Frage von Irgendjemand32, 219

Mag mir jemand wahrlich depressive Musikstücke nennen?

Allzu oft sehne ich mich nach depressiv anmutender Musik. Diese findet man überhaupt ziemlich selten. Ich möchte hierbei betonen, dass ich mich dabei möglichst von trauriger Musik distanzieren will, welche im schlimmsten Fall auch noch die typische „Vor Freude bekomm' ich Pipi in den Augen Musik“ sein kann. Dabei meine ich jene Stücke, wie sie eben nur bei Yirumas „River Flows In You“ empfunden werden können.

Der Zustand der Depression kann sich nicht gänzlich der Melancholie trennen; in ihr fühlt er sich gewissermaßen wohl. Dabei spielt aber vor allem die Gefühlsleere eine Rolle. Die Trägheit, die Kraftlosigkeit, die schwere und bedrückende Atmosphäre. Eine triste und monoton geprägte Landschaft der Hoffnungslosigkeit.

Solche Stücke sollten i.d.R folglich tief und langsam gespielt werden. Momente der Stille sollten die Leere ausdrücken, und Momente der Hoffnung unbeantwortet bleiben. Dieses konnte ich in bislang wenig Stücken wiederfinden – wie es z.B im zweiten Satz von Beethovens Op. 10 No. 3, Schuberts „Der Leiermann“, oder Chopins bekannten Trauermarsch der Fall ist.

Anzeige
Antwort
von expermondo, 5

Hallo Irgendjemand32,

Schau mal bitte hier:
Musik Depression

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Agnodike, 38

Obzwar ich das, was Du kraftlos, träg oder gefühllos, gleichsam acediös nennst, in der Musik nicht zu finden vermag, da denn der Hingang zur Musik immerwie Bewegung ist - d.h. eine Schwermut zwar, die ohne ihre irdische Süße nicht mehr zu leiden imstande wäre und deren Bestreben es nicht ist, tot zu sein, sondern Ruinen atmen zu können - verstehe ich jedoch, wie andere wohl, wonach Du auf der Suche bist.

Es sei dennoch gesagt, dass, was dem Betrübtsein dadurch keinen Ablass zu bereiten wagt, indem es genossen wird, weder zu leben aufhören möchte noch zu sterben - liegt in ihr (der Melancholie) doch schließlich ihre Verborgenheiten zu behüten, ist sie in der Erde die, welche nach den Göttern gräbt. Wie von Unschuld wir nicht jene heißen, die sie beteuern, sondern die es nicht verstehen zu trösten, ist, der sich suhlt und weidet schließlich noch Lebensgeist genug, sich eines gewissen Erhaltes halber bedauern zu müssen - wäre das Melacholische also kraftlos, wäre fernerhin alles, was uns demütige Werke ausstrahlen, in ein spur- und regloses Nichts, ja in ein Ungeborenes übergegangen.

Ähnlich einem Vorredner nun, empfehle ich zuvörderst das Adagio aus Khachaturians Ballett Gayaneh

wie auch Bartóks 85 Stücke umfassendes Kinderalbum (Gyermekeknek), welches die Pianistin Etelka Freund hier so herrlich kompilierte

weiters nenne ich Anatolij Liadovs Opus 11 No. 1

Aram Khachaturians Bilder der Kindheit/Kinderalben No. I & II

Rachmaninovs Opus 23 No. 1

den Master Song des kürzlich verschiedenen Liedermacher-Lyrikers Leonard Cohen



Kommentar von earnest ,

Obzwar ich das, was du schreibst, zweifelsohne nicht alles verstehe, finde ich deine Musikauswahl nichtsdestotrotz überzeugend.

Kommentar von Agnodike ,

Erfreulich.

Möchte ich die mir unangenehme Gelegenheit doch nutzen, einen unverschuldeten Lapsus korrigieren:

[..] Es sei dennoch gesagt, dass das, was dem Betrübtsein keinen Ablass zu bereiten wagt, da es genossen wird, weder zu leben aufhören möchte noch zu sterben - liegt in ihr (der Melancholie) doch schließlich die Art Lebensbejahung der Seele, ihre Verborgenheiten zu behüten, ist sie in der Erde die, welche nach den Göttern gräbt.

