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Die einen halten es für die „größte Schaufensterdekoration der Geschichte“, die anderen für das großartigste Spektakel in der Sportgeschichte der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. An den Olympischen Spielen von 1936 scheiden sich die Geister - bis heute. Die Berliner Spiele gelten als das Musterbeispiel für die Instrumentalisierung des Sports. Olympia, so notierte Victor Klemperer damals, sei „ganz und gar ein politisches Unternehmen“.
Dass mit den Spielen keinesfalls „eine neue Epoche des wirklichen Friedens auf allen Gebieten“ eingeleitet wurde, wie dies Propagandaminister Goebbels nach dem Verlöschen der olympischen Flamme verkündete, liegt auf der Hand. Vielmehr versuchten die Nationalsozialisten Olympia massiv für ihre politische Propaganda auszunutzen. Eine Werbemaschinerie bis dahin ungekannten Ausmaßes war angeworfen worden, die im In- und Ausland das Bild Deutschlands verbessern und den Befürwortern eines Boykotts der Olympischen Spiele den Wind aus den Segeln nehmen sollte.
Nazis gegen „internationalistisch-pazifistisches“ Ereignis
Im Jahr 1931 hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) auf seinem Kongress in Barcelona die Olympischen Spiele des Jahres 1936 an Berlin vergeben. Die deutsche Hauptstadt war erstmals 1916 als Austragungsort vorgesehen gewesen, was dann der Weltkrieg verhinderte. Fünfzehn Jahre später war das Deutsche Reich, nach der Aufnahme in den Völkerbund 1926 und der ersten Nachkriegsteilnahme an den Spielen in Amsterdam 1928, sportlich und politisch in die internationale Gemeinschaft zurückgekehrt. 1931 regierte in Deutschland ein Präsidialkabinett unter Brüning, und die NS-Bewegung hatte gegen das „internationalistisch-pazifistische“ Sportereignis Stellung bezogen.
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Spiele mit dreifachem Propagandagewinn: Olympia 1936 Olympia war immer politisch: Kalter Krieg im Zeichen der Ringe Olympia: Die Doppelmoral der politischen Spiele Nach der Machtübernahme änderte sich die Haltung Hitlers radikal. Noch im Oktober 1933 fasste er den Entschluss, die Olympischen Spiele mit deutlich erhöhten Mitteln aus dem Reichsetat zu finanzieren. Wenn man „die ganze Welt zu Gast geladen“ habe, müsse „ etwas Großartiges und Schönes entstehen“, verkündete der „Führer“. Deutschland befinde sich außenpolitisch in einer der schwierigsten und ungünstigsten Lagen, es müsse versuchen, durch große kulturelle Leistungen die Weltmeinung für sich zu gewinnen.
Diese „Weltmeinung“ war keineswegs einhellig. Insbesondere in Großbritannien, Belgien, den Niederlanden und in Nordamerika wurde im Vorfeld der Spiele ein Boykott erwogen. In Europa engagierte sich die Arbeitersportbewegung am stärksten. In der in Prag gedruckten „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ erschien sowohl ein Boykottaufruf des im französischen Exil lebenden Heinrich Mann als auch eine Fotomontage von John Heartfield, in der Goebbels die Athleten an fünf olympischen Nasenringen hinter sich herzog.
Amerikas gespaltene Haltung
Der Propaganda-Ausschuss für die Olympischen Spiele, den Goebbels Anfang 1934 ins Leben gerufen hatte, sollte die Werbung im Inland koordinieren und lenken. Im Ausland war die Reichsbahnzentrale für den deutschen Reiseverkehr dafür zuständig, die Teilnahme deutschfeindlicher Pressevertreter als Olympia-Berichterstatter möglichst zu verhindern. Mit Empfängen, Vorträgen und Werbeflügen sollte die internationale Öffentlichkeit rechtzeitig mobilisiert und positiv eingestimmt werden. 280.000 Plakate in neunzehn Sprachen wurden gedruckt. In Deutschland verkehrte selbst ein Olympia-Zug, der aus drei riesigen Lastkraftwagen bestand, die zu fahrbaren Ausstellungsräumen umgebaut werden konnten. „Bis in das letzte Dorf weiß die Bevölkerung vom großen Sportgeschehen des Jahres 1936 und seiner möglichen Auswirkung auf die internationalen Beziehungen Deutschlands“, verkündete der Propaganda-Ausschuss.
In den Vereinigten Staaten protestierten die Gegner einer Olympiateilnahme mit dem deutschstämmigen IOC-Mitglied Ernest Lee Jahncke an der Spitze gegen den Antisemitismus und Rassismus des NS-Regimes. Auf der Gegenseite stand der damalige Präsident der amerikanischen Athletenunion Avery Brundage. Brundage, in dessen Chicagoer Sportverein weder Schwarze noch Juden zugelassen waren, hatte auf einer Besichtigungsreise nach Deutschland keine Bedenken gegen eine Olympia-Teilnahme erhoben.
