Leben als Jungendlicher in der DDR?

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4 Antworten

Ich habe meine Jugend in der DDR verbracht. Was wir gemacht haben? Musik gehört, jedes Wochenende auf Disko gefahren, auf die Dörfer. Mit Zug oder mit Motorrad. In unserer Clique hatten die meisten ein Motorrad. MZ 150 oder 250 oder dann die ETZ. Wir haben getanzt und geraucht und Alkohol in die Disko geschmuggelt. Wir sind zelten gefahren. 

In der Schule hatte man, ich weiß nicht mehr genau ab wann (8. Klasse, 9. Klasse?) wöchentlich abwechselnd ESP-Unterricht (Einführung in die sozialistische Produktion - Theorie und stinklangweilig) und PA-Unterricht (praktische Arbeit in einem Betrieb). Ich habe so in zwei Betrieben gearbeitet und fand es einfach nur furchtbar. Wir mussten in ersterem so Chassies herstellen, mussten bohren, feilen, schrauben - hab 'ne Menge Ausschuss produziert. Und dann in einem großen Textilverarbeitungskombinat, wo wir Klamotten auf Bügel (es gab welche, die trugen den Aufkleben C&A - na sowas) hängen mussten oder oh graus - Reisverschlüsse einnähen. Stundenlang. Horror. Ich habe seitdem eine starke Abneigung gegen das Nähen. In den Ferien habe ich zudem, sobald ich konnte, immer drei Wochen gearbeitet, z.B. in einem Kinderheim oder einer Gärtnerei, um mein Taschengeld aufzubessern.

Wenn jemand glaubt, dass Politik ein Thema war, war es nicht. Man hat in der Schule an FDJ-Veranstaltungen teilnehmen müssen und das abgerissen, musste am 1. Mai mitmarschieren (großes Gerangel, denn keiner wollte die Plakate tragen). Ich hatte eine schöne Kindheit und Jugend und das vor allem deswegen, weil ich keine Relation hatte. Und die ist enorm wichtig. Wenn man nur Grau kennt, dann ist Grau absolut in Ordnung. Bei uns gab es kein Westfernsehen, wir hatten keine Westverwandtschaft - also keine Relation. Heute bin ich natürlich schlauer, denn ich habe auch in Westdeutschland etliche Jahre gelebt und gearbeitet. 

Ich habe letztens ein autobiografisches Buch gelesen von einer chinesischen Frau, die in China aufgewachsen ist, ihre Jugend während der Kulturrevolution gelebt hat, dagegen war die DDR ein Paradies, und die sinngemäß schrieb: 'Ich habe die armen Menschen in Amerika bedauert, die dort leben mussten und die keinen Mao hatten." So sieht es aus, wenn man keine Relation hat. 

Liebe Grüße

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Kommentar von darkhouse
20.02.2016, 13:11

Tolle Worte.

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Kommentar von Norb008
23.02.2016, 04:46

Hallo
Wie heißt das Buch und die Autorin aus China ?
MFG

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Kommentar von HukkaShakka
23.02.2016, 13:37

Echt super geschrieben! Danke dafür!!:)

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Kommentar von tillfrag
24.02.2016, 22:10

Oh mein Gott! Bist hast du viel geschrieben

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Ich wurde im Krieg geboren und kam 1950 in die Schule, ich wohnte in Görlitz, einer Grenzstadt zu Polen. Damals gab es noch kaum Autos und wir konnten sogar auf der Fahrstrasse spielen. Wir waren oftmals bis zu 12 Kinder unserer Altersstufe. Es gab kaum Spielzeug, aber Langeweile kannten wir nicht. Ballspiele, Wettrennen, Verstecker spielen, Schlitten fahren, Eislaufen, Baden gehen, mit dem "Hula-Reifen" drehen und Kugeln spielen und auch Kreisel drehen oder "Hoppekästel" springen. Es war wunderschön. Wir Mädchen liebten unsere Puppen und kochten auf kleinen Herden mit Kerzen das "Essen". Wir strickten und nähten Puppenkleider, wenn wir irgendwoher Stoff- oder Wollereste bekamen. Wenn wir uns für 10 Pfennig eine Kugel Eis kaufen wollten , haben wir für ältere Leute die Kohlen in den Keller geschafft oder Schrott gesammelt. Ich glaube, das kannst Du Dir gar nicht richtig vorstellen. Gib mal Bescheid, was Du wissen möchtest, dann erzähle ich Dir mehr.

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Kommentar von Startrails
23.02.2016, 18:49
aber Langeweile kannten wir nicht.

Nimm mal nem Jugendlichen sein Smartphone weg und er kann dir ganz genau erzählen was Langeweile ist ;-)

Ich glaube, das kannst Du Dir gar nicht richtig vorstellen.

Völlig richtig - bei vielen Jugendlichen wo Smartphone, PC, Konsole, Facebook und Co. oberste Priorität haben, dürfte das tatsächlich kaum vorstellbar.

Schöne Antwort...

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Deine Frage ist zwar schon ein paar Tage her aber ich berichte dir gerne auch noch meine Erfahrungen. Ich hatte eine wunderbare Kindheit. Wir waren bei Wind und Wetter draußen spielen und ganz oft bei Oma auf den Bauernhof. Meine Familie ist jedes Jahr im Urlaub an der Ostsee gewesen. Es war immer toll. Auch meine Jugend war einfach super. Jedes We auf irgendeine Dorfdisco mit der ganzen Clique. War immer recht feuchtfröhlich. Mir hat es ehrlich gesagt an nix gefehlt. Auch der Zusammenhalt war bombe. Also wie du siehst es war nicht so schlecht bei uns.

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Mein Vater hat früher immer in der achten oder so mit seinen Freunden geraucht oder gesoffen...

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Kommentar von dangermann
01.03.2016, 21:09

das war aber nicht die Regel. Ich nehme an, dass Dein Vater ein Jahrgang ähnlich meiner Kinder war. Es wurde viel Wert auf vernünftiges Verhalten gelegt und ich bin überzeugt, dass es nicht so viele Auswüchse gab. Die Jugend hatte doch eine Perspektive und auch von den Behörden wurde darauf hingearbeitet, dass jeder junge Mensch eine Ausbildung erhielt. Verstehe mich bitte nicht falsch, ich war nie in der Partei und sehe die DDR auch nicht in rosarotem Licht. Aber ich finde, man sollte ehrlich aus dieser Zeit berichten. Ja, die Jugend hatte keine Reisefreiheit und nur wenige hätten das Geld für größere Reisen gehabt. Es gab Jugendliche, die glühend für den Sozialismus kämpften - die meisten aber liefen einfach mit, um keinen Repressalien ausgesetzt zu sein. Studienzulassung war eigentlich nur für Mitglieder der FDJ möglich. Für die Freizeitgestaltung gab es viele Möglichkeiten, aber alles lief natürlich unter der Leitung der FDJ.  

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