Kommentar von earnest ,

Erfreulich, dass du den Lapsus korrigierst.

Nun sind keinerlei Fragen mehr offen.

Kommentar von Irgendjemand32 ,

Nun, dies ist ja das faszinierende an der Musik. Nur ein einzelner Ton, welcher für sich ganz und gar alleine sei, wäre ohne jegliche nennenswerte Affektion. Erst durch das hinzufügen weiterer Noten kommt ein Ergebnis Zustande, welches (wie du es schon ganz recht beschrieben hast) apodiktisch ein Gefühl (Bewegung) vermittelt. Gerade deswegen spreche ich hier ganz bewusst von einem unüblichen Phänomen der Musik, da dieses schon antikosmisch scheint.

Z.E meine ich Stücke, welche bewusst von Dissonanzen geprägt sind, und nicht nur, um bloß als „akzeptierter Fehler“ einer wieder gut gebrachten Ordnung zu gelten. Dabei meine ich auch nicht die zahlreichen kleingeistigen Werke des Impressionismus. Sondern z.B das Ende des zweiten Satzes, von Beethovens siebter Sonate. Genau hier lässt sich dieses Empfinden, welches dem asketischem am nächsten kommen könnte, wiederfinden.

So befürwortete schon Goethe den Freitod, wie auch Henry Purcells „Cold Song“ die Sehnsucht des kalten Todes verlangt. Ja, sogar das Nichtsein dieser Welt wird von einem gewissen Schopenhauer bevorzugt.

Jedoch danke ich dir nahezu gleichermaßen für deine musikalischen Empfehlungen und philosophischen Anregungen.  

Kommentar von Agnodike ,

Leiden wir doch, wie der Altvordere Seneca wohlweislich unterschied, nicht bloß an der Gegenwart alleine, tritt auch ein einzelner Ton nur in Verwandtschaft mit Gegangenem und Werdendem in ein Gemeintes über, das es uns nicht bloß verstattet, prosodische Motive, Geschwindigkeit und Fülle zu gewärtigen, sondern der Notwendigkeit einsichtig zu werden, dass auch alles Stumme, Klang- und Reglose weniger dem Nichtsein, als der Dinge Gegenlauf, der Unumstößlichkeit eines zu tragenden Tonus entstammen muss. So wird der Herre zum Diener, der Diener zum Herren. Denn mittels nur dieses Schweigens, das aus der Unkenntlichkeit verworren gerade so gut Lärm oder Gerölle gliche, schließen wir, was sich erheben oder senken möchte, wird geschieden, was weich und hart, helle oder finster scheint, aus der einzigen Ursächlichkeit, dass die Erhabenheit nichts wäre, wo nicht auch Abgrund sie beflimmert.

https://www.youtube.com/watch?v=B9WPfkXQa_Y

Ich sage: die Dissonanz ist ebenso viel Ergebnis einer sammelnden Wüste, weder zu viel noch zu wenig, dass sie Schaden brächte. Denn gibt es in der Musik ebenso wenige Fehler, als es das Ohr, das geschulte Ohr, die Erziehung der Musik als Sklave der Vergangenheit zu tadeln berechtigt wäre. Es gibt gleichsam nur diejenigen Fehler, die einer Erziehung, einer Dauer der Entwicklung, erst noch beizukommen haben. Schließlich ist Musik, der Unendlichkeit  der Stille, der nichtgeborenen, der Rückseite der Musik entgegengesetzt, ebenso Unzahl ihrer Vergangenheit wie ihrer Zukunft.

Antwort
von WalterE, 123

Das finsterste Pop Projekt das mir meiner Meinung nach untergekommen ist, ist Anke Hachfelds "Milu" Projekt. Hier nur ein Song. Hingegen sind weite Teile des Dark Wave und des erweiterten Gothic Bereichs - heute gerne mit Elementen aus dem Black Metal angereichert wie z.B. Anna von Hausswolff Da fehlt aber m.E. häufig die totale Ausweglosigkeit, es ist zwar düster, manchmal schaurig, aber doch auch erhebend - auch wenn die Songs finstere Inhalte und Titel haben wie "Funeral for my future children" Diese Musik holt einen in finsteren Momenten ab und stabilisiert die Stimmung eher - dazu würde ich auch etwa Deine Lakaien wie auch Dead Can Dance zählen und viele andere.

