Frage von truthorlie00, 125

Konnten die Menschen in Deutschland Ende der 1920er Jahre und Anfang der 1930er Jahre wissen, was ihnen mit der Wahl von Hitler und der NSDAP blühte?

Weil mich das Thema gerade sehr interessiert, hier eine Frage in die Runde. Konnten die Menschen in Deutschland Ende der 1920er Jahre und Anfang der 1930er Jahren wissen was ihnen mit der Wahl von Hitler und der NSDAP blühte? Konnte man als Otto-Normalbürger die Gefahren schon vorher erkennen? Oder war es, aufgrund des nicht vorhanden Internets und des damaligen Mediensystems unmöglich, sich eine differenzierte Meinung zu bilden?

Bitte beantwortet mir meine Frage nicht nur mit einem einfachen Ja oder Nein, sondern führt eure Gedanken und Meinungen zu dem Thema ausführlich und detailreich aus. Ich möchte verstehen, wie es damals dazu gekommen war und welche Mechanismen dazu führten.

Antwort
von Rocker73, 74
Man sollte es differenzierter betrachten.

Ganz einfach deshalb weil man sich in die Lage hineinversetzen muss in der Weimarer Republik zu leben. Keine funktionierende Regierung, Inflation, Straßenkämpfe, Scham aufgrund des verlorenen Krieges und dann kommt so ein gescheiterter Künstler und erzählt den Menschen das was sie hören wollen und kennt dann auch noch die Sündenböcke!

Was ich damit sagen will ist, dass zwar viele Menschen wussten worauf das hinausging (Es gab einen politichen Diskussionsbericht von ca. 1925 indem der Autor Hitler als barbarisch bezeichnete) doch es gilt: Erst kommt das fressen, dann die Moral! So auch hierbei.

Deswegen muss man sich mit der Zeit auseinandersetzen, mit dem Zustand der Erde, auf dem diese bösartigen Samen gewachsen sind.

LG

Kommentar von Rocker73 ,

Wichtiger Hinweis: Mit dieser Antwort will ich in keinster Weise die Machtergreifung der Nazis verharmlosen oder verschönigen! Ich möchte zum Nachdenken anregen!

Kommentar von AntwortMarkus ,

Das habe ich auch so verstanden. Die AFD  ist gerade dabei, die Geschichte zu wiederholen.  Und wieder kommt erst das Fressen. ....

Kommentar von MaxNoir ,

Du hast schon recht. Leider schützt Unwissenheit nicht vor Strafe bzw. Schuld.

Es gab das Buch mein Kampf, dort standen Hitlers Pläne genau drin. Das ganze Ausland wusste, was er für ein Spinner war, nur die Deutschen selbst waren komplett verblendet.

Sicherlich, es gibt objektive, nachvollziehbare Gründe warum ein Deutscher es nicht wusste/nicht wissen wollte, aber trotzdem, man hätte es wissen können und gemessen an der Tragweite der ersten Entscheidungen (Abschaffung der Demokratie, Austritt aus dem Völkerbund, Vergrößerung des Militärs) was alles Brüche des Versailler Vertrags waren, hätte man es auch wissen wollen müssen.

Kommentar von truthorlie00 ,

Vielen Dank für deine hilfreiche Antwort. Mich beschäftigt dieses Thema schon eine ganze Weile, besonders heute habe ich es mir aufgrund der Wahl zum Präsidenten in Österreich wieder in das Gedächtnis gerufen. Mir scheint, in großen Teilen der Bevölkerung herrscht ein großer Geschichtsrevisionismus, als wären die Erinnerungen wie weggeblasen. 

Kannst du eine Dokumentation oder ein Buch empfehlen, das sich damit beschäftigt, wie die Menschen in der damaligen Zeit über Juden, Hitler, den Rechtsruck dachten und welche Rolle spielte Bildung und die Medien?

Kommentar von strol ,

Ich will jetzt hier nicht direkt Werbung machen und kann dir auch keine konkreten Filmnamen oder Sendezeiten sagen, aber n-tv und n24 sind voll von dem Zeug mit Deutschland während dem 1. Weltkrieg, Weimarer Republik, 1933-1945 usw.

Kommentar von Rocker73 ,

Stimmt sogar, hab viel übr die Weimarer Republik bei NTV dazu gelernt!

Kommentar von truthorlie00 ,

Diese Dokus sind in meinen Augen, milde ausgedrückt, sehr reißerisch und kratzen meist an der Oberfläche. 

