Frage von CrimeApe, 69

Konnten sich die Menschen aus Ost und West sofort leiden oder hat das eine Zeit gedauert?

Mauerfall-alles schon eine Weile her, aber vielleicht weiß es ja noch jemand.Gabs da Probleme zwischen den Menschen oder waren alle happy?Hatten die aus dem Westen Angst?

Antwort
von Spielwiesen, 24

Tolle Frage!

Also ich stamme aus der direkten Nähe der Zonengrenze in Nordhessen, und unsere Gegend hat immer unter dieser Situation gelitten, ich musste - um in meinem Beruf arbeiten zu können - weit weggehen, die Industrie war schwach ausgeprägt.

Aaaaber: als die Zeit der Wende kam, wirkte das wie elektrisierend.

Ich lebte zu der Zeit in Stuttgart, Baden-Württemberg, das keinen direkten Kontakt zur Zonengrenze hatte. Dort war die Grenzöffnung ganz abstrakt, viele interessierte es nicht weiter.  Also 1989 raste ich jeden Abend nach Hause und schaltete die Tagesschau ein (Internet war damals noch ein fast unbekannt, Mobiltel. gabs noch nicht), um zu schauen, was an der Grenze passiert war. Von meiner Mutter bekam ich übers Telefon aktuelle Berichte über Trabikolonnen und dass wildfremde Menschen herzlich begrüßt wurden, alte Bekannte plötzlich auftauchten und sich in den Armen lagen. 

Am beeindruckendsten für mich war der 24. Dezember 1989 (in Nordhessen), ein historischer Tag - denn da konnten wir aus dem Westen zum ersten mal (ohne die früher notwendigen Papiere, wie Pass und Visum) über die Grenze ins Eichsfeld - und sahen die Menschen an den Straßen aufgereiht zur Begrüßung, die deutschen Fahnen mit Loch (=herausgeschnittenes Hammer-und-Sichel-Symbol) in den Fenstern und auf Plätzen Musikkapellen. Wenn man anhielt und ausstieg, wurden Glühwein und Bratwurst zur Begrüßung gereicht (das Eichsfeld ist berühmt für seine legendären Wurstwaren, das ist immer ihre Stärke gewesen, auch zu DDR-Zeiten).
Wildfremde Leute strahlten einander an, umarmten sich auch, es war eine unendliche Freude auf beiden Seiten, viele spontane Tränen flossen, und es überwog das Gefühl, etwas Unfassbares, Schönes erlebt zu haben.

Mein Bericht stammt direkt aus der Zeit bis Ende 1989 - die weitere Geschichte, als alles sich relativierte und der alltägliche Hickhack begann, ist überall nachzulesen.  

Antwort
von Malavatica, 21

Die waren nur ganz am Anfang happy. 

Dann kamen die Probleme. Es gab zum Beispiel Begrüsungsgeld für Ossis, ich benutze das Wort jetzt mal. Das wurde von vielen mehrfach kassiert. Dazu standen die die ganze Straße Schlange dafür. Wann wolltest du selbst mal zur Bank, war das eine sehr lange Wartezeit. 

Die haben Aldi leergekauft. So kam es uns vor. Die haben fast Palettenweise Milch und solche Sachen rausgetragen. Wir bekamen dann kaum noch was ab. Die haben mit ihren Trabbis die Straßen verpestet, von Autofahren hatten die auch keine Ahnung. Da musste man aufpassen, nicht angefahren zu werden. 

Dann wollten die alles geschenkt. Beispiel Markenhosen. Ihr habt doch alles, bekam man dann zu hören. Nur dass unsereins das Geld dafür auch erstmal verdienen musste. Die haben die Wertigkeit nicht verstanden. 

Dann kam der Aufbau Ost. Der Solidaritätszuschlag. Der Westen sollte zahlen, bei uns wurde nichts mehr gemacht, Thema Strassenbau und Infrastruktur. Das hat zu Unmut geführt. Damit kam dann das Mauerdenken auf: ihr Ossis / ihr Wessis 

Jammerossi und Besserwessi waren häufige Wörter. 

Die im Osten waren nur am jammern. Die im Westen wussten angeblich alles besser und waren arrogant. 

Ich habe jetzt vielleicht manches übertrieben. Aber Fakt ist: Nein, sie konnten sich nicht sofort alle leiden. Es gab zu viele Unterschiede seit der Teilung Deutschlands. Und die Mauer im Kopf gab es noch sehr lange. 

Ich persönlich habe heute kein Problem mit Ossis. Ich mache da keine Unterschiede. Aber es gibt vereinzelt noch Leute, die danach unterscheiden. Und vielleicht ein bisschen Ostalgiker sind, oder umgekehrt. 

Antwort
von Spielwiesen, 6

Angesichts der bisherigen Antworten fühle ich mich 'getrieben', noch ein paar Takte beizutragen. 
Ich bin froh, Freunde zu kennen, die mir bisher schon viele Ziele nähergebracht haben, die ich von allein nie aufgesucht hätte. In der ehemaligen DDR befinden sich an so vielen Orten Spuren der Geschichte, die ganz Deutschland als Land der Dichter und Denker berühmt gemacht haben. 