Antwort
von Myosotis16, 129

http://nordicwannabe.com/2015/03/titelsong-musik-die-bruecke-choir-of-young-beli...

Die Titelmusik von „Die Brücke – Transit in den Tod“ stammt vom Choir Of Young Believers und heisst „Hollow Talk“. Hierbei handelt es sich um ein Projekt des dänischen Gitarristen, Songwriters und Sängers  Jannis Noya Makrigiannis. Seine Band besteht aus wechselnden Musikern, die er sich jeweils zusammensucht. Hauptsächlich besteht der Choir Of Young Believers also aus Makrigiannis selbst. Das Kollektiv um den umtriebigen Frontmann hat in Dänemark bereits mehrere Nummer 1-Hits gelandet und machte sich in der Vergangenheit vor allem mit Folk-Melodien, gepaart mit polyphonen Gesängen und Orchestersounds einen Namen. So eben auch mit der Single „Hollow Talk“, die es nach der Nutzung in der Serie wohl zu europaweiter Bekanntheit geschafft hat .

Hier bei uns könnt ihr euch den Song jetzt natürlich kostenlos anhören.

Antwort
von Myosotis16, 133

Möchtest du nur Hinweise auf sogenannte Klassik? Für welche Musikrichtung interessierst du dich? Manche mögen

Volksmusik
Schlager aus den 50ger/60ger/70ger ...
Hardrock
Hip-Hop und Rap
Techno
mittelalterliche Musik
klassische Musik
Weltmusik
‎Heavy Metal · ‎Death Metal · ‎Thrash Metal · ‎Black Metal
Folkmusik ...

Stücke, die tief und langsam gespielt werden, Momente der Stille und der Leere ausdrücken und in denen Momente der Hoffnung unbeantwortet bleiben, gibt es in vielen Musikrichtungen.

Mein Mann liebt G. Mahler. Ich mag viele Chansons und Lieder von Leonard Cohen, der leider vor kurzem verstorben ist.

Kommentar von Irgendjemand32 ,

Tatsächlich respektiere und höre ich nahezu jedes Genre (sogar Hip-Hop). Depressiver Schlager scheint mir jedoch zu obskur... 

Kommentar von nealz ,

Hip Hop? Da fallen mir die "Axe Murder Boyz" mit "Pain" ein...hatte ich oft in depressiven Phasen gehört:

https://www.youtube.com/watch?v=1C4z2JATz6Q

Antwort
von Ella560, 61

Hallo irgendjemand32,

ich empfehle dir Salvia Palth (das war ein neuseeländisches lo-fi Projekt, benannt Sylvia Plath), vor allem das Lied "I was all over her". Du findest es auf Youtube und bandcamp.

Liebe Grüße,

Ella

Antwort
von Bargh, 124

Ich weiß ja nicht ob das was für Dich ist, aber hör Dir doch mal ein paar Sachen von Bohren & der Club of Gore an.

Kommentar von Irgendjemand32 ,

Ja, diese Musik kenne ich bereits, und ich höre sie liebend gern.

Antwort
von Patrickson, 140

Höre leonard cohan, alt aber immer noch wunderschön schwermütig bis zum herzstillstand. 

Kommentar von earnest ,

-Leonard Cohen

Antwort
von Hegemon, 49

Interessante Frage. Depressive Musik - das nimmt natürlich jeder recht unterschiedlich wahr - kommt auch auf die Tagesform an und hängt auch davon ab, was man mit dem jeweiligen Stück verbindet. Für mich haben z.B. einige Songs von Nirvana durchaus suizidales Potential - insbesondere die Live-Scheibe "From the Muddy Banks.." Manchmal geht's mir aber auch bei meinen eigenen Klavierimprovisationen recht schlecht. :-)

Kommentar von Hegemon ,

Ansonsten können mir ganz gut auf 's Gemüt schlagen:

