Frage von Irmin1082, 111

Macht einen die Meditation gleichgütlig für das Leben?

Hallo, wenn ich bei der Meditation (Zazen) eigentlich nur im Moment verweile und die Situation betrachte: Der Atem kommt und geht, die Gedanken kommen und gehen. Ich bewerte dies nicht. Erzeugt das dann im Alltag eine Gleichgültigkeit gegenüber Situationen? Sprich ich schaue sie mir einfach nur noch an und weiß, dass sie eigentlich leer sind. Objektiv, glaube ich, mein Leben ist nicht mehr oder weniger Wert als das Leben des Baums vor meinem Fenster. Objektiv, glaube ich, haben diese Dinge überhaupt keinen Wert. Es braucht ein Subjekt, dass ihnen einen Wert zu spricht. Wenn ich mich nun in die Rolle des Betrachters begebe und mir Situationen einfach anschaue, so wie ich das eigentlich auch während der Meditation mache, entwickle ich dann nicht eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben?

Expertenantwort
von Enzylexikon, Community-Experte für Buddhismus, 27

Hallo, ich bin selbst Zen-Buddhist und antworte dir daher gerne. 

Erzeugt das dann im Alltag eine Gleichgültigkeit gegenüber Situationen?

Ich übe täglich Zazen und kann das nicht bestätigen. Meiner Meinung nach hat das damit zu tun, wie Meditation allgemein verstanden wird.

Meist denkt man beim Begriff "Meditation" an eine Form innerer Einkehr, den Entzug von äußeren Reizen und eine gewisse Isolation von der Umwelt.

Ich denke, tatsächlich ist das Gegenteil der Fall.

Durch Meditation nimmt man die Dinge bewusster wahr - gerade weil man sie nicht bewertet - und dadurch gewinnen sie sogar an Qualität.

Ich versuche es an einem Beispiel zu erklären.

Wir sehen einen Apfelbaum. Sofort beginnt das geistige Karusell:

"So ein schöner Baum...erinnert mich an den in Omas Garten....ja damals, da konnte man die Äpfel direkt vom Baum essen...heute ist überall Chemie...da war doch erst gestern was in den Nachrichten, über Monsanto...waren das die heute-Nachrichten, oder die Tagesschau?...."

Letztlich nehmen wir gar keinen echten Baum wahr, sondern gehen mit einem geistigen Bild weiter, dass durch unsere Bewertungen gefärbt wurde.

Fragt uns später jemand, ob der Baum rechts oder links vom Gehweg stand, kann man es womöglich gar nicht sagen - weil man geistig überhaupt nicht anwesend war.

Sind wir aber geistig offen, dann begegnen wir nicht unserer mentalen Projektion, sondern dem wahren Baum.

Der Vorteil bei dieser Geisteshaltung ist außerdem, das es egal ist, ob es ein prachtvoller grüner Baum, oder ein verkrüppeltes Opfer der Umweltvergiftung ist.

Ein lebender Baum lebt, ein toter Baum ist tot. Beides ist weder gut noch schlecht.

Man wird also durch Meditation nicht gleichgültiger, sondern entwickelt eine Art innerer Gleichberechtigung der Gegensätze.

Wenn jemand krank ist, beschwert er sich darüber, dass es ihm schlecht geht, er sich im Bett langweilt und das Essen nicht schmeckt.

Wenn jemand krank und gleichgültig ist, dann beschwert er sich nicht, sondern es ist ihm egal. Er lässt die Situation passiv zu und erduldet sie.

Wenn jemand krank und bewusst ist, akzeptiert er, dass man als Mensch eben auch mal krank ist und macht kein Psychodrama draus. Er versucht, etwas für sich aus der Erfahrung zu ziehen.

Ich hoffe, meine Erklärungen waren verständlich.

Sollte es noch Fragen geben, helfe ich gerne weiter.

Kommentar von Irmin1082 ,

Wie immer ein Danke für deine Antwort. Und du glaubst wirklich, dass es einen (wahren) Baum gibt, wenn du einen "Baum" siehst? Im Endeffekt sind es doch nur eine bestimmte Ansammlung von Atomen (Wobei das ja auch schon wieder eine Wertung von uns ist, wenn wir etwas wahrnehmen). Beim Urknall waren wir noch vereint, jetzt sind wir (scheinbar) getrennt. Das denke ich mir eigentlich auch, wenn ich Menschen oder Situationen sehe.

Kommentar von Enzylexikon ,

Und du glaubst wirklich, dass es einen (wahren) Baum gibt, wenn du einen "Baum" siehst?

