Frage von hambuurg3313, 21

Kosovo: Warum kein Gebietstausch?

Warum hat es während des Kosovo-Konflikts keinen Gebietstausch gegeben? Damit meine ich, dass das Nordkosovo und Nord-Mitrovica an Serbien gehen könnte und im Gegenzug das unabhängige Kosovo Preševo bekommt.

Antwort
von Maxieu, 12

Es gab auf beiden Seiten Dogmatiker:

Die Serben beharrten und beharren zum Teil bis heute darauf, dass der ganze Kosovo  trotz der albanischen Bevölkerungsmehrheit traditionell serbisches Gebiet sei und deshalb als Teil der serbischen Republik zu Rest-Jugoslawien bzw. - jetzt - zu Serbien gehören müsse.

Die Westmächte mit Deutschland an der Spitze (aber mit bezeichnenden Ausnahmen: z. B. Spanien  und Griechenland) bestehen auf den in Europa einmal gezogenen Grenzen - egal, wie willkürlich die entstanden sein mögen.
Dabei haben sie keinen Unterschied gemacht zwischen Grenzen international
bereits anerkannter Staaten und den Staaten, die als Nachfolgestaaten aus den zerfallen(d)en Bundesstaaten Mittel-, Südost- und Osteuropas hervorgegangen sind.

Besonders die deutsche Diplomatie hat sich dabei hervorgetan und die anderen westlichen Mächte unter Zugzwang gesetzt - nicht ohne sich in argumentative Widersprüche zu verwickeln:
Was bei den Kroaten, Bosniaken, Slowenen etc. massivst unterstützt wurde
und  damit auf die Zerschlagung Jugoslawiens in den bis dahin bestehenden Grenzen hinauslief, nämlich das Ausscheiden aus dem bisherigen Republiken-Verbund,  wurde den Serben Kroatiens und Bosniens mit dem Argument verwehrt, bestehende Grenzen dürften nicht angetastet werden.

Im Fall des Kosovo wurde die Sache noch einmal komplizierter, da der Kosovo
im alten Jugoslawien zwar zu verschiedenen Zeiten einen Autonomie-Status (oder eben nicht) innerhalb der serbischen Teilrepublik besaß, aber nie eine eigenständige Teilrepublik in der Bundesrepublik Jugoslawien war.
Mit Rücksicht auf diesen formalen staatsrechtlichen Befund hat der Westen zunächst auch nicht die vollständige Unabhängigkeit des Kosovo propagieren können und insoweit mit den führenden serbischen Politikern und auch der serbischen Rest- Bevölkerung des Kosovo vorübergehend noch einen gemeinsamen formalen Nenner gehabt.

Es war aber von vornherein klar, dass diese Position angesichts der demographischen Verhältnisse im Kosovo, die sich unter der Herrschaft der Albaner weiter zuungunsten der serbischen Minderheit entwickelt haben (die Hälfte ist als Resultat einer schleichenden ethnischen Säuberung abgewandert), nicht lange gehalten werden könnte.
Der Westen ist mehr oder weniger zu einer staatlichen Anerkennung des Kosovo übergegangen (und ist damit unter dem Eindruck des Faktischen von
seinem staatsrechtlichen Dogma abgewichen).
Die Serben des Kosovo, die sich jetzt ja praktisch im Norden konzentrieren,
wollen zu Serbien gehören (was einen serbischen Verzicht auf den allergrößten Teil des Kosovo impliziert). Die Serben der anderen Republiken
(und zuallererst Serbiens selbst) würden den Verzicht auf über 90% des Kosovo nur akzeptieren, wenn auch den Serben der anderen ehemals jugoslawischen Republiken der Anschluss an Serbien erlaubt würde. Realistisch und praktikabel wäre das jetzt wohl nur noch für die bosnische Republika Srpska.

Dagegen wenden sich nun wieder die Westmächte mit dem hier erneut geltend gemachten Argument der Unantastbarkeit der bestehenden Grenzen.
M. E. ein Wahnsinn, der Menschen in einen Staat zwingt, zu dem sie nicht gehören wollen und außerdem ungerecht in dem Sinne, dass  zuungunsten der Serben mit zweierlei Maß gemessen wird - ganz abgesehen davon, dass im Kosovo unter Duldung oder gar stillschweigender Billigung der NATO ausgemachte Verbrecher die politische Macht übernehmen konnten.

Es gibt in diesem ganzen Zusammenhang noch ein paar andere Probleme, auf die ich wegen Ermüdung nicht mehr eingehen kann, z. B. als überschaubares das der serbisch-orthodoxen Klöster im Kosovo, als größeres aber auch die Rolle der Türkei als Erbin des Osmanischen Reiches auf dem Balkan, insbesondere die strategische türkisch-griechische Feindschaft und die Parteinahme der USA und Großbritanniens in diesem Konflikt.

Und natürlich stände bei einer territorialen Neuordnung an einem Punkt (und sei er auch so klein wie der in deiner Frage angesprochene) für viele Menschen dieser Region nicht nur der Zusammenschluss der Serben in einem vergrößerten Serbien auf der Tagesordnung, sondern auch der Zusammenschluss aller Albaner in einem Groß-Albanien, was Griechen und vor allem die slawischen Makedonier sehr ungern sähen.

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