Es wäre so wichtig, sie mal besucht und sich dafür interessiert zu haben, um sich ein Bild zu machen und Land und Leute besser einordnen zu können. 

Wenn man mal an diesen Originalstätten deutscher Geschichte war und in wundervoll restaurierten Gebäuden Führungen miterlebt hat, wo einem erstmal die wahre Dimension der kulturhistorischen Bedeutung aufgeht, kann man Deutsche aus dem Westen mit ihrem oft großartigen Gebaren, aber ohne wirkliche Ahnung, nur schräg von der Seite ansehen. 

Je nach Bildungsstand hatten und haben sie noch immer Angst vor etwas, das ihnen fremd war und mangels Bereitwilligkeit, sich zu öffnen, immer noch fremd ist. So war es und so ist es weiterhin. Arme Menschen! Was denen entgeht!!!

Antwort
von Parnassus, 19

Halbwegs intelligente Menschen verfügen über eine gewisse Geschichtliche Kenntnis und eventuell auch genügend Empathie den Dingen aufgeschlossen ins Auge zu blicken.

Leider gibt es viele welche sich ihre Meinung aus Vorurteilen,Verallgemeinerungen, und Unwissenheit begründen. Da nehmen sich Ost und West nichts.

Ich dachte eigentlich das wir mittlerweile ein Deutschland sind und den ganzen Affentanz hinter uns gelassen haben...

Antwort
von Huckebein3, 18


Hatten die aus dem Westen Angst?

Sie hatten ebensowenig und soviel "Angst" wie die aus dem Osten vor den Menschen aus dem Westen. Ich würde, was du für Angst hältst, eher als "Neugierde" bezeichnen...

Dass wir aufgrund unserer unterschiedlichen Sozialisierung etc. unterschiedlich ticken, mehr oder weniger, war allen klar. Und dass wir irgendwie miteinander auskommen müssen - auch.

Dass sich die Unterschiede so gravierend bemerkbar machen würden, hat keiner vorhergesehen, weil man wohl zu sehr darauf gehofft hat, dass der ganze Osten sich jetzt in Lobeshymnen zu ergehen hat. Dabei tut das nur der halbe Osten, wenn überhaupt.:)

Im Verlaufe des Zusammenlebens haben sich einige Einsichten ergeben, die die Euphorie der "Wiedervereinigung" auf ein weitaus geringeres Maß reduziert haben, als das kurz nach 1990 den Anschein hatte.

Trotzdem! Ich persönlich habe nach der Wende nicht wenige Leute aus dem Westen kennengelernt, an die ich mich gerne erinnere, mit einigen sogar noch freundschaftlichen Kontakt habe.
Dazu gehört  zu allererst der gute Wille und die Einsicht, dass für ein normales Zusammenleben Akzeptanz und auch ein Mindestmaß an Bildung notwendig sind, was das Kennenlernen der anderen Seite mit all ihren Befindlichkeiten leichter macht.

Das war sehr allgemein gehalten. Ginge man ins Detail, würden sich sicherlich wieder die unerquicklichen Streitereien ergeben, von denen GF leider voll ist ...

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt...:)

Antwort
von Mojoi, 32

Die können sich heute noch nicht leiden.

Und ich fürchte, das hat sich inzwischen zementiert und wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Kommentar von Malavatica ,

Das sehe ich nicht so. Das sind Einzelne. 

Kommentar von Mojoi ,

Mit jedem Einzelnen, der das nicht so sieht wie ich, keimt ein Stückchen neue Hoffnung in mir auf.

Antwort
von Netie, 25

Am Anfang haben sich alle gefreut.

Doch die Freude schwand je mehr Geld man in den Osten steckten musste.

Kommentar von Huckebein3 ,

Siehst du, das ist schon solch ein Streitpunkt, wie in meiner Antwort angedeutet:

...je mehr Geld man in den Osten steckten musste.

...nachdem man den gesamten Osten zu "eigenem Nutz und Frommen" völlig deindustrialisiert hat...

Antwort
von CamelWolf, 24

Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die Menschen in Ost und West vor dem Mauerfall gefühlsmäßig näher waren.

Kommentar von H96Bingo ,

....weil eine Mauer dazwischen war.^^

Antwort
von lupoklick, 16

Wir sind EIN Volk.... Wen intersssiert es, ob ich als Norddeutscher irgendeinen Hessen leiden kann oder einen Sachsen ???

Un Deiner Welt beschnuppert man sich wohl erst am Hintern ????

Kommentar von CrimeApe ,

Du bist aber schlecht drauf.Morgen solls auch schön werden.

Kommentar von lupoklick ,

Die Frage klingt verdammt nach Tieren !

Antwort
von kubamax, 19

Ja, Westler hatten Angst, wenn so eine Pappe um die Ecke kam.

Kommentar von Malavatica ,

Ich hätte Angst gehabt, mich da reinzusetzen. Fällt man da nicht raus? :)

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