Frage von SilvaT2, 95

Kurze Frage zur Politik D?

Was bringt es, dass Deutschland jetzt sich um den angeblichen Genozit der Türkei an Armeniern diskutuert? Was hat es für einen Sinn?

Expertenantwort
von ArnoldBentheim, Community-Experte für Politik, 14

1. Es handelt sich nicht "um den angeblichen Genozit (!) der Türkei an Armeniern", sondern dieser Völkermord hat tatsächlich stattgefunden!

2. Deutschland setzt mit seiner Resolution ein Zeichen dafür,

  • dass es eine Mitschuld des Deutschen Kaiserreiches, des ehem. Verbündeten des Osmanischen Reiches, am Völkermord anerkennt, weil es nicht dagegen interveniert hat;
  • dass es seine Erfahrungen über den Umgang mit dunklen Seiten der eigenen Geschichte einbringen und die heutige Türkei ermutigen will, sich kritisch mit ihrer osmanisch-türkischen Vergangenheit auseinanderzusetzen;
  • dass es seine Hilfe anbietet, um die Türkei und die Armenier zu versöhnen!

3. Für Deutschland hat diese Vorgehensweise den Sinn, ein Signal zu setzen, dass es an seiner politischen Haltung im Umgang mit der eigenen Geschichte festhält, und zugleich, dass es sich aus politischen Opportunitätsgründen von keinem Despoten erpressen und von dieser ehrenhaften Haltung abbringen lässt.

4. Für die Türkei bzw. das türkische Volk hat diese Vorgehensweise den Sinn, sich darüber im Klaren zu werden, ob es die Hand, die Deutschland ihm reicht, annehmen und sich Europa wieder annähern, oder ob es die Hand abschlagen und sich einem geschichtsklitternden Diktator unterwerfen will. Denn nur, wenn sich das türkische Volk der Aufarbeitung auch der dunklen Seite seiner Geschichte stellt, wird es in Zukunft als Freund und angesehener Partner der Völker Europas und der NATO angesehen und akzeptiert werden.

Kurz: Die Resolution ist eine große Chance für die Türkei!

MfG

Arnold

Kommentar von Unsinkable2 ,

Naja, aber der Zeitpunkt ist schon bemerkenswert.

Der Völkermord fand ja nun wahrlich nicht gestern statt. Trotzdem wartete man so viele Jahrzehnte, um ausgerechnet jetzt, wo Erdogan der Merkel ans Bein pinkelt (was man vorher schon ahnen konnte), den Druck auf ihn zu erhöhen.

Beispielsweise war der Genozid und die Anerkennung desselben nie Thema im Kontext der Türkei-Assoziierung, etwa mit Blick auf die NATO. Da ist dem Westen doch auch egal, wie die Türkei dazu steht oder wie Deutschland darüber denkt.

Insgesamt hat es durchaus den Beigeschmack, dass sich da zwei kleine Kinder ums Schäufelchen streiten und sich dabei gegenseitig die Backformen auf den Kopf hauen.

Und da die Resolution, genauso, wie die 2015er Resolution, dass der Massenmord der Deutschen an den Herero ein Völkermord war, lediglich "warme Worte" und leere Worthülsen verteilt, hätte man genauso gut auch einen politisch besseren Zeitpunkt abpassen können.

Oder ist es die Absicht der CDU, der AfD weiteren Aufwind zu geben?

Für Deutschland hat diese Vorgehensweise den Sinn, ein Signal zu setzen, dass es an seiner politischen Haltung im Umgang mit der eigenen Geschichte festhält, und zugleich, dass es sich aus politischen Opportunitätsgründen von keinem Despoten erpressen und von dieser ehrenhaften Haltung abbringen lässt.

Leere Phrasen, ArnoldBentheim. Sie klingen toll, doch sie bewirken nichts. Denn nach 100 Jahren kann man sicher sein, dass auch die letzten Zeitzeugen tot und "Wiedergutmachung leider unmöglich" ist.

Wusstest du beispielsweise, dass die Bundesrepublik die IG Farben nur deshalb im Interesse der "Nachfolger-Konzerne" so lange weiter firmieren ließ und erst im Jahr 2012 klammheimlich "beerdigte", damit sie nicht mit - berechtigten! - Forderungen der Opfer konfrontiert werden konnte? Nach 60 Jahren konnte man einigermaßen sichergehen, dass es nicht mehr allzu viele Überlebende gibt, die noch Forderungen stellen können würden...

DAS wäre ein "Signal einer politischen Haltung" gewesen. 

Doch warme Worte kosten ja nix, nicht wahr?!

Kommentar von earnest ,

Bevor du hier einem User "leere Phrasen" vorwirfst, könntest du ja mal klar sagen, was du besser fändest: Wenn man sich in Sachen Völkermord an den Herero und Nama bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag bedeckt gehalten hätte? 

Wenn man auch jetzt den Mantel des Schweigens über den Völkermord an den Armeniern gebreitet hätte? 

Wenn man wie das offizielle Frankreich in Sachen Armenien ebenfalls engeknickt wäre?

Kommentar von ArnoldBentheim ,

Der Völkermord fand ja nun wahrlich nicht gestern statt. Trotzdem wartete man so viele Jahrzehnte, um ausgerechnet jetzt, wo Erdogan der Merkel ans Bein pinkelt (was man vorher schon ahnen konnte), den Druck auf ihn zu erhöhen.

In der Tat hat es die Türkei in 100 Jahren nicht geschafft, sich der Verantwortung aus der eigenen Geschichte zu stellen. Die Entwicklung der Türkei in den letzten Jahren und besonders in den letzten Monaten gibt Anlass zu großer Besorgnis. Insofern ist der Zeitpunkt völlig richtig gewählt, das türkische Volk zur Besinnung aufzurufen.

