gestern schon mitgenommen hatte. 

Ich denke jeden Tag immer wieder darüber nach. 

Wird das noch vergehen oder gehört es nun dazu?

Kommentar von Momo1965 ,

Ganz lieben Dank fürs Sternchen! :-) Ich wünschte, es hätte einen erfreulicheren Anlass dafür gegeben.

Ja, es gehört nun dazu, aber es wird auch wieder vergehen. ;-)

Ich denke, Du machst es genau richtig! Gestehe Dir Deine Traurigkeit zu. Weine ruhig und lasse Deinen Kummer und Deine Bestürztheit heraus. Besuche ruhig ihr Grab, zünde ihr ein Kerzchen an und lege ihr das Bild Deiner Tochter hin. Und sprich auch ruhig mit ihr, wenn Dir danach zumute ist. Es wird Dir auf jeden Fall helfen! ;-)

Möglicherweise hilft Dir noch ein weiterer Denkanstoß, noch ein bisschen leichter damit umgehen zu können. Hast Du Dir je die Frage gestellt, was Trauer eigentlich (auch) bedeutet? Zunächst ist es natürlich dieses schmerzhafte Verlustgefühl, schließlich lebt der Verstorbene ja nicht mehr - oder lebt er vielleicht doch noch weiter durch unsere Erinnerung an ihn? … Man sieht ihn nicht mehr und hat ihn nicht mehr um sich herum - oder ist er vielleicht doch noch da und man kann ihn spüren? … Man kann nicht mehr mit ihm sprechen - oder kann man es vielleicht doch noch und bekommt sogar „Antworten“? ... Ein Mensch lebt so lange, wie es jemanden gibt, der an ihn denkt! ;-)

Trauer ist aber auch noch etwas ganz anderes. Trauer ist auch zu einem guten Teil eine Form von Egoismus. In den Momenten, wo man – wie oben – diesen schmerzlichen Verlust beklagt, vergisst man nämlich allzu leicht, welches weitere Leid diesem Menschen (in aller Regel) durch seinen Tod erspart geblieben ist. Ob es nun ein alter und gebrechlicher Mensch ist, der sein Leben nicht mehr selbständig und nur noch unter (gesundheitlichen) Qualen leben konnte, oder ob es – wie bei Deiner Nachbarin – ein Mensch ist, der unter den ihm gegebenen Umständen einfach nicht mehr leben wollte/konnte, spielt gar keine Rolle. Wenn es sich nicht um einen tragischen Unfalltod handelt, der einen mitten im Leben stehenden Mensch jäh herausreißt, spielt der Faktor „Leid“ wohl immer eine maßgebliche Rolle. …. Ist es dann nicht egoistisch von uns, wenn wir uns diesen Menschen ins Leben zurückwünschen, „nur“ weil WIR ihn vermissen und die Wahrheit nicht wahrhaben wollen/können, anstatt IHM diese Erlösung - von welchem Leid auch immer - zu gönnen?

Wenn es Dir gelingt, den Tod Deiner Nachbarin und Deine Trauer auch mal von dieser Seite zu beleuchten, wird es Dir sicherlich auch gelingen, Deinen Frieden mit ihrem Tod schließen zu können.

Nochmal: Distanziere Dich ganz offen von dieser hemmungs- und oftmals auch pietätlos brodelnden Gerüchteküche! Im Nachhinein gibt es immer ganz besonders schlaue Menschen, die wer weiß was zu wissen glauben, die Behauptungen und Vermutungen äußern, die aber in aller Regel jeglicher sachlichen Grundlage entbehren. Niemand, nicht einmal die engsten Angehörigen, werden jemals fähig sein, abschließende Antworten und Gewissheiten finden zu können. Das ist zwar sehr bitter, aber noch weitaus bitterer, vor allem für die direkten Angehörigen, ist es meines Erachtens, wenn nun wild darüber spekuliert wird, was sich wann und wie zugetragen haben könnte. ... Lass ihr ihren Frieden und suche nicht nach Antworten, die Du nicht finden kannst!

Du kannst aufgrund ihrer langjährigen, problembeladenen Vorgeschichte mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass es bei Deiner Nachbarin keineswegs eine Affekthandlung gewesen sein wird, sondern dass sie sich – möglicherweise schon häufig – im Vorfeld Gedanken über ihren Freitod gemacht haben wird. Ob es nun so war oder nicht, kann und darf letztendlich keine Rolle mehr spielen. Entscheidend ist, dass es DER Weg war, den SIE für SICH gewählt hat. Gestehe ihr diese freie Entscheidung bitte zu! Dies ist letztendlich doch nichts anderes, als das, was Du auch lebenden Menschen zugestehst, nämlich all Denjenigen, die immer wieder mal gänzlich andere Lösungswege für ihre Probleme wählen, als Du es tun würdest.