Kommentar von strol ,

Natürlich kratzen diese nur an der Oberfläche. Um sich mit dieser Thematik wirklich richtig tiefgründig auseinandersetzen zu können muss man entweder Geschichte studieren oder sich durch zig tausend Doktorarbeiten von Geschichtsprofessoren durchlesen.

Ich glaube viel tiefgründiger wird es da nichts geben. Eventuell Einzelfälle wie "Das Tagebuch der Sophie Scholl", aber das Ganze in voller Tiefe ist einfach viel zu viel Inhalt.

Antwort
von lesterb42, 11

Die Deutschen im Jahr 1931 hatten ihre liebe Mühe sich und ihre Angehörigen am Leben zu halten. Gegen die damalige Versorgung der Arbeitslosen ist das Hartz4 von heute das Paradies. Da hatte fast niemand die Musse ein Buch wie Mein Kampf zu lesen(Auflage bis 1933: 287.000).
Das "hätte wissen müssen" geht an der Lebenswirklichkeit der Leute in der Zeit vorbei. Warscheinlich hätten wir im Jahr 2016 auch wissen müssen, dass das Grönlandeis schmilzt und Hamburg absäuft und man die Hafencity nicht hätte bauen dürfen und und und.

Es sind heute nur sehr wenige politisch aktiv. Das war früher auch nicht anders. Die die aktiv waren waren laut und fanden auch Beachtung. Das gilt aber nur für einen kleinen Teil.

Expertenantwort
von Unsinkable2, Community-Experte für Politik, 21
Ja es war möglich.

Ja, und daran gab es nicht den geringsten Zweifel.

Hitlers "Mein Kampf" war damals ein sehr beliebtes Buch, das von Hunderttausenden Menschen - insbesondere in den "Bildungs-Schichten" - gelesen wurde. Insgesamt wurde das Buch bis 1933 knapp eine Million Mal verkauft. Im Jahr 1939 war es schon 5,5 Millionen Mal über die Theke gewandert. Und im Jahr 1944 gab es bereits 11 Millionen verkaufte Exemplare.

Und mein Großvater erzählte mir, dass es von Freund zu Freund, von Bekanntem zu Bekanntem weitergegeben wurde; und dass es sogar "gemeinsame Lesungen" gab, man sich also im Freundes- und Bekanntenkreis zusammensetzte und aus dem Buch vorlas; wie aus der Bibel.

Darin waren ALLE Anzeichen enthalten: Rassentheorie, Weltjudentum, Bolschewismus, Sozialdarwinismus, Lebensraum im Osten, ... Man musste all das schon bewusst ignorieren, wenn man den Machtzuwachs Hitlers und seine Ansichten, die er im Buch darlegte, zu trennen versuchte. 

ALLERSPÄTESTENS jedoch ab 1933 war es endgültig klar und wirklich für jeden offensichtlich: Revisionistische Außenpolitik, massive Rüstungspolitik, "anti-jüdische"* Innen- und Außenpolitik ...  

*"Anti-jüdisch" steht in Anführungszeichen, weil Hitler einen Bogen über die "echten Juden" und die "Russen", die er als "bolschewistische Juden" bezeichnete, schlug; es war also nicht nur reiner "Antisemitismus", sondern ein billiges Konstrukt, das einen Rechtfertigungsgrund für einen "Ost-Krieg" liefern sollte. 

Hitler faselte davon nicht nur in seinem Buch und seinen Reden. Er meinte es wirklich absolut Ernst. Und er machte auch in der "praktischen Politik" keine Abstriche davon.

Zwar erwähnte er nie direkt einen "Krieg"; aber das Buch Hitlers und das Programm der NSDAP wiesen auf die deutschen Ostsiedlungen und einen "neuen Germanenzug nach Osten" hin. Wollte man also nicht mit Freundschaftsgeschenken kommen, blieb wohl nur eine Option für diesen "Germanenzug"...

Wozu betreibt man sowas? Wozu fordert man "alte Gebiete" zurück? Wozu rüstet man massiv auf? Wozu erklärt man andere Menschen zu "Untermenschen"? Wozu erklärt man sich selbst zur "auserkorenen Herrenrasse"?

Konnte man als Otto-Normalbürger die Gefahren schon vorher erkennen? 