Schostakowitsch 7. Sinfonie https://www.youtube.com/watch?v=KnwasHk94Os

Kathleen Ferrier, Du bist die Ruh https://www.youtube.com/watch?v=f\_IS6sg\_0Nw

Mendelssohn-Barth., Streichq. Nr. 6, 2. Satz https://www.youtube.com/watch?v=7sXVDm2DLjU

Schuman, Abschied (Waldszenen) https://www.youtube.com/watch?v=\_N4w-GANf7c

Bruckner, 7. Adagio https://www.youtube.com/watch?v=yjJprIS4zQE

Mahler 5. Adagietto https://www.youtube.com/watch?v=P8LZ43LA2nY

Antwort
von Willy1729, 113

Hallo,

Aram Khatchaturians Adagio aus der Suite Gayane, das Stanley Kubrick für 2001 verwendet hat.

Viel depressiver geht's nicht mehr.  

Herzliche Grüße,

Willy

Antwort
von JohnCleese, 38

Bei Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch solltest du auch fündig werden. Nachfolgend mal als ein Paradebeispiel der 1. Satz/Adagio/Der Palastplatz aus seiner Sinfonie Nr. 11/Das Jahr 1905:

Antwort
von earnest, 73

Da möchte ich dir gleich eine ganze Oper anbieten - Purcell: Dido und Aeneas.

Viel depressiver geht's wohl nicht. Aber viel schöner auch nicht. Das ist Schmerz, in den man sich so richtig reinsetzen kann. Über eine Stunde lang. 

Danach geht's einem sicher wieder besser.

Gruß, earnest

Kommentar von earnest ,

Hier eine Fassung, die ich - in diesem Sinne - besonders schön finde:

https://www.youtube.com/watch?v=yhYP2QnwWbg

Kommentar von earnest ,

Ich bin im Nachhinein nicht so recht glücklich mit dem Wort "depressiv"; ich würde in einer Reihe von Fällen zum Beispiel "traurig" oder "melancholisch" bevorzugen. Oder auch "schwermütig".

Das gilt auch für Passagen von "Dido & Aeneas".

Antwort
von FelinasDemons, 73

Antwort
von latricolore, 50

Dies vielleicht?
Das Adagio von Albinoni

Kommentar von earnest ,

Diese traurigen Stücke sind so schön, dass es traurig wäre, sie nicht zu hören.

Das trifft auch auf diesen Ohrwurm zu.

Kommentar von latricolore ,

Stimmt!
Daher werde ich mir deine Oper auch mal anhören, obwohl ich es mit Opern eigentlich nicht so habe.

Kommentar von earnest ,

Ich auch nicht. 

Dann schau mal bei Youtube nach der Aufnahme mit der Choreographie von Sasha Waltz; dann hast du auch gleich noch was fürs Auge.

Kommentar von latricolore ,

Ja, mach ich - danke schön :-)

Antwort
von andreasolar, 80

Das hier ist für mich so ein Stück:

Kommentar von earnest ,

Aber schön...

Kommentar von latricolore ,

Sehr schön!

Kommentar von andreasolar ,

Ja, in meinen Ohren hat der alte Johann Seb. für jede Gefühlslage zu Herzen gehende Musik geschrieben. Aber dieser Händel kommt der von @Irgendjemand gesuchten Musik m.E. auch sehr nahe:

https://www.youtube.com/watch?v=lUJQbmHp4wY

Kommentar von earnest ,

Ja, das ist ein Händel, der nicht "staatstragend" daherkommt.

Aber mich stört, ehrlich gesagt, die Stimme (da geht es mir ganz anders als all den Enthusiasten, die in den Anmerkungen gerade diese Aufnahme feiern).

Kommentar von andreasolar ,

De gustibus... ;-)  Meine Solti-Aufnahme mit Anne Gjevang gibbets leider nicht auf Youtube, und die Aussprache (nicht die Stimme!) von Grace Bumbry rollt mir die Fußnägel hoch:

https://www.youtube.com/watch?v=tgYJyFkVxls

Kommentar von earnest ,

Ja, das "rrrrrrrejected" würde auch ich zurückweisen.

Warrrrum rrrrrollt die so rrrrum?

;-)

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community