Wenn ich einen Baum sehe und mit voller Wucht dagegen laufe, hole ich mir eine blutige Nase. Mehr Realität brauche ich nicht. ;-)

Antwort
von AaronMose3, 29

 Objektiv, glaube ich, mein Leben ist nicht mehr oder weniger Wert als das Leben des Baums vor meinem Fenster. Objektiv, glaube ich, haben diese Dinge überhaupt keinen Wert. (...)  entwickle ich dann nicht eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben?

Nein. Es geht nicht darum alles als wertlos oder sinnlos zu betrachten, es geht darum es als dieses zu erkennen. 

Es geht beim Zazen darum, sich von der schnelllebigen Gesellschaft zu lösen und zu lernen, bewusst im Moment zu leben eben weil das Leben so kostbar ist. 

Es geht darum zu merken, wie unaufmerksam wir Dinge im Alltag erledigen und wie wenig wir darauf achten, was wir eigentlich schon alles getan haben. Du kannst den Test selber machen.

Was hattest du Vorgestern als Frühstück ? Merkst du ? 99% aller Menschen der heutigen Gesellschaft können diese Frage nicht beantworten, sie wissen es ganz einfach nicht mehr, weil sie während sie essen schon ans abspülen und während dem abspülen schon an den nächsten Termin denken.

Durch Zazen lernst du, dich auf das zu konzentrieren, was du im Moment tust (das Sitzen) und nicht bereits auf andere Dinge. 

Trotzdem geschieht auch das Gegenteil immer wieder. Menschen verfehlen das eigentliche Ziel und verlieren ebenfalls den Blick auf das wichtige. So betrachten sie ihr Leben als sinnlos und es kommt zu unschönen Geschehnissen, oder sie beenden die Praxis. 

Antwort
von Colombo1999, 48

Wenn Du Gleichgültigkeit entwickelst, dann läuft etwas in der Meditation nicht ganz richtig. Es geht immer eine taugliche Anschauung voraus. Und es gehört der Bereich der buddhistischen Ethik dazu.

Das, was es zu entfalten gilt, ist der Gleichmut. Du lernst, innerlich unangefochten oder unangreifbar zu sein, kannst aber in der Welt der Begegnung unaufgeregt die sinnvollen Entscheidungen treffen und danach handeln.

Wenn der Weg allerdings wirklich in die Tiefe der Konzentration und Weisheit gehen soll, dann ist ein - zumindest zeitweiser - Rückzug aus dem Weltgetriebe sehr hilfreich.

Achtsamkeitstraining hilft Dir, aus dem Abstand heraus zu agieren, statt blind zu reagieren.

Antwort
von ArbeitsFreude, 18

Generell meine ich: NEIN (wie die meisten hier), lieber Irmin 1082

im Speziellen kommt es auf die Art der Meditation an.

Die Nichiren-Buddhisten fokussieren bspw. in ihrer Meditation den unschätzbaren Wert eines jeden Lebens, die jedem Lebewesen inhärente Buddhaschaft - also auch die eigene Buddhaschaft sowie meine Aufgabe im hier und jetzt.

Das ist m.E. das genaue Gegenteil von Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben - Es handelt sich eher um die besondere Wertschätzung eines jeden Lebens.

Antwort
von Buddhishi, 40

Hallo Irmin1082,

nein, Meditation ist nicht dazu geeignet, Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben zu entwickeln. Ich würde eher sagen, dass das Gegenteil der Fall ist.

Durch die Meditation entwickeln sich Achtsamkeit, Bewußtheit etc., jedenfalls alles Haltungen, die nicht zu einer Gleichgültigkeit führen, sondern zu Gleichmut.

Kommentar von Irmin1082 ,

Und was ist mit der Erkenntnis der Ich-Losigkeit? Eigentlich beginnt oder bemüht man sich ja darum die Dinge objektiv zu betrachten. Werte sind aber etwas subjektives. Es braucht ein Subjekt um einem Ding, einer Situation einen Wert zuzuschreiben.

Kommentar von Buddhishi ,

Die Ich-Losigkeit bedeutet, dass es insofern kein Ich geben kann, da alles, also auch das Ich, einem stetigen Wandel unterworfen ist und das sog. Ich aus verschiedenen Anteilen besteht.

Außerdem verwechsle bitte nicht Wert und Bewertung. Der Mensch als Mikrokosmos im Makrokosmos an sich hat einen Wert. Im Buddhismus geht es jedoch um das Nicht-Bewerten in z. B. gut oder böse.

Kommentar von Irmin1082 ,

Ja? Wer spricht ihm diesen (objektiven) Wert zu? Aber ich finde es super, dass du sagst, dass es im Buddhismus kein gut und böse gibt. Das find ich extrem fein.

Kommentar von Irmin1082 ,

Die Ich-Losigkeit bedeutet, dass es insofern kein Ich geben kann, da alles, also auch das Ich, einem stetigen Wandel unterworfen ist und das sog. Ich aus verschiedenen Anteilen besteht.