Können konnte man es ohne den geringsten Zweifel. Das revisionistische Weltbild, der offen zur Schau getragene Hass auf das "Weltjudentum" und den "Bolschewismus", die repetitiven Rekursionen von "Herrenrasse", "Volk ohne Raum" und "Germanenzug nach Osten", ... all das war von Anfang an unüberhörbar und unübersehbar. 

Die Nazis waren ja nicht "über Nacht" aufgetaucht und eines Morgens plötzlich an der Macht. Sie brauchten mehr als ein ganzes Jahrzehnt Anlauf, in dem sie ihre Propaganda bis ins letzte Dorf verbreiteten.

Es mag sein, dass "der dumme und naive Pöbel" sich darüber nicht vollumfänglich im Klaren war. (Bis heute gibt es ja Leute, die glauben, die SPD sei sozialdemokratisch, nur weil sie "Sozialdemokratie" im Namen trägt.) Aber die gebildeten Schichten - also "Mittelschicht", "Unternehmertum", etc. - und insbesondere die Politiker ALLER Parteien, konnten es sehen, wenn sie gewollt hätten. Und es wäre ihre (übrigens selbst gewählte) Aufgabe gewesen, diese Erkenntnis zu verbreiten.

@PeVau hat's deshalb schon treffend auf den Punkt gebracht: "Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler. Wer Hitler wählt, wählt den Krieg." Das war nicht nur so eine dahingesagte Wahlkampf-Propaganda der KPD. Das war reine und offensichtliche Prophetie, wie sich schon wenig später zeigte. Offensichtlich waren also zumindest die Kommunisten imstande, lesend zu verstehen und ihren Kopf zu benutzen, um Eins und Eins zusammenzuzählen...

Kommentar von lesterb42 ,

"Buch bis 1933 knapp eine Million Mal verkauft"

Woher kommt diese Zahl?

Antwort
von strol, 47
Man sollte es differenzierter betrachten.

Hitler hat in seinen Ansprachen ganz offen gegen Juden, Sinti, Roma etc gehetzt und mit seinem Arier-Gelaber etc. Von daher war die Gesinnung Hitlers den Menschen schon klar.

Ob man es in dieser Brutalität und Ausmaß ahnen konnte glaube ich nicht, aber die Richtung war klar und die Bevölkerung hat das ganze auch mitgemacht.

Nur Deutschland war zu dem Zeitpunkt wirtschaftlich und gesellschaftlich am Boden. Hauptsächlich wegen den Folgen des 1. Weltkriegs mit den damit verbunden hohen Reperaturzahlungen.
Die Menschen sehnten sich nach Veränderung, Wohlstand, (nationalem) Stolz und dafür musste sich aus Wählersicht politisch was verändern. Außerdem geht das ganze mit einem Sündenbock viel besser, warum es einem so schlecht geht und man den 1.Weltkrieg verloren hatte.

Des Weiteren hat Hitler der Gesellschaft das Geboten, was sie benötigten. Also Arbeitsplätze, Wohlstand, Stolz, gemäßigte Inflation und war aus dieser Sicht und nur aus dieser Sicht anfangs gar kein so schlechter Politiker. Den Rest weist du ja selber.

Kommentar von truthorlie00 ,

Die Frage ist bloß, wenn ich offen und ehrlich in Reden und Schriften gegen Juden hetze, ihnen alle Rechte abspreche und sie zum Sündenbock, für das Scheitern bei so gut wie allem im Staate erkläre. Dann wäre doch noch die Frage interessant, ob der Normalbürger vor der Ermächtigung 1933, von diesen Hasstiraden, auf die Endlösung der Juden schließen konnte. Von der reinen Rhetorik auf die maschinellen Vernichtung einer Religionsgruppe zu schließen, daran konnte doch keiner glauben oder sich das überhaupt vorstellen. 

Kommentar von strol ,

Das hab ich doch so geschrieben. Ich sagte, dass den Menschen zwar klar ist, wie Hitler tickt, aber es sich nicht in dieser "maschinellen Vernichtung" vorstellen konnte und dieses Ausmaß nicht erwartet haben. Aber das Juden benachteiligt werden und ein schwereres Leben erwarten schon. Nur halt nicht diese rigorose Judenjagd mit dieser Grausamkeit haben die meisten glaube ich nicht erwartet.

Antwort
von TIMgreen, 41
Man sollte es differenzierter betrachten.