Nach seiner Rückkehr begann er eine massive Lobbyarbeit im amerikanischen Olympischen Komitee, die auf der Delegiertenkonferenz im Dezember 1935 schließlich zu einem hauchdünnen Abstimmungssieg mit nur zwei Stimmen führte. Das IOC entschied sich 1936 folgerichtig für einen Ausschluss Jahnckes und seine Ersetzung durch Brundage, der es von 1952 bis 1972 sogar zum Präsidenten des IOC bringen sollte.
Zwei deutsche jüdische Olympiastarter
Die amerikanischen Boykottgegner verließen sich bei der Abstimmung auf eine Zusage der Deutschen auf der IOC-Session in Wien 1933, dass selbstverständlich auch jüdische Athleten startberechtigt seien. Über die schwierigen Trainingsbedingungen jüdischer Sportler in einem antisemitisch ausgerichteten Staat war allerdings im Ausland wenig bekannt. Am Ende reduzierte sich das Feld möglicher Kandidaten im deutschen Olympia-Team auf drei Namen: den Eishockeyspieler Rudi Ball, die Leichtathletin Gretel Bergmann und die Fechterin Helene Mayer.
Mayer und Ball durften teilnehmen; die in den Vereinigten Staaten lebende Fechterin gewann sogar eine Silbermedaille. Aber Gretel Bergmann, eine der Mitfavoritinnen im Hochsprung, erhielt ihre Absage am 16. Juli 1936, genau einen Tag nachdem das Schiff mit dem amerikanischen Olympiateam in Richtung Deutschland abgelegt hatte und es für eine etwaige Boykottreaktion endgültig zu spät war.
Massive Proteste beim Fackellauf
Wenige Tage nach dem Aufbruch der Amerikaner zu den Spielen begann auch das Ereignis, das der Generalsekretär des Organisationskomitees Carl Diem erdacht hatte: der erste olympische „Fackel-Staffel-Lauf“. Er startete am 20. Juli 1936 mit dem Entzünden der Flamme an den antiken Stätten in Olympia und führte in dreizehn Tagen durch sieben Länder über Athen, Delphi, Saloniki, Sofia, Belgrad, Budapest, Wien, Prag und Dresden nach Berlin.
Die Jubelszenen an den einzelnen Stationen hat Leni Riefenstahl in ihrem Olympiafilm eindrucksvoll eingefangen. Was hier aber nicht zu sehen war: Vor und während des Fackellaufs kam es zu massiven politischen Protesten. So beschlagnahmten die tschechoslowakischen Behörden das offizielle Plakat, weil darauf das Sudetenland innerhalb der deutschen Grenzen eingezeichnet war. In Prag löschten Gegner sogar die Fackel. Auch in Wien gab es Ausschreitungen, weil die dortigen Nationalsozialisten den Empfang der olympischen Flamme zu einer Großdemonstration nutzen wollten.
Höchstwerte für Hitlers Popularität
Obwohl den Spielen in Berlin größte Aufmerksamkeit und auch ein hohes Maß an Anerkennung für die perfekte Organisation zuteil wurde, blieben kritische Stimmen im Ausland deutlich vernehmbar. Schließlich hatten nicht wenige Presseorgane statt ihrer Sportreporter politische Korrespondenten nach Berlin entsandt. Die Boykottbewegung ließ sich nicht davon abbringen, Gegenveranstaltungen in New York, Prag, Amsterdam und Rotterdam zu organisieren. So lief in der niederländischen Hauptstadt parallel zu den Berliner Spielen eine Olympia-Ausstellung mit etwa 270 Werken von Robert Capa, Max Ernst, John Heartfield und anderen. Die Volksolympiade in Barcelona musste abgesagt werden. Einen Tag vor der Eröffnungsfeier am 19. Juli brach der Spanische Bürgerkrieg aus.
Während der olympischen Tage in Berlin konnten trotz intensiver Personenkontrollen und strikter Pressezensur nicht alle Proteste verhindert werden. Zudem hatte die Polizei bereits im Vorfeld die Stadt von „Zigeunern“ und Prostituierten „gesäubert“. Mit den täglichen Anweisungen der Reichspressekonferenz wurden die deutschen Zeitungen auf Linie gebracht. Am 25. Juli 1936 hieß es beispielsweise, man solle „keine Angriffe gegen ausländische Sitten und Gebräuche richten. Die Chinesen haben sich in Berlin schon zweimal beschwert.“
Am Ende verzeichnete die Staats- und Parteiführung mit der Durchführung der Olympischen Spiele im Inland einen Prestigeerfolg. Trotz der Vorbehalte und Proteste im Ausland, die als Teilerfolg der Boykottbewegung gewertet werden müssen, erreichte Hitlers Popularität bei den Deutschen Höchstwerte. Das Fest der Nationen wurde für politische Zwecke instrumentalisiert. Zwei Wochen nach Ende der Spiele von 1936 wurde der Vierjahresplan für die Aufrüstung verkündet. Vier Jahre später fanden die Olympischen Spiele nicht statt.