Außerdem gebe es nach deiner Aussage ja dann keine Ich-Losigkeit. Weil es ein Ich gibt, das im stetigen Wandel ist. Die Aussage führt sich selbst ad absurdum.

Kommentar von Irmin1082 ,

Buddha sagt, dass unser imaginäres Ich nichts Beständiges ist. Es ist ein
Prozess, etwas Fließendes und sich ständig Änderndes. Wenn wir in der Meditation
wirklich einmal hinschauen, wird uns das bewusst.

Hier wird nur gesagt, dass unser imaginäres Ich nichts Beständiges ist und immer in Veränderung. Es wird aber (wenn du genau liest) nicht gesagt, dass es deshalb imaginär ist. Die Aussage würde ich unterschreiben.

Kommentar von Irmin1082 ,

Die Frage, wie verhält sich unser Ich (wenn es imaginäre ist, brauch ich das ja nicht extra zu erwähnen, außer es gibt ein Ich das nicht imaginär ist), ist eine andere, als wenn ich frage: Warum ist unser Ich eine Illusion oder imaginär.

Antwort
von CountDracula, 3

Hallo,

mir wurde folgende Geschichte erzählt:

Während eines Erdbebens floh einst ein Zen-Meister mit seinem Schüler in die Küche des Klosters.
Als der Schüler die Gelassenheit des Zen-Meisters bemerkte, sagte er: "Meister, Sie sind allem gegenüber gleichgültig."
"Ich bin nicht gleichgültig," sagte der Meister ruhig, "als die Erde bebte, habe ich mich erschrocken, aber ich bin nicht in Panik verfallen. Ich habe Dich in die Küche geführt. Das ist der sicherste Ort, und siehe da, sie steht noch. Aber als wir in der Küche angekommen sind, musste ich ein großes Glas Wasser trinken. Das ist etwas, was ich sonst nie machen würde."
Der Schüler lachte, und der Meister wollte wissen, worüber.
"Meister," antwortete der Schüler, "das, was Sie da getrunken haben, war kein großes Glas Wasser, sondern ein großes Glas Sojasoße."

Antwort
von purushajan, 19

Meditation macht nicht gleichgültig, sondern erfolgreicher im leben, da dein Gefühlsleben und dein Verständnis für andere Menschen sich immer freier entfalten, sieh: http://meditation.de/selbstverwirklichung-2/

Antwort
von Sukadev, 22

Leben ist Rhythmus. Und Meditation ist eine Weise, einen solchen Rhythmus bewusst zu erleben. Es ist gut, Phasen zu haben, in denen man gelassen, unbeteiligt beobachtet. Und es braucht Phasen, in denen man voll engagiert etwas tut. Volle Achtsamkeit kann heißen gelassene Achtsamkeit, gelöste beobachtende Achtsamkeit. Und dann gibt es Phasen, in denen man voll im Moment ist, intensive Achtsamkeit, in der man sehr effektiv, engagiert und auch emotional ganz dabei ist.

Kommentar von Irmin1082 ,

Guten morgen Sukadev, und auf welchen Wertvorstellungen sollte dieses Engagement fußen?

Kommentar von Sukadev ,

Meditation kann helfen, sich seiner eigenen Wertvorstellungen tiefer bewusst zu werden, seine tieferen Wertvorstellungen zu finden.

Allgemein sprechen die vielen spirituellen meditativen Traditionen von Mitgefühl, Nächstenliebe, heute meist auch von Ökologie und mehr.

Kommentar von Irmin1082 ,

Dank dir, seit wann bist du denn jetzt bei Gute Frage net? Ich mag deine youtube videos gern ...

Kommentar von Sukadev ,

Ich freue mich, dass dir meine Videos gefallen. Ich bin seit über 8 Jahren bei gutefrage net. Allerdings in den letzten Jahren erheblich seltener als früher... Ich bin momentan tatsächlich ziemlich beschäftigt damit, Videos zu veröffentlichen...

Antwort
von DrachentigerNo1, 16

Diesen Zustand würde ich lieber Gelassenheit nennen. Gelassenheit geht weit über die Forderungen des Alltags hinaus, weil sie sich nicht identifiziert. Ohne Identifikation kommst Du immer näher zu dem Wesen, das Du bist. Das führt zu Selbstliebe und Liebe. Beides das genaue Gegenteil von Gleichgültigkeit.

Antwort
von LenkaLenka, 5

Mich macht die Meditation aufmerksam, achtsam, sensibel und interessiert am Leben.

Antwort
von Stadtreinigung, 39

Nein,du Betrachtest alles nur gelassener,lässt nicht alles auf dich Einströmen bist einfach Lockerer

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