Kommentar von lackierpistole ,

Es ist gerade was entscheidenes passiert. Ihr Partner war gerade 2 Stunden bei uns zum Abendessen. Wir haben ihn spontan eingeladen. Er nahm es auch gern an und aus dem verhaltenen Small Talk am Anfang wurde ein erlösendes Gespräch für uns und ihn. Ich sehe jetzt alles anders und bin überrascht über so viel Ehrlichkeit zu uns. Liebe Momo1965, ich würde mich mit Dir gern persönlich austauschen, da ich die Geschichte nicht öffentlich machen werde. Ich habe leider keine Möglichkeit dir eine PN zu senden. Kannst du mich kontaktieren?

Kommentar von Momo1965 ,

Schon geschehen! ;-)

Antwort
von PlueschTiger, 74

Ich mache mir nun starke Vorwürfe ihre vielen Warnsignale nicht gesehen zu haben und sozusagen "unterlassene Hilfeleistung" begangen zu haben! Ich wünschte mir wenigstens nur 30 Minuten meines Lebens verwendet zu haben, Ihr meine Geschichte erzählt zu haben um das Geschehene Abgewendet zu haben...

Du machst wie viele den Fehler anzunehmen, das dein eingreifen etwas Positiv verändert hätte. Sicher es wäre möglich, aber genauso gut hätte es dich noch weiter in eine Depression führen können oder ihren Entschluss beschleunigt. Du hast ihr, mit Small Talk zeit deines Lebens gegeben und mit deiner Freundschaft. Womöglich war die auch einer der Gründe, weshalb sie so lange durchgehalten hat.

Warum habe ich diese Schuldgefühle und werde ich sie wieder los?

Womöglich weil ihr Leidensgenossen seid, auch wenn die Ursache eine andere ist. Ihr habt euch angefreundet und du hast Mitleid. Womöglich hast du innerlich sogar mehr in ihr gesehen als dir bewusst ist.

Loswerden kannst du die Schuldgefühle in dem du mit dir ins reine kommst und Akzeptierst, das du zwar etwas hättest machen können, doch es keine Garantie gegeben hätte, das es einen Positiven Einfluss gehabt hätte. Sei lieber froh das du ihr nicht auch noch deine Sorgen aufgehalst hast und sie womöglich noch mehr belastet hast. Wer weiß, vielleicht hätte sie sich dafür verantwortlich gefühlt.

Kommentar von lackierpistole ,

Es kann sein, dass ich mehr gesehen habe als mir bewusst ist. Ich kann ihr Bild aus der Sterbeanzeige kaum betrachten, ohne zu weinen...

Kommentar von PlueschTiger ,

Wenn du in dem Moment deine Gefühle betrachtest und in dich hinein schaust, merkst du vielleicht ob es so war. Wenn nichts in der Richtung zu finden ist, dann ist es einfach nur die Trauer um einen Menschen den man kannte.

Antwort
von zippo1970, 58

Hallo!

Wenn du Schuldgefühle hast, liegt das wahrscheinlich daran, dass du vielleicht etwas sensibler als der Durchschnitt bist, und du dir Gedanken und Vorwürfe machst, wo du dir objektiv betrachtet, gar keine machen musst.

Deinem Text nach war die Dame wohl auch in ärztlicher Behandlung. Ihr Arzt, der dazu ausgebildet ist, hat wohl auch nichts bemerkt. Ihr Partner, dessen Verhältnis sicherlich sehr viel enger zu ihr war, hat auch nichts bemerkt.

Wie kommst du darauf, als Bekanntschaft/Nachbar, ihren Seelenzustand zu bemerken, wenn selbst ihre Ärzte und engstes Umfeld das nicht konnten?

Und selbst wenn du etwas bemerkt hättest. Glaubst du wirklich dein Verhältnis zu ihr war so eng, dass du irgendwas hättest tun können? Kann ich mir nicht vorstellen.

Sie war krank. Es ist äußerst schwierig etwas zu bemerken, wenn ein "Depressiver" wirklich sterben will. Gerade wenn der Entschluss für sie feststeht, fühlen sie sich besser, und machen nach außen einen positiven Eindruck. Deswegen ist es sehr,sehr schwer, eine wirkliche Suizidabsicht zu erkennen.

Die meisten Selbstmordversuche sind ein Hilfeschrei. Die "Kandidaten" wollen gar nicht sterben, sondern brauchen Hilfe, und wissen nicht anders darauf aufmerksam zu machen.

Im Falle deiner Nachbarin, bin ich ziemlich sicher, sie wollte wirklich sterben. Niemand hätte da etwas erkennen können. Niemand!!! Das ist das perfide an dieser Krankheit.

Es gibt für dich keinen Grund Schuldgefühle zu haben. Auch wenn ihr euch gut verstanden habt. Du warst nur der Nachbar. Du solltest dich da nicht überschätzen. Das wäre anmaßend.