Das lässt sich nicht einfach beantworten. Der Antisemitismus in Deutschland ist in keinster Weise ein Produkt der Nazipropaganda, sondern hat seine Wurzeln im Mittelalter. Retrospektiv vermute ich, dass die Bevölkerung damals seinem Antisemitismus zwar Luft machen wollte, jedoch gehe ich davon aus dass nur wenige mit einer derart extremen Umsetzung unter Adolf Hitler gerechnet haben. Bevor der Holocaust startete machte Hitler in seinen Reden ja unter anderem deutlich, dass ein Krieg mit Beteiligung Deutschlands ultimativ mit der Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa enden würde, das wurde jedoch so gut wie nie wortwörtlich genommen, sondern eher als übertriebene Metapher empfunden.

Im Gegensatz dazu muss man anführen, dass die Entrechtung und Diskriminierung der Juden zwischen 1933 und 1938 bereits sehr deutlich auf eine baldige "Endlösung" schließen ließ, und die öffentliche Reichspogromnacht ohne Beteiligung der deutschen Bevölkerung sowie deren tatkräftiges Mitwirken nie zustande gekommen wäre.

Antwort
von MaxNoir, 37
Ja es war möglich.

Ich bin schon der Meinung, dass man es hätte wissen können. Hitler hat sein Buch mein Kampf veröffentlich, was einer politischen Leitschrift gleichkam. Es war das meistverkaufteste Buch im Dritten Reich. Später als Reichskanzler haben es Menschen sogar zum Eintritt in die Hitlerjugend oder zur Hochzeit bekommen.

Es hat nur keiner gelesen und das aus dem einfachen Grund, weil es keinen interessiert hat.

Die Menschen heute sind politisch extrem passiv. Die Mehrheit der Bevölkerung würde ein Buch von Merkel garantiert nicht lesen, geschweige denn einem Anführer einer anderen Partei.

Meinst du das war damals anders? Die Leute hatten alltägliche Probleme die sich mit dem Lesen eines Buches nicht lösen ließen und deswegen auch kein wirkliches Interesse das von Hitler zu lesen.

Es gibt ganz objektive, nachvollziehbare Gründe warum es eine Mehrheit der Deutschen nicht wusste, aber man hätte es wissen und können und leider schützt Unwissenheit vor Strafe nicht.

Expertenantwort
von PeVau, Community-Experte für Politik, 33
Ja es war möglich.

1932 ging die KPD in den Wahlkampf mit der Warnung, "Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler! Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!"

Das war nicht erst ein Erkenntnis von 1932, das konnte jeder wissen, der sich die Mühe machte, Hitlers "Mein Kampf" zu lesen.

Wer es wissen wollte, konnte es sehen, lesen und hören.

Kommentar von lupoklick ,

Die KPD galt ebenfalls nicht als vertrauenerweckend 

.Demokraten der Mitte wurden zwischen den Extremen zerrieben. Ob sie mehr Mut zeigen sollten --- die Frage bleibt offen,,,

Kommentar von PeVau ,

Demokraten der Mitte wurden zwischen den Extremen zerrieben.

Sei mir nicht böse, aber dieses Narrativ ist ein hartnäckiges Stück Polit- und Geschichtspropaganda. Es taugt nicht, um diese Entwicklung zu erklären, denn es blendet die Triebkräfte und Ursachen des Faschismus in Deutschland aus.

Antwort
von AntwortMarkus, 52

Sie hätten nur das Buch "Mein Kampf" zu lesen brauchen.  Dort hat Hitler als er in Haft war, seine kranken Gedanken niedergeschrieben. 

Können die AFD Wähler wissen, was das bedeutet wenn sie die wählen ?  Ja. Manche wollen wohl wieder zurück zur Diktatur.  Sie sehen ja nicht einmal was in Polen und Ungarn  abgeht,  seit den die Rechten da an der Macht sind.  Zensur, willkürliche Inhaftierung,  keine Meinungsfreiheit mehr. Manche lernen es nie. 

Antwort
von lupoklick, 3
Man sollte es differenzierter betrachten.

Die Menschen waren es gewohnt, als UNTERTANEN zu leben und keine Fragen zu stellen, Demokrat galt bei Wilhelm Zwo und Hindenburg als Schimpfwort,

"Suup Di rund un freet Di dick - und holl dat Muul von Politik ".

Auch als die ersten Greueltaten bekannt wurden, glaubte niemand daran...Es war UNVORSTELLBAR !!!

 Die Menschheit war eben noch nicht dzrch Ballerspiele "geschult" ,,,,,,

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