Frage von Mangoherz, 111

Konvertierte Jude/in gesellschaftlich nicht anerkannt bei gebürtigen Juden?

Dies hat mir mal mein Heräsichlehrer erzählt und für mich klingt es logisch, da die Juden ja in der Geschichte oft verfolgt, gedemütigt und "ausgerottet" wurden und daher nicht jeden das Privileg zuschreiben, sich Jude nennen zu dürfen. Bzw vielleicht sind sie auch misstrauisch, ob der Konvertit es wirklich ernst meint. Aber trotzdem finde ich es schade. Wenn ein Mensch sich aus freiem Willen und Interesse dafür entscheidet, zu konvertieren, wofür er ja auch "Prüfungen" ablegt und dann in Israel oder von gebürtigen Juden trotzdem nicht als Jude gesehen wird, finde ich das schade..

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von Awngr, 41

Das kannst du in etwa vergleichen mit Einbürgerungen: auch wenn man sich in einem Land einbürgern lässt, nachdem man ein paar Jahre dort gelebt hat, stammt man doch aus einer anderen Kultur, aus einem anderen Sprachraum... Ist ein Chinese, der gebrochen Deutsch spricht aber in Deutschland eingebürgert wurde ein Deutscher? Natürlich, er hat einen deutschen Pass... aber andererseits erwartet man von Deutschen implizit auch, dass sie fliessend deutsch sprechen, etc... und wenn das nicht gegeben ist, dann fragt man sich: Wie kommt das? Ah, du bist ursprünglich aus China und hast dich in Deutschland einbürgern lassen... Also siehst du nicht so aus und sprichst nicht so wie die grosse Mehrheit der Deutschen, trotzdem bist du Deutscher.

Mit Leuten, die zum Judentum übertreten, ist es ähnlich: sie kommen aus einer anderen Kultur, aus einer anderen Religion, und oft merkt man ihnen das an, dass sie das, was zum Judentum gehört, erst später im Leben erworben haben.

Einerseits bringen insbesondere sehr orthodoxe Juden Menschen, die zum Judentum übertreten und sich freiwillig bereit erklären, die Gebote des Judentums zu halten, einen grossen Respekt entgegen. Andererseits sind sie manchmal amüsiert oder befremdet über ihre Andersartigkeit, die von ihrem anderen kulturellen Hintergrund stammt...

Streng orthodoxe Juden anerkennen einen Übertritt nur, wenn der Übergetretene wirklich alle Gebote nach bestem Wissen und Gewissen einhält. d.h. laut orthodoxer Auffassung kann man nicht sagen "Ich trete zum nicht-orthodoxen Judentum über". Das entspricht auch der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz: ein Übertritt ist nur gültig, wenn der Mensch wirklich alle GEbote des Judentums einhalten will. Das verletzt natürlich all jene, die nicht-orthodox übertreten wollen oder übertreten wollen, aber nicht orthodox sein wollen.

Die nicht-orthodoxen Juden sind von den orthoxen Übergetretenen manchmal etwas genervt, genauso wie sie auch sonst von Orthodoxen auch genervt sind, aber da kommt noch der Faktor dazu: vor ein paar Jahren hast du noch gar nichts gewusst, und jetzt willst du mir erzählen was Judentum ist?

Es ist also ein interessantes Spannungsfeld.

Grundsätzlich gibt es zuallererst persönliche Sympathien und Antipathien gegenüber einzelnen Menschen.

Kommentar von Mangoherz ,

Danke, das ist eine sehr gute Antwort! 

Expertenantwort
von Enzylexikon, Community-Experte für Religion, 61

Das ist eine Frage, mit welchen Menschen man es zu tun hat.

Es gibt Menschen jüdischen Glaubens, für die ein Gijur (Konversion) kein Problem ist und es gibt Juden, die diese Praxis rundheraus ablehnen.

Man darf nicht vergessen, dass es liberale, reformierte, orthodoxe und ultra-orthodoxe Juden unterschiedlichster Ausrichtungen gibt.

Außerdem hat natürlich jeder Mensch auch noch seinen eigenen Kopf.

