Frage von shellyverina, 75

Leben Hebammen am Existenzminimum?

Ich habe mich vor wenigen Tagen erst entschieden mein Lehramtsstudium abzubrechen, da ich festgestellt habe, dass es nichts für mich ist und habe beschlossen mir vielleicht doch den Kindheitstraum zu erfüllen Hebamme zu werden. Meine Großeltern haben mir es damals ausgeredet, weil sie meinten damit würde ich nichts verdienen. Die Recherche im Internet hat mich jetzt auch eher ernüchtert. Da ist teilweise die Rede vom Leben am Existenzminimum und 90 Stunden Wochen. Ich erwarte auch nicht mir mit diesem Job einen Porsche und ein großes Haus kaufen zu können, aber für ein normales Leben mit Mietwohnung und Kind wird es doch noch reichen oder? Ist hier vielleicht selbst jemand Hebamme und weiss mehr?

Antwort
von isebise50, 21

Im Jahr 2014 wurden in Deutschland knapp 715 000 Kinder lebend geboren. Die Hausgeburtshilfe liegt in Deutschland bei unter 2 Prozent. Ca. 20 Prozent aller Geburten in Kliniken werden von freiberuflichen Hebammen betreut. Den großen Rest leiten angestellte Hebamme im Krankenhaus und werden nach Tarif bezahlt. Das Gehalt entspricht dem einer Krankenschwester. Ganz oder neben ihrer Festanstellung freiberuflich arbeitende Hebammen rechnen über die Gebührenverordnung mit den jeweiligen Krankenkassen ab. Für diese Tätigkeit brauchen sie zwingend eine Berufshaftpflichtversicherung. Deren Prämien sind in den letzten Jahren extrem gestiegen, nicht weil Hebammen für mehr Geburtsschäden verantwortlich sind, sondern weil die Kosten für den einzelen Schadensfall sich vervielfacht haben. Deshalb steigen viele Hebammen aus der Freiberuflichkeit oder sogar ganz aus ihrem Beruf aus, denn von seiner Arbeit sollte man schon leben können. Das wiederum führt dazu, dass mittlerweile viele Schwangere keine Hebamme mehr in ihrer Umgebung für die Vorsorge, die Wochenbettbetreuung oder eine außerklinische Geburt finden.

Die Aussichten für Berufseinsteiger auf dem Arbeitsmarkt an Kliniken sind gut. Auch können Hebammen nicht ersetzt werden, denn in Deutschland gibt es die sogenannte Hinzuziehungspflicht, die im Hebammengesetz unter II. ABSCHNITT - Vorbehaltene Tätigkeiten § 4 festgelegt ist:(1) Zur Leistung von Geburtshilfe sind, abgesehen von Notfällen, außer Ärztinnen und Ärzten nur Personen mit einer Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung "Hebamme" oder "Entbindungspfleger" sowie Dienstleistungserbringer im Sinne des § 1 Abs. 2 berechtigt. Die Ärztin und der Arzt sind verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass bei einer Entbindung eine Hebamme oder ein Entbindungspfleger zugezogen wird. (2) Geburtshilfe im Sinne des Absatzes 1 umfasst Überwachung des Geburtsvorgangs von Beginn der Wehen an, Hilfe bei der Geburt und Überwachung des Wochenbettverlaufs. I

Wo bleibt das durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verbriefte Recht jeder Schwangeren, ihren Geburtsort frei wählen zu dürfen, wenn es vielleicht bald keine Wahl mehr gibt! Ein Armutszeugnis für ein reiches, zivilisiertes Land und seine Gesundheitspolitik!

Antwort
von lastgasp, 74

aber für ein normales Leben mit Mietwohnung und Kind wird es doch noch reichen oder?

Nein, sorry. Dein Lehramtsstudium war schon ein Griff ins Klo, weil Du Dich vermutlich nicht mit den Einstellungsprognosen der Kultusministerien befasst hast, die jedes Jahr veröffentlicht werden.

http://www.ardmediathek.de/radio/L%C3%A4nderzeit-Deutschlandfunk/Freiberufliche-...

Bei den Hebammen gibt es allerdings um wesentlich kompliziertere Probleme, die den freiberuflichen Hebammen die Existenzgrundlage entziehen:

Seit 2015 bietet nur noch die Allianz eine Berufshaftpflichtversicherung für Hebammen an. Der Beitragssatz beträgt ab 1.1.2016 € 7265,-- oder € 605,-- monatlich. Leider haben die Klagen gegen Kunstfehler von Hebammen drastisch zugenommen, da viele Eltern nicht wahrhaben wollen, wenn kein Jahrhundertbaby zur Welt gekommen ist.

Seitdem die Sätze für die Nachsorge von den Krankenkassen erhöht wurden, sind Gynäkologen auf den Geschmack gekommen und machen das lieber selbst. Außerdem liegt inzwischen die Kaiserschnittrate bei annähernd 35% und das ist genau die Klientel, die früher überwiegend die sanfte Hausgeburt gewählt und bezahlt hat.

Hinzu kommen noch private Versicherungen, Fahrkosten, Büro, Handy etc... , so dass eine Hebamme pro Monat mindestens 1600 Euro netto erwirtschaften muss, um wenigstens die unmittelbaren Kosten zu decken. Hinzu kommen regelmäßige verpflichtende Fortbildungen, die entsprechend teuer sind.

Eine durchschnittliche Geburtsbegleitung incl. Vorgesprächen, Geburtsvorbereitungen, 3-4 Vorsorgeterminen als Beleghebamme in 1:1 Betreuung bringt ungefähr 500-700 Euro brutto ein.

Da meine ehemalige Arbeitskollegin im Lager einer Verlagsauslieferung arbeiten musste, um zu überleben, weiß ich, dass kaum eine Hebamme auch nur € 1000,-- verdient.

Antwort
von aongeng, 70

Durchschnittlich als freiberufliche Hebamme verdient man 7,50€ netto die Stunde muss aber fast 4000-4500€ im Jahr für Versicherungen zahlen. Den Rest kannst du dir ja jetzt mal Ausrechnen, ob es dann für dich mit Familie reichen würde.

Kommentar von lastgasp ,

fast 4000-4500€ im Jahr für Versicherungen

dieser Betrag gilt nur für Hebammen, die keine Geburtshilfe leisten. Sonst liegt der Beitrag aktuell bei € 6000,--, ab Januar 2016 sind es über € 7000...

http://www.ardmediathek.de/radio/L%C3%A4nderzeit-Deutschlandfunk/Freiberufliche-...

Antwort
von nowka20, 7

geld ist nicht alles, um einen beruf zu wählen, da dann die seele auf der strecke b leibt

Antwort
von eostre, 59

Als beleghebamme geht es.

Antwort
von daybreak, 64

Vor allem sieht die Zukunft als Hebamme (leider ) echt nicht gut aus :/
Verlagerung in Krankenhäuser, diese teure Versicherungspflicht usw

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