LG :-)

Kommentar von lackierpistole ,

Du hast Recht, sie war in Behandlung. Jedoch nur in einer Tagesklinik. Ich mache mir Vorwürfe, da ich es selber durchgemacht habe und schlicht und einfach nicht helfen konnte. 

Kommentar von zippo1970 ,

Du glaubst vielleicht, dass man deine Situation mit ihrer vergleichen kann. Aber was wusstest du wirklich? Vermutlich nur das was sie dir erzählt hat....

Du machst dir da etwas vor, wenn du wirklich glaubst, du hättest irgendwas tun können, um ihren Tod zu verhindern....

Ich sag dir mal wie ich das sehe.... Ich glaube es gibt ein "Recht" auf Schuldgefühle. Dieses "Recht" dürfen meiner Ansicht nach, Menschen in Anspruch nehmen, die ihr wirklich emotional nahe waren.

Ihr Partner, ihre Eltern, vielleicht Geschwister, oder enge Freunde. Wenn ich zu dieser Gruppe gehören würde, würde ich dir das "Recht" auf Schuldgefühle absprechen. Und es für Arroganz und Anmaßung halten, wenn du dir welche machst.

Du warst ihr emotional bestimmt nicht so nah. Und sei froh, dass du ihr deinen "Leidensweg" nicht geschildert hast. Denn das hätte auch den gegenteiligen Effekt haben können.

Kannst ja mal drüber nachdenken....

Kommentar von lackierpistole ,

Sie hat nie erzählt das sie depressiv ist! Unsere Gespräche waren nur freundschaftlich und informativ. Mein heutiger Wissenstand (Frage oben) basiert auf Aussagen von Partner und Familie. Ich sollte wirklich den Pfad der Schuldgefühle verlassen...

Kommentar von zippo1970 ,

Verstehe...noch weniger Grund Schuldgefühle zu haben.

Weißt du ich hatte einen guten Freund. Er hatte keine Depressionen, kam aber mit dem Leben nicht klar. Alkohol, Drogen.....

Er hat sich umgebracht. Ich konnte nichts tun, obwohl ich es kommen sah, und ihm immer wieder Hilfe angeboten hatte.

Du hattest es bei deiner Nachbarin nicht mal kommen sehen. Was hättest du schon tun können???? Absolut nichts!!!!

Es ist ein ziemlich "billiger" Spruch, aber er stimmt:

"Die Zeit heilt alle Wunden"!

Kopf hoch, dass wird schon wieder.....

Kommentar von Momo1965 ,

@Zippo, Deine Worte sind zwar für meinen Geschmack ein bisschen hart formuliert, aber rein inhaltlich stimme ich Dir absolut zu. ;-)

Kommentar von zippo1970 ,

Ich gebe zu, das deine Antwort meiner inhaltlich sehr ähnlich ist, aber vielleicht etwas sensibler formuliert ist.

Aber manchmal brauch ein "Ratsuchender" vielleicht auch mal eine etwas "härtere" Ansprache.

Ich finde das gut, wenn Antworten nicht nur inhaltlich, sondern vielleicht auch vom Stil her unterschiedlich formuliert sind. So hat der Fragesteller immer die größte Auswahl, etwas zu finden, was ihm hilft.

LG :-)

Kommentar von Momo1965 ,

Nun ja, so gesehen haben wir dann ja unser Bestes gegeben... von allem ein bisschen. ;-)

Antwort
von Strolchi2014, 52

Du hast keine Schuld am Tod deiner Nachbarin. Sie hat es selbst so gewählt.

Und sorry, nur weil du an Depressionen  leidest, heißt es nicht, das du ihr hättest helfen können. Vielleicht hättest du ihr mit deiner Geschichte sogar noch mehr Bestätigung für ihren Suizid gegeben.

Kommentar von lackierpistole ,

Ja, Sie hat es so entschieden! Das beruhigt und schockt mich zugleich.

Antwort
von lamambam, 48

da ihr ein relativ enges Verhältnis hattet fühlst du mit schuld aber du kannst nichts dafür und ob deine Geschichte ihr geholfen hätte weiß ich nicht denn sie hat ja schon relativ lange diese Gedanken

auf jeden fall trifft dich keine schuld und mach dir das bitte auch bewusst

besuche ihr grab (man fühlt sich danach oft besser )

manche Menschen können mit dem Tod anderer besser zurecht kommen wen sie ihre Gefühle aufschreiben, ein Gedicht verfassen oder einfach nur die Geschichte und Erlebnisse zu Blatt Papier bringen

viel glück und alles gute

 

Kommentar von lackierpistole ,

Morgen ist Beerdigung. Meine Frau und ich gehen natürlich hin. Das wird bestimmt schlimm. Im geheimen habe ich schon oft geweint...!

Ich baue darauf, das das der Abschied ist und war für meinen Kopf...

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