Ich würde also nicht sagen, dass Konversion im Judentum pauschal nicht akzeptiert wird, aber es ist schwierig und die Akzeptanz letztlich eine Frage des jeweiligen Umfelds.

Nach traditioneller Vorstellung ist man Jude durch Geburt (jüdische Mutter), Halbjude (jüdischer Vater), oder eben Nichtjude. Ein Gijur fällt aus diesem Muster.

Kommentar von muhamedba ,

Du bist laut Judentum nur ein Jude, wenn deine Mutter eine Jüdin ist. Das gibt es überhaupt keine Diskussion darüber. Die Juden, die das anders sehen, sind so viel Jude wie die Muslime in Deutschland, die ins Casino gehen und Bier trinken. Es gibt in letzter Zeit das Problem, das farbige Juden (Mutter Jüdin - Vater Afrikaner) nicht als Juden akzeptiert werden. Im Talmud steht noch mehr aber dazu kann ich nichts sagen, da ich einen Monat lang keine Angaben (Zitate) daraus hier posten kann.

Wirklich schön umschrieben aber so kommt niemand weiter ;)

Kommentar von Enzylexikon ,

Wirklich schön umschrieben aber so kommt niemand weiter ;)

Doch sicher, es ging ja schließlich darum, warum konvertierte gojim nicht akzeptiert werden.

Meine Antwort lautete; Es gibt auch liberale Juden, die eine Gijur durchaus akzeptieren, genau so wie es weniger tolerante Juden gibt.

Die Aussagen zur Abstammung mütterlicherseits habe ich ja ebenfalls aufgeführt-

Und wenn Muslime meinen, ihre Religion in einer liberalen Form zu praktizieren, dann begrüße ich das übrigens außerordentlich - ganz egal was ihr Imam, Hoca, oder wer auch immer davon hält. ;-)

Kommentar von Lorimara ,

Die "Zitate" aus dem Talmud interessieren mich ja rasend. Noch "rasender" setllt sich mir die Frage, wieso DU DIE hier nicht poesten kannst?

Antwort
von Lazybear, 31

Ein jude zu sein bedeutet, dass deine Vorfahren jüdisch waren, und ihre usw. Bis zurück zu abraham, irgendwie sind andere juden für einen juden wie ganz ganz weit entfernte verwandte, ein konvertit ist höchstens ein gleichgesinnter! Je nach dem wie stark ein jude das mit den vorfahren ernst nimmt, wird er das konvertieren sehen! Also so sehe ich das! Ich hab zwar wenig übrig für die bräuche meiner vorfahren, aber diese verbindung spielt für mich doch eine rolle! Lg

Antwort
von quopiam, 49

Das Judentum ist keine missionarische Religion. Überdies ist die jüdische Praxis - ernst genommen - im Alltag von viele Ge- und Verboten geprägt, die nicht jeder auf sich zu nehmen bereit ist. Daher ist gewisse Sekpsis aus jüdischer Sicht wohl angebracht. Wenn ich mich richtig erinnere lehrt der Talmud, daß ein Mann erst in der dritten Generation ein "richtiger" Jude sein wird, also der Enkel eines Konvertiten. Faktisch ist jeder Mensch ein Jude, der eine jüdische Mutter hat, wie Mangoherz gesagt hat. Aber die gesellschaftliche Anerkennung ist noch einmal eine andere Hausnummer. Gruß, q.

Antwort
von Giustolisi, 30

Dies hat mir mal mein Heräsichlehrer erzählt und für mich klingt es logisch, da die Juden ja in der Geschichte oft verfolgt, gedemütigt und "ausgerottet" wurden und daher nicht jeden das Privileg zuschreiben, sich Jude nennen zu dürfen. 
Von denen die verfolgt wurden, leben aber nur noch sehr wenige. Der Rest wurde wie die Konvertiten größtenteils nie selbst verfolgt.

Wenn ein Mensch sich aus freiem Willen und Interesse dafür entscheidet, zu konvertieren, wofür er ja auch "Prüfungen" ablegt und dann in Israel oder von gebürtigen Juden trotzdem nicht als Jude gesehen wird, finde ich das schade..

Engstirnigkeit gibt es leider überall auf der Welt.

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