Beispielsweise war der Genozid und die Anerkennung desselben nie Thema im Kontext der Türkei-Assoziierung, etwa mit Blick auf die NATO. Da ist dem Westen doch auch egal, wie die Türkei dazu steht oder wie Deutschland darüber denkt.

"Der Westen" - das sind viele Länder und Völker. Jedes Land und jedes Volk ist für seine Haltung und seine Taten selbst verantwortlich. Was also die übrigen westlichen Länder und insbesondere die Türkei im Hinblick auf den Völkermord an den Armeniern tun oder unterlassen wollen, müssen sie selbst verantworten! Für uns Deutsche dürfen Länder, die diesen Völkermord unbeachtet lassen, keinesfalls Vorbild und Alibi sein, um denselben Fehler zu begehen.

Leere Phrasen, ArnoldBentheim. Sie klingen toll, doch sie bewirken nichts. Denn nach 100 Jahren kann man sicher sein, dass auch die letzten Zeitzeugen tot und "Wiedergutmachung leider unmöglich" ist.

Umso schlimmer, wie sich die Türkei bis heute verhält! Und obwohl sie keine materiellen Nachteile mehr zu befürchten hat, entzieht sie sich ihrer historischen Verantwortung, diesen Völkermord wenigstens wissenschaftlich und politisch aufzuarbeiten, um den hohen Preis, in absehbarer Zeit mit dem armenischen Volk zu keinem guten nachbarschaftlichen Verhältnis kommen zu können und sich durch extremnationalistische Überheblichkeiten in der Region und der demokratischen Welt äußerst unbeliebt zu machen. Statt zu einem Stabilitätsfaktor mutiert die Türkei mehr und mehr zu einem bedenklichen Unrechts- und Unsicherheitsfaktor.

Du solltest dir in Zukunft gut überlegen, ob es sich lohnt, dass du dich auf die Seite eines Staates wie der Türkei mit einer so bedenklichen politischen Entwicklung stellen willst. Die direkte oder auch indirekte Rechtfertigung von Völkermord ist nämlich moralisch viel bedenklicher als die Wiedergabe angeblich "leerer Phrasen"!

Antwort
von voayager, 41

Das damalige Deutsche Reich hat den Genozid an den Armeniern mit unterstützt, der jetzige Rechtsnachfolger muß sich seiner Verantwortung stellen, so einfach ist das.

Kommentar von martinzuhause ,

das hat deutschland schon immer gemacht, das sich dazu bekennen.

nur die nachfahren der täter wollten nichts von ihren und den morgen ihres staatsgründers wissen.

Kommentar von voayager ,

nein, bis jetzt hat Deutschland den Völkermord an den Armeniern noch nicht als solchen offiziell genannt

Antwort
von LienusMan, 41

Es geht, wenn überhaupt, nur indirekt um die Türkei.

Es geht in der Resolution darum, dass sich die Bundesrepublik, als Nachfolger des Deutschen Reiches, für die Teilnahme an dem Massaker/Genozid in Armenien entschuldigt.

Nun werden die Ereignisse in der Resolution als Völkermord bezeichnet. Und daran stößt sich die Türkei, als Nachfolger des Osmanischen Reiches.

Antwort
von soissesPDF, 35

Weil es kein angeblicher Völkermord gewesen ist, es ist einer gewesen.
Der Beschluß war überfällig.

Warum jetzt?
Weil Erdogan sich schlicht daneben benimmt.
Wird ihm nicht aufgezeigt wo die Grenzen liegen, könnte er demnächst mit den Syrern das gleiche anstellen wie mit den Armeniern.

Wenn er unbedingt Sultan von Istanbul werden will mag das sein Ding sein, nur gehört dann die Türkei genau nicht zu Europa.

Antwort
von 35turk35, 21

Wieso berichtet niemand über die Polizeigewalt in Frankreich oder Belgien? Meiner Meinung nach wurde das Thema aufgegriffen um vor den Ereignissen in Frankreich, Polen, Belgien etc abzulenken.

Kommentar von earnest ,

Dein Nick scheint darauf hinzuweisen, dass DU hier ablenken möchtest. 

Es ist Unfug, zu behaupten, über die Polizeigewalt in Belgien und Frankreich berichtete "niemand".

Und was hat das eine Thema mit dem anderen zu tun?

Kommentar von 35turk35 ,

Die Türkei stellt seit Jahren die Archive zur Verfügung. Warum aber Armenien nicht? Es sind viele Menschen auf beiden Seiten gestorben. Israel begeht ja auch kein Völkermord an den palästinansern. Auch dort sterben viele Menschen.

Kommentar von earnest ,

Allein die türkischen Archive reichen, um den Völkermord zu konstatieren. 

Über die armenischen Archive weiß ich nicht Bescheid, aber ich habe in Eriwan eine Ausstellung mit reichlich Dokumenten, insbesondere auch Fotodokumenten geseheh.

Die Aussage war eindeutig: Völkermord.

Deine Aussage, insbesondere der Versuch eine Analogie Israel-Palästina, ist reine Ablenkung.

Antwort
von martinzuhause, 33

es hat den sinn das man einen genozid auch so nennen sollte. und die türkei ist nun mal der rechtsnachfolger der mörder.

auch wenn die das anders sehen.

Antwort
von earnest, 5

Das war kein angeblicher Genozid.

Allein um das klarzustellen - auch, damit das in DEINEN Kopf kommt - ist das eine sinnvolle